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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.06.2021

Von Frauen und Männern

Letzte Ehre
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Ein 17jähriges Mädchen ist nach einer Party im Haus des Freundes ihrer Mutter verschwunden, die Oberkommissarin Nasri ermittelt. Was wie eine herkömmliche Vermisstengeschichte beginnt, entwickelt sich ...

Ein 17jähriges Mädchen ist nach einer Party im Haus des Freundes ihrer Mutter verschwunden, die Oberkommissarin Nasri ermittelt. Was wie eine herkömmliche Vermisstengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem Alptraum männlicher Gewalt und Brutalität gegenüber Frauen, der auch Nasris Privatleben berührt.

Während der Vermisstenfall bereits nach weniger als einem Drittel des Buches aufgeklärt ist und man sich fragt, was da noch kommen soll, findet man sich beinahe unbemerkt bereits mit Oberkommissarin Nasri in der nächsten Ermittlung wieder, die nicht weniger spannend und überraschend ist. Damit nicht genug, geschieht auch in ihrem privaten Umfeld ein grausames Verbrechen, das sie fast aus der Bahn wirft.

Nasri ist die Ich-Erzählerin dieses Buches und lest uns Lesende detailliert an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben. Sie ist kein einfacher Mensch, sie liest in den Menschen und erkennt mehr, als diesen und auch insbesondere ihren Kollegen lieb ist. Doch dieses Erkennen hat seinen Preis – sie fühlt und leidet mit, wo Abstand vielleicht vonnöten wäre.

Der Autor schildert das Auftreten und Seelenleben der Figuren durch seine Protagonistin so detailliert und empathisch, als wäre man unmittelbar dabei. Und obwohl er auf jegliche Gewaltszenen verzichtet, ist das Grauen überdeutlich spürbar – es lauert praktisch an jeder Ecke.

Friedrich Ani hat mit diesem Buch ein unmissverständliches Zeichen gesetzt, dass Gewalt gegen Frauen noch immer Alltag ist – auch bei uns.

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Veröffentlicht am 29.06.2021

Solider 3,5-Sterne-Berlinkrimi

Der Solist
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Neuhaus hat einen besonderen Job: Er arbeitet als Ermittler beim BKA und ist lediglich dessen Präsidenten unterstellt. Doch aufgrund einer aktuellen Gefährdungslage kurz vor den Bundestagswahlen 2017 wird ...

Neuhaus hat einen besonderen Job: Er arbeitet als Ermittler beim BKA und ist lediglich dessen Präsidenten unterstellt. Doch aufgrund einer aktuellen Gefährdungslage kurz vor den Bundestagswahlen 2017 wird er der neu gegründeten Berliner „Sondereinheit Terrorabwehr“ zugeordnet, die auch gleich gut zu tun hat. Unmittelbar vor Neuhaus‘ Ankunft in Berlin wird ein ermordeter Jude aufgefunden, kurz danach eine tote muslimische Anwältin, die den Islamisten schon lange ein Dorn im Auge war. Gehören die Fälle zusammen? Neuhaus, der Einzelgänger, findet sich plötzlich ein einem Team wieder, das ihn jedoch mit Skepsis betrachtet. Nur die junge deutschtürkische Kollegin Suna-Marie steht ihm zur Seite.

Neuhaus ist ein neuer Ermittler, der zwar wie viele seiner literarischen KollegInnen dem Einzelgängertum zugeneigt ist, doch immerhin weder Drogen- noch Alkoholprobleme hat, dafür aber mit gewissen familiären Problemen aufwarten kann – was ihn jedoch aus der großen Masse der Kommissare nicht hervorhebt. Seine Kollegin Suna-Marie, die vermutlich auch künftig eine Rolle spielen wird, beeindruckt als Charakter da deutlich mehr. Mit ihrer offensiven und fröhlich-forschen Art sorgt sie in der Zusammenarbeit mit dem ‚Solisten‘ für manche auch humorvolle Überraschung.

Zwar mag der Fall selbst zu Beginn eindeutig scheinen, doch erfahrenen Krimilesenden (mir ging es zumindest so) dürfte schnell klar werden, dass mehr dahinter steckt und in welche Richtung das Ganze zielt. Vielleicht gibt es zur Zeit schlicht zu viele Krimis mit diesem Thema.

Insgesamt ist es ein solider Krimi mit einer nicht allzu überraschenden Geschichte.

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Veröffentlicht am 06.06.2021

Vielleicht bin ich zu alt für dieses Berlin ...

Berlin Heat
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Vorweg: Ich mag die Bücher von Johannes Groschupf. Berlin Prepper fand ich klasse und seine Jugendbücher sind auch für Erwachsene sehr lesenswert. Doch mit seinem neuen Buch habe ich mich wirklich schwer ...

Vorweg: Ich mag die Bücher von Johannes Groschupf. Berlin Prepper fand ich klasse und seine Jugendbücher sind auch für Erwachsene sehr lesenswert. Doch mit seinem neuen Buch habe ich mich wirklich schwer getan.

Wieder mal zeigt uns Groschupf ein Berliner Milieu, das normal Sterbliche wie unsereins vermutlich höchstens vom Hörensagen kennen. Und das wahrscheinlich auch nur wenig Interesse weckt, sich außerhalb der Literatur näher damit zu beschäftigen.
Die Hauptfigur, der liebenswerte Tom, der seine Spielsucht mit der Vermietung der halblegalen Wohnungen seines Ex-Stasi(?)-Vaters finanziert, hat dummerweise Schulden bei einem ziemlich üblen Gangster. Um diese zurückzahlen zu können, lässt er sich auf die Entführung eines entführten Rechtsaußen-Politikers ein – und dann geht irgendwie nur noch Alles schief.

Das hört sich schräg an? Stimmt, aber es wird noch schräger. Während die erste Hälfte des Buches sich vorwiegend der Beschreibung des Milieus und der Personen widmet (was zwar viel Atmosphäre bringt, aber etwas langatmig wird), nimmt die Geschichte im zweiten Teil so richtig Fahrt auf und wartet mit allem auf, was das irre Berlin an solch verrückten heißen Tagen nach Corona zu bieten hat: Entführung, Nazis, Drogen, Nachtclubs, Amoklauf. Und dazwischen immer voll coole Leute und der liebe Tom, den auch die ermittelnde Polizistin/Kommissarin ganz süß findet (immerhin diskutiert sie während der Vernehmung mit ihm über ihre BH-Größe).

Trotz der wirklich originellen Idee mit der Entführung-Entführung war mir die Geschichte zu abgedreht – aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu alt für dieses durchgeknallte Berlin. Möge der Sommer in Berlin nicht so heiß werden

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Veröffentlicht am 06.06.2021

Nichts ist so wie es scheint

Die zweite Schwester
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Die 15jährige Siu-Man begeht Selbstmord, nachdem sie nach einem sexuellen Übergriff in der U-Bahn und der Anzeige des Täters einem Shitstorm im Internet ausgesetzt war. Ihre ältere Schwester Nga-Yee, die ...

Die 15jährige Siu-Man begeht Selbstmord, nachdem sie nach einem sexuellen Übergriff in der U-Bahn und der Anzeige des Täters einem Shitstorm im Internet ausgesetzt war. Ihre ältere Schwester Nga-Yee, die einzige Verwandte, macht sich auf die Suche nach den Verantwortlichen und beauftragt den berüchtigten Hacker N, sie zu unterstützen.

Im Großen und Ganzen handelt es sich um einen klassischen Whodunnit-Krimi, der sich insbesondere einem Thema widmet: Wie leicht es heutzutage ist, Menschen mit Hilfe des Internets zu zerstören.

N, der hochintelligente, Menschen jedoch eher meidende Nerd, erklärt während seiner Recherchen seiner in IT-Dingen völlig unbedarften Klientin Nga-Yee (die vermutlich für entsprechende Leserinnen und Leser steht) in verständlicher Form die Grundlagen des Internets und der Vernetzung sowie die damit verbundenen Gefahren und Möglichkeiten für Kriminelle. Auch auf die Leichtigkeit, mit der sich eigene Spuren verwischen lassen und falsche Fährten gelegt werden können, weist er hin und setzt das Ganze gleich in die Tat um.

Wie Nga-Yee folgen wir Lesenden jedem neu entdeckten Ansatz, ziehen daraus unsere Schlüsse um am Ende festzustellen, dass doch Alles ganz anders war – obwohl N immer wieder predigt, dass ein Indiz noch lange kein Beweis ist. Es hilft nichts: Der Autor serviert die Erkenntnisse so überzeugend und schlüssig, dass man ihm immer wieder auf den Leim geht 😉

Alles in allem ein spannender, eher unblutiger Krimi, der auch für einigen Erkenntnisgewinn sorgen kann und nur einen kleinen Haken hat: der Sprachstil. Das Buch ist vom Chinesischen zuerst ins Englische und von dort ins Deutsche übersetzt worden – ob es daran liegt, dass die Sprache so schlicht klingt? So kann es durchaus als Jugendbuch durchgehen, was die Thematik betreffend grundsätzlich keine schlechte Idee wäre. Aber ich glaube, dem Autor wird man damit nicht gerecht.

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Veröffentlicht am 06.06.2021

Grausam, magisch, voller Liebe - ein echter Schmöker

Der Junge, der das Universum verschlang
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Eli, 12 Jahre alt, lebt mit seinem ein Jahr älteren Bruder Gus bei der Mutter und deren Freund, den er wie einen Vater liebt. Die Beiden dealen mit Heroin, währenddessen Slim auf die Jungs aufpasst: ein ...

Eli, 12 Jahre alt, lebt mit seinem ein Jahr älteren Bruder Gus bei der Mutter und deren Freund, den er wie einen Vater liebt. Die Beiden dealen mit Heroin, währenddessen Slim auf die Jungs aufpasst: ein ehemaliger Häftling, der wegen Mordes nach 30 Jahren vor kurzem aus dem Knast entlassen wurde. Doch trotz dieses nicht gerade kindgerechten Umfeldes ist Elis Leben geprägt von Liebe, Freundschaft und Zuwendung, selbst in den schwierigsten Momenten.

Obwohl die schrecklichsten Dinge geschehen, die selbst in Eli einen Todeswunsch auslösen, findet er immer wieder zurück zu seinem Vertrauen und dem Glauben an das Gute im Leben und im Menschen. Dabei helfen ihm nicht nur seine Familie und Freunde, sondern auch seine Phantasie, die ihn selbst in den übelsten Momenten nicht verlässt.

Eli ist der Ich-Erzähler dieser rund 550 Seiten und als Lesende begleiten wir ihn bis zu seinem 18. Lebensjahr. Er ist der geborene Geschichtenerzähler und hat einen Blick für die kleinsten Details:

Wahres Wissen besteht aus Einzelheiten, sagt Slim. Und Wissen ist Macht.
Seite 136


Einigen mag dies zu ausufernd sein, doch Eli erzählt witzig und durchaus selbstironisch, wobei es für einen 12-, 13jährigen manchmal aber etwas sehr erwachsen klingt. Bedenkt man jedoch, unter welchen Umständen er lebt, mag es nicht weiter verwundern

Dad lächelt und nickt. Nächtliche Panikattacken. Suizidal-depressive Phasen. Dreitägiges Komasaufen. Von Fäusten aufgerissene Augenbrauen. Gallige Kotze. Dünnschiss. Braune Pisse. Das ist unsere Wirklichkeit.
Seite 342


Einerseits ist es ein hartes, brutales Buch, in dem auch Kinder nicht von Gewalt verschont werden (wie auch, wenn sie in einem solchen Milieu aufwachsen); andererseits spürt man auf beinahe jeder Seite, mit wieviel Wärme und Zuneigung sich die Menschen um Eli und seinen Bruder kümmern (wollen), um ihnen ein besseres Leben und die Verwirklichung ihrer Träume zu ermöglichen.

Für den Autor Trent Dalton ist Eli eine Art alter Ego, denn auch er ist unter solchen Umständen aufgewachsen und sein bester Freund war zeitweise tatsächlich Slim, der Ausbrecherkönig. Durch Daltons beeindruckenden Schreibstil war ich fast das ganze Buch hindurch fest überzeugt, dass ihm all die schlimmen Dinge ebenso zugestoßen sind und machte mich auf die Suche, u.a. nach Zeigefingern 😉 Mehrere Interviews in diversen australischen Zeitungen (u.a. beispielsweise hier) machen jedoch klar, dass der reale Teil bei ca. 50% liegt – was immer noch eine Menge ist bei einer solchen Geschichte.

Ein richtiger Schmöker aus einem fast wirklichen Leben.

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