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Veröffentlicht am 20.04.2020

Intensiver, aufrüttelnder aber sehr anstrengend zu lesender Roman

Milchmann
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INHALT

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt ...

INHALT

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

(Quelle: Tropen Verlag – Erscheinungsdatum: 22.2.20 – ISBN: 978-3-608504682 - Übersetzung aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll)



MEINE MEINUNG

Der Roman » Milchmann « aus der Feder der nordirischen Autorin Anna Burns wurde bereits 2018 mit dem Man Booker Prize - dem bedeutendsten britischen Literaturpreis - ausgezeichnet und ist nun auch auf Deutsch erschienen.

Es ist ein faszinierender, aufwühlender und äußerst eindringlich geschriebener Roman mit sehr bissigem Humor, der eine sehr ernste und erstaunlich aktuelle Thematik behandelt, macht er doch deutlich wie nachhaltig der Alltag durch einen Bürgerkrieg beeinträchtigt werden kann und welche Auswirkungen die permanente Gewalt auf die Zivilgesellschaft hat.

Obwohl die Autorin bewusst den Handlungsort, die Schauplätze und sogar das Zeitkolorit weitgehend unkenntlich gemacht hat und beispielsweise mit „jenseits der See“ oder „jenseits der Grenze“ umschrieben hat, fällt einem die Verortung der Handlung nicht schwer. Ihre Geschichte ist während des Nordirland-Konflikts in den 1970ger Jahren in einem katholischen Viertel in Belfast angesiedelt – einem Bürgerkrieg, in dem Autobomben, Erschießungskommandos und Tote den Alltag beherrschten.

Bereits der verstörende Beginn des Romans mit dem ersten Satz „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb." konfrontiert uns mit einer schockierenden Welt voller Gewalt und Brutalität.

Die 18-jährige namenlose Ich-Erzählerin schildert rückblickend über eine Verkettung von ungeheuerlichen Ereignissen, die man zunächst gar nicht richtig einzuordnen vermag.

Unbeabsichtigt hat die junge Erzählerin die Aufmerksamkeit eines über 40-jährigen Manns, der ein hochrangiger und hochgeschätzter Untergrundkämpfer ist und von allen „Milchmann“ genannt wird, auf sich gezogen. Obwohl sie ihm keine Beachtung schenkt, lauert er ihr beim Joggen regelmäßig auf und stalkt sie hartnäckig. Schon bald gehen Gerüchte im Viertel um und ihr wird eine Affäre ihm unterstellt.

Aus Sicht der Erzählerin erfahren wir hautnah wie sehr die permanente Angst vor Begegnungen mit Milchmann und die kursierenden Gerüchte ihr nicht nur psychisch sondern zunehmend auch physisch zusetzen.

Die Autorin bedient sich einer besonderen, Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführten, nicht-linearen Erzähltechnik, bei welcher der Erzählschwerpunkt weniger auf der eigentlichen Handlung liegt, sondern eher assoziative und sehr ausschweifende Betrachtungen an Erzähltes anknüpfen. Obwohl es anfangs äußerst schwierig ist, sich in den ungewöhnlichen und sehr anstrengenden Schreibstil der Autorin mit viel schwarzem Humor hineinzufinden, dauert es nicht lange, bis man dem sehr authentisch wirkenden, inneren Monolog und endlos mäandrierenden Gedankenfluss der Ich-Erzählerin gebannt folgt. Die sehr vielschichtig angelegte Protagonistin wird als eine eigenwillige, kritisch eingestellte und sehr clevere junge Frau geschildert, die am liebsten den Kopf in alte Schmöker aus dem 18. Jahrhundert steckt und im Gehen liest, um bloß nicht aufzufallen. Von allen Seiten wird sie mit verschiedensten Erwartungen konfrontiert und unter Druck gesetzt, so dass sie weit davon entfernt ist, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Sehr unmittelbar nehmen wir Anteil an der intensiven Innenansicht der Hauptfigur, ihren sehr abschweifenden Gedanken und ambivalenten Einstellung zu ihrem Alltag und dem Leben in ihrem Bezirk, das geprägt ist von Tratsch, Misstrauen, Verleumdungen, Bespitzelungen und permanenter Angst. Alles unterliegt den strengen, oft widersinnigen Regeln der Gemeinschaft, denen man sich unterzuordnen hat. Gekonnt beschwört die Autorin einen unglaublich komplexen, höchst beklemmenden und kafkaesk anmutenden Mikrokosmos herauf, der sich während der langandauernden Konflikte herausgebildet und immer absurdere Züge angenommen hat. Sie schildert anhand einer Vielzahl von Beispielen eine Gesellschaft mit komplexen Loyalitätsregeln, die totalitäre Züge trägt, und ein Urmisstrauen gegen die Staatsgewalt und ihre Einrichtungen besitzt und verdeutlicht, was alles unter dem schädlichen Klima von Unterdrückung durch das Patriachat und der Kirche schiefläuft.

Faszinierend ist es mitzuerleben, wie die Protagonistin, die eigentlich unauffällig sein und sich aus den politischen Konflikten heraushalten möchte, mit ihrer schrägen, desinteressierten und distanzierten Art diesen seltsamen Mikrokosmos stört und zunehmend in den Augen der anderen suspekt erscheint. So verselbständigen sich allmählich die Gerüchte um sie immer mehr und eine Kaskade von fatalen Verwicklungen nimmt unaufhaltsam seinen Lauf. Doch in all dem Irrsinn und der Gewalt gibt es auch Hoffnungsträger wie die Themenfrauen und den Echten Milchmann.

Trotz aller Surrealität erzählt Anna Burns aber auch eine sehr beklemmende, authentische Geschichte über gesellschaftliche Entwicklungen, die auch auf andere Regime oder Bürgerkriegsgebiete übertragbar ist und sogar als Mahnung vor aktuellen Entwicklungen gedeutet werden kann.


FAZIT
Ein unglaublich intensiver, aufrüttelnder Roman über das Leben im Nordirland der 1970er-Jahre, der einen noch länger beschäftigt! Eine sehr anstrengende, herausfordernde aber lesenswerte Lektüre!

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Veröffentlicht am 05.04.2020

Eine großartige deutsch-italienische Familiensaga

Belmonte
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„~ Eine Gärtnerin, die ihre Wurzeln nicht kennt. ~ Ein Skandal, der die Vergangenheit bestimmt. ~ Eine Liebe zu Italien, die niemals endet. ~“
INHALT
Als ihre Großmutter Franca überraschend stirbt, erbt ...

„~ Eine Gärtnerin, die ihre Wurzeln nicht kennt. ~ Ein Skandal, der die Vergangenheit bestimmt. ~ Eine Liebe zu Italien, die niemals endet. ~“
INHALT
Als ihre Großmutter Franca überraschend stirbt, erbt Simona, italienisch-deutsches Gastarbeiterkind in der dritten Generation, deren Elternhaus in den italienischen Marken, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste. Die junge Landschaftsgärtnerin aus dem Allgäu macht sich auf in das ferne Belmonte, ein verträumtes, mittelalterliches Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Dort findet sie Aufzeichnungen mit Francas Lebensbeichte und folgt, gegen alle Widerstände, den Spuren ihrer Vorfahren, bis sie am Ende eine erschreckende Wahrheit enthüllt…
(Quelle: Piper Verlag)
MEINE MEINUNG
In ihrem Roman „Belmonte“ erzählt Antonia Riepp, ein Pseudonym der deutschen Bestseller-Autorin Susanne Mischke, eine großartige, bewegende deutsch-italienische Familiengeschichte, die sich über vier Generationen erstreckt. In ihrem berührenden Roman um Heimat, Identität, Freundschaft und Liebe erzählt Riepp die spannende Suche der jungen Protagonistin Simona nach ihren italienischen Wurzeln, bei der sie schließlich einige dunkle wie auch wohlgehütete Familiengeheimnisse aufdeckt, und die für die junge Frau zugleich auch eine Reise zu sich selbst wird.
Angesiedelt ist die Handlung zum einen im idyllischen Allgäu und zum anderen in dem malerischen, fiktiven Ort Belmonte, das in den italienischen Marken, einer wundervollen mittelitalienischen Region zwischen Adria und dem Apennin, liegt.
Die Autorin hat ihre viele Jahrzehnte umspannende Handlung auf unterschiedlichen Zeitebenen angelegt, die einander geschickt abwechseln. So lässt sie die Ereignisse in der Vergangenheit zum einen aus der Perspektive von Simonas Urgroßmutter Teresa und zum anderen von ihrer Oma Franca jeweils in der dritten Person erzählen, während wir die Gegenwart aus Simonas Sicht erleben. Danks des sehr einfühlsamen und zugleich mitreißenden Schreibstils der Autorin hat mich die faszinierende Familiensaga schnell gefangen genommen. Sehr gelungen sind die lebendigen und sehr bildhaften Beschreibungen des beschaulichen Dörfchens, der mediterranen Landschaft und der temperamentvollen Dorfbewohner, so dass man mühelos an Simonas Seite in eine wundervolle andere Welt eintauchen kann. Gekonnt zeichnet die Autorin aber auch ein bewegendes, eindringliches Bild der Lebensbedingungen und beleuchtet dabei die tragischen Schicksale der früheren Generationen – dem mutigen Kampf der Partisanen während des Zweiten Weltkriegs, den einengenden erzkatholischen Moralvorstellungen, der finanziellen Not in der Nachkriegszeit und dem Exodus als Gastarbeiter ins ferne Deutschland.
Die Autorin hat die Rückblicke in die Vergangenheit geschickt mit den Geschehnissen in der Gegenwart verwoben, so dass der Leser immer tiefer in die Geheimnisse der Familie hineingezogen wird. Erst allmählich erhalten wir aufschlussreiche Einblicke in das Leben der Verwandtschaft und einige überraschende Hintergründe zur Francas bewegter Vergangenheit werden gelüftet, wodurch die Spannung immer mehr gesteigert wird. So gibt es für uns Leser bis zur schrittweisen Auflösung einiger wohlgehüteter Geheimnisse viel Stoff zum Spekulieren.
Hervorragend gelungen ist der Autorin auch die vielschichtige Zeichnung ihrer vielen oft so unterschiedlichen Charaktere, die sehr authentisch und lebendig wirken, und deren Schicksale mich sehr berührt haben.

FAZIT
Eine eindrucksvoll erzählte, bewegende Familiengeschichte mit viel Zeit- und Lokalkolorit, die mich von der ersten bis zur letzten Seite fesseln konnte.
Ein sehr lesenswerter und unterhaltsamer Roman!

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Veröffentlicht am 05.04.2020

Eindrucksvoller Kriminalroman über den "Werwolf von Hannover"

Haarmann
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INHALT

Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den ...

INHALT

Im Hannover der 1920er-Jahre verschwinden Jungs, einer nach dem anderen, spurlos. Steckt ein bestialischer Massenmörder dahinter? Für Robert Lahnstein, Ermittler im Fall Haarmann, wird aus den Gerüchten bald schreckliche Gewissheit: Das Deutschland der Zwischenkriegszeit, selbst von allen guten Geistern verlassen, hat es mit einem Psychopathen zu tun. Lahnstein, der alles dafür gäbe, dass der Albtraum aufhört, weiß bald nicht mehr, was ihm mehr zu schaffen macht: das Schicksal der Vermissten; das Katz-und-Maus-Spiel mit dem mutmaßlichen Täter; die dubiosen Machenschaften seiner Kollegen bei der Polizei; oder eine Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass die junge Weimarer Republik sie vor dem Verbrechen schützen kann.

(Quelle: Penguin Verlag)


MEINE MEINUNG

In seinem zeitgeschichtlichen Kriminalroman „Haarmann“ greift der deutsche Autor und Zeit- und Spiegel-Reporter Dirk Kurbjuweit einen der spektakulärsten und brutalsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte auf. Fesselnd, eindringlich und äußerst vielschichtig erzählt er über den Fall um den legendären Serienmörder Fritz Haarmann in den 1920er Jahren, der später auch als „Werwolf von Hannover“, der „Kannibale“ oder als „Totmacher“ in die Geschichte einging.

Gekonnt nimmt uns der Autor mit auf eine faszinierende, beklemmende und verstörende Zeitreise. Doch nicht in die wilden, glamourösen Goldenen Zwanziger lässt uns Kurbjuweit eintauchen, sondern die dunkle Seite dieser bewegten und krisengeschüttelten Zeit nach dem ersten Weltkrieg führt er uns vor Augen. Kurbjuweit zeichnet ein facettenreiches Bild jener brisanten und politisch hochkomplexen Epoche und veranschaulicht dabei auch die äußerst labile Demokratie der jungen Weimarer Republik, die sich gegen radikale Strömungen zur Wehr setzen musste. Eingebettet in die fesselnde Ermittlungsarbeit erleben wir in zahlreichen anschaulichen Episoden die Not der Bevölkerung, die ums Überleben kämpft, die Traumata der Kriegsheimkehrer, die um sich greifende moralische Verrohung und die weit verbreitete Prostitution.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Ermittler Robert Lahnstein, der frisch nach Hannover versetzt mit der Aufklärung der Vermisstenfälle von zahlreichen jungen Männern betraut wird. Die Befragungen der Eltern ergeben keinerlei Anhaltspunkte für das spurlose Verschwinden der Jungen, doch Leichen tauchen nicht auf. Während die Ermittlungen auf der Stelle treten und Lahnstein die Hände gebunden sind, mehren sich die Vermisstenfälle. Zunehmend setzen Eltern, Presse und die aufgewiegelte Bevölkerung den verantwortlichen Kriminalkommissar unter Druck, der schließlich Sabotage seiner Untersuchungen aus eigenen Reihen und Vertuschung vermutet.

FAZIT

Ein fesselnder, vielschichtiger Kriminalroman mit einem facettenreichen Gesellschaftsporträt der frühen Weimarer Republik und verstörenden Einblicken in die Abgründe eines Serienmörders.

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Veröffentlicht am 03.04.2020

Großartige Fortsetzung des Merle-Zyklus

Serafin. Das Kalte Feuer
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INHALT
Serafins Venedig ist voller Magie. In einer Neumondnacht begibt er sich mit seiner geflügelten Katze auf Beutezug. Wie jeden Monat ist für eine Nacht das Wasser aus den Kanälen verschwunden. Doch ...

INHALT
Serafins Venedig ist voller Magie. In einer Neumondnacht begibt er sich mit seiner geflügelten Katze auf Beutezug. Wie jeden Monat ist für eine Nacht das Wasser aus den Kanälen verschwunden. Doch statt Kostbarkeiten findet Serafin auf dem Grund des Canal Grande zwei fremde Mädchen, leblos am Fuß eines goldenen Spiegels. Mächtige Gegner machen Jagd auf die beiden. Die Gilde der Glasbrenner, die Kartographen der Spiegelwelt und eine legendäre Katzengöttin – sie alle sehen in den Mädchen Junipa und Merle den Schlüssel zu Venedigs uraltem Zauber.
(Quelle: Fischer Sauerländer)

MEINE MEINUNG
Mit seinem Jugendbuch "Serafin: Das kalte Feuer" hat Kai Meyer fast zwanzig Jahre nach dem Erscheinen seiner Merle-Trilogie eine Fortsetzung seines genialen Fantasy-Zyklus herausgebracht, in der er die faszinierende Geschichte um das Waisenmädchen Merle und Junipa, das Mädchen mit den Spiegelaugen, weiterspinnt. Dieser Band kann unabhängig von der Merle-Trilogie gelesen werden, da viele zum Verständnis notwendige Hintergrundinformationen geschickt in die Handlung eingestreut sind. Dennoch macht es natürlich mehr Spaß, das komplexe Fantasy-Epos und die Entwicklung der Hauptfiguren im Kampf für das Gute von Beginn an mitzuverfolgen.
Kai Meyer ist es in seiner Fortsetzung hervorragend gelungen, an den runden Abschluss seiner Trilogie anzuknüpfen, einige lose Fäden der Geschichte aufzugreifen und in die neue facettenreiche Handlung einen wohldurchdachten komplexen Überbau einzubetten. Hierbei erfahren wir interessante Details zum Aufbau des Merle-Universums, die zum Nachdenken anregen und die fantasievolle Geschichte zudem sehr tiefgründig machen. Kenner von Meyers Werken werden auch spannende Querverweise zum Bibliomantik-Kosmos aus „Die Seiten der Welt“ erkennen, was mich sehr begeistert hat. Der Ideenreichtum des Autors und der wundervolle und sehr anschauliche Schreibstil lassen seine erschaffene Welt überaus authentisch und lebendig erscheinen.
Ohne viele Worte zu verlieren nimmt Meyer seine Leser mit in die faszinierende Welt eines alternativen Venedigs, das trotz veränderter Ausgangsbedingungen nicht minder magisch, mystisch und gefährlich ist. Wir begegnen den beiden wohlbekannten Figuren Merle und Junipa, die immer noch auf der Suche nach Merles Vater sind, durch die Spiegelwelt in dieses ihnen völlig fremde Venedig gelangten und Serafin begegnen. Rasch taucht man immer tiefer in die mitreißende Geschichte vor dem magischen Setting Venedigs ein, begleitet die Charaktere auf ihren fesselnden Abenteuern und bangt um ihr Wohl. Erzählt wird in dritter Person jeweils aus Sicht den verschiedenen im Mittelpunkt stehenden Figuren, vor allem natürlich von Serafin, Merle und Junipa. Durch geschickt gesetzte Wechsel der Handlungsstränge und überraschende Wendungen wird der Spannungsbogen immer mehr gespannt. Auch das Erzähltempo wird im Laufe der Handlung zunehmend angezogen, die schließlich in einem packenden Showdown gipfelt.
Sehr gut kann man sich in die lebendigen und vielschichtig angelegten Charaktere hineinversetzen und ihr Innenleben nachvollziehen. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die beiden Hauptfiguren Merle und Junipa, die beide im Verlauf der Geschichte eine enorme Entwicklung durchgemacht haben, an ihren Aufgaben gewachsen sind und sehr gereift wirken. Eine äußerst interessante Rolle in der Geschichte spielt auch der sympathische Serafin, der mir sehr gut gefallen hat. Neben den bekannten Protagonisten lernen wir aber auch einige neue, interessante Figuren und sehr originelle Wesen kennen. Mein absolutes Highlight war die geflügelte Katze Cagliostra, Serafins treue Begleiterin, die mich mit ihren vorlauten Kommentaren immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat und eine wahre Bereicherung der Geschichte ist. Aber auch an skrupellosen Widersachern mangelt es nicht wie beispielsweise die recht gruseligen Kartographen, die es auf die beiden Mädchen abgesehen haben und für so manche böse Überraschung sorgen.
Obwohl die Handlung mit seinem stimmigen Ende in sich abgeschlossen ist, gibt es genügend Anknüpfungspunkte für eine fesselnde Fortsetzung seiner fantasievollen Geschichte. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Merle, Junipa, Serafin und natürlich Cagliostra bald bei weiteren Abenteuern durch die Spiegelwelt begleiten kann.
FAZIT
Eine gelungene, unterhaltsame Fortsetzung des grandiosen Merle-Zyklus mit einer fesselnden Geschichte vor einem faszinierenden Setting und wundervollen Charakteren! Ein äußerst fantasievolles Leseabenteuer für Leser*innen ab 12 Jahren und ein Muss für alle Fans von Kai Meyers Fantasy-Geschichten!

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Veröffentlicht am 22.03.2020

Anspruchsvoller Roman mit interessantem zeitgeschichtlichen Hintergrund

Der Empfänger
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INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler ...

INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.
(Quelle: Klett Cotta-Verlag)
MEINE MEINUNG
In ihrem historischen Roman „Der Empfänger“ widmet sich die deutsche Autorin Ulla Lenze sehr eindrücklich einem zeitgeschichtlichen Thema, über das bei uns in Deutschland sehr wenig bekannt und völlig in Vergessenheit geraten ist. Hierbei handelt es sich um die rechtsradikalen Strömungen in den Vereinigten Staaten ab den frühen 1930erJahren, die Infiltration der USA durch deutsche Agenten während des 2. Weltkriegs und die Bildung eines Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr.
Ulla Lenze erzählt die faszinierende Lebensgeschichte von Josef Klein, einem jungen Mann aus dem Rheinland, der 1925 der Armut und den chaotischen Verhältnissen der Weimarer Republik entflieht und nach Amerika ausgewandert ist, in New York kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs vom Geheimdienst der Nazis rekrutiert und schließlich vom FBI enttarnt wird. Nur haarscharf entgeht er der Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl, wird interniert und später ins Nachkriegsdeutschland abgeschoben.
Lenze ist ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman gelungen, der mich bald völlig in seinen Bann gezogen hat. Faszinierend finde ich zudem, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert und in Teilen die Lebensgeschichte ihres Großonkels wiedergibt.
Gekonnt lässt Lenze uns gemeinsam mit ihrem Protagonisten und jungen Exilanten Josef Klein in die fesselnde, quirlige Metropole New York jener Zeit und in eine Atmosphäre voller Kontraste eintauchen. Sehr anschaulich fängt sie das faszinierend- lebendige Flair der verschiedensten Kulturen und Ethnien ein, lässt uns die Tristesse der Emigranten-Ghettos erahnen, das harte Alltagsleben, die Sorgen und Nöte der kleinen Leute sowie die durch unterschiedliche, politische Strömungen aufgeheizte Stimmung in den Vierteln. Auch äußerst interessante Details zur deutschen Kultur der Deutschamerikaner in New York oder dem Treiben der nationalsozialistischen Organisation - dem Amerikadeutschen Bund hat Lenze geschickt in die Handlung eingewoben.
„Der Empfänger“ ist kein fesselnder Spionagethriller mit rasanter Story. Dennoch ist es der Autorin hervorragend gelungen, über die psychologische Entwicklung ihrer facettenreichen Hauptfigur Spannung aufzubauen, denn immer mehr beschäftigt den Leser die Frage, wieso sich dieser eher freiheitsliebende, weltoffene, unpolitische Mensch in die Arbeit der deutschen Abwehr hat verstricken lassen und wie er als Amateurfunker zum Handlanger der Nazis werden konnte. Mit viel Feingespür hat Lenze die faszinierende, ambivalente Persönlichkeit ihrer Hauptfigur mit all ihren Ecken und Kanten herausgearbeitet. Nach und nach lernen wir diesen Josef Klein in verschiedenen Lebensabschnitten, Zeitebenen und Schauplätzen kennen. In unterschiedlichen Episoden beleuchtet die Autorin sein Leben während der Nazizeit in New York als Joe, während seiner Zwischenstation bei seinem Bruder im kargen Nachkriegsdeutschland als Josef und nach seiner Auswanderung nach Südamerika in den frühen 1950er Jahren auf seinen weiteren Stationen als Don José in Buenos Aires unter den Exildeutschen und in Costa Rica. Ein eigenwilliger, eher passiver Zeitgenosse, der sich ohne konkrete Lebensziele treiben lässt – ein Exilant, der sich zwischen den Welten und Kulturen bewegt, aber nirgendwo richtig angekommen und ohne Heimat ist, sich überall fremd fühlt – eine letztlich tragische Figur. Je mehr wir über ihn mit all seinen Widersprüchen, unglücklichen Verstrickungen und sein Schicksal erfahren, desto mehr macht sich eine Beklommenheit breit. Sympathien und großes Mitgefühl bringt man diesem feinfühligen, etwas naiv wirkenden Menschen entgegen, der sich hat ködern lassen und als ein eher kleines Rädchen in die Fänge der großen Weltpolitik gerät. Sein opportunistisches Handeln kann man zwar nachvollziehen jedoch nicht gutheißen, denn hierdurch hat er sich auch zu einem Täter gemacht und wissentlich die Aktivitäten gedeckt. So begegnet man Josef Klein letztlich mit einer gewissen Distanz und gemischten Gefühlen, denn sein Innenleben und seine Motive bleiben einem bis zum Ende größtenteils fremd und unergründlich, was sicherlich von der Autorin gewollt ist und der Persönlichkeit dieser Figur durchaus gerecht wird.
Im Anhang des Romans findet sich für alle interessierten Leser*innen zur weiteren Vertiefung in das interessante Thema noch eine ausführliche Zusammenstellung von empfehlenswerten Lektüren, die die Autorin auch als Quellen genutzt hat.
FAZIT
Ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman, der mit einer faszinierenden und fesselnden Geschichte über eine tragische Figur, die auf wahren Begebenheiten basiert. Sehr lesenswert!

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