Das perfekte Werk
BlütenschattenEs ist Nacht und Winter in London – die renommierte 61-jährige Künstlerin Eve Laing spaziert durch die Viertel Londons, lässt ihre Vergangenheit gedanklich scharf und schonungslos Revue passieren, wirft ...
Es ist Nacht und Winter in London – die renommierte 61-jährige Künstlerin Eve Laing spaziert durch die Viertel Londons, lässt ihre Vergangenheit gedanklich scharf und schonungslos Revue passieren, wirft einen Blick durchs Fenster in ihr altes Haus, auf ihren Ex-Mann und seine neue Geliebte. Sie hat ihr wohlsituiertes Leben wegen einer Affäre mit dem 30jährigen Ateliergehilfen Luka hinter sich gelassen und arbeitet an ihrem bahnbrechenden Meisterwerk: Das Poison Florilegium – großflächige Kunst mit Blumen und Pflanzen ist ihr Metier, die zusammenhängenden Werke mit tödlichen Giftpflanzen ihre aktuelle Obsession.
„Es dauerte ein ganzes Leben, um es aufzubauen, und nur eine Sekunde, um es zu zerstören. Familienleben. Das ging als Erstes flöten. Dann die Würde, und mit ihr der gute Ruf.“ (S. 11)
Während Eve Menschen und Viertel beim nächtlichen Spaziergang bissig und zynisch unter die Lupe nimmt, gleiten ihre präzisen Gedanken und Reflexionen immer wieder in die Vergangenheit, betten sich ein in die Umgebung. Sie umkreist ihre gescheiterte Ehe mit dem Star-Architekten Kristof, ihre für sie stumpfsinnige Tochter Nancy sowie ihre Studiumsfreundinnen Mara und Wanda. Mit letzterer verbindet sie ein großer Hass und immense Missgunst – Wanda Wilson ist eine sehr gehypte und erfolgreiche Performance-Künstlerin mit weltweiten Ausstellungen und hochgelobten Rezensionen in den Feuilletons. Eve empfindet ihre Kunst als minderwertig, zudem teilten sie sich eins den gleichen Mann – den berühmten Künstler Florian Kiš. Auch Wanda plant eine neue Performance Artist on the Edge/The Death of Mimesis, während Eve zusammen mit ihrem neuen Angestellten Luka besessen an ihrem Kunstwerk Poison Florilegium arbeitet. Die Affäre mit dem jungen Luka gibt ihr zwar großen und leidenschaftlichen Aufwind, doch die ersten Querelen im Atelier beginnen und auch sein Verhalten gegenüber Eve wird immer beleidigender sowie fordernder. Und so wird Eves Spaziergang zum Ende im Roman sehr düster und ungemütlich – je näher die letzten Ereignisse rücken, die sich überschlagen und Eves Leben ruinieren.
„Ein verhängnisvoller Schritt, eine köstliche, taumelnde Kapitulation, und das alte Leben war Vergangenheit, rauschte an ihr vorbei, als sie fiel. Wie einfach es ist, loszulassen.“ (S.21)
Annalena McAfee ist mit „Blütenschatten“ ein großes, literarisches Werk gelungen – sprachlich auf höchstem Niveau, inhaltlich perfekt recherchiert und mit einem thrillerhaften Spannungsbogen, der zum Ende hin nervenaufreibend gespannt ist und unvorhersehbare Kniffs und Wendungen einschlägt. McAfee schreibt bildgewaltig, lakonisch, pointiert, klug und verwebt raffiniert die zwei Erzählschichten des Spaziergangs mit der Nachschau von Eve. Psychologisch messerscharf werden die Personen auseinandergenommen und atmosphärisch zum Greifen nahe die schillernde Kunstwelt mit ihren Charakteren dargestellt. McAfee versteht es zudem brillant, satirische Seitenhiebe auf letztere sowie auf kryptische Kritiken in den Feuilletons, aber auch auf so manche gesellschaftliche Milieus und Missstände auszuteilen. Wie Eves Leben zusammenbricht, sie aber alles für ihr perfektes Werk ausblendet, ist packende Erzählkunst vom Feinsten, intellektuell durchdacht und perfekt komponiert und mit krimihaften Elementen, die sich stets steigern.