Mystisch-düstere Metamorphose
Die HarpyieLucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf ...
Lucy Stevenson ist Mitte 30, hat ihre beruflich-akademische Karriere zugunsten der zwei kleinen Söhne zurückgestellt, führt nach außen hin eine konservativ-glückliche Vorstadt-Idylle und managt den Tagesablauf der Familie. Dann erfährt sie durch einen Anruf, dass ihr Mann Jake sie mit einer älteren, erfolgreichen Biologie-Kollegin am Institut seit Monaten betrügt. Schlagartig gerät ihre Welt und ihre Gefühle durch die Kränkung, den Verrat ins Wanken – eine seit Generationen vererbte, unterdrückte Wut ist nicht mehr zu bändigen. Um sich Kontrolle darüber zu verschaffen und ihre Familie zusammenzuhalten, will sie Jake dreimal unverhofft bestrafen – er willigt ein. Ein Rachefeldzug beginnt, aber auch ein präziser und tiefer Einblick aus der Ich-Perspektive in die verwundete Seele einer tief verletzten Frau, bei der alte Wunden aus einer gewaltvollen Familie aufbrechen. Der Ehebetrug scheint nur der letzte Tropfen im vollen Fass gewesen zu sein – es beginnt Lucys unaufhaltsame psychische und physische Verwandlung in einen rachsüchtigen Ungeheuer-Frauenvogel aus der griechischen Mythologie: Harpyien haben sie seit der Kindheit fasziniert, nie waren sie ganz aus ihren Gedanken verschwunden. Kursiv gesetzte Rückblicke machen Lucys lebenslange und wahnhafte Fixierung auf die mythischen, gewalttätigen Wesen im Roman sichtbar. Scheinbar ein Ventil, um ihre traumatische Kindheit in der Fantasie zu überstehen. Wie weit wird Lucy bei ihren drei immer bösartigeren Vergeltungsschlägen gehen?
Megan Hunter ist ein von der ersten Seite an psychologisch messerscharfer und unheimlich spannender Roman gelungen. Dabei seziert die junge Autorin scharf-ironisch beobachtend nicht nur Geschlechterrollen, Mutterschaft sowie Abgründe in einer Ehe („aus der niemand unverändert zurückkommt“), sondern auch die psychische Labilität der Protagonistin sehr genau und eindringlich. Neben dem düster-mystischen und bedrohlichen Handlungsstrang mit starker Sogwirkung stechen vor allem die poetischen und gewaltigen Sprachbilder hervor: überbordende, unkontrollierbare Gefühle, Ausweglosigkeit sowie ein tiefer Schmerz schaffen sich mit einer immensen Wucht an die Oberfläche, die wunderbar in Worte verpackt sind. Die Anspannung unter der Haut ist schier zu spüren, auch das imaginäre Wachsen der Harpyien-Flügel. Bevor das kryptisch-surrealistische Ende ausschwingt, setzt Hunter gekonnt sarkastische Seitenhiebe und Reflexionen auf institutionalisierte Rollen und Regeln, was als gute bürgerliche Mutter und Ehefrau gilt. So kann „Die Harpyie“ auch als ein Befreiungsschlag durch eine düstere Metamorphose aus diesen Ketten gelesen werden. Ein thrillerartiger, emotional intensiver, kluger und sprachgewaltiger Roman, der unter die Haut geht!
„Da war eine Hitzewelle, diese Hitze, über die alle sprechen, aber noch etwas anderes, tiefer und langsamer, eine Beseitigung des Ichs, eine geschmeidig gleitende Bewegung, wie eine vollständig herausgezogene Schublade. An ihrer Stelle: ein Loch, ein Nichts, ein Ort, an dem ich noch nie gewesen war.“ S. 107