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Veröffentlicht am 28.02.2026

Eine Maus namens Merlin – leise Schritte zurück ins Leben

Eine Maus namens Merlin
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Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. ...

Helen Cartwright ist 83 Jahre alt.
„Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. ... Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. Als müsste man sogar für den Tod Schlange stehen.“
Nach mehreren Schicksalsschlägen ist sie vor drei Jahren in ihren Heimatort zurückgezogen, nachdem sie 60 Jahre in Australien gelebt hat. Hier soll ihr Leben enden – dort, wo es begonnen hat. Doch eines Tages entdeckt Helen eine Maus, die ihre Hilfe braucht. Und mit diesem unscheinbaren Wesen beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr festgefahrenes Leben gründlich durcheinanderwirbeln.
Zumindest das erste Drittel ist eine sehr, sehr ruhige Geschichte. Helens Tagesablauf wird beinahe minutiös beschrieben, denn praktisch jeder Tag gleicht dem anderen. Nur ihre Erinnerungen und Selbstgespräche durchbrechen die Monotonie – und eröffnen nach und nach den Blick auf ihr Leben. Überraschenderweise wirkte das auf mich nie langweilig, denn immer wieder blitzt ein feiner, leiser Humor auf, der mich zum Schmunzeln brachte.
Auch wenn Helens Schicksal anfangs recht vorhersehbar scheint, hält das letzte Drittel eine echte Überraschung bereit, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Ab diesem Punkt wird die Geschichte deutlich turbulenter – und stellenweise wunderbar witzig.
Weniger schön fand ich die vergleichsweise vielen Druckfehler sowie den falschen Namen der Maus. Im Deutschen heißt sie Merlin, im Original jedoch Sipsworth – und dieser Name beziehungsweise die Abkürzung „Sip“ taucht im Buch mehrfach auf. Hier hätte man dem Lektorat oder Korrektorat ruhig ein wenig mehr Aufmerksamkeit gönnen können.
Alles in allem aber eine warme, leise und sehr menschliche Geschichte, die zeigt, dass selbst ein scheinbar abgeschlossenes Leben noch Platz für unerwartete Wendungen hat.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Was macht den Menschen aus?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden ...

Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden in einem Käfig ohne Tageslicht gefangen gehalten. Die Jüngste unter ihnen kennt kein anderes Leben – und aus ihrer Perspektive erleben wir alles. Niemand weiß, warum sie hier sind. Drei Wächter bewachen sie ununterbrochen, sprechen nie mit ihnen, lassen keine Nähe, keine Intimität zu. Die Toilette steht mitten im Raum, Wasser ist knapp, Kleidung kaum vorhanden. Berührungen sind verboten, ebenso wie laute Emotionen. Verstöße werden mit Peitschenhieben bestraft.
Dann, eines Tages, ein Alarm. Die Wächter fliehen. Die Schlüssel bleiben zurück. Die Frauen sind frei.
Doch die Freiheit, die sie erwartet, ist keine Erlösung, sondern nur eine andere Form der Gefangenschaft.
Während die älteren Frauen von Erinnerungen an ihr früheres Leben geprägt sind und unter dem Verlust leiden, steht die Erzählerin vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie hat nichts verloren, denn sie hatte nie etwas. Für sie ist die Welt ein unbeschriebenes Blatt. Was für die anderen Verlust bedeutet, ist für sie Anfang. Was für die anderen Schmerz ist, ist für sie Neugier.
Diese Neugier wird zu ihrem eigentlichen Überlebenswerkzeug. Unermüdlich versucht sie zu verstehen. Sie beobachtet, misst, denkt nach. Mit Hilfe von Thea entwickelt sie eigene Systeme zur Zeit- und Entfernungsmessung – kleine, verzweifelte Versuche, Ordnung in eine Welt zu bringen, die keine Antworten mehr liefert.
Ihr Hunger nach Wissen ist grenzenlos, doch die Welt bleibt stumm.
Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Buches: Es verweigert Erklärungen. Man erfährt weder, warum die Frauen gefangen waren, noch, was geschehen ist. Keine Auflösung. Kein Trost. Nur Existenz.
So wird die Erzählerin zu einer Art philosophischem Urmenschen. Ohne gesellschaftliche Prägung, ohne kulturelle Orientierung, ohne Vergangenheit. Sie stellt die grundlegendsten Fragen: Was ist Zeit? Was ist Sinn? Was ist ein Mensch?
Unwillkürlich fühlt man sich an das Kaspar-Hauser-Phänomen erinnert – ein Bewusstsein, das sich selbst und die Welt erst erschaffen muss, ohne Anleitung, ohne Kontext.
Das Buch ist ruhig, fast emotionslos erzählt, und gerade deshalb so intensiv. Es zwingt einen, sich mit der vielleicht unbequemsten Frage überhaupt auseinanderzusetzen:
Was bleibt vom Menschen, wenn alles, was ihn definiert, verschwindet?
Eine beeindruckende, verstörende und tief nachwirkende Lektüre, die keine Antworten gibt – aber Fragen, die einen noch lange begleiten werden.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Der Sommer, der nie endete

Kala
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Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, ...

Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, der weniger von der Aufklärung eines Verbrechens lebt als von der unheimlichen Macht der Vergangenheit.
Im Sommer 2003 genießen sechs fünfzehnjährige Freunde in der irischen Küstenstadt Kinlough ihren scheinbar endlosen Sommer – bis Katherine „Kala“ Lanann verschwindet und nicht gefunden wird. Fünfzehn Jahre später, kurz nachdem man Kalas Leiche entdeckte, treffen sich drei von ihnen in Kinlough wieder: Mush, der seine Narben hinter einem stillen Leben verbirgt; Helen, eine Journalistin, die ihrer Herkunft nie ganz entkommen ist; und Joe, ein gefeierter Rockstar auf der Flucht vor sich selbst.
In wechselnden Ich-Perspektiven entfaltet sich ein Geflecht aus Erinnerungen, Schuld und Verdrängung. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich, während die Figuren mit dem „Anderen Ort“ ringen – jenem inneren Rückzugsraum, in dem Wahrheit und Fantasie verschwimmen. Als schließlich neue Hinweise ans Licht kommen, zwingt die Wahrheit sie, sich dem zu stellen, was sie all die Jahre verdrängt haben.
Trotz kleiner Zufälle in der Handlung überzeugt der Roman durch seine dichte Atmosphäre, seine lebendigen Figuren und die eindringliche Darstellung der zerstörerischen und zugleich unausweichlichen Kraft von Erinnerung.Die fragmentierten Perspektiven greifen ineinander wie Zahnräder – bis zur finalen Enthüllung, die mehr kostet als nur Illusionen.
„Kala“ ist ein literarischer Thriller, der fast weniger von der Frage lebt, wer es war, als davon, was Erinnerungen mit uns machen – und was wir bereit sind, nicht wissen zu wollen.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Leben im Kalifat

Der letzte Sommer der Tauben
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Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird ...

Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird vom Leben im Iran kurz nach der Machtergreifung der Mudschaheddin. Was für die Menschen dort „normaler Alltag“ sein mag, wirkt für uns Außenstehende erschütternd und beklemmend wie ein großes Drama.
Der 14-jährige Noah erzählt aus der Ich-Perspektive von seinem Leben. Er ist begeisterter Taubenzüchter – und muss miterleben, wie sich seine Welt radikal verändert. In dem Bekleidungsgeschäft seines Vaters hilft er nun dabei, auf Unterwäscheverpackungen die Gesichter und Körper von Frauen zu schwärzen. Im Lieblingsrestaurant seines Vaters ist nur noch religiöse Musik erlaubt – niemand singt mehr, Singen ist sowieso verboten. Noah begleitet seine Mutter jetzt regelmäßig beim Einkaufen, da Frauen nicht mehr alleine auf die Straße dürfen. Spielen mit Freunden ist ebenfalls untersagt. Sein ganzes Leben verliert an Freiheit, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit.
Trost findet Noah bei seinen Tauben, die noch immer in den Himmel fliegen und scheinbar frei sind – doch selbst diese letzte Zuflucht bleibt nicht unberührt, denn auch hier droht Unheil.
Gerade weil alles aus Noahs kindlich-jugendlicher Perspektive erzählt wird – nüchtern, direkt, ohne Pathos – wirken die Ereignisse besonders authentisch und beklemmend. Selbst eine Steinigung erlebt Noah zufällig aus nächster Nähe – ein Moment, der ihn völlig überfordert und verstört, dass er nur noch fliehen kann. Man liest oft von diesem „Rückfall ins Mittelalter“ im Iran, aber was das konkret bedeutet, bleibt meist abstrakt. Dieses Buch macht es greifbar: Ein verbotenes Buch zu lesen kann den Tod bedeuten. Und das Kalifat hat Augen und Ohren überall.
Wunderschön geschrieben über ein schreckliches Thema – leise, klar und gerade deshalb so verstörend. Ein Buch, das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Zwischen Dichterglanz und Agentenpech

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, ...

Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, der in Rom das Leben genießt – bis er auf einem Gartenfest der Russischen Botschaft dem etwas unbeholfenen Geheimdienstler Dieter Germeshausen begegnet. Dieser plant seinen letzten großen Coup und spannt Jakob dafür ein.
Das liest sich alles sehr unterhaltsam: Die Figuren sind charmant gezeichnet, die Dialoge oft amüsant, und besonders die Konstellation aus eloquentem Dichter und kommunikativ völlig unbegabtem Agenten sorgt für leises Dauer-Schmunzeln. Große Gags gibt es nicht, eher viele kleine ironische Momente.
Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, eher Beobachterin zu sein als wirklich mittendrin. Spannung entsteht kaum, und das beschriebene Milieu bleibt für mich auf angenehme Weise fremd – interessant, aber nicht wirklich packend. Ein netter Roman für zwischendurch, der mehr Atmosphäre als Sog entwickelt.

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