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Veröffentlicht am 05.06.2021

Das perfekte Werk

Blütenschatten
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Es ist Nacht und Winter in London – die renommierte 61-jährige Künstlerin Eve Laing spaziert durch die Viertel Londons, lässt ihre Vergangenheit gedanklich scharf und schonungslos Revue passieren, wirft ...

Es ist Nacht und Winter in London – die renommierte 61-jährige Künstlerin Eve Laing spaziert durch die Viertel Londons, lässt ihre Vergangenheit gedanklich scharf und schonungslos Revue passieren, wirft einen Blick durchs Fenster in ihr altes Haus, auf ihren Ex-Mann und seine neue Geliebte. Sie hat ihr wohlsituiertes Leben wegen einer Affäre mit dem 30jährigen Ateliergehilfen Luka hinter sich gelassen und arbeitet an ihrem bahnbrechenden Meisterwerk: Das Poison Florilegium – großflächige Kunst mit Blumen und Pflanzen ist ihr Metier, die zusammenhängenden Werke mit tödlichen Giftpflanzen ihre aktuelle Obsession.

„Es dauerte ein ganzes Leben, um es aufzubauen, und nur eine Sekunde, um es zu zerstören. Familienleben. Das ging als Erstes flöten. Dann die Würde, und mit ihr der gute Ruf.“ (S. 11)

Während Eve Menschen und Viertel beim nächtlichen Spaziergang bissig und zynisch unter die Lupe nimmt, gleiten ihre präzisen Gedanken und Reflexionen immer wieder in die Vergangenheit, betten sich ein in die Umgebung. Sie umkreist ihre gescheiterte Ehe mit dem Star-Architekten Kristof, ihre für sie stumpfsinnige Tochter Nancy sowie ihre Studiumsfreundinnen Mara und Wanda. Mit letzterer verbindet sie ein großer Hass und immense Missgunst – Wanda Wilson ist eine sehr gehypte und erfolgreiche Performance-Künstlerin mit weltweiten Ausstellungen und hochgelobten Rezensionen in den Feuilletons. Eve empfindet ihre Kunst als minderwertig, zudem teilten sie sich eins den gleichen Mann – den berühmten Künstler Florian Kiš. Auch Wanda plant eine neue Performance Artist on the Edge/The Death of Mimesis, während Eve zusammen mit ihrem neuen Angestellten Luka besessen an ihrem Kunstwerk Poison Florilegium arbeitet. Die Affäre mit dem jungen Luka gibt ihr zwar großen und leidenschaftlichen Aufwind, doch die ersten Querelen im Atelier beginnen und auch sein Verhalten gegenüber Eve wird immer beleidigender sowie fordernder. Und so wird Eves Spaziergang zum Ende im Roman sehr düster und ungemütlich – je näher die letzten Ereignisse rücken, die sich überschlagen und Eves Leben ruinieren.

„Ein verhängnisvoller Schritt, eine köstliche, taumelnde Kapitulation, und das alte Leben war Vergangenheit, rauschte an ihr vorbei, als sie fiel. Wie einfach es ist, loszulassen.“ (S.21)

Annalena McAfee ist mit „Blütenschatten“ ein großes, literarisches Werk gelungen – sprachlich auf höchstem Niveau, inhaltlich perfekt recherchiert und mit einem thrillerhaften Spannungsbogen, der zum Ende hin nervenaufreibend gespannt ist und unvorhersehbare Kniffs und Wendungen einschlägt. McAfee schreibt bildgewaltig, lakonisch, pointiert, klug und verwebt raffiniert die zwei Erzählschichten des Spaziergangs mit der Nachschau von Eve. Psychologisch messerscharf werden die Personen auseinandergenommen und atmosphärisch zum Greifen nahe die schillernde Kunstwelt mit ihren Charakteren dargestellt. McAfee versteht es zudem brillant, satirische Seitenhiebe auf letztere sowie auf kryptische Kritiken in den Feuilletons, aber auch auf so manche gesellschaftliche Milieus und Missstände auszuteilen. Wie Eves Leben zusammenbricht, sie aber alles für ihr perfektes Werk ausblendet, ist packende Erzählkunst vom Feinsten, intellektuell durchdacht und perfekt komponiert und mit krimihaften Elementen, die sich stets steigern.

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Veröffentlicht am 31.05.2021

Die Zyklen des Innerleit-Hofes

Bergland
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Im Südtiroler Tiefenthal liegt ganz oben auf 1670 Metern der Innerleit-Hof – dort hat schon Rosa den harten Bauernhof-Alltag bestritten, den Zweiten Weltkrieg und seine Verwundeten erlebt, Kinder zur Welt ...

Im Südtiroler Tiefenthal liegt ganz oben auf 1670 Metern der Innerleit-Hof – dort hat schon Rosa den harten Bauernhof-Alltag bestritten, den Zweiten Weltkrieg und seine Verwundeten erlebt, Kinder zur Welt gebracht und sich im Einklang mit der Natur um Vieh und Land gekümmert. Viele Jahre und zwei Generationen später sind es Rosas Sohn Sepp, Enkel Hannes und seine Frau Franziska, die sich mit den neuesten Bestimmungen und Technologien um das Wohl von Feriengästen kümmern. Doch die moderne, schnelle Welt und die Veränderungen in Südtirol lassen die Familie an ihre menschlichen Grenzen kommen.

In mehreren Erzählschichten schildert Autorin Jarka Kubsova die fiktive Geschichte eines jahrhundertealten Hofes und seinen Bewohnern über mehrere Generationen – man merkt es dem Roman positiv an, dass Kubsova sieben Monate auf einem dieser Bergbauernhöfe verbracht hat, um die Atmosphäre einzufangen. Dicht, szenisch und bildhaft erzählt sie von den Abläufen eines harten, aber auch zufriedenstellenden Bauernhof-Alltags, von historischen Ereignissen in Südtirol und von Fort- und Rückschritten sowie Modernisierungsmaßnahmen auf dem touristischen Land. Die Zeiten springen zu Rosa während und nach dem Krieg sowie zu Sepp, Hannes und Franziska in der Gegenwart – die junge Mutter schlittert durch die kräftezehrenden Verpflichtungen, die ein Gasthof und mittlerweile vier Kinder mit sich bringen, zusehends in einen Burn-Out. Die junge Familie ist kurz vor dem Aufgeben und Verkauf des Hofes – kann sie Alternativen für den Gasthof-Betrieb finden und wird Vater Sepp sich den Neuerungen anpassen und dazu beisteuern können?

Zarte Naturbeschreibungen und packende Landwirtschaftsszenen treffen auf eine einfühlsame Familiengeschichte der Bergbauern, Vergangenheit auf moderne Gegenwart, wortkarge Bauern auf starke Frauen und Historisches auf Fiktives. Jarka Kubsova schreibt flüssig und einfühlsam in klarer Sprache und setzt ein szenisches und sehr menschliches Puzzle einer Familie, aber auch von Tiefenthal und seinen Menschen über mehrere Jahrzehnte zusammen. Dabei kommen auch Kritik an modernem Reiseverhalten auf Bauernhöfe und deren Umrüstung zu wirtschaftlich lukrativen Betrieben nicht zu kurz. Ein schönes Debüt!

„So ging das Leben weiter, eins folgte auf nächste, eine Pflicht auf die andere, und auch wenn sich jeder Handschlag zäh und unendlich schwer anfühlte, war Rosa froh um diese Aufgaben, weil sie den Tag antrieben wie ein Puls. Es war der Herzschlag des Hofes.“ S. 165

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Veröffentlicht am 18.05.2021

Alte Wunden und Freundschaften

Die Geschichte von Kat und Easy
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Kat und Easy waren in ihren Teenagerjahren in der Provinz-Kleinstadt Laustedt beste Freundinnen, ein Herz und eine Seele in den spannendsten Jahren des Heranwachsens. Dann kam es durch eine Liebe zum gleichen ...

Kat und Easy waren in ihren Teenagerjahren in der Provinz-Kleinstadt Laustedt beste Freundinnen, ein Herz und eine Seele in den spannendsten Jahren des Heranwachsens. Dann kam es durch eine Liebe zum gleichen Mann Fripp und einem schmerzhaften Ereignis zum Freundschaftsbruch. Jahrzehnte haben sie nichts voneinander gehört, dann schlägt Easy ein Treffen auf Kreta in ihrem verfallenen Haus mit Blick aufs Meer vor. Ich-Erzählerin Kat, mittlerweile bekannte Lebensberatungs-Bloggerin stimmt widerwillig zu – die Frauen sind mittlerweile knapp über 60: Kann man eine alte Freundschaft trotz vergangener Verletzungen wieder aufleben lassen? Auf der griechischen Insel kommen sich Kat und Easy nach vorherigem Beäugen und Ausfragen mit viel Wein und Drogen wieder näher.

Die Autorin Susann Pásztor baut ihren Roman dabei geschickt komponiert in zwei Zeitebenen auf: das Jahr 1973 katapultiert den Leser atmosphärisch und authentisch in Kat und Easys formende Teenagerzeit: erste Lieben, Besuche im Jugendzentrum, Schwärmereien und Kämpfe für den gleichen Mann, der später bei einem Unfall tragisch ums Leben kam. Die Gegenwart gibt mit viel griechischem Flair die Sicht auf zwei Frauen im gleichen Haus frei, die sich in Gesprächen fragen, warum die Freundschaft damals zerbrach – alte, schmerzhafte Wunden und Neid tun sich auf, aber auch der Wunsch nach Nähe. Der raffinierte Clou an der Erzählung: unter dem Nickname Ich-wills-wissen schreibt Easy längere Nachrichten an Kat alias Mockingbird auf ihrem Blog, Unaussprechliches lässt sich in dieser Kommunikationsart leichter ins Rollen bringen und so wurde auch das Treffen auf Kreta angeleiert. Männerschwarm Easy beichtet im Mailwechsel, dass sie sich nie wahrhaftig auf Männer einlassen konnte – Kat gibt kluge Ratschläge zur Vergangenheitsbewältigung und alle Blogeinträge fließen in den Roman mitein.

„Easy hatte offenbar beschlossen, diese Angelegenheit auf meinem Blog auszutragen. Sie war gewissermaßen in mein Haus eingedrungen, und es war gut zu wissen, dass ich sie jederzeit rauswerfen konnte. Interessanterweise befand ich mich gleichzeitig in ihrem. (…)“ S. 77

Wie sich die Frauen einander umkreisen, ihre Vergangenheit, gewohnte Muster und Lebenswege reflektieren, bis sie an den unausgesprochenen Kern der Verletzung gelangen, ist bewegend und präzise mit viel menschlichem Gespür für fragile Innenwelten und unterschiedliche Wahrnehmungen eingefangen. Die Rückblenden in die 1970er-Jahre sind voller bunten Szenen mit Rockmusik, Drogen, Sehnsüchten und Herzschmerz. Die Gefühle der Mädchen und der Flair dieser Zeit in einer Kleinstadt sind wunderbar transportiert.

Dass sich die Frauen nach fast 50 Jahren wieder versöhnen und über ihre quälenden Schuldgefühle reden können und einen Punkt für einen vertrauensvollen Neuanfang finden, ist zwar etwas märchenhaft und teils ohne psychologische Tiefe, aber sehr feinfühlig, unterhaltsam, humorvoll und berührend zugleich erzählt, ohne in den Kitsch abzurutschen. Ein kluges Buch mit originellen Protagonisten über menschliche Beziehungen und Freundschaften sowie ihre Brüche und Neuanfänge.

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Veröffentlicht am 13.05.2021

Sehnsüchte in Suburbia

Ein anderer Planet
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Die Singer-Songwriterin Tracey Thorn, bekannt aus dem erfolgreichen Duo Everything But the Girl, blickt essayistisch auf ihre Teenagerjahre in der scheinbar idyllischen, vorstädtischen Wohnheimsiedlung ...

Die Singer-Songwriterin Tracey Thorn, bekannt aus dem erfolgreichen Duo Everything But the Girl, blickt essayistisch auf ihre Teenagerjahre in der scheinbar idyllischen, vorstädtischen Wohnheimsiedlung Brookmans Park in Hertfordshire mit rund 3.000 Einwohnern zurück. Dabei vermischt sie authentisch persönliche Tagebucheinträge aus den 1970er-Jahren mit ihrem präzisen Blick auf die Umgebung der Jetzt-Zeit. Ihre Jugend ist geprägt vom „Nicht-Haben“, „Nicht-Ereignissen“, Langeweile und den sehnsüchtigen Blick auf leere Bushaltestellen und Partyabende mit ersten Liebeleien in der Montagsdisco. Dringend benötigte Inspiration findet Thorn in zahlreichen Songs, Bands und schließlich in einer eigenen Gitarre, die ihr den Flair der nur 30-minütig entfernte Metropole London in die eigenen vier Wände transportiert.

„Sie musste aus London sein. Eine urbane Gitarre, die mir die Stadt in mein Zimmer brachte.“ S. 155

„Ein anderer Planet“ ist ein Ausspruch ihres konservativen Vaters, der damit Traceys „rebellische“ Entscheidungen und Eigenschaften beschreibt – der Zugang zur Tochter hat dem Kriegsveteranen von jeher gefehlt und so schreibt Tracey Thorn auch präzise beobachtend über Eltern-/Kind-Beziehungen damals und heute und schwingt den Bogen als heutige Mutter von drei Kindern. Flüssig beschrieben spickt sie ihre Teenager-Memoiren mit Beobachtungen aus der Stadt- und Umweltplanung, unheimlichen Ordentlichkeiten ihres „anderen Planeten“ (der Vorstadt) sowie eine Menge Pop- und Punkkultur, die sie inspiriert haben. Lyrics zur Suburbia fädeln sich zwischen Tagebucheinträgen und anekdotenhaften Erzählungen des Alltäglichen, die in den Zeiten springen, und so manch einen Leser atmosphärisch in seine eigene Jugend zurückkatapultieren werden. Thorn schreibt dabei sehr klar, szenisch und unpathetisch, verschönert oder verschlimmert nichts, sondern setzt ein feinfühliges Puzzle der Selbstbefreiung mit der Gegenwart zusammen. Die Londoner Vorstadt ist universell übertragbar auf ein spießiges Aufwachsen in Suburbia und Thorn seziert die Gewohnheiten und Eigenschaften von Brookmans Park sehr detailliert, was einer kleinen, bissigen Sozialstudie gleichkommt. Und schaut trotzdem versöhnlich in ihre Erinnerungen und Vergangenheit.

„Ich war ruhelos, intensiv und leidenschaftlich solipsistisch; hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen, unterdrückt zu werden, und schlug gereizt mit den Flügeln gegen die Gitterstäbe meines Käfigs.“ S. 200

Thorn packt ihre Vorstadtvergangenheit und das, was sie darin schwer vermisst hat, wunderbar einfühlsam in Worte und webt dabei viele thematische Stränge ein, ohne dass es langatmig wird. Und so treffen große Fragen wie Erziehung, Elternbeziehung, Abnabelung, Depression und Vorstadt-Tristesse auf die perfekte Vorgarten-Bepflanzung. Ein kluges, unterhaltsames und auch humorvolles Buch mit vielen kleinen spitzen Wahrheiten, die sich federleicht lesen lassen und Türen zur eigenen Vergangenheit öffnen.

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Veröffentlicht am 06.05.2021

Mystisch-düstere Metamorphose

Die Harpyie
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Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf ...

Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf der Familie. Dann erfährt sie durch einen Anruf, dass ihr Mann Jake sie mit einer älteren, erfolgreichen Biologie-Kollegin am Institut seit Monaten betrügt. Schlagartig gerät ihre Welt und ihre Gefühle durch die Kränkung, den Verrat ins Wanken – eine seit Generationen vererbte, unterdrückte Wut ist nicht mehr zu bändigen. Um sich Kontrolle darüber zu verschaffen und ihre Familie zusammenzuhalten, will sie Jake dreimal unverhofft bestrafen – er willigt ein. Ein Rachefeldzug beginnt, aber auch ein präziser und tiefer Einblick aus der Ich-Perspektive in die verwundete Seele einer tief verletzten Frau, bei der alte Wunden aus einer gewaltvollen Familie aufbrechen. Der Ehebetrug scheint nur der letzte Tropfen im vollen Fass gewesen zu sein – es beginnt Lucys unaufhaltsame psychische und physische Verwandlung in einen rachsüchtigen Ungeheuer-Frauenvogel aus der griechischen Mythologie: Harpyien haben sie seit der Kindheit fasziniert, nie waren sie ganz aus ihren Gedanken verschwunden. Kursiv gesetzte Rückblicke machen Lucys lebenslange und wahnhafte Fixierung auf die mythischen, gewalttätigen Wesen im Roman sichtbar. Scheinbar ein Ventil, um ihre traumatische Kindheit in der Fantasie zu überstehen. Wie weit wird Lucy bei ihren drei immer bösartigeren Vergeltungsschlägen gehen?

Megan Hunter ist ein von der ersten Seite an psychologisch messerscharfer und unheimlich spannender Roman gelungen. Dabei seziert die junge Autorin scharf-ironisch beobachtend nicht nur Geschlechterrollen, Mutterschaft sowie Abgründe in einer Ehe („aus der niemand unverändert zurückkommt“), sondern auch die psychische Labilität der Protagonistin sehr genau und eindringlich. Neben dem düster-mystischen und bedrohlichen Handlungsstrang mit starker Sogwirkung stechen vor allem die poetischen und gewaltigen Sprachbilder hervor: überbordende, unkontrollierbare Gefühle, Ausweglosigkeit sowie ein tiefer Schmerz schaffen sich mit einer immensen Wucht an die Oberfläche, die wunderbar in Worte verpackt sind. Die Anspannung unter der Haut ist schier zu spüren, auch das imaginäre Wachsen der Harpyien-Flügel. Bevor das kryptisch-surrealistische Ende ausschwingt, setzt Hunter gekonnt sarkastische Seitenhiebe und Reflexionen auf institutionalisierte Rollen und Regeln, was als gute bürgerliche Mutter und Ehefrau gilt. So kann „Die Harpyie“ auch als ein Befreiungsschlag durch eine düstere Metamorphose aus diesen Ketten gelesen werden. Ein thrillerartiger, emotional intensiver, kluger und sprachgewaltiger Roman, der unter die Haut geht!

„Da war eine Hitzewelle, diese Hitze, über die alle sprechen, aber noch etwas anderes, tiefer und langsamer, eine Beseitigung des Ichs, eine geschmeidig gleitende Bewegung, wie eine vollständig herausgezogene Schublade. An ihrer Stelle: ein Loch, ein Nichts, ein Ort, an dem ich noch nie gewesen war.“ S. 107

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