Zwischen den Zeiten
Zwischen den SommernIn ihrem zweiten Band der Heimkehr-Trilogie „Zwischen den Sommern“ erzählt Bestsellerautorin Alexa Henning von Lange empathisch und packend die generationsübergreifende Familiengeschichte um Klara Möbius/Erfurt ...
In ihrem zweiten Band der Heimkehr-Trilogie „Zwischen den Sommern“ erzählt Bestsellerautorin Alexa Henning von Lange empathisch und packend die generationsübergreifende Familiengeschichte um Klara Möbius/Erfurt weiter. Autobiografisch inspiriert von den über 130 vererbten Tonbandkassetten voller persönlich eingesprochener Zeitgeschichte der eigenen Großmutter, ist der Roman trotzdem fiktiv und führt diesmal dramatisch-bewegend in das Grauen des Nationalsozialismus und die Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Klara leitet als junge Frau eine Frauenbildungsanstalt in Sandersleben – nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen haben, hat nun auch sie die neuen Leitlinien des Regimes zu beachten, die mit strengen Besuchen kontrolliert werden, und ist hin- und hergerissen zwischen Anpassung, Verantwortung für die Mädchen und der Anstalt sowie innerer Abwehr. Frisch mit ihrer großen Liebe Gustav verheiratet, wird er bald an die Front versetzt und Klara bleibt wie viele andere Frauen alleine im Schrecken und der verzweifelten Hilflosigkeit während des Krieges zurück. Zudem belastet sie, dass sie das jüdische Mädchen Tolla, das sie zehn Jahre lang wie ihre eigene Tochter erzogen hat, aus Angst vor der drohenden Gefahr ins Ausland weiterbringen ließ und nun im Unklaren über ihren Verbleib ist. Die Zeitspanne von Klaras Erzählungen reichen von 1939 bis circa 1944 – daneben verwebt Von Lange eine aktuellere Perspektive, 60 Jahre später von Enkelin Isabell im Jahre 2000. Diese findet nach dem Tod von Klara die besprochenen Kassetten und entdeckt zusammen mit ihrer Mutter eine ganz andere Seite der strengen, verschlossenen Großmutter. Zusammen stellen sie sich Fragen über Klaras bewegte Vergangenheit, über die nie gesprochen wurde.
In einer flüssig-leichten Sprache und mit vielen gut recherchierten Details taucht Alexa Henning von Lange szenisch dicht und zugleich dynamisch in ein Stück tragische historische Zeitgeschichte. Sie erzählt berührend von zerrissenen Biografien und dem Weiterleben unter dem Hakenkreuz für die deutsche Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges und bietet viel Stoff zum Diskutieren: Wie haben sich die eigenen Vorfahren während dieser Zeit verhalten und über was wurde generationsübergreifend jahrzehntelang geschwiegen?
Die zwei Zeitebenen fließen abwechselnd-ruhig ineinander und bieten mit Isabell nochmal einen anderen spannenden Blickwinkel in der Gegenwart. Im Nachwort schreibt Von Lange, dass ihre wahre Großmutter, die ebenso als Lehrerin ein Frauenbildungsheim unter den Nationalsozialisten geleitet hat, in ihren Aufzeichnungen nie über Verantwortung und Schuld geredet hat. Von Lange habe deswegen das weggegebene jüdische Waisenmädchen Tolla als Stellvertreter für dieses eiserne Schweigen und den Verlust der Unschuld fiktiv an Klaras Seite gestellt – diese Verknüpfung ist weniger überzeugend gelungen und hinterlässt eher weitere offene Fragen im Kontext dieser Zeit.
So ist der zweite Teil der Trilogie, der sich unabhängig von Teil Eins lesen lässt, vor allem eine unterhaltsam-fesselnde Geschichte aus der persönlichen Perspektive einer privilegierten, innerlich zerrissenen deutschen Frau im Zweiten Weltkrieg zwischen Angst, Zweifel, Pflichtausübung und Weiterleben in grausamen Zeiten – und weniger ein tiefgründiger Roman, der die moralische Schuld des Einzelnen im Nationalsozialismus aufwirft. Aber Klaras (Arbeits-)Alltag ohne Ehemann sowie ihre zwiegespaltenen Emotionen unter dem NS-Regime hat Alexa Henning von Lange feinfühlig-detailliert aufgefangen.