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Veröffentlicht am 08.08.2023

Zwischen den Zeiten

Zwischen den Sommern
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In ihrem zweiten Band der Heimkehr-Trilogie „Zwischen den Sommern“ erzählt Bestsellerautorin Alexa Henning von Lange empathisch und packend die generationsübergreifende Familiengeschichte um Klara Möbius/Erfurt ...

In ihrem zweiten Band der Heimkehr-Trilogie „Zwischen den Sommern“ erzählt Bestsellerautorin Alexa Henning von Lange empathisch und packend die generationsübergreifende Familiengeschichte um Klara Möbius/Erfurt weiter. Autobiografisch inspiriert von den über 130 vererbten Tonbandkassetten voller persönlich eingesprochener Zeitgeschichte der eigenen Großmutter, ist der Roman trotzdem fiktiv und führt diesmal dramatisch-bewegend in das Grauen des Nationalsozialismus und die Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Klara leitet als junge Frau eine Frauenbildungsanstalt in Sandersleben – nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen haben, hat nun auch sie die neuen Leitlinien des Regimes zu beachten, die mit strengen Besuchen kontrolliert werden, und ist hin- und hergerissen zwischen Anpassung, Verantwortung für die Mädchen und der Anstalt sowie innerer Abwehr. Frisch mit ihrer großen Liebe Gustav verheiratet, wird er bald an die Front versetzt und Klara bleibt wie viele andere Frauen alleine im Schrecken und der verzweifelten Hilflosigkeit während des Krieges zurück. Zudem belastet sie, dass sie das jüdische Mädchen Tolla, das sie zehn Jahre lang wie ihre eigene Tochter erzogen hat, aus Angst vor der drohenden Gefahr ins Ausland weiterbringen ließ und nun im Unklaren über ihren Verbleib ist. Die Zeitspanne von Klaras Erzählungen reichen von 1939 bis circa 1944 – daneben verwebt Von Lange eine aktuellere Perspektive, 60 Jahre später von Enkelin Isabell im Jahre 2000. Diese findet nach dem Tod von Klara die besprochenen Kassetten und entdeckt zusammen mit ihrer Mutter eine ganz andere Seite der strengen, verschlossenen Großmutter. Zusammen stellen sie sich Fragen über Klaras bewegte Vergangenheit, über die nie gesprochen wurde.

In einer flüssig-leichten Sprache und mit vielen gut recherchierten Details taucht Alexa Henning von Lange szenisch dicht und zugleich dynamisch in ein Stück tragische historische Zeitgeschichte. Sie erzählt berührend von zerrissenen Biografien und dem Weiterleben unter dem Hakenkreuz für die deutsche Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges und bietet viel Stoff zum Diskutieren: Wie haben sich die eigenen Vorfahren während dieser Zeit verhalten und über was wurde generationsübergreifend jahrzehntelang geschwiegen?

Die zwei Zeitebenen fließen abwechselnd-ruhig ineinander und bieten mit Isabell nochmal einen anderen spannenden Blickwinkel in der Gegenwart. Im Nachwort schreibt Von Lange, dass ihre wahre Großmutter, die ebenso als Lehrerin ein Frauenbildungsheim unter den Nationalsozialisten geleitet hat, in ihren Aufzeichnungen nie über Verantwortung und Schuld geredet hat. Von Lange habe deswegen das weggegebene jüdische Waisenmädchen Tolla als Stellvertreter für dieses eiserne Schweigen und den Verlust der Unschuld fiktiv an Klaras Seite gestellt – diese Verknüpfung ist weniger überzeugend gelungen und hinterlässt eher weitere offene Fragen im Kontext dieser Zeit.

So ist der zweite Teil der Trilogie, der sich unabhängig von Teil Eins lesen lässt, vor allem eine unterhaltsam-fesselnde Geschichte aus der persönlichen Perspektive einer privilegierten, innerlich zerrissenen deutschen Frau im Zweiten Weltkrieg zwischen Angst, Zweifel, Pflichtausübung und Weiterleben in grausamen Zeiten – und weniger ein tiefgründiger Roman, der die moralische Schuld des Einzelnen im Nationalsozialismus aufwirft. Aber Klaras (Arbeits-)Alltag ohne Ehemann sowie ihre zwiegespaltenen Emotionen unter dem NS-Regime hat Alexa Henning von Lange feinfühlig-detailliert aufgefangen.

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Veröffentlicht am 03.08.2023

Gespiegelte Versionen

Die Einladung
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In ihrem neuen packenden Roman „Die Einladung“ entführt die vielgefeierte, amerikanische Autorin Emma Cline anhand einer jungen, widersprüchlichen Escort-Frau auf eine vielschichtig-düstere Weise in die ...

In ihrem neuen packenden Roman „Die Einladung“ entführt die vielgefeierte, amerikanische Autorin Emma Cline anhand einer jungen, widersprüchlichen Escort-Frau auf eine vielschichtig-düstere Weise in die exklusive Welt der Reichen in den Hamptons.

Die 22-jährige Alex hat schon viele Scherben und unbeglichene Schulden in ihrer dunklen Vergangenheit zurückgelassen – weg von New York, versucht sie sich in den Hamptons über Wasser zu halten, nachdem sie aus ihrer WG geflogen ist. Alex ist es gewöhnt, ihren Körper an Männer zu verkaufen und eine Weile bei ihnen wohnen zu dürfen – so wie bei dem älteren Kunsthändler Simon, in dessen Haus in den Hamptons sie exquisiten Zugang zu Essen, Kleidung und anderen Reichen hatte. Der Preis dafür ist hoch für die junge Frau, die sich präzise darin versteht, das Gegenüber zu erkennen und sich in diejenige zu verwandeln, die der andere haben will, um eine bessere Version von sich selbst zu sein. All ihre Abläufe und das tägliche Zurechtmachen sind gut einstudiert, aber auf einer Party verliert Alex die Contenance und verärgert Simon. Er schickt sie per Zug zurück in die Stadt, doch am Bahnhof überlegt es sich Alex anders: Sie möchte die wenigen Tage bis Simons Labor-Day-Party in den Hamptons verbringen, um ihn dann wieder umzustimmen. Doch wo soll sie wohnen, essen und überleben ohne Geld – dicht gefolgt von täglichen SMS-Drohungen ihres um Geld betrogenen Ex-Freiers Dom?

Mit einer angespannten Atmosphäre und einer stechend scharf-kühlen Prosa, die mit wenigen treffenden Sätzen die Stimmung in Alex und im Außenherum beschwört, zieht Emma Cline ihre Leserschaft gleich zu Beginn sogartig in die bestechende Odyssee ihrer Hochstaplerin. Alex probiert im wahrsten Sinne des Wortes, „den Kopf über Wasser zu halten“ und dringt mit ausgeklügelten, spontanen Plänen für kurze Zeit in die Welt verschiedenster, reicher Menschen ein, die ihr eigentlich verschlossen ist. Und überall hinterlässt sie latente Spuren von Verwüstung und Verwirrung – ein Abbild, wie es um sie steht und doch bleibt die Protagonistin dabei gespenstisch leer und ungreifbar.

Wiederkehrende Motive des Schwimmens, des Meeres und der Poolanlagen spielen dabei eine tragende Rolle, die Cline in wunderschönen sowie melancholischen Stimmungen auffängt – und doch schwingt über allem die allgegenwärtige Bedrohung mit, wie es mit der verlorenen Außenseiterin Alex weitergeht.

Gesellschaftskritische Themen wie die Riesenkluft zwischen Arm und Reich, die scheinheilige Welt der Superreichen, aber auch die schwierige Rolle einer jungen Frau zwischen Anpassung, Austauschbarkeit und Selbstbestimmtheit sind tiefgründige Themen dieses mitreißenden Romanes. Aber an erster Stelle steht das brillant konstruierte Psychogramm einer Frau, die in verschiedene Rollen und Versionen schlüpft, um in einem kapitalistischen, von ungleichen Machtstrukturen geprägten System zu überleben – dabei gibt sie nie ihr Innerstes preis und spiegelt präzise, bewegend sowie aufrüttelnd die emotional unterkühlte, oberflächliche Gesellschaft ihr gegenüber.

Und auch wenn das zweideutige Ende vage im Nebel des Meeres verschwimmt – es wird nur konsequent weitergeführt, was die beklemmend-spannende Stimmung vorher vorgegeben hat. Ein beunruhigender, faszinierender und nuanciert-scharfsinnig komponierter Roman.

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Narben und Hoffnung

Hotel Silence
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In ihrem neu ins Deutsche übersetzten Roman „Hotel Silence“ erzählt die renommierte isländische Autorin und Kunstwissenschaftlerin Auður Ava Ólafsdóttir ein feinfühlig-skurriles sowie modern-poetisches ...

In ihrem neu ins Deutsche übersetzten Roman „Hotel Silence“ erzählt die renommierte isländische Autorin und Kunstwissenschaftlerin Auður Ava Ólafsdóttir ein feinfühlig-skurriles sowie modern-poetisches Märchen über einen suizidalen Mann, der in einem traumatisierten, ehemaligen Kriegsland neuen Lebensmut schöpft. Dabei spielen seelische und äußere, sichtbare und unsichtbare Narben eine bedeutende Rolle – so wie der Originaltitel „Ör“ (Narben) andeutet.

Jónas Ebeneser ist fast 50 und steckt in einer tiefen Lebenskrise – seine Mutter ist dement und lebt im Pflegeheim, seine Frau Gudrun hat ihn verlassen und dabei noch schnell verkündet, dass die gemeinsame Tochter gar nicht seine leibliche ist. Der sensible und auch praktisch veranlagte Protagonist beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, ohne seine Leiche den Hinterbliebenen zuzumuten. Kurzerhand pickt er sich ein vom Krieg völlig zerstörtes Land heraus und bucht sich dort in einer Stadt am Meer im Hotel Silence ein. Vorher lässt er sich noch quer über seinem gebrochenen Herzen eine große Wasserlilie tätowieren und als spartanisches Gepäck nimmt er nur seinen Werkzeugkoffer samt Bohrmaschine mit. Während dieses erste Kapitel mit dem archaischen Titel „Fleisch“ trotz melancholisch-depressiver Grundstimmung sehr makaber-humorvoll geschrieben ist und bildhaft an Filmen von Aki Kaurismäki denken lässt, geht es im zweiten Hauptkapitel „Narben“ überwiegend ernsthafter zu.

Schon während der Fahrt ins Hotel Silence wird klar: das von der Autorin anonym gelassene Land ist vom Krieg nicht nur äußerlich schwer gezeichnet und zerstört. Schnell gewinnt Jónas das Vertrauen der zwei Geschwister Mai und Fifi, die das Hotel momentan betreiben, indem er handwerklich sehr geschickt repariert, was ihm aufgetragen wird. Dabei erzählen ihm die Menschen in der Stadt von den grausamen Gräueltaten und persönlichen Schicksalen – die meisten Männer sind ermordet worden und die verbliebenen Frauen seelisch verwundet. Die Wiederaufbauarbeiten im Außen heilen allmählich auch Jónas im Inneren und die Verbundenheit mit den Menschen wirkt wie ein Pflaster auf seinen Narben. Nach und nach erweckt auch Mais kleiner Sohn Adam wieder zum Leben, nachdem er aufgehört hat zu sprechen und in schwarz-roten Zeichnungen seinem Bild der Zerstörung freien Lauf lässt. Jónas erkennt: „In einem Land des Todes ist es weniger dringend, zu sterben.“ (S. 125)

Auður Ava Ólafsdóttir ist eine brillante Komponistin ihrer Erzählungen – mit knapp-pointierten Sätzen und vielen treffenden Zitaten aus der Literatur und Lyrik zeichnet sie ein dichtes, bewegendes und sehr menschliches Bild von Trauer, Schmerz sowie Zerstörung, das viel Platz für eigene Gedanken und die aufkeimende Hoffnung lässt. Dabei changiert sie in einer stilistisch faszinierenden Sprache gekonnt zwischen Ironie, schwarzem Humor und viel Tiefgründigkeit. Dass sie den Ort der Handlung nie namentlich benennt und metaphorisch einige Kriegsschauplätze in diesen verwebt, könnte in Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine nicht aktueller sein. Auch ihre erzählerischen Bilder sind sehr eindringlich: das Wandmosaik, ein Postkarten-Ständer oder Plattenspieler, die den Krieg überlebt haben sowie Jónas' Selbsterforschung anhand alter Tagebücher und der neuen Sprache: „Wie viele Wörter braucht man, um zu überleben?“ (S. 183)

Ein wundervoller, tiefsinniger Roman zwischen Humor und Ernst, ausgezeichnet mit dem Preis des Nordischen Rates, der trotz fließend-leichter Unterhaltung existenzielle Fragen behandelt – und stark nach einer adäquaten Verfilmung ruft.

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Veröffentlicht am 09.07.2023

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Flüchtige Freunde
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Die amerikanische Autorin Anna Caritj verwebt in ihrem atmosphärischen Debütroman „Flüchtige Freunde“ die mentale Entwicklung einer jungen, instabilen Frau mit einem mysteriösen Vermisstenfall an einem ...

Die amerikanische Autorin Anna Caritj verwebt in ihrem atmosphärischen Debütroman „Flüchtige Freunde“ die mentale Entwicklung einer jungen, instabilen Frau mit einem mysteriösen Vermisstenfall an einem Campus.

Leda ist an ihrer Universität in einer Schwesternschaft – nach dem Tod ihrer Mutter, den sie noch nicht verarbeitet hat und als Trauma in sich verkapselt trägt, verspricht sie sich dort Halt und Zugehörigkeit. Nach einer exzessiven Partynacht an Halloween, bei denen viele junge Männer und Frauen jegliche Hemmungen verlieren, wacht Leda ohne Erinnerung und einer blutigen Lippe auf. Sie fragt sich, ob sie in dieser Nacht Sexualverkehr mit ihrem Schwarm Ian hatte und ob dieser einvernehmlich war. Und gleichzeitig verschwindet nach dieser Party ihre flüchtige Bekannte im Schwanenkostüm Charlotte und ist nicht auffindbar. Wurde sie vergewaltigt und umgebracht?

Während am College-Campus großflächige Suchaktionen, Diskussionen und gesellschaftspolitische Events zu Charlotte stattfinden, verstrickt sich Leda in ihren Projektionen auf Charlotte immer mehr in ein verwirrendes Gedankenkarussell und in ein fast schon wahnhaftes Verhalten. Sie sucht Charlottes Haus auf, nimmt sich dort eine Reihe privater Postkarten mit und macht sich obsessiv auf die Suche nach Charlottes letzten Tagen und Verbleib. Dabei sucht Ian immer wieder Kontakt zu ihr – kann sie ihm vertrauen und was genau ist in der Halloween-Nacht passiert?

Packend und bewegend dringt Anna Caritj dabei in einer Art des ewigen Monologs tief in die Gedanken und Seele der Protagonistin ein – auch wenn sich vieles dabei wiederholt, sind die Erinnerungsfetzen an ihre Mutter gemischt mit ihrer Unsicherheit in Sachen Sex, Verbundenheit und Liebe sehr greifbar. Dabei nutzt die Autorin treffsicher-schöne Metaphern aus der Astronomie oder Tierwelt und nimmt erzählerisch jedes Detail in der Umwelt wahr. Filmisch und dicht schildert sie zudem das Campusleben und die anderen Handlungsorte wie Charlottes Haus oder Farm, in der sie das rabiate Herdenverhalten der Ziegen ausführlich beobachtet. Darüber hinaus spricht Caritj durch Ledas verworrene Wahrnehmung einige gesellschaftspolitische Themen an, allen voran selbstbestimmte Sexualität und Vergewaltigung. Aber auch Familie, Freundschaft, Trauer, Unsicherheit in Bindungen und die Suche nach Zugehörigkeit spiegeln sich vage im Roman, während so manche Hauptfigur wie Ian sehr blass in der Charakterzeichnung bleibt.

Doch leider stolpert das vielversprechende Debüt am Ende über das eigene Konstrukt – Leda versucht ihr verdrängtes Trauma und den After-Party-Blackout mit Charlottes Verschwinden zu verknüpfen und aufzulösen. Das schafft sie auch, aber nachdem in unzähligen, treibenden Kapiteln voller Zerrissenheit, Bedrohungen und drehender Bewegung mit repetitiven Fragen ein großer Spannungsanstieg konstruiert wurde, fällt die Auflösung und Heilung des Traumas psychologisch sehr knapp und unglaubwürdig aus. Auch die anfänglichen Bezüge zur Leda-und-Zeus-Mythologie (Originaltitel) verlaufen sich gnadenlos im Sande.

Trotzdem bleibt Anna Caritj eine sprachlich talentierte Autorin, von der gespannt erwartet werden darf, was noch von ihr erscheinen wird!

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Veröffentlicht am 14.06.2023

Apokalypse am Himmel

Blue Skies
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In seinem 19. Roman „Blue Skies“ verwebt der berühmte Bestseller-Autor T. C. Boyle düster-schwarzhumorig ein turbulentes Familiendrama mit der allgegenwärtigen, drastischen Klimakrise. Dabei spielen unterhaltsam ...

In seinem 19. Roman „Blue Skies“ verwebt der berühmte Bestseller-Autor T. C. Boyle düster-schwarzhumorig ein turbulentes Familiendrama mit der allgegenwärtigen, drastischen Klimakrise. Dabei spielen unterhaltsam wiederkehrende tierische Motive, sowie das (nicht)mögliche Anpassungsvermögen der Menschen an die sich verändernden äußeren Umständen eine große, satirische Rolle.

Im Mittelpunkt des rasanten Geschehens steht exemplarisch die amerikanische Familie Cullen: die Eltern Frank und Ottilie mit den erwachsenen Kindern Cat und Cooper. Aus abwechselnd erzählerischen Perspektiven schildert Boyle gewohnt ironisch und plastisch die persönlichen Erlebnisse der Protagonisten, aber auch, wie die Klimakrise immer weiter bedrohlich in ihr Leben dringt. Cat ist Social-Media-Influencerin, trinkt zu viel, lebt in einem Beach House auf Stelzen in Florida und träumt von großer Berühmtheit mit vielen Likes, während ihr Verlobter Todd viel auf Geschäftsreise als Bacardi-Manager ist. Um ihr Instagram-Konto zu pushen, schafft sie sich gedankenlos die Phyton-Schlange Willie an, die für viel verhängnisvollen Trubel sorgen wird. Bruder Cooper ist scheinbar ernster Wissenschaftler und studiert ausführlich das Insektensterben und die Auswirkungen des Klimas auf die Tier- und Pflanzenwelt. Ein Zeckenbiss hat ihm den halben Arm gekostet. Mutter Ottilie schwitzt unter der Hitze Kaliforniens und forscht an einer alternativen Eiweißzufuhr mit Heuschrecken, während Cat in Florida immer öfter durch Wassermassen zu ihrem Haus waten muss.

Nach und nach nimmt die dystopisch-groteske und sehr unterhaltsame Handlung samt Boyles zynisch-bitterkomischen Sarkasmus immer weiter Fahrt auf – packend und teils extrem fließen Schicksalsschläge der Familie in unterschiedlichste (teils naiv-oberflächliche) Blickwinkel auf die Klimaapokalypse und Katastrophen aller Art. Neben Starkstürmen, Hochwasser, Waldbränden, Killerinsekten und Artensterben spricht Boyle noch viele weitere Themen wie Mutterschaft, Konsum, Alkoholsucht, Tierhandel oder körperliche Behinderung an, die aber in der Fülle und Lakonie hier und da etwas untergehen. Bewegend und mitreißend ist ihm dagegen die Mutter-Tochter-Beziehung und seine eindringliche Warnung zur Klimakrise gelungen – bei den atmosphärisch dichten und drastischen Schilderungen bleibt einem als Leser oft das Lachen im Halse stecken, denn zu aktuell und brisant sind die Auswirkungen schon jetzt. Und auch wenn es Boyle hier und da in seinem apokalyptischen Roman auf die Spitze treibt, hinterlässt er ein latent ungutes Gefühl – denn soweit entfernt sind wir von diesen Katastrophen nicht mehr. Gekonnt lässt Boyle auch im Hintergrund erzählerisch Nachrichten zur Klimakrise einfließen, doch erst als die Auswirkungen greifbar und direkt betreffen, versuchen seine Hauptakteure hilflos-überfordert zu denken. Doch gibt es noch Hoffnung?

„Blue Skies“ ist zwar nicht Boyles bester Roman, aber sehr tragikomisch-ergreifend und scharf gesellschaftskritisch konstruiert sowie präzise recherchiert und (leider) am erschreckenden Puls der Zeit. Und während Ella Fitzgerald im gleichnamigen Lied eher vom positiven Leben und schönem Wetter singt, zeichnet T. C. Boyle ein desaströses Bild einer Katastrophe am Himmel.

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