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Veröffentlicht am 02.05.2021

Die Brände in uns

Drei Kameradinnen
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Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, ...

Die drei Kameradinnen aus Shida Bazyars neuem Roman stehen immer zueinander und das müssen sie auch, um in einer Welt, die sie ausgrenzt und mit verletzenden Vorurteilen, Blicken und Kommentaren belegt, durchzuhalten. Aufgewachsen in einer Hochhaus-Siedlung am Rande einer Stadt, die jede sein könnte, sind sie junge Frauen mit Migrationshintergrund. Woher ihre Familie stammen oder geflüchtet sind, wird nicht bekannt gegeben und das steht universell für die bewegende und eindringliche Geschichte, die zwischen Fiktion und täglichen Realitäten wie Alltagsrassismus und Stigmatisierung pendelt.

Ich-Erzählerin Kasih schreibt und erzählt sich alles achronologisch sowie stürmisch aus dem Kopf und spricht ihr lesendes Publikum immer wieder ungehemmt bis zornig an, bis es sich in mancher stereotyper Denklage ertappt fühlt. Somit wird das Lesen dieser Geschichte, die sich titelgebend auf Remarques „Drei Kameraden“ sowie inhaltlich auf die NSU-Prozesse bezieht, nicht bequem. Sie resümiert über Abwertung, Verachtung und dem rechten Terror und wie sich Freundin Saya ständig in Alarmbereitschaft befindet, sich alles tief in sie hineingräbt, sie Chat-Protokolle von Nationalsozialisten analysiert und selbst mitmischt, bis sie sich „radikalisiert“ hat. Es geht um die Stilisierung der NSU-Opfer als Verdächtige und um die vergangenen Tage der Freundinnen Saya, Hani und Kasih vor der Brandkatastrophe mit vielen Toten, für die Saya als Terroristin verantwortlich gemacht wird. Und die Frage, ob letzteres anhand einer noch tieferen Freundschaft zu verhindern gewesen wäre.

Das Wort „Kamerad“ ist nicht nur bei der Feuerwehr, in Vereinen und in rechtsextremen Kreisen sehr beliebt, es ist auch stärker als Freundschaft. Und die drei jungen Frauen sind immer füreinander da, wenn Beziehungen auseinander gehen, herabwürdigende Jobcenter-Besuche anstehen, sich Wutausbrüche entladen. Da alle drei grundverschiedene Charaktereigenschaften haben, ergänzen sie sich symbios und leidenschaftlich, wenn es darum geht, seelische Nöte zu kitten.

„Drei Kameradinnen“ ist ein aufwühlender, anklagender und bewegender Roman über Freundschaft, aber auch explizit über Gegenwartsgeschichte in Deutschland, der zum weiteren Fragestellen und Reflektieren anregt sowie der Gesellschaft einen unbehaglichen Spiegel vorhält. Bazyar ist eine präzise Beobachterin ihrer Umgebung und Menschen – Milieus werden detailliert ausgeleuchtet, eingerichtete Gewissheiten mit Fakten und Fiktion durcheinander gewirbelt, verlässliche Anker ausgehebelt und das Innenleben der Frauen ernst-humorvoll ausgeleuchtet. Der Erzählstil ist klug, gewitzt, eloquent und hält so einige Tricks parat – Kasihs Sprechen mit uns eine literarisch schöne und raffinierte Perspektive, die mit Unzuverlässigkeit spielt. Denn welches Erzählen über andere ist schon wahr?

Thematisch hochaktuell und spannend bis zum Schluss zeigt uns die Autorin auf brillante Weise, welche Schwelbrände in unserer Gesellschaft herrschen und was es heißt, aufgrund von der Herkunft immer wieder angezweifelt zu werden.

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Veröffentlicht am 26.04.2021

Stagnation von Mensch und Land

Der ehemalige Sohn
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Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder ...

Wenn man nach 10 Jahren in sein Land wiederkehrt, sollte sich generell einiges geändert haben – aber nicht in Belarus. Als der 16-jährige Franzisk Lukitsch nach 10 Jahren Koma wie durch ein Wunder wieder erwacht, sieht er ein Land, das wie er im Koma gelegen hat und sich nichts an den brutalen Repressalien verändert hat. Im Gegenteil, manches ist sogar noch dramatischer geworden wie willkürliche Verhaftungen und die Gleichschaltung der Medienlandschaft.

„Wie die Vögel flogen die Tage fort. Einer nach dem anderen, scharenweise, um nicht mehr wiederzukehren.“ S. 116

Eine Massenpanik in der U-Bahn-Station hat den jungen Cello-Schüler des Lyzeums brutal aus dem Leben und in das Koma gerissen. Alle außer seiner kämpferischen und renitenten Babuschka Elvira haben ihn aufgegeben – die Großmutter hat den zähen Willen, ihren Enkel durch Erzählungen, Vorspielen und weiteren Mitteln aus dem Koma zu holen. Immer wieder lässt sie sich was Neues einfallen. Zisks Mutter schmiedet derweil andere Pläne und heiratet den Chefarzt – den Sohn geben sie auf, was zählt ist Reichtum und Karriere. Die langen Monologe an Zisks Krankenbett durch einige Besucher sind ein raffinierter Kniff des Autors Sasha Filipenko: Durch diese setzt sich ein breit gefächertes Bild von Belarus und seinen Menschen zusammen – die Monologe lassen tief in die menschlichen Seelen und Abgründe, aber auch in den Alltag eines autoritär regierten Landes blicken. Nachdem Zisk aus dem Koma erwacht, steht ihm sein Freund Stass zur Seite und erklärt ihm viele Umstände, aber auch seine innere Zerrissenheit. Bei einer der ersten großen Demos in Minsk am Wahlabend spüren sie die Euphorie der Massen, denken, dass sich jetzt einiges verändern wird – doch das Regime schlägt gnadenlos zurück und übt Vergeltung an den Demonstranten.

„Die Luft dieser Stadt, die schon vor Zisk ins Koma gesunken war.“ S. 124

„Der ehemalige Sohn“ ist Filipenkos Debüt und jetzt erst auf Deutsch erschienen – laut Angaben des Autors ist es in Belarus nur unter der Ladentheke zu erhalten. Kein Wunder, liest sich die dichte Geschichte als literarischer Angriff auf das Regime und seine brutalen Absurditäten – bitterernst und gleichzeitig mit tief schwarzem Humor. Filipenko ist sein versiertes Handwerk als Gag-Schreiber für ein Satire-TV-Magazin reichlich anzumerken – und sagt selbst aus, dass man mit Satire das Regime am tiefsten treffen kann: Filipenko zeigt mit satirischer Schärfe das Groteske und Absurde einer Diktatur. Und auch Europa, dass sich laut Filipenko aus der humanitären Katastrophe in Weißrussland raushält, bekommt sein Fett weg.

„Das ganze Land schläft, also schlaf auch du ruhig weiter.“ S. 155/156

Die Zeitspanne des Romans umfasst die Jahre 1999 bis 2011, Filipenko lässt zudem zahlreiche wahre Begebenheiten wie die Massenpanik mit vielen Toten im Jahr 1999, die Präsidentschaftswahlen sowie die Bombenanschläge in Minsk einfließen – ein Nachwort der Übersetzerin erläutert am Ende umfangreich die Umstände und ermöglicht eine präzisere Einordnung des politischen Romans, der sich allegorisch auf Belarus’ derzeitigen Zustand liest, obwohl er schon einige Jahre zuvor entstanden ist. Fein eingewobene Songtexte und Traditionen des Landes erzeugen viel Atmosphäre.

„Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen.“ S. 196

Ein erschütternder, bewegender und politisch kämpferischer Roman, der stellenweise nicht einfach zu lesen ist – lange Monologe, satirische Überspitzung und Allegorien in Form von Menschen, die sich sozialkritisch als Systemgegner und Karrieristen einordnen lassen, bremsen manchmal den Lesefluss, regen aber gekonnt zum Nachdenken, Weiterrecherchieren und Einordnen an. Über ein Land in Stagnation, ein korruptes und autoritäres Regime, dass jede Veränderung niederschlägt und ein Europa, dass sich nicht einmischt.

„Gesunde Menschen stellen keine Fragen, und du solltest erst recht keine stellen. Andernfalls kannst du verrückt werden. Vor allem jetzt. Nimm einfach alles als Tatsache hin.“ S. 191

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Magische & bizarre Ozean-Wesen

Wenn Haie leuchten
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Vor vielen Jahren hat sich die Meeresbiologin Dr. Julia Schnetzer verliebt – in die Ozeane und ihre geheimnisvollen Wesen. In ihrem lesenswerten Sachbuch „Wenn Haie leuchten“ nimmt sie uns mit auf eine ...

Vor vielen Jahren hat sich die Meeresbiologin Dr. Julia Schnetzer verliebt – in die Ozeane und ihre geheimnisvollen Wesen. In ihrem lesenswerten Sachbuch „Wenn Haie leuchten“ nimmt sie uns mit auf eine Entdeckungsreise voller kurioser, ernster und schöner Fakten rund um die Tiefseewelt, denn das Meer steckt trotz zahlreicher Entdeckungen immer noch voller Rätsel.

In übersichtlichen und mit einigen Zeichnungen angereicherten Kapiteln macht Schnetzer Wissenschaft verständlich und sogar lustig. Denn die kurios-humorvollen Fakten, dass Haie leuchten, manche Grönlandwale und Islandmuscheln mit bis zu 500 Jahren uralte Geschöpfe sind, es solarbetriebene Meeresschnecken gibt, Delfine sogar Selbstmord begehen können und sich Haie in Meeres-Cafés treffen, waren für mich alle neu. Bekannt und umso trauriger ist das riesige Plastikmüll-Problem in den Ozeanen. Diese Verschmutzung erläutert Schnetzer sehr ausführlich und bewegend, denn das Thema Plastik liegt ihr seit Jahren am Herzen. Daneben ist die marine Mikrobiologie Schnetzers Steckenpferd und so klärt sie auch über die immense Bakterien- und Virenvielfalt im Ökosystem der Meere auf. Insgesamt variieren die Themen sehr vielfältig und ausgewogen.

Der Autorin ist die Liebe zum Meer und zu ihrem Beruf leidenschaftlich anzumerken – und auch der Faible für Science Slams und andere Formate, denn literarisch wurden die wissenschaftliche Fakten klar, strukturiert und sehr flüssig in ein unterhaltsames Sachbuch umgesetzt. Gespickt mit den humorvollen Einlagen rund um fluoreszierende und andere skurrile Meeresbewohner, ist die maritime Entdeckungsreise sehr kurzweilig. Das sehr umfangreiche Quellenverzeichnis am Ende macht Schnetzers wissenschaftliche Herangehensweise sehr transparent und seriös. Eine beeindruckende Art, über die Geheimnisse der Ozeane zu erzählen und gleichzeitig für den Erhalt dieser einzigartigen Welt und Arten einzutreten – 50 Cent jedes verkauften Buches gehen an eine NGO. So sollte gelungene Wissenschaftskommunikation aussehen! Und für Schnetzer ist klar: Es gibt noch unheimlich viel in den Ozeanen zu entdecken.

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Rebellion einer Außenseiterin

Mado
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Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter ...

Die junge Mado Kaaris flieht aus Paris zurück in ihren Heimatort in der Bretagne, nachdem sie ihren gewalttätigen Ex-Freund erschlagen hat. Doch auch im Maison Blanche, der alten Bauernkneipe ihrer Mutter Laure, findet sie keine Ruhe vor ihrer Vergangenheit und ihren inneren Dämonen. Gewalt, Ausgrenzung und frauenfeindliche Männer durchziehen die Lebenslinien der Frauen in der Familie Kaaris. Halt findet Mado nur bei ihrer berüchtigten und renitenten Großmutter Rosa. Sie wird ihr auch unerbittlich zur Seite stehen, als ihr rachsüchtiger Ex-Freund Mados Spur verfolgt und erste Opfer fordert. Ihre jüngere Schwester Verelle wird bald auch Bekanntschaft mit einem Mann machen, der es nicht ernst mit ihr meint. Die Enttäuschung der Schwester zusammen mit einem Familiengeheimnis rund um den Vater lassen Mados Zorn auf Männer ins Unermessliche wachsen. Kann sie sich dem eigenwilligen Bann ihrer Familie entziehen und ein eigenes Leben jenseits der Gewalt aufbauen? Oder ist sie den familiären Verstrickungen und Erblasten hilflos ausgeliefert? Mado muss sich entscheiden, bevor die nächste Situation eskaliert.

„Mado“ ist der Debütroman des Theaterregisseurs Wolfgang Franßen und schildert mit einer schnörkellosen, rasanten und manchmal auch derben Sprache ein Milieu am Rande der Gesellschaft, aus dem sich die Menschen nur schwer befreien können. Die Protagonistin Mado ist rebellisch, stur und zornig – Menschen zu lieben, hat sie nie gelernt. Sie jobt gelegentlich, tanzt sich ihre Wut nachts vom Leib, trinkt, nimmt Drogen und kämpft für ihre Freiheit. Niemand schreibt ihr vor, wie sie zu leben hat.

Eindringlich und detailliert beschreibt Franßen Mados Außenseiter-Welt und zerrütteten Familienverhältnisse und zeichnet einen Abschnitt aus ihrem Leben, das nach Aufbegehren lechzt. Trotzdem blieb mir Mado etwas auf Distanz – auch den Leser lässt sie nicht in ihr zerbrechliches Innenleben schauen, purer Zorn und Aversion gegen Konventionen halten alle Menschen von ihr fern.

Diese starken aggressiven Gefühle ziehen sich durch ihre gesamte Geschichte und bilden sogar ihren Kern, überlagern für mich aber auch einen aussagekräftigen Handlungsstrang. Dieser verliert sich meiner Meinung nach in zu vielen Details und Beschreibungen außenrum und in Mados unsteten und ruhelosen Charakter. Auch die Erzähl-Perspektive ihres Exfreundes und Boxers Marcel gaben dem Plot zwar eine Abwechslung, konnten mich aber nicht wirklich überzeugen. Auf der anderen Seite ist Franßen ein unkonventioneller Milieu-Roman gelungen, der authentischen Einblick in eine Welt der Ausgegrenzten zulässt, ohne eine Einordnung mit erhobenen Zeigefinger zu wollen. Der Leser folgt der rebellischen und störrischen Mado für eine kurze Zeit – und lässt sie weiterziehen: hoffentlich in die Freiheit und Selbstbestimmtheit und erlöst von den weitervererbten Familiendämonen.

„Was für ein trauriges Leben, in das sie da hineingeboren worden war. Ein trauriges Leben war das beschissenste überhaupt. Durch keinen Trost zu retten. (…) Plötzlich musste sie lachen, schüttelte den Kopf und schlug mit den Händen ineinander, als klatsche sie ihrer Familie Beifall.“ S. 246

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Verschlungene Pfade der Liebe

Roman d’amour
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Die Schriftstellerin Charlotte Moire veröffentlicht in Sylvie Schenks „Roman d’amour“ einen Roman mit dem gleichen Titel und reist auf eine abgelegene Nordseeinsel, um dort den unbekannten und erstmals ...

Die Schriftstellerin Charlotte Moire veröffentlicht in Sylvie Schenks „Roman d’amour“ einen Roman mit dem gleichen Titel und reist auf eine abgelegene Nordseeinsel, um dort den unbekannten und erstmals verliehenen Literaturpreis „Kaskade“ in Empfang zu nehmen. Der Roman handelt über eine lange zurückliegenden Affäre mit einem verheirateten Mann. Davor soll sie der Journalistin Frau Sittich ein Interview für einen Radiobeitrag zum Roman geben. Die zwei Damen nehmen Platz und ein raffiniert inszeniertes, fesselndes Kammerspiel sowie präzise aufgezeichnetes Wort-Duell nimmt seinen Lauf: Angespornt durch Frau Sittichs verqueren Fragen. Sie löchert Charlotte nicht nur zu ihrem literarischen Können, sondern sehr detailliert über die Protagonisten und auch über philosophische und allgemeingültige Liebes- und Lebensfragen. Des öfteren spricht sie Charlotte mit Klara – der Protagonistin von Charlottes Roman – an und seziert Handlung, Motive und Moralvorstellungen der Romancharaktere, als wären sie wahre Menschen. Und für Charlotte verschwimmen die Grenzen zu ihrer tatsächlich stattgefundenen Affäre mit einem verheirateten Mann, einer Amour fou, und den Figuren ihres Romans – die Fragen von Frau Sittich lassen sie tief in ihre eigenen Erinnerungen eintauchen, an einen lange vergangenen Irland-Urlaub und die Gefühlskapriolen als Geliebte. Fiktion und real Erlebtes verwaschen kontinuierlich, Charlotte erlebt und sinniert alles aufs Neue. Ein überraschendes Aufwachen gibt es für Charlotte erst beim fulminanten Showdown am Strand – und ihr wird klar, warum der „Kaskade“-Preis an Autoren für biografisch angehauchte Romane vergeben wird, die der Gefahr laufen, sich der Lächerlichkeit preizugeben.

„Im Schreiben könnte ich mich festhalten, meine Gefühle, die Texte hinterließen konkrete Spuren, verflossen nicht wie Küsse und Umarmungen, sie ermöglichten das Zurückschauen, Zurückstreicheln, Zurückküssen.“ S. 56

Sylvie Schenk ist mit „Roman d’Amour“ ein literarisches Kunststück gelungen, das auf mehreren Ebenen brillant ist. Neben der wunderschönen, poetischen Prosa mit klugen Sprachbildern, französischen Einwürfen und intelligenten Sätzen besticht besonders ein weiterer Ansatz des Romans: Neben der feinfühlig, subtil melancholisch und auch leicht humorvoll erzählten doppelten Liebesgeschichte entrollt er auch ein spannendes Leporello über die Literaturgenres Liebesroman sowie Autofiktion und nimmt dabei noch versiert so manchen Literaturkritiker beim Interpretieren und nach der Frage nach Autobiografisches auf die Schippe. Dabei entstanden ist ein geistreicher und sehr lesenswerter Roman im Roman, der mit einem fulminanten und überraschenden Ende aufwartet. Ein dünnes, hintersinniges Buch, in dem so viel drinnen steckt, dass es sich lohnt, nochmal zu lesen und gedanklich weiterzuphilosophieren – über die Liebe, das Leben, narrative Möglichkeiten und die Literatur.

„Wenn ich mich nicht zu sehr outen wollte, dann wegen der verschlungenen Gedanken, die in dem Thema herumschwammen, weil es schwieriger ist, eine gefühlte Wahrheit mit Sätzen einzufangen als eine Forelle in den Niagarafällen.“ (S. 18)

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