Die Kälte überstehen
Vom AufstehenDieser fragile Moment beim Aufwachen, der manchmal entscheidet, wie man in den Tag startet: noch halb im Traum, halb in Gedanken, noch ruhevoll – mit so einem Moment startet und endet der berührende, atmosphärische ...
Dieser fragile Moment beim Aufwachen, der manchmal entscheidet, wie man in den Tag startet: noch halb im Traum, halb in Gedanken, noch ruhevoll – mit so einem Moment startet und endet der berührende, atmosphärische und lebenskluge Episoden-Roman von Helga Schubert. Anfangs an dem idealen Ort, einer Erinnerung, bei der fürsorglichen Großmutter im Garten unter dem Apfelbaum. Am Ende mit 80 Jahren beim Aufwachen zuhause, Reflektionen über das vergangene Leben, über die Gegenwart mit einem geliebten, pflegebedürftigen Ehemann, den liebgewonnenen Ritualen und einer verstorbenen Mutter, der die Autorin und Bachmannpreis-Trägerin Helga Schubert verziehen hat. Dazwischen liegt ein bewegtes Leben, dass Schubert assoziativ in 29 unterschiedlich langen, literarisch dichten Schlaglichtern der Erinnerung poetisch, weise, aus vielen Blickwinkeln und mit einer präzisen, klaren und sinnlichen Sprache festgehalten hat.
„Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“ S. 25
Auf diesen drei zerbrechlichen Pfeilern steht das Leben von Helga Schubert. Ihre Mutter ist traumatisiert vom Krieg und der Flucht vor der Roten Armee – das hat sie nicht nur gefühlskalt werden lassen: Von ihrer Tochter verlangt sie dafür, dass sie sie bei der Flucht nicht vergiftet oder vorher abgetrieben hat, lebenslange Dankbarkeit und Heldenverehrung. Es fallen auch Sätze wie „Wenn du doch damals bei der Flucht gestorben wärst“. Mutter und Tochter werden sich nie mehr annähern und erst nach dem Tod der Mutter beginnt Schubert darüber zu schreiben. Ein weiteres Trauma ist der Verlust des Vaters, den Schubert nie kennengelernt hat. Sehr jung hat ihn eine Granate an der Ostfront getötet. Die Erfahrungen der Autorin mit Glaube und der Arbeit als klinische Psychotherapeutin fließen subtil in das autobiografisch-autofiktional Erzählte mitein. In der Erzählung „Eine Wahlverwandtschaft“ kommen die Traumata, Sprachlosigkeit und tief liegenden Wunden zwischen Mutter und Tochter deutlich heraus, die Schubert literarisch mit einer kunstvollen Perspektive verdeutlicht: „Die Tochter meiner Mutter“.
Zudem ist Helga Schubert eine pointierte Chronistin über ihr Leben unter dem DDR-Regime. Lakonisch und doch nachdenklich fängt sie zeithistorische Episoden deutsch-deutscher Geschichte ein, schildert beispielsweise ihre schriftstellerische Tätigkeit unter Repressalien wie das Ausreise-Verbot im Jahr 1980, um am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilzunehmen. Aber auch absurde DDR-Situationen wie das Vorstellungsgespräch mit ihrem Sohn zu einer Förster-Ausbildung verweben sich in die Erinnerungen.
Im Leben von Helga Schubert war nicht immer „alles gut“ – mehrmals musste sie immer wieder nach schwierigen Situationen Aufstehen, aber ihr Schlusssatz in der letzten, prämierten Titel-Geschichte „Vom Aufstehen“ wird dies reflektieren: „ Es stimmte: Ich hatte von allem genug.“ Sie hat vergeben, ist bei sich angekommen, kann sich Geborgenheit schenken – fast scheinen alle vorherigen Erzählungen auf diese finale Erinnerung, die nochmal alle Lebensthemen zusammenführt, zuzulaufen.
Die ruhevolle Auslotung eines schmerzhaften Mutter-Tochter-Verhältnisses, fein arrangierte Alltagsbeobachtungen vom Alt-Sein, Schreiben, Heimatgefühl und von der Freiheit, umwoben mit deutsch-deutscher Geschichte sowie Traumata und alles eingepackt in einer wunderschönen Sprache, die ohne Groll oder Larmoyanz, sondern mit viel Dankbarkeit, Ruhe und Authentizität auskommt – das alles macht „Vom Aufstehen“ zu einem wunderbaren Kleinod. Nicht jede Geschichte ist gleich stark – aber die Starken sind gewaltig und von einer intimen, persönlichen Schönheit und Weisheit, die lange nachhallen und universell auf unser Leben übertragbar sind.
„Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“ S. 10