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Veröffentlicht am 13.02.2026

Leben im Kalifat

Der letzte Sommer der Tauben
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Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird ...

Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird vom Leben im Iran kurz nach der Machtergreifung der Mudschaheddin. Was für die Menschen dort „normaler Alltag“ sein mag, wirkt für uns Außenstehende erschütternd und beklemmend wie ein großes Drama.
Der 14-jährige Noah erzählt aus der Ich-Perspektive von seinem Leben. Er ist begeisterter Taubenzüchter – und muss miterleben, wie sich seine Welt radikal verändert. In dem Bekleidungsgeschäft seines Vaters hilft er nun dabei, auf Unterwäscheverpackungen die Gesichter und Körper von Frauen zu schwärzen. Im Lieblingsrestaurant seines Vaters ist nur noch religiöse Musik erlaubt – niemand singt mehr, Singen ist sowieso verboten. Noah begleitet seine Mutter jetzt regelmäßig beim Einkaufen, da Frauen nicht mehr alleine auf die Straße dürfen. Spielen mit Freunden ist ebenfalls untersagt. Sein ganzes Leben verliert an Freiheit, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit.
Trost findet Noah bei seinen Tauben, die noch immer in den Himmel fliegen und scheinbar frei sind – doch selbst diese letzte Zuflucht bleibt nicht unberührt, denn auch hier droht Unheil.
Gerade weil alles aus Noahs kindlich-jugendlicher Perspektive erzählt wird – nüchtern, direkt, ohne Pathos – wirken die Ereignisse besonders authentisch und beklemmend. Selbst eine Steinigung erlebt Noah zufällig aus nächster Nähe – ein Moment, der ihn völlig überfordert und verstört, dass er nur noch fliehen kann. Man liest oft von diesem „Rückfall ins Mittelalter“ im Iran, aber was das konkret bedeutet, bleibt meist abstrakt. Dieses Buch macht es greifbar: Ein verbotenes Buch zu lesen kann den Tod bedeuten. Und das Kalifat hat Augen und Ohren überall.
Wunderschön geschrieben über ein schreckliches Thema – leise, klar und gerade deshalb so verstörend. Ein Buch, das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Zwischen Dichterglanz und Agentenpech

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, ...

Kristof Magnussons Roman spielt Anfang der 90er Jahre, in einer Zeit voller Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Kalten Krieges. Hauptfigur ist der junge Dichter Jakob Dreiser, gefeierter Star der Lyrikszene, der in Rom das Leben genießt – bis er auf einem Gartenfest der Russischen Botschaft dem etwas unbeholfenen Geheimdienstler Dieter Germeshausen begegnet. Dieser plant seinen letzten großen Coup und spannt Jakob dafür ein.
Das liest sich alles sehr unterhaltsam: Die Figuren sind charmant gezeichnet, die Dialoge oft amüsant, und besonders die Konstellation aus eloquentem Dichter und kommunikativ völlig unbegabtem Agenten sorgt für leises Dauer-Schmunzeln. Große Gags gibt es nicht, eher viele kleine ironische Momente.
Trotzdem hatte ich beim Lesen das Gefühl, eher Beobachterin zu sein als wirklich mittendrin. Spannung entsteht kaum, und das beschriebene Milieu bleibt für mich auf angenehme Weise fremd – interessant, aber nicht wirklich packend. Ein netter Roman für zwischendurch, der mehr Atmosphäre als Sog entwickelt.

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Reise in die eigene Vergangenheit

Halber Stein
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Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ...

Iris Wolffs Debütroman "Halber Stein" von 2012 erzählt in poetischer Sprache von Erinnerung, Herkunft und dem Wiederfinden einer verlorenen Vergangenheit. Auch wenn es noch nicht ganz die sprachliche Perfektion ihrer späteren Werke wie beispielsweise "Lichtungen" erreicht und manche Beschreibungen etwas zu ausführlich geraten, ist es dennoch eine eindrucksvoll erzählte Geschichte.
Im Mittelpunkt steht Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter gemeinsam mit ihrem Vater nach Michelsberg in Siebenbürgen reist. Seit der Auswanderung nach Deutschland war sie nicht mehr dort, während ihr Vater seine Mutter regelmäßig besuchte. Sines Mutter hat diese Vergangenheit bewusst hinter sich gelassen und Sine darin bestärkt, es ebenso zu tun – weshalb Sine nur noch vage Erinnerungen an ihre Kindheit dort hat.
Doch kaum betritt sie das Haus der Großmutter, wird sie von Erinnerungen überflutet. Besonders die Begegnung mit ihrem früheren besten Freund Julian lässt die Vergangenheit lebendig werden.
In poetischer, sehr bildhafter Sprache beschreibt Wolff Sines Wahrnehmung von Landschaft und Menschen – so, dass man alles beinahe sehen und riechen kann. Dabei wird deutlich, wie sehr diese Gegend Teil von Sines Identität ist. Neben all der Schönheit zeigt der Roman aber auch die Schattenseiten: Einsamkeit, Verbitterung und die Folgen der Abwanderung vieler Menschen unter dem rumänischen Regime. Die Jungen gehen, die Alten bleiben zurück.
Besonders faszinierend fand ich, dass Michelsberg und viele andere Orte tatsächlich existieren. Man kann Sines Wegen auf Google Maps folgen und sogar den Halben Stein finden – für mich war das der Punkt, an dem aus Lektüre plötzlich Reiselust wurde.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Zwischen Recht und Rache

Minnesota
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Holger Rudi, ein norwegischer Autor, reist 2022 nach Minneapolis, um für sein neues Buch zu recherchieren. Im Zentrum steht ein Serienmörder, der sechs Jahre zuvor einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse ...

Holger Rudi, ein norwegischer Autor, reist 2022 nach Minneapolis, um für sein neues Buch zu recherchieren. Im Zentrum steht ein Serienmörder, der sechs Jahre zuvor einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führte. Der damalige Ermittler Bob Oz, privat schwer angeschlagen und mit deutlichem Aggressionsproblem, nimmt die Jagd auf den Täter sehr persönlich.
Um die Ereignisse möglichst authentisch darzustellen, versetzt sich Holger Rudi vor Ort in die Köpfe beider Hauptfiguren und lässt sie selbst erzählen. Ein ungewöhnlicher Kniff: ein Buch, das ein Buch erzählt. Der Einstieg wirkt zunächst etwas zäh, da lange unklar bleibt, wohin die Geschichte steuert.
Der Roman ist fest im realen Hintergrund verankert: Corona-Pandemie, der Tod von George Floyd, die folgenden Unruhen, zunehmende Armut. Vordergründig geht es um die Jagd auf einen Serienmörder, doch gleichzeitig wird überzeugend gezeigt, wie Bob Oz zu dem wurde, der er ist – vom liebenden Familienvater zum aggressiven, selbsthassenden Cop, der zu viel trinkt.
Wie so oft bei Jo Nesbø gibt es zahlreiche Überraschungen. Hinweise sind durchaus vorhanden, aber meist erkennt man sie erst beim zweiten Lesen. Und wie das wahre Leben selbst kennt auch dieses Buch kein klares Schwarz oder Weiß. Wer ist Opfer, wer Täter? Was richten die Waffengesetze der USA in den Menschen und in der Gesellschaft an? Am Ende stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie hätte ich selbst gehandelt?
Ein spannender Krimi, der nachwirkt – und durchaus ein zweites Lesen verdient.

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Veröffentlicht am 26.12.2025

Oxford, Explosionen und sehr geheime Geheimnisse

Down Cemetery Road
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Dies ist der erste Roman von Mick Herron, bereits 2003 im Original erschienen – und erstaunlich zeitlos. Auch hier (wie in vielen seiner anderen Bücher) geht es um derart geheime Geheimdiensttätigkeiten, ...

Dies ist der erste Roman von Mick Herron, bereits 2003 im Original erschienen – und erstaunlich zeitlos. Auch hier (wie in vielen seiner anderen Bücher) geht es um derart geheime Geheimdiensttätigkeiten, dass ich mich beim Lesen fragte, wer eigentlich davon weiß. Vermutlich: niemand. Und wenn doch, dann will es niemand wissen.
Im Mittelpunkt steht Sarah Tucker, die im Süden Oxfords ein unaufgeregtes, wenig erfüllendes Leben führt. Während ihr Mann Karriere macht, bleiben ihre eigenen Bemühungen erfolglos. Als in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Haus teilweise in die Luft fliegt und ein Kind verschwindet, wird Sarah aus ihrer Lethargie gerissen. Sie beginnt, Fragen zu stellen, und engagiert einen Privatdetektiv, der tatsächlich Merkwürdiges zutage fördert: Tote werden wieder lebendig, nur um erneut zu sterben; Informationen werden zurückgehalten; und Menschen sterben mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Kurz gesagt: In Sarahs Leben ist nichts mehr wie zuvor.
Das Wunderbare an Mick Herrons Büchern ist der Witz, mit dem sie erzählt werden. Obwohl es um spannende und schreckliche Geschehnisse geht – meist nur andeutungsweise geschildert –, grinst man beim Lesen immer wieder über den ironischen Ton und die herrlichen Schlagabtausche der Figuren.
Titel und Klappentext versprechen Zoë Boehm – tatsächlich ist sie eher eine Nebenerscheinung. Die eigentliche Hauptfigur ist Sarah Tucker, und das funktioniert hervorragend. Zoë Boehm tritt nur wenige Male auf und erst zum Schluss etwas deutlicher in Erscheinung. Gut möglich, dass Herron die Idee einer Serienfigur erst im Nachhinein entwickelte. Der Roman jedenfalls macht Lust auf mehr.

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