Selten hat mich ein Thriller so durch die Seiten gejagt wie dieser. Schon die ersten Kapitel haben mich förmlich eingesogen, diese Mischung aus Offensichtlichem und doch geschickt Verschwiegenem, aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und gezielten Lügen war unglaublich spannend. Ständig hatte ich dieses Gefühl kleine Bestätigungen zu erhalten, weil man die Zusammenhänge sah und schonmal erahnen konnte.
Besonders fasziniert hat mich das Spiel mit der Atmosphäre in der Villa und zwischen den Charakteren: Dieses unterschwellige Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass hinter jeder Geste und jedem Satz mehr steckt. Die Villa wirkt unheimlich, aber noch unheimlicher sind die Menschen darin. Immer wenn man dachte man versteht die Person und ihr handeln, wurde man vor eine neue Seite gestellt und fing stellenweise wieder bei null an.
Cecilia ist eine Protagonistin, die mich von Anfang an beschäftigt hat. Ihre Vergangenheit wirkt wie ein Puzzle aus Brotkrumen – klug gestreut, nie zu viel, aber genug, um Misstrauen zu säen. Ihre Widersprüche, ihre Ängste, ihre Entscheidungen: Nichts scheint zufällig. Denn Cecilias Angst alleine in den Häusern zu schlafen, warum macht sie es dann? Was ist passiert das sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter hat, bei ihrem Vater wird es schnell offensichtlich.
Gleichzeitig bleibt Johannes ebenso rätselhaft. Seine Perspektive eröffnet neue Ebenen, wirft aber genauso viele Fragen auf wie sie beantwortet. Der reiche Schönling, der Inhaber einer Firma ist und sich für ganz andere Frauen als für Cecilia interessieren sollte. Seine führsorgliche Art, die dennoch übergriffig wirkt.
Dann die Freunde von Cecilia, welche sie regelmäßig in den Häusern in der sie sittet besucht. Sie alle scheinen ihre Geheimnisse zu haben und über vieles nicht offen sprechen zu wollen. Immer wieder gibt es Andeutungen zu Cecilias Vergangenheit, über die Kellnerjobs die sie hatten und dass sie nicht besonders angetan davon sind, dass sie nun mit Johannes zusammen ist.
Für die Leserschaft ist schnell klar, dass hier spielt niemand mit offenen Karten spielt.
So wirkt der Mittelteil des Buches ruhiger und es wird mehr Hintergrundgeschehen aufgearbeitet und Fragen beantwortet, wo neue entstehen. Das Gefühl alles zu verstehen und zu greifen ist jedoch hier auch nicht immer gegeben.
Im letzten Abschnitt hat mich das Buch dann vollkommen gepackt. Die Enthüllungen fühlten sich gleichzeitig erschreckend konsequent und doch schockierend an. Ich saß mit offenem Mund da, weil sich so vieles, was vorher nur als Ahnung im Raum stand, plötzlich zu einem düsteren Gesamtbild zusammenfügte. Manche Entwicklungen haben mich wirklich getroffen – emotional wie moralisch.
Was mich besonders beeindruckt hat: Wie schmal der Grat zwischen Opfer und Täter gezeichnet wird. Wie leicht Mitgefühl kippen kann. Und wie erschreckend nachvollziehbar manche Abgründe wirken, wenn man erst einmal alle Puzzleteile kennt.
Ich kann das Buch daher nur absolut empfehlen. Ja, es hat kleine Schwachstellen wie die Tatsache das Cecila etwas zu oft das Glück auf ihrer Seite hatte, für sie immer die passenden Informationen zu erhalten. Und auch zwei Nebencharaktere sind nicht so präsent wie viele es sich wünschen würden, aber das muss es für mich auch nicht. Denn die drei Hauptcharaktere, aus deren Sicht das Buch geschrieben wurde, mit einer Gegenwart und vielen Vergangenheitsszenen und die auch mal aus der Perspektive von Person A am Anfang des Buches und dann von Person B am Ende des Buches, haben der Geschichte ein tolle Dynamik gegeben und Situationen so gut aufgeklärt, wie ich es selten erlebt habe.
Ein Thriller, der nicht nur spannend ist, sondern auch mit Erwartungen spielt und sie eiskalt unterläuft. Für mich eines dieser Bücher, dass man kaum aus der Hand legen kann – und das einen nach dem Zuklappen noch lange beschäftigt.