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Veröffentlicht am 12.04.2021

Die Kälte überstehen

Vom Aufstehen
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Dieser fragile Moment beim Aufwachen, der manchmal entscheidet, wie man in den Tag startet: noch halb im Traum, halb in Gedanken, noch ruhevoll – mit so einem Moment startet und endet der berührende, atmosphärische ...

Dieser fragile Moment beim Aufwachen, der manchmal entscheidet, wie man in den Tag startet: noch halb im Traum, halb in Gedanken, noch ruhevoll – mit so einem Moment startet und endet der berührende, atmosphärische und lebenskluge Episoden-Roman von Helga Schubert. Anfangs an dem idealen Ort, einer Erinnerung, bei der fürsorglichen Großmutter im Garten unter dem Apfelbaum. Am Ende mit 80 Jahren beim Aufwachen zuhause, Reflektionen über das vergangene Leben, über die Gegenwart mit einem geliebten, pflegebedürftigen Ehemann, den liebgewonnenen Ritualen und einer verstorbenen Mutter, der die Autorin und Bachmannpreis-Trägerin Helga Schubert verziehen hat. Dazwischen liegt ein bewegtes Leben, dass Schubert assoziativ in 29 unterschiedlich langen, literarisch dichten Schlaglichtern der Erinnerung poetisch, weise, aus vielen Blickwinkeln und mit einer präzisen, klaren und sinnlichen Sprache festgehalten hat.

„Ich bin ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung.“ S. 25

Auf diesen drei zerbrechlichen Pfeilern steht das Leben von Helga Schubert. Ihre Mutter ist traumatisiert vom Krieg und der Flucht vor der Roten Armee – das hat sie nicht nur gefühlskalt werden lassen: Von ihrer Tochter verlangt sie dafür, dass sie sie bei der Flucht nicht vergiftet oder vorher abgetrieben hat, lebenslange Dankbarkeit und Heldenverehrung. Es fallen auch Sätze wie „Wenn du doch damals bei der Flucht gestorben wärst“. Mutter und Tochter werden sich nie mehr annähern und erst nach dem Tod der Mutter beginnt Schubert darüber zu schreiben. Ein weiteres Trauma ist der Verlust des Vaters, den Schubert nie kennengelernt hat. Sehr jung hat ihn eine Granate an der Ostfront getötet. Die Erfahrungen der Autorin mit Glaube und der Arbeit als klinische Psychotherapeutin fließen subtil in das autobiografisch-autofiktional Erzählte mitein. In der Erzählung „Eine Wahlverwandtschaft“ kommen die Traumata, Sprachlosigkeit und tief liegenden Wunden zwischen Mutter und Tochter deutlich heraus, die Schubert literarisch mit einer kunstvollen Perspektive verdeutlicht: „Die Tochter meiner Mutter“.

Zudem ist Helga Schubert eine pointierte Chronistin über ihr Leben unter dem DDR-Regime. Lakonisch und doch nachdenklich fängt sie zeithistorische Episoden deutsch-deutscher Geschichte ein, schildert beispielsweise ihre schriftstellerische Tätigkeit unter Repressalien wie das Ausreise-Verbot im Jahr 1980, um am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilzunehmen. Aber auch absurde DDR-Situationen wie das Vorstellungsgespräch mit ihrem Sohn zu einer Förster-Ausbildung verweben sich in die Erinnerungen.

Im Leben von Helga Schubert war nicht immer „alles gut“ – mehrmals musste sie immer wieder nach schwierigen Situationen Aufstehen, aber ihr Schlusssatz in der letzten, prämierten Titel-Geschichte „Vom Aufstehen“ wird dies reflektieren: „ Es stimmte: Ich hatte von allem genug.“ Sie hat vergeben, ist bei sich angekommen, kann sich Geborgenheit schenken – fast scheinen alle vorherigen Erzählungen auf diese finale Erinnerung, die nochmal alle Lebensthemen zusammenführt, zuzulaufen.

Die ruhevolle Auslotung eines schmerzhaften Mutter-Tochter-Verhältnisses, fein arrangierte Alltagsbeobachtungen vom Alt-Sein, Schreiben, Heimatgefühl und von der Freiheit, umwoben mit deutsch-deutscher Geschichte sowie Traumata und alles eingepackt in einer wunderschönen Sprache, die ohne Groll oder Larmoyanz, sondern mit viel Dankbarkeit, Ruhe und Authentizität auskommt – das alles macht „Vom Aufstehen“ zu einem wunderbaren Kleinod. Nicht jede Geschichte ist gleich stark – aber die Starken sind gewaltig und von einer intimen, persönlichen Schönheit und Weisheit, die lange nachhallen und universell auf unser Leben übertragbar sind.

„Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“ S. 10

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Veröffentlicht am 12.04.2021

All die schönen, dunklen Dinge

Weiter Himmel
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Die Küste von Yorkshire scheint eine pure Idylle zu sein, doch es passieren perfide, kriminelle Dinge hinter einer scheinbar perfekten Fassade, wie sie sich auch die Männer- und Golffreunde Tommy, Andy ...

Die Küste von Yorkshire scheint eine pure Idylle zu sein, doch es passieren perfide, kriminelle Dinge hinter einer scheinbar perfekten Fassade, wie sie sich auch die Männer- und Golffreunde Tommy, Andy und Steve aufgebaut haben. Alles gerät ins Wanken, als die Bekannte Wendy tot aufgefunden wird und immer mehr geheimnisvolle Fäden und Verbindungen zusammenlaufen. Neben dem schlagfertigen Ermittlerduo Reggie Chase und Ronnie Dibicki, die die zahlreichen Verflechtungen aufdecken wollen, kommt hier auch der melancholische Privatermittler Jackson Brodie ins Spiel, der noch von einer On-/Off-Beziehung und den Launen seines pubertierenden Sohnes angeschlagen ist. Es ist sein fünfter Fall, aber „Weiter Himmel“ lässt sich auch wunderbar lesen, wenn die Vorgänger nicht bekannt sind.

Ganz langsam und fein lässt Kate Atkinson ihren Kriminalroman mit einer mystisch-düsteren Atmosphäre anfangen: Sie lotet Milieus, menschliche Charaktere samt Bio-Vegan-Spleen und gesellschaftliche Schichten aus – manchmal braucht sie dafür nur zwei treffsichere Sätze. Mehrere Perspektiven (auch die Eitelkeiten und Familienverhältnisse der Übeltäter) und schnell wechselnde Szenen werden opulent und mit sprachlicher Finesse und vielen Details geschildert – Atkinson liebt es, diverse Gedankengänge weiterzuspinnen und der Leser sollte sich gut konzentrieren und die wunderbare Prosa genießen, bevor die spannende Handlung rund um den widerwärtigen und gewalttätigen Mädchenhandel und dem perfiden „Magischen Kreis“ beginnt und die Vorstadt-Idylle mächtig ins Wanken kommt.

Voller scharfem und schwarzem Humor nimmt Atkinson nicht nur die Protagonisten, Eigenarten oder gesellschaftliche Themen treffend und versiert auf die Schippe – sogar das Krimigenre an sich wird an manchen Stellen witzig und klug besprochen. Besonders lakonisch und schlagkräftig sind die Galgenhumor-Dialoge zwischen dem Ermittlerduo Reggie und Ronnie gelungen, aber auch Brodies zurückhaltender Charakter, der über tote Familienangehörige sinniert, Country-Musik liebt und auf gewisse Weise ein trauriger Schelm ist, ist wunderbar eingefangen.

Kate Atkinson gelingt es bravourös, in „Weiter Himmel“ neben dem widerwärtigen Eliten-Pädophilenring auch alltägliche Absurditäten ironisch und nonchalant auszuhebeln – gekonnt spielt sie mit vielen Zufällen, Situationskomik und alten Geheimnissen und eröffnet ein Panoptikum an plastischen Charakteren mit ein paar mutigen Außenseitern. Und hinter all den schönen Dingen steckt ganz schön viel Böswilliges, Dunkles und Abgründiges. Dass einer Autorin eine so klug-trockene Lakonie und eine unbeschwerte Sprache trotz des ernsten und aktuellen Themas fulminant gelingt, ist große und eher seltene Erzählkunst.

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Veröffentlicht am 07.04.2021

Transformation von Leiden

Gefangen und frei
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Seit über 30 Jahren ist Jarvis Jay Masters kein freier Mann mehr, sondern ein Gefangener in San Quentin, der teils in langer Isolationshaft sowie im Todestrakt auf die Vollstreckung seiner Todesstrafe ...

Seit über 30 Jahren ist Jarvis Jay Masters kein freier Mann mehr, sondern ein Gefangener in San Quentin, der teils in langer Isolationshaft sowie im Todestrakt auf die Vollstreckung seiner Todesstrafe wartet – zu Unrecht am Tod eines Gefängniswärters verurteilt. Knallharter Gefängnisalltag, Traumata aus seiner dramatischen Kindheit, immer wieder verlorene Gerichtstermine und die Aussicht, nie mehr frei zu sein, quälen sein Innerstes: Zorn, Wut, Verzweiflung, Panikattacken und Depressionen scheinen ihn aufzufressen.

Doch er lernt die richtigen Leute kennen, die auf seiner Seite stehen und ihn zur Meditation und Achtsamkeit animieren. Erst entsetzt, was diese für Gefühlskapriolen und Ängste bei ihm freisetzen, trainiert er Meditation bald jeden Tag und erfährt durch die tiefe Freundschaft mit der bekannten buddhistischen Nonne Pema Chödrön noch stärkere Einblicke in die buddhistischen Lehren und Meditationserfahrungen. Auch durch den berühmten tibetischen Lama Rinpoche wird er eine Transformation zum Bodhisattva durchlaufen – ein Krieger, der an einem Ort des Leidens für die Überwindung des Leidens sorgt. Masters hilft seinen gepeinigten Mitgefangenen, gibt Unterricht, schreibt Bücher und Briefe und hilft Menschen, ihre Seelenqualen weitestgehend zu überstehen. Auf eine Berufung seines Urteils wird er trotz mehreren Verhandlungen vergeblich warten – doch er hat gelernt, sich trotz aller Gefangenheit und Widrigkeiten, im Inneren wie ein freier Mensch zu fühlen.

David Sheff zeichnet Masters’ Leben und Transformation ohne Kitsch nach, sondern setzt das Mosaik seines Lebens recht nüchtern, aber sehr bewegend zusammen. Zahlreiche Treffen und Veröffentlichungen haben ihn dazu veranlasst, Masters mutigen und hoffnungsvollen Weg aufzuzeigen, der jedem Leser etwas für das eigene Leben mitgeben kann. Die Überwindung von Leid ist kapitelweise durch die Vier Edlen Wahrheiten untergliedert, was präzise auf Masters Weg zugeschnitten ist: Immer wieder gibt es Passagen über seine schwere Kindheit, dann wiederum der gewaltvolle Gefängnisalltag, desillusionierende Gerichtstermine und das wiederholte Aufrappeln durch Meditation nach Rückschlägen, damit das Leiden Masters nicht auffrisst.

Besonders die Gespräche mit Pema Chödrön sind tiefberührend und augenöffnend, wie wir generell mit starken Gefühlen und schwierigen Situationen umgehen – von ihr möchte ich auf jeden Fall noch mehr lesen, aber es finden sich noch weitere Anknüpfungspunkte im Buch, die ein Leben auch außerhalb eines Gefängnisses bereichern können. Denn häufig sind es innere Gittern, hinter die wir uns selbst legen. „Gefangen und frei“ ist eine universelle Geschichte über die Chance, mit starken Widrigkeiten umzugehen.

Fazit: Trotz kleineren Logik-Unstimmigkeiten ein sinnstiftendes, hoffnungsvolles und bewegendes Buch, das nicht in Kitsch abrutscht oder Meditation in den Himmel lobt, sondern authentisch und kraftvoll aufzeigt, wie man Leiden mit viel Mut und Stärke transformieren kann – Rückschläge mitinbegriffen.

„Doch genau das war der Buddha, den er töten musste: die Illusion, dass die Rettung irgendwo außerhalb von ihm selbst zu finden sei. Ihm wurde klar, dass der Buddha dazu nicht in der Lage war, genauso wenig wie Jesus oder Allah. Nur wir selbst können uns aus unserem eigenen Leiden befreien.“
S. 128

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Veröffentlicht am 27.03.2021

Landschaft der Töne

Der Klang der Wälder
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Das Leben des jungen Tomura ändert sich schlagartig, als er zufällig einem Klavierstimmer in der Schulturnhalle bei der Arbeit hört. Der Klang zaubert Wälder seiner Kindheit vor sein inneres Auge, luzide ...

Das Leben des jungen Tomura ändert sich schlagartig, als er zufällig einem Klavierstimmer in der Schulturnhalle bei der Arbeit hört. Der Klang zaubert Wälder seiner Kindheit vor sein inneres Auge, luzide Naturlandschaften tun sich auf. Tomura hat seine Bestimmung gefunden: Er zieht aus seinem ländlichen Bergdorf in die Stadt, um eine Ausbildung als Klavierstimmer zu absolvieren. Die Suche nach dem perfekten Klang wird seine Bestimmung werden. Nach bestandenen Prüfungen findet er bei einem Instrumentenhandel eine Lehrstelle – dort wird der hochsensible Klavierstimmer Itadori-san sein Meister. Tomura lernt subtile Feinheiten über die Kunst des Tons kennen, begleitet Itadori-san zu Kundenterminen. Sein Selbstwert wird immer wieder gebeutelt: Ist das der richtige Beruf für ihn? Wird er so gut sein wie die anderen und hinter die Geheimnisse des Klangs gelangen? Als er bei einem Termin auf die begabten, jungen Pianistinnen und Zwillingsschwestern Kazune und Yuni trifft, ändert sich für ihn abermals der Blickwinkel über Klang und Töne, scheint ihr gegensätzliches Klavierspiel fast alle Klangfarben zu treffen. Als Yuni krankheitsbedingt nicht mehr spielen kann, vereint Kazune alle Klänge in ihrem Spiel – und dieses möchte Tomura noch heller zum Leuchten bringen.

Natsu Miyashitas feinfühliger und meditativer Roman „Der Klang der Wälder“ ist in Japan ein Besteller und wurde bereits verfilmt. Sensibel, poetisch und lebensklug verwebt sie in ihrer schönen Prosa die bildgewaltige Natur der Landschaft Hokkaidos in die Welt der Töne – es gleicht einer Symbiose. Das Heranwachsen des Protagonisten in seine Bestimmung und seine Abnabelung aus dem Bergdorf ist wunderbar herausgearbeitet. Oft schweifen Tomuras Gedanken in seine Heimat und zu seiner Familie. Sein intensives Bestreben, den „Klang der Wälder“ einem Klavier wieder zu entlocken ist ruhig erzählt und dennoch erschafft dieser Wille Zuversicht, einen sinnerfüllten Beruf zu ergreifen und seinen Träumen zu folgen, auch wenn Selbstzweifel die Seele plagen.

Miyashita spielt selbst Klavier – viele detaillierte Einschübe über Tasten, Materialzusammensetzung und Tonleitern sind präzise in der Geschichte platziert. Doch auch Klavier- oder Klassik-Laien werden ihre Freude und wohltuende Entschleunigung mit dem Roman haben, wenn sie sich auf die beruhigende Erzählung und klugen Dialoge einlassen. Wenn die Natur mit den Tönen verschmilzt und ein Beruf nach der Einführung zur Berufung und zum Lebensglück wird.

„Wie konnte ein Instrument wie ein Klavier so etwas hervorzaubern? Von einem Blatt zu einem Baum, von einem Baum zu einem Wald bis hin zu einem Berg.“ S. 84

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Veröffentlicht am 24.03.2021

Narrative einer Rettung

Die Fremde
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Claudia Durastantis autofiktionaler Roman „Die Fremde“ präsentiert gleich zu Beginn zwei komplett unterschiedliche Kennenlerngeschichten der gehörlosen Eltern. Beide beinhalten eine Rettung – der Vater ...

Claudia Durastantis autofiktionaler Roman „Die Fremde“ präsentiert gleich zu Beginn zwei komplett unterschiedliche Kennenlerngeschichten der gehörlosen Eltern. Beide beinhalten eine Rettung – der Vater will sich von der Brücke am Ponte Sisto in Trastevere/Rom stürzen, um im „giftgrünen“ Tiber zu ertrinken, erzählt aber, er habe die Mutter vor einem Überfall bewahrt. Der Einstieg in die Geschichte macht deutlich: Hier wird keine durchschnittliche, gesund agierende Familie beschrieben. Die Protagonistin und Erzählerin im Roman, die deutliche biografische Bezüge zur Autorin aufweist, gräbt sich aus einer dysfunktionalen, chaotischen und von einer bestimmten Sprachlosigkeit geprägten Kindheit nach oben. Anfang der 1980er-Jahre in Brooklyn geboren, immigriert diese als Kind zusammen mit Bruder und Mutter nach Italien, in die süditalienische, spärlich besiedelte Basilikata. Die Eltern haben sich getrennt.

„Auswandern bedeutet, mit all diesen Wenns des eigenen Ichs zusammenzuleben und zu hoffen, dass keines die Oberhand gewinnt.“

Gab es in Brooklyn noch eine Art sichere Enklave mit ausgewanderten Italoamerikanern der Familie und deren Regeln, sind die Kinder beim Heranwachsen in der Basilikata an der Armutsgrenze weitestgehend auf sich gestellt – die Mutter lebt in ihrer eigenen Welt, trinkt, zieht nächtelang durch die Umgebung, schwelgt in Filmen, die sie alle wie der Vater für wahr hält: beide kennen keine Fiktion, haben nie eine Gebärdensprache erlernt, akzeptieren ihre Taubheit nicht und geben sich ihrer eigenen Vorstellung eines unkonventionellen Lebens hin. Die Mutter sucht Halt und Deutung in den Tarot-Karten und der Kunst, der Vater (zudem psychisch krank) in kleinkriminellen Geschäften. Der Kontakt zu Familienangehörigen in den USA wird mit Besuchen aufrecht erhalten.

„Ich sah meinen Vater die Wut und den Wahnsinn fiktiver Figuren so leidenschaftlich ausagieren, bis er sich in ein Stück Zelluloid mit verkohlten Rändern verwandelte.“

„Meine Mutter fehlte mir, wenn sie verschwand, aber sie war nebelhaft und mein Vater eine tiefschwarze Galaxie, die jede physikalische Theorie widerlegte.“

Wie ein Echolot unter Wasser taucht Claudia Durastanti in die Tiefen ihrer Erinnerung und ihres Gedächtnisses – und das mit einer sprachlichen und stilistischen Wucht sowie Ausdehnung auf gesellschaftsrelevante Themen wie Identität, Migration, Fremdsein, gesellschaftliche Verwurzelung, Handicaps (psychisch wie physisch) und Vielsprachigkeit. Assoziativ, sprunghaft, poetisch und spielerisch in der Sprache verknüpft sie Familiengeschichte, Heimat, die Wege der Migration, ihren eigenen Werdegang ins Studium und in die Arbeitswelt sowie erste Beziehungen mit zahlreichen Szenen aus Film, Musik und Literatur, die sie geprägt haben. Zudem spielt Durastanti mit Metaphern, die an topografische Karten, Naturgewalten und Wesen aus der Mythologie angelehnt sind, um ihren Gedanken und Erinnerungen Form zu geben. Wilde, zeitlich unsortierte und episodenhafte Sprünge und zahlreiche Geschichten sind dies manchmal, aber tief bewegend und jeder Absatz eine eigenständige Denkfabrik, die teilweise auch mystisch und kryptisch sowie offen für die eigene Reflexion bleibt. Denn als Metaebene bezieht Durastanti noch das Spiel um Wahrheit und Fiktion in ihren Roman mit ein.

„Die Geschichte einer Familie ähnelt eher einer topografischen Karte als einem Roman, und eine Biografie ist die Summe aller geologischen Zeitalter, durch die du gegangen bist.“

Trotz aller Schwere der Geschichte, die durch das Anderssein geprägt ist und in der die Autorin wahrscheinlich versucht, sich ihrer eigenen Biografie auf verschiedene Arten anzunähern, blitzt auch Humor auf: Skurrile Menschen und Situationen, vollständige Milieus, Stadtteile und Landstriche, die Durastanti präzise beobachtet und in ihre außergewöhnlichen Sprache zwischen Prosa, Poesie und Essay verpackt. Intime Einblicke, aber nie zu aufdringlich – fast nüchtern-lakonisch kommt so manche Einsicht um die Ecke. Stets sucht sie auch das Verstehen ihrer Eltern sowie ihrer stillen Welt und exaltierten Charaktere. Die Mutter bleibt stets die Fremde, ist sogar stolz darauf, nicht als Gehörlose, sondern als Fremde bezeichnet zu werden – aber auch die Protagonistin bleibt sich oft fremd im Leben, fühlt sich später im beruflichen Erfolg gar als Hochstaplerin. Halt, Ausdruck und die eigene Rettung hat sie seit der Basilikata in der Literatur und später in ihrer eigenen Sprache gefunden.

„Je vulgärer und absichtlich widerwärtiger meine Eltern sprachen, desto genauer drückten wir uns aus, weil wir überzeugt waren, in der Wortwahl korrekt zu sein, würde bedeuten, auch im Leben korrekt zu sein, endlich befreit von ihren Eigentümlichkeiten.“

Am Ende des Romans sind wir wieder am Ponte Sisto – die Kennenlerngeschichte mit doppeltem Boden setzt sich zusammen. Aber war denn auch wirklich alles wahr?

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