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anushka

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.03.2026

Lose verbunden, weltweit verstrickt - Geschichten von globaler Ausbeutung

Liefern
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Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den ...

Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den Argentinier Rámon. Sachin muss in Neu Delhi als alleinstehende, seltene weibliche Essenslieferantin die Existenz ihrer kleinen Familie sichern. Der Erzähler reist mit einem Freund zur Haartransplantation nach Istanbul und trifft dort auf den studierten Essenslieferanten Resul. Ciervo versucht in Argentinien der drohenden Armut als Essenslieferant und Onlinespieler zu entgehen. Akiny findet in Kenia endlich Arbeit auf einer Rosenfarm.

All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.

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Veröffentlicht am 11.01.2026

Mit einem psychologischen Spannungsroman hatte ich nicht gerechnet

Die Insel meiner Schwester
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Mirjam hat gerade keine gute Zeit. Sie verarbeitet noch die Trennung von ihrem langjährigen Freund, während sie gleichzeitig versucht, im Arbeitsalltag als Lehrerin zu funktionieren. Da erreicht sie eine ...

Mirjam hat gerade keine gute Zeit. Sie verarbeitet noch die Trennung von ihrem langjährigen Freund, während sie gleichzeitig versucht, im Arbeitsalltag als Lehrerin zu funktionieren. Da erreicht sie eine Nachricht ihrer Schwester Nia, zu der sie seit längerem keinen Kontakt mehr hatte. Nia lädt sie zu ihrem 40. Geburtstag auf Tallholmen, eine Insel in den Schären, ein. Hier haben die beiden die Sommer ihrer Kindheit als unzertrennliche Freundinnen verbracht. Mirjam hat immer bedingungslos zu Nia gehalten, doch noch bevor die Nacht zu Ende ist, muss sie entscheiden, wie weit sie wirklich für Nia gehen würde.

Ich bin mit einer gewissen Erwartung an diese Leseprobe herangegangen. Ich hatte einen Roman über Familiengeheimnisse oder ähnliches erwartet. Faszinierend fand ich besonders das Inselsetting. Die Leseprobe, die ich vorab gelesen hatte, zeugte von einem einfühlsamen Schreibstil, der die Emotionen der Protagonistin sehr treffend vermitteln und nachfühlbar machen konnte. Das hatte mich direkt abgeholt. Auf den Seiten danach wurde schnell deutlich, dass zu diesem Buch möglicherweise eine Triggerwarnung fehlt. Denn so nachfühlbar die Autorin über den Trennungsschmerz von Mirjam schreiben konnte, so distanzlos schreibt sie auch über die häusliche Gewalt, die hier zum zentralen Thema wird. Kaum auf der Insel angekommen, kippt die Handlung schnell von einem zunächst vermuteten belletristischen Roman zu einem psychologischen Spannungsroman mit Thrillerelementen im Stile von Paula Hawkins. Damit hatte ich eher weniger gerechnet. Leider rückten die gesellschaftskritischen Töne durch die Spannungshandlung in den Hintergrund. Gleichzeitig wird das Tempo ausgebremst durch Rückblenden, die die Beziehungen der verschiedenen Figuren und verschiedene Entwicklungen nachzeichnen. Auch ist Mirjams Ergebenheit Nia gegenüber nicht immer ganz nachvollziehbar.

Insgesamt war ich etwas enttäuscht von "Die Insel meiner Schwester", da meine Erwartungshaltung eine andere war als das, als was sich das Buch letztlich entpuppte. Die Autorin konnte zwar Spannung aufbauen und der ein oder andere Nervenkitzel war auch dabei. Dennoch war die Handlung weitgehend vorhersehbar bzw. nicht wirklich neu und wurde zum Ende hin dann etwas übertrieben. Auch das Ende war wenig überraschend. Das Buch eignet sich vor allem für Fans von psychologischen Spannungsromanen im Stile der späteren Hawkins-Bücher und ähnlicher Romane.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Vielschichtiger Familienroman vor der Kulisse der Staatsgründung Israels

Adama
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im Jahr 2009 stirbt Hannas Mutter Esther in Miami. Von ihrer Zeit vor den USA hat sie nie viel erzählt. Da sind nur ein Akzent, ein paar Brocken Hebräisch, ein paar alte Lieder und ein Aschenbecher mit ...

im Jahr 2009 stirbt Hannas Mutter Esther in Miami. Von ihrer Zeit vor den USA hat sie nie viel erzählt. Da sind nur ein Akzent, ein paar Brocken Hebräisch, ein paar alte Lieder und ein Aschenbecher mit der Gravur "Palästina". Von der Familie weiß Hanna nicht viel. Dann rollt das Buch die Familiengeschichte von Esther und ihren Vorfahren und Vorfahrinnen auf: Im Jahr 1946 erreicht die junge Ruth Palästina, um im Kibbuz Trashim zu leben und den Staat Israel für das jüdische Volk aufzubauen. Ruth selbst hat ein ungarisches KZ überlebt. Jetzt ist sie hart, überzeugte Zionistin und geht buchstäblich über Leichen. Ruth wird über Jahrzehnte eine tragende Figur des Kibbuz werden und nicht wenige ihrer eigenen Familienmitglieder werden ins Kreuzfeuer ihrer Kämpfe geraten.

"Adama" ist ein intensives, vielschichtiges Buch. Von Abschnitt zu Abschnitt bewegt man sich durch Ruths Familiengeschichte vorwärts. Das Leben im Kibbuz und der Kampf um das Land werden aus wechselnden Perspektiven erzählt. Dabei spart der Autor nicht mit verdeckter Kritik am Kibbuz-Leben sowie am Vorgehen der Zionist:innen. Die blutige und gewaltvolle Landnahme wird teils sehr detailliert dargestellt und weckt Sympathie mit den ursprünglichen Einheimischen. Auch wenn das Buch trotz des Labels kein klassischer Thriller ist, gibt es jede Menge blutige Vorfälle und Todesfälle. Das braucht manchmal einen starken Magen. Die zentrale Figur Ruth ist keine Sympathieträgerin und wird auch nicht als solche gezeichnet. Man empfindet deutlich mehr Sympathie mit ihren Nachkommen, die unter ihrer Herrschaft in der ein oder anderen Form leiden. Ruth wird zwar als starke Frau gezeichnet, jedoch nicht unbedingt im positiven Sinn: sie ist vom Leben abgehärtet, rachsüchtig und skrupellose Widerstandskämpferin gegen die britische Verwaltung sowie die einheimische Bevölkerung. Die verschiedenen Handlungsstränge hängen in sehr gelungener Form oft an dünnen Fäden zusammen, doch dadurch entsteht ein komplexes Gesamtbild, das unterschiedliche Sichtweisen und die Wirkung familiärer und transgenerationaler Traumata sichtbar macht.

Insgesamt ist "Adama" ein gelungenes, wenn auch durchaus brutales Buch, das historische Hintergründe sehr gut begreifbar macht und gleichzeitig kritisch betrachtet. Hier wird nichts beschönigt und dennoch Spannung aufgebaut, sowie Sympathie mit einzelnen Mitgliedern des Familiennetzwerks geweckt und deutlich gemacht, wie die Nachkommen unter den Traumata der vorherigen Generationen leiden. "Adama" ist definitiv kein einfaches, aber ein lohnenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Zwischen Voyeurismus und Empathie - Die Erzählung eines spektakulären Kriminalfalls

Protokoll eines Verschwindens
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Gabriel ist seiner Schwester Isabella nach Deutschland gefolgt um den Gefahren und der Perspektivlosigkeit der Favela in Rio de Janeiro zu entkommen. Der junge Mann findet Arbeit in einer IT-Firma. Anschluss ...

Gabriel ist seiner Schwester Isabella nach Deutschland gefolgt um den Gefahren und der Perspektivlosigkeit der Favela in Rio de Janeiro zu entkommen. Der junge Mann findet Arbeit in einer IT-Firma. Anschluss sucht er in Hamburgs Partyszene, wo er dem Krankenpfleger Fabio begegnet. Kurz darauf erhält Isabella einen Anruf, dass ihr Bruder vermisst wird.

Der Autor hat diesen wahren Fall intensiv verfolgt und journalistisch begleitet. Hier werden verschiedene Perspektiven beleuchtet und schon von Anfang an wenig offen gelassen. Es wird relativ schnell klar, was passiert ist, der Fokus dieses Buchs liegt deutlich stärker darauf, die einzelnen Geschichte zu erzählen. Isabella sucht verzweifelt nach ihrem Bruder, wird von den deutschen Behörden jedoch ziemlich allein gelassen. Es gibt auch Einblicke in die Herkunft von Gabriel. Parallel wird Fabios Geschichte erzählt, der ein Zimmer seiner Wohnung untervermietet und regelmäßig Sex mit seinen Mietern hat, notfalls unter Zuhilfenahme von Betäubung. Gleichzeitig geht er mit der netten alten Dame von nebenan zu kulturellen Veranstaltungen, während seit Monaten eine Leiche in seiner Wohnung liegt. Viele Szenen sind sehr explizit und lassen ein "Wegsehen" kaum zu. Hier habe ich mich gefragt, ob diese Ausführlichkeit wirklich immer nötig war, da es durchaus voyeuristisch wirkte. Der Autor führt später auch Interviews mit Fabio, in denen gewisse Persönlichkeitszüge von Fabio durchscheinen, die jedoch wenig eingeordnet werden. Es geht aber auch darum, wie es sein kann, dass über Monate hinweg eine Leiche in einer Wohnung liegt und niemand es bemerkt bzw. meldet. Demgegenüber stehen die Emotionen von Gabriels Familie. Der Autor räumt hier der Familie und ihrer Trauer mehr Platz ein und versucht, den Fokus stärker auf das Opfer und auch die weiteren Opfer von Fabio zu legen. Das gelingt meiner Meinung nach nicht immer, weil der Kriminalfall doch zu spektakulär aufgemacht wird und die Details zu stark ausgeschmückt werden. Auch kommen die Enden der Erzählstränge am Ende des Buchs nicht so recht zusammen und es bleibt unklar, mit welcher Intention jenseits des Erzählens eines aktuellen spektakulären Kriminalfalls diese Geschichte erzählt wird.

Für Fans von True Crime ist dies meiner Meinung nach ein gutes und fesselndes Buch. Der Autor hält sich wenig mit Nebensächlichkeiten auf und ist nah an den beteiligten Personen dran. Dennoch konnte ich ein gewisses Unwohlsein aufgrund der Skrupellosigkeit des Täters, aber auch der direkten und schonungslosen Schilderung der Details nicht abschütteln während die große Nähe zu den Angehörigen gleichzeitig ein Gefühl von Betroffenheit hinterlässt.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Schonungsloser Blick auf die Folgen eines Femizids

Da, wo ich dich sehen kann
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Im Leben der neunjährigen Maja ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie zuvor. Der von ihr geliebte Vater hat ihre Mutter Emma getötet und sitzt dafür im Gefängnis. Während das Umfeld versucht, ...

Im Leben der neunjährigen Maja ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie zuvor. Der von ihr geliebte Vater hat ihre Mutter Emma getötet und sitzt dafür im Gefängnis. Während das Umfeld versucht, Maja aufzufangen, kämpfen sie selbst mit den Folgen. Emmas Eltern haben ihr einziges Kind verloren und verzweifeln an ihren Schuldgefühlen, während sie gleichzeitig versuchen, Maja ein neues Zuhause zu geben. Liv hat mit Emma ihre beste Freundin seit Jugendtagen verloren und bereut die Entfremdung, die sich zwischen den beiden eingeschlichen hatte. Als Astrophysikerin zeigt sie Maja die Geheimnisse des Universums und übernimmt unfreiwillig zunehmend Verantwortung für ihr Patenkind, obwohl sie selbst nie Kinder wollte.

Dieser Roman gibt einen schonungslosen Blick auf die Folgen von Gewalt gegen Frauen. Die Tat selbst steht nicht im Zentrum der Handlung und gleichzeitig ist sie allesbestimmend. Es geht nicht um den Täter und was genau wie passiert ist, sondern es geht vor allem um die Folgen für die Hinterbliebenen.
"Menschen hinterlassen mehr als Erinnerungen, sie hinterlassen Schwarze Löcher, die dich gnadenlos anziehen und in den Abgrund reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Wenn jemand geht, fehlt nicht nur die Person, sondern auch ein Stück von jedem, der bleibt." Und genau das setzt dieser Roman perfekt um. Das Schwarze Loch und die fehlenden Stücke bei jeder der Figuren sind intensiv spürbar. Regelmäßig hatte ich einen Kloß im Hals, weil die Autorin die Gedanken und Emotionen von Emmas Eltern, Liv und Maja so lebensnah dargestellt hat. Besonders anschaulich wird die Geschichte durch zusätzlich eingestreute Zeichnungen von Majas Bildern, aber auch für die erwachsenen Figuren gibt es jeweils einen Abschnitt, der einer imaginierten alternativen Realität nachspürt, in der die Figuren darüber nachdenken, was hätte sein können, hätten sie an entscheidenden Punkten anders reagiert. Ein Transkript des Anrufs bei der Polizei, gerichtliche Dokumente und die Unterlagen weiterer Institutionen und Hilfeeinrichtungen lassen das ganze wie einen echten Fall wirken.

Dieses Buch ist wirklich geeignet, einem das Herz zu brechen. Es widmet sich einem wichtigen gesellschaftlichen Thema und richtet den Blick auf die, die in Berichten über Femizide in der Presse und True-Crime-Podcasts selten eine Stimme bekommen. Es zeigt das Leid, das durch den Mord an einer Frau erzeugt wird extrem anschaulich und nachfühlbar und war mit das Schwerste und gleichzeitig Beste, was ich dieses Jahr gelesen habe.

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