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Veröffentlicht am 06.05.2021

Mystisch-düstere Metamorphose

Die Harpyie
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Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf ...

Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf der Familie. Dann erfährt sie durch einen Anruf, dass ihr Mann Jake sie mit einer älteren, erfolgreichen Biologie-Kollegin am Institut seit Monaten betrügt. Schlagartig gerät ihre Welt und ihre Gefühle durch die Kränkung, den Verrat ins Wanken – eine seit Generationen vererbte, unterdrückte Wut ist nicht mehr zu bändigen. Um sich Kontrolle darüber zu verschaffen und ihre Familie zusammenzuhalten, will sie Jake dreimal unverhofft bestrafen – er willigt ein. Ein Rachefeldzug beginnt, aber auch ein präziser und tiefer Einblick aus der Ich-Perspektive in die verwundete Seele einer tief verletzten Frau, bei der alte Wunden aus einer gewaltvollen Familie aufbrechen. Der Ehebetrug scheint nur der letzte Tropfen im vollen Fass gewesen zu sein – es beginnt Lucys unaufhaltsame psychische und physische Verwandlung in einen rachsüchtigen Ungeheuer-Frauenvogel aus der griechischen Mythologie: Harpyien haben sie seit der Kindheit fasziniert, nie waren sie ganz aus ihren Gedanken verschwunden. Kursiv gesetzte Rückblicke machen Lucys lebenslange und wahnhafte Fixierung auf die mythischen, gewalttätigen Wesen im Roman sichtbar. Scheinbar ein Ventil, um ihre traumatische Kindheit in der Fantasie zu überstehen. Wie weit wird Lucy bei ihren drei immer bösartigeren Vergeltungsschlägen gehen?

Megan Hunter ist ein von der ersten Seite an psychologisch messerscharfer und unheimlich spannender Roman gelungen. Dabei seziert die junge Autorin scharf-ironisch beobachtend nicht nur Geschlechterrollen, Mutterschaft sowie Abgründe in einer Ehe („aus der niemand unverändert zurückkommt“), sondern auch die psychische Labilität der Protagonistin sehr genau und eindringlich. Neben dem düster-mystischen und bedrohlichen Handlungsstrang mit starker Sogwirkung stechen vor allem die poetischen und gewaltigen Sprachbilder hervor: überbordende, unkontrollierbare Gefühle, Ausweglosigkeit sowie ein tiefer Schmerz schaffen sich mit einer immensen Wucht an die Oberfläche, die wunderbar in Worte verpackt sind. Die Anspannung unter der Haut ist schier zu spüren, auch das imaginäre Wachsen der Harpyien-Flügel. Bevor das kryptisch-surrealistische Ende ausschwingt, setzt Hunter gekonnt sarkastische Seitenhiebe und Reflexionen auf institutionalisierte Rollen und Regeln, was als gute bürgerliche Mutter und Ehefrau gilt. So kann „Die Harpyie“ auch als ein Befreiungsschlag durch eine düstere Metamorphose aus diesen Ketten gelesen werden. Ein thrillerartiger, emotional intensiver, kluger und sprachgewaltiger Roman, der unter die Haut geht!

„Da war eine Hitzewelle, diese Hitze, über die alle sprechen, aber noch etwas anderes, tiefer und langsamer, eine Beseitigung des Ichs, eine geschmeidig gleitende Bewegung, wie eine vollständig herausgezogene Schublade. An ihrer Stelle: ein Loch, ein Nichts, ein Ort, an dem ich noch nie gewesen war.“ S. 107

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Veröffentlicht am 02.05.2021

Die Brände in uns

Drei Kameradinnen
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Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, ...

Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, durchzuhalten. Aufgewachsen in einer Hochhaus-Siedlung am Rande einer Stadt, die jede sein könnte, sind sie junge Frauen mit Migrationshintergrund. Woher ihre Familie stammen oder geflüchtet sind, wird nicht bekannt gegeben und das steht universell für die bewegende und eindringliche Geschichte, die zwischen Fiktion und täglichen Realitäten wie Alltagsrassismus und Stigmatisierung pendelt.

Ich-Erzählerin Kasih schreibt und erzählt sich alles achronologisch sowie stürmisch aus dem Kopf und spricht ihr lesendes Publikum immer wieder ungehemmt bis zornig an, bis es sich in mancher stereotyper Denklage ertappt fühlt. Somit wird das Lesen dieser Geschichte, die sich titelgebend auf Remarques „Drei Kameraden“ sowie inhaltlich auf die NSU-Prozesse bezieht, nicht bequem. Sie resümiert über Abwertung, Verachtung und dem rechten Terror und wie sich Freundin Saya ständig in Alarmbereitschaft befindet, sich alles tief in sie hineingräbt, sie Chat-Protokolle von Nationalsozialisten analysiert und selbst mitmischt, bis sie sich „radikalisiert“ hat. Es geht um die Stilisierung der NSU-Opfer als Verdächtige und um die vergangenen Tage der Freundinnen Saya, Hani und Kasih vor der Brandkatastrophe mit vielen Toten, für die Saya als Terroristin verantwortlich gemacht wird. Und die Frage, ob letzteres anhand einer noch tieferen Freundschaft zu verhindern gewesen wäre.

Das Wort „Kamerad“ ist nicht nur bei der Feuerwehr, in Vereinen und in rechtsextremen Kreisen sehr beliebt, es ist auch stärker als Freundschaft. Und die drei jungen Frauen sind immer füreinander da, wenn Beziehungen auseinander gehen, herabwürdigende Jobcenter-Besuche anstehen, sich Wutausbrüche entladen. Da alle drei grundverschiedene Charaktereigenschaften haben, ergänzen sie sich symbios und leidenschaftlich, wenn es darum geht, seelische Nöte zu kitten.

„Drei Kameradinnen“ ist ein aufwühlender, anklagender und bewegender Roman über Freundschaft, aber auch explizit über Gegenwartsgeschichte in Deutschland, der zum weiteren Fragestellen und Reflektieren anregt sowie der Gesellschaft einen unbehaglichen Spiegel vorhält. Bazyar ist eine präzise Beobachterin ihrer Umgebung und Menschen – Milieus werden detailliert ausgeleuchtet, eingerichtete Gewissheiten mit Fakten und Fiktion durcheinander gewirbelt, verlässliche Anker ausgehebelt und das Innenleben der Frauen ernst-humorvoll ausgeleuchtet. Der Erzählstil ist klug, gewitzt, eloquent und hält so einige Tricks parat – Kasihs Sprechen mit uns eine literarisch schöne und raffinierte Perspektive, die mit Unzuverlässigkeit spielt. Denn welches Erzählen über andere ist schon wahr?

Thematisch hochaktuell und spannend bis zum Schluss zeigt uns die Autorin auf brillante Weise, welche Schwelbrände in unserer Gesellschaft herrschen und was es heißt, aufgrund von der Herkunft immer wieder angezweifelt zu werden.

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Veröffentlicht am 26.04.2021

Stagnation von Mensch und Land

Der ehemalige Sohn
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Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder ...

Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder erwacht, sieht er ein Land, das wie er im Koma gelegen hat und sich nichts an den brutalen Repressalien verändert hat. Im Gegenteil, manches ist sogar noch dramatischer geworden wie willkürliche Verhaftungen und die Gleichschaltung der Medienlandschaft.

„Wie die Vögel flogen die Tage fort. Einer nach dem anderen, scharenweise, um nicht mehr wiederzukehren.“ S. 116

Eine Massenpanik in der U-Bahn-Station hat den jungen Cello-Schüler des Lyzeums brutal aus dem Leben und in das Koma gerissen. Alle außer seiner kämpferischen und renitenten Babuschka Elvira haben ihn aufgegeben – die Großmutter hat den zähen Willen, ihren Enkel durch Erzählungen, Vorspielen und weiteren Mitteln aus dem Koma zu holen. Immer wieder lässt sie sich was Neues einfallen. Zisks Mutter schmiedet derweil andere Pläne und heiratet den Chefarzt – den Sohn geben sie auf, was zählt ist Reichtum und Karriere. Die langen Monologe an Zisks Krankenbett durch einige Besucher sind ein raffinierter Kniff des Autors Sasha Filipenko: Durch diese setzt sich ein breit gefächertes Bild von Belarus und seinen Menschen zusammen – die Monologe lassen tief in die menschlichen Seelen und Abgründe, aber auch in den Alltag eines autoritär regierten Landes blicken. Nachdem Zisk aus dem Koma erwacht, steht ihm sein Freund Stass zur Seite und erklärt ihm viele Umstände, aber auch seine innere Zerrissenheit. Bei einer der ersten großen Demos in Minsk am Wahlabend spüren sie die Euphorie der Massen, denken, dass sich jetzt einiges verändern wird – doch das Regime schlägt gnadenlos zurück und übt Vergeltung an den Demonstranten.

„Die Luft dieser Stadt, die schon vor Zisk ins Koma gesunken war.“ S. 124

„Der ehemalige Sohn“ ist Filipenkos Debüt und jetzt erst auf Deutsch erschienen – laut Angaben des Autors ist es in Belarus nur unter der Ladentheke zu erhalten. Kein Wunder, liest sich die dichte Geschichte als literarischer Angriff auf das Regime und seine brutalen Absurditäten – bitterernst und gleichzeitig mit tief schwarzem Humor. Filipenko ist sein versiertes Handwerk als Gag-Schreiber für ein Satire-TV-Magazin reichlich anzumerken – und sagt selbst aus, dass man mit Satire das Regime am tiefsten treffen kann: Filipenko zeigt mit satirischer Schärfe das Groteske und Absurde einer Diktatur. Und auch Europa, dass sich laut Filipenko aus der humanitären Katastrophe in Weißrussland raushält, bekommt sein Fett weg.

„Das ganze Land schläft, also schlaf auch du ruhig weiter.“ S. 155/156

Die Zeitspanne des Romans umfasst die Jahre 1999 bis 2011, Filipenko lässt zudem zahlreiche wahre Begebenheiten wie die Massenpanik mit vielen Toten im Jahr 1999, die Präsidentschaftswahlen sowie die Bombenanschläge in Minsk einfließen – ein Nachwort der Übersetzerin erläutert am Ende umfangreich die Umstände und ermöglicht eine präzisere Einordnung des politischen Romans, der sich allegorisch auf Belarus’ derzeitigen Zustand liest, obwohl er schon einige Jahre zuvor entstanden ist. Fein eingewobene Songtexte und Traditionen des Landes erzeugen viel Atmosphäre.

„Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen.“ S. 196

Ein erschütternder, bewegender und politisch kämpferischer Roman, der stellenweise nicht einfach zu lesen ist – lange Monologe, satirische Überspitzung und Allegorien in Form von Menschen, die sich sozialkritisch als Systemgegner und Karrieristen einordnen lassen, bremsen manchmal den Lesefluss, regen aber gekonnt zum Nachdenken, Weiterrecherchieren und Einordnen an. Über ein Land in Stagnation, ein korruptes und autoritäres Regime, dass jede Veränderung niederschlägt und ein Europa, dass sich nicht einmischt.

„Gesunde Menschen stellen keine Fragen, und du solltest erst recht keine stellen. Andernfalls kannst du verrückt werden. Vor allem jetzt. Nimm einfach alles als Tatsache hin.“ S. 191

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Magische & bizarre Ozean-Wesen

Wenn Haie leuchten
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Vor vielen Jahren hat sich die Meeresbiologin Dr. Julia Schnetzer verliebt – in die Ozeane und ihre geheimnisvollen Wesen. In ihrem lesenswerten Sachbuch „Wenn Haie leuchten“ nimmt sie uns mit auf eine ...

Vor vielen Jahren hat sich die Meeresbiologin Dr. Julia Schnetzer verliebt – in die Ozeane und ihre geheimnisvollen Wesen. In ihrem lesenswerten Sachbuch „Wenn Haie leuchten“ nimmt sie uns mit auf eine Entdeckungsreise voller kurioser, ernster und schöner Fakten rund um die Tiefseewelt, denn das Meer steckt trotz zahlreicher Entdeckungen immer noch voller Rätsel.

In übersichtlichen und mit einigen Zeichnungen angereicherten Kapiteln macht Schnetzer Wissenschaft verständlich und sogar lustig. Denn die kurios-humorvollen Fakten, dass Haie leuchten, manche Grönlandwale und Islandmuscheln mit bis zu 500 Jahren uralte Geschöpfe sind, es solarbetriebene Meeresschnecken gibt, Delfine sogar Selbstmord begehen können und sich Haie in Meeres-Cafés treffen, waren für mich alle neu. Bekannt und umso trauriger ist das riesige Plastikmüll-Problem in den Ozeanen. Diese Verschmutzung erläutert Schnetzer sehr ausführlich und bewegend, denn das Thema Plastik liegt ihr seit Jahren am Herzen. Daneben ist die marine Mikrobiologie Schnetzers Steckenpferd und so klärt sie auch über die immense Bakterien- und Virenvielfalt im Ökosystem der Meere auf. Insgesamt variieren die Themen sehr vielfältig und ausgewogen.

Der Autorin ist die Liebe zum Meer und zu ihrem Beruf leidenschaftlich anzumerken – und auch der Faible für Science Slams und andere Formate, denn literarisch wurden die wissenschaftliche Fakten klar, strukturiert und sehr flüssig in ein unterhaltsames Sachbuch umgesetzt. Gespickt mit den humorvollen Einlagen rund um fluoreszierende und andere skurrile Meeresbewohner, ist die maritime Entdeckungsreise sehr kurzweilig. Das sehr umfangreiche Quellenverzeichnis am Ende macht Schnetzers wissenschaftliche Herangehensweise sehr transparent und seriös. Eine beeindruckende Art, über die Geheimnisse der Ozeane zu erzählen und gleichzeitig für den Erhalt dieser einzigartigen Welt und Arten einzutreten – 50 Cent jedes verkauften Buches gehen an eine NGO. So sollte gelungene Wissenschaftskommunikation aussehen! Und für Schnetzer ist klar: Es gibt noch unheimlich viel in den Ozeanen zu entdecken.

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Rebellion einer Außenseiterin

Mado
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Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter ...

Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter Laure, findet sie keine Ruhe vor ihrer Vergangenheit und ihren inneren Dämonen. Gewalt, Ausgrenzung und frauenfeindliche Männer durchziehen die Lebenslinien der Frauen in der Familie Kaaris. Halt findet Mado nur bei ihrer berüchtigten und renitenten Großmutter Rosa. Sie wird ihr auch unerbittlich zur Seite stehen, als ihr rachsüchtiger Ex-Freund Mados Spur verfolgt und erste Opfer fordert. Ihre jüngere Schwester Verelle wird bald auch Bekanntschaft mit einem Mann machen, der es nicht ernst mit ihr meint. Die Enttäuschung der Schwester zusammen mit einem Familiengeheimnis rund um den Vater lassen Mados Zorn auf Männer ins Unermessliche wachsen. Kann sie sich dem eigenwilligen Bann ihrer Familie entziehen und ein eigenes Leben jenseits der Gewalt aufbauen? Oder ist sie den familiären Verstrickungen und Erblasten hilflos ausgeliefert? Mado muss sich entscheiden, bevor die nächste Situation eskaliert.

„Mado“ ist der Debütroman des Theaterregisseurs Wolfgang Franßen und schildert mit einer schnörkellosen, rasanten und manchmal auch derben Sprache ein Milieu am Rande der Gesellschaft, aus dem sich die Menschen nur schwer befreien können. Die Protagonistin Mado ist rebellisch, stur und zornig – Menschen zu lieben, hat sie nie gelernt. Sie jobt gelegentlich, tanzt sich ihre Wut nachts vom Leib, trinkt, nimmt Drogen und kämpft für ihre Freiheit. Niemand schreibt ihr vor, wie sie zu leben hat.

Eindringlich und detailliert beschreibt Franßen Mados Außenseiter-Welt und zerrütteten Familienverhältnisse und zeichnet einen Abschnitt aus ihrem Leben, das nach Aufbegehren lechzt. Trotzdem blieb mir Mado etwas auf Distanz – auch den Leser lässt sie nicht in ihr zerbrechliches Innenleben schauen, purer Zorn und Aversion gegen Konventionen halten alle Menschen von ihr fern.

Diese starken aggressiven Gefühle ziehen sich durch ihre gesamte Geschichte und bilden sogar ihren Kern, überlagern für mich aber auch einen aussagekräftigen Handlungsstrang. Dieser verliert sich meiner Meinung nach in zu vielen Details und Beschreibungen außenrum und in Mados unsteten und ruhelosen Charakter. Auch die Erzähl-Perspektive ihres Exfreundes und Boxers Marcel gaben dem Plot zwar eine Abwechslung, konnten mich aber nicht wirklich überzeugen. Auf der anderen Seite ist Franßen ein unkonventioneller Milieu-Roman gelungen, der authentischen Einblick in eine Welt der Ausgegrenzten zulässt, ohne eine Einordnung mit erhobenen Zeigefinger zu wollen. Der Leser folgt der rebellischen und störrischen Mado für eine kurze Zeit – und lässt sie weiterziehen: hoffentlich in die Freiheit und Selbstbestimmtheit und erlöst von den weitervererbten Familiendämonen.

„Was für ein trauriges Leben, in das sie da hineingeboren worden war. Ein trauriges Leben war das beschissenste überhaupt. Durch keinen Trost zu retten. (…) Plötzlich musste sie lachen, schüttelte den Kopf und schlug mit den Händen ineinander, als klatsche sie ihrer Familie Beifall.“ S. 246

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