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Veröffentlicht am 04.06.2020

Berührender Jugendroman über die Nachkriegszeit

Der Junge aus dem Trümmerland
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INHALT
Berlin 1947:
Wenn Paul nicht gerade mit seinen Freunden in den Trümmern Abenteuer erlebt, versucht er, auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel zu organisieren. Sein Vater ist im Krieg verschollen, also ...

INHALT
Berlin 1947:
Wenn Paul nicht gerade mit seinen Freunden in den Trümmern Abenteuer erlebt, versucht er, auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel zu organisieren. Sein Vater ist im Krieg verschollen, also fühlt Paul sich für seine Mutter verantwortlich. Doch dann erfährt er, dass sie den afroamerikanischen Soldaten Bill heiraten will. Für Paul bricht eine Welt zusammen. Denn er ist fest davon überzeugt, dass sein von ihm als Held verehrter Vater zurückkehren wird. Paul sieht nur eine Lösung: Er muss dafür sorgen, dass Bill aus seiner Familie verschwindet. Koste es, was es wolle.

(Quelle: Magellan Verlag – Erscheinungstermin: 21.01.2020 – ISBN: 978-3-7348-4723-3)

MEINE MEINUNG
„Der Junge aus dem Trümmerland“ von der deutschen Autorin Sarah Bergmann ist ein historischer Jugendroman mit einer beeindruckend erzählten und gekonnt für die jugendliche Leserschaft ab 12 Jahren aufbereiteten Geschichte, die zum Nachdenken anregt und auch für Erwachsene interessant zu lesen ist.Sarah Bergemann ist eine spannende und zugleich bewegende Geschichte gelungen, die uns an der Seite des 13-jährigen Protagonisten Paul mit ins Berlin der frühen Nachkriegsjahre nimmt und uns sehr authentische Einblicke in seine Lebenswelt gibt. Auch 2 Jahre nach Kriegsende ist die stark zerstörte Stadt ein „Trümmerland“ voller Häuserruinen, Bombentrichter und Trümmerberge. Für Paul und seine „Bande“ ist es ein willkommener Abenteuerspielplatz und idealer Ort zum Suchen nach „Schätzen“, die man auf dem florierenden Schwarzmarkt gegen etwas Nützliches oder Lebensmittel tauschen kann. Gekonnt versetzt die Autorin den Leser ins Berlin der Nachkriegszeit und vermittelt ein stimmiges, authentisches Bild der damals herrschenden Zustände. Sehr anschaulich zeigt die Autorin auf, wie sehr noch Hunger, Armut, knapper Wohnraum und Kriminalität den Alltag der notleidenden Bevölkerung bestimmen. Durch die sehr bildhaft geschilderten Schauplätze kann man sich Pauls tägliches Lebensumfeld gut vorstellen. Dank des angenehm flüssigen, lebendigen Schreibstils gelingt es schnell in die damalige Zeit abzutauchen.Wie die Autorin in ihrem kurzen Vorwort, erläutert, hat sie ihre Geschichte auch sprachlich der damaligen Zeit angepasst und verwendet einige rassistische Begriffe, die man heutzutage nicht mehr verwenden sollte. Zudem verweist sie auf das Glossar im Anhang, in dem einige nicht so geläufige oder geschichtlich relevante Begriffe verständlich erläutert werden. Man merkt an vielen kleinen Details deutlich, dass die Autorin viel zum Leben in der Nachkriegszeit recherchiert und ausgiebig Zeitzeugenberichte gelesen hat. Einfühlsam und lehrreich reißt Bergmann in ihrem Roman mit dem Schicksal der Kriegskinder und den vielfältigen Folgen des Kriegs auf ihre Psyche auch eine Thematik an, die erst in letzter Zeit zunehmend Beachtung findet. Mit Paul und seiner Bande lernen wir Kinder kennen, der mit der Nazi-Ideologie und Kriegspropaganda groß geworden sind, hautnah die Gräuel des Kriegs, den Bombenterror, Verlust geliebter Familienmitglieder und den harten Überlebenskampf miterlebt haben, davon nachhaltig geprägt und teilweise schwer traumatisiert wurden. Sehr differenziert und nachdrücklich führt die Autorin den Lesern all dies in unterschiedlichen Episoden vor Augen. Geprägt vom nationalsozialistischen Gedankengut und deren Weltanschauung sind nicht nur bei den Erwachsenen sondern auch bei ihnen noch die alten Feindbilder und Wertvorstellungen in ihren Köpfen fest verankert und sorgen für Verunsicherung. So geben sie immer noch die alten Naziparolen wieder, sehen in Pauls Mutter, die mit dem farbigen Besatzungssoldaten Bill befreundet ist, beispielsweise eine „Volksverräterin“ und nennen sie „Amiflittchen“. Die Autorin versteht es, ihre Figuren entsprechend ihrer Rollen in der Geschichte sehr vielschichtig und lebensnah zu zeichnen. Hervorragend hat mir vor allem Pauls Charakter gefallen. Er ist ein liebenswerter, pflichtbewusster Junge, der sich rührend um seine Mutter sorgt und sehnlichst auf die baldige Rückkehr seines verschollenen, als Held verehrten Vaters und auf bessere Zeiten hofft. Die Autorin schildert sehr glaubwürdig seine in ihm tobenden inneren Konflikte, sein grenzenloser Hass auf den „Feind“ Bill, der seinen geliebten Vater verdrängen will und sein daraus resultierendes, sehr fragwürdiges Verhalten. Fesselnd ist neben seinen Gewissenskonflikten aber auch seine persönliche Weiterentwicklung im Laufe der Handlung mitzuerleben - wie es ihm nach und nach gelingt, sein Schwarz-Weiß-Denken und die alten Feindbilder und Wertvorstellungen zu überwinden.Auch wenn einige Verwicklungen natürlich etwas vereinfacht für die jüngere Leserschaft dargestellt werden, nimmt die spannende Handlung immer mehr an Tempo auf und hält so einige überraschende Wendungen für uns bereit. Die nachdenklich stimmende Geschichte endet schließlich mit einem hoffnungsvollen und versöhnlichen Ausklang und ist für dieses beeindruckende Jugendbuch überaus passend gewählt.

FAZIT
Ein berührender, spannend erzählter Jugendroman über die Nachkriegszeit in Berlin. Ein beeindruckender und sehr lesenswerter Roman, der ein wichtiges Thema gut verständlich aufarbeitet und hoffentlich eine breite Leserschaft findet!

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Veröffentlicht am 02.06.2020

Aufwühlendes Porträt von Virginia Woolfes letzten Tagen

Ach, Virginia
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MEINE MEINUNG
In seinem jüngsten Roman "Ach, Virginia" nimmt sich der deutsche Autor Michael Kumpfmüller mit Virginia Woolf (1882-1941) einer der bedeutendsten britischen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts ...

MEINE MEINUNG
In seinem jüngsten Roman "Ach, Virginia" nimmt sich der deutsche Autor Michael Kumpfmüller mit Virginia Woolf (1882-1941) einer der bedeutendsten britischen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts und Ikone der feministischen Literatur an, deren Werke zur Weltliteratur zählen. Äußerst einfühlsam und kenntnisreich erzählt Kumpfmüller in einer interessanten Mischung aus Außen- und Innenansicht über die letzten zehn, recht ereignisarmen Tage im Leben von Virginia Woolf, an deren Ende der Freitod dieser so großartigen, talentierten und erfolgreichen Frau steht. Gekonnt lässt er ihr Leben nochmals vorbei ziehen, beleuchtet dabei ihr Wirken, die für sie wichtigen Beziehungen und Freundschaften und ihre große Liebe, lässt sie Resümee ziehen. Es ist ein faszinierender, tiefgründiger und wundervoll poetisch geschriebener Roman, der in seiner Tragik und Düsternis aber keine leichte Kost darstellt.
Mit viel Feingefühl versucht sich der Autor in die wirre, oftmals erschreckend düstere Gedankenwelt der außergewöhnlich sensiblen Schriftstellerin hineinzuversetzen und uns ihr angeschlagenes Innenleben und innersten Beweggründe anschaulich zu vermitteln. In sorgfältig ausgewählten Episoden, einem Tagebuch gleich, erleben wir sehr unmittelbar mit, wie Woolf immer tiefer in ihre schon länger bestehende, schwere Depression abgleitet, wie sie mit ihrem Leben ringt, leidet und von inneren Zweifeln zerrissen ist. Ihr liebevoller Ehemann Leonard bemüht sich vergeblich, seiner Frau Lebensmut und -freude zu vermitteln. Sehr aufwühlend dokumentiert der Autor Woolfs Kampf gegen sich selbst und ihre inneren Dämonen und beleuchtet zugleich die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit und qualvollen Erinnerungen an die Schatten ihrer Familiengeschichte, die sie einfach nicht losließen. So begleiten wir sie schließlich bei ihrem tragischen Entschluss, die erhoffte Erlösung für ihre ausweglos erscheinende Lage im Fluss nahe ihres Hauses zu finden.
Ein überaus schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen diesem so vielschichtigen Menschen gerecht zu werden, basiert das Geschilderte letztlich auf reinen Spekulationen, denn in ihren hinterlassenen Tagebücher vermied Woolf es, über ihre körperlichen und psychischen Zusammenbrüche zu schreiben. Dennoch ist dem Autor meiner Ansicht nach dieser Balanceakt recht gut gelungen und doch bleibt nach der Lektüre ein gewisses Unbehagen zurück. Schade, dass er auf die Angabe seiner Quellen verzichtet hat und somit auch der Wahrheitsgehalt seiner geschilderten Ereignisse etwas spekulativ bleibt.
FAZIT
Ein faszinierender und aufwühlender Roman! Feinfühlig und facettenreich versucht sich Kumpfmüller an einem Portrait der berühmten Schriftstellerin Virginia Woolf in den letzten Tagen vor ihrem tragischen Freitod.

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Veröffentlicht am 31.05.2020

Äußerst packender Page Turner

Beute
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INHALT
~Jäger oder Beute~
Bennie Griessel plant zu heiraten – und muss sich dann um einen Fall kümmern, der eigentlich zu den Akten gelegt werden soll. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ...

INHALT
~Jäger oder Beute~
Bennie Griessel plant zu heiraten – und muss sich dann um einen Fall kümmern, der eigentlich zu den Akten gelegt werden soll. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ermordet, und die geheimen Sicherheitsbehörden Südafrikas tun alles, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen. Als ein zweiter Todesfall ebenfalls vertuscht werden soll, bekommt Griessel eine Ahnung davon, dass es um viel mehr geht als um Mord. Gewisse Kreise wollen den Präsidenten aus dem Weg räumen. Sie haben dazu jemanden aktiviert, der sich in Bordeaux in Frankreich zur Ruhe gesetzt hat: einen Kämpfer namens Tobela.

(Quelle: Rütten & Loening Verlag)


MEINE MEINUNG
Mit dem jüngsten Roman „Beute“ des südafrikanischen Bestseller-Autors Deon Meyer geht seine Bennie Griessel-Reihe bereits in die 7. Runde. Angesiedelt vor dem faszinierenden Setting in Südafrika ist ihm eine äußerst packende Mischung aus fesselnden Kriminalermittlungen, rasantem Agententhriller und brisanter politischer Hintergrundstory gelungen, die für jede Menge Spannung und Nervenkitzel sorgt und zudem mit einer netten Prise Humor gewürzt ist. Doch auch für mich als Neueinsteigerin in die Reihe lässt sich der aktuelle Band ohne Probleme als Standalone lesen – auch wenn ich nun sehr gespannt auf die Vorgeschichte der Charaktere und die übrigen Fälle bin.
Mit seinem sprachgewaltigen, packenden Schreibstil und seinen seiner detaillierten Beschreibungen versetzt uns Deon Meyer gekonnt in dieses so andersartige Land Südafrikas. Rasch tauchen wir ein in eine Welt voller Kontraste und erleben hautnah die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eigenheiten dieses Landes, das faszinierende Sprachgemisch aus Englisch und Afrikaans sowie die Besonderheiten im alltäglichen Miteinander der multiethnischen Bevölkerung mit. Geschickt streut Meyer in seine Dialoge immer wieder Wörter und Begriffe aus dem Afrikaans ein, deren Bedeutung und Aussprache in einem kurzen, sehr interessanten Glossar am Ende des Romans erläutert werden.
Der Autor hat für seinen Page Turner eine politisch brisante, topaktuelle Hintergrundstory gewählt, die mich durch ihre Realitätsnähe von Beginn an fesseln und mit den gut recherchierten und anschaulich aufbereiteten Fakten sehr überzeugen konnte. Gekonnt zeigt er in seiner Handlung die vielfältigen Auswirkungen des sogenannten „State Capture“, der alltäglichen staatlichen Korruption und schockierenden kriminellen Machenschaften der schwarzen, südafrikanischen Führungselite, die zunehmende Gefährdung der Demokratie auf und thematisiert die große Unzufriedenheit der Bevölkerung und Verbitterung der ehemaligen Freiheitskämpfer der „struggles“ angesichts der Misswirtschaft, Korruption und Selbstbereicherung in ihrem Land und des Verrats ihrer Ideale.
Die anspruchsvolle Geschichte wird in zwei parallel zueinander laufenden, sich einander abwechselnden Handlungssträngen erzählt, die Deon Meyer genial miteinander verwoben hat. Zum einen begleiten wir die spannenden und recht vielschichtigen Ermittlungen der „Valke“ rund um den rätselhaften, von oberster Stelle rasch als „Selbstmord“ deklarierten Todesfall eines Personenschützers in einem Luxuszug. Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit den fesselnden Geschehnissen rund um den in Bordeaux lebenden ehemaligen südafrikanischen Top-Geheimdienstagenten und ANC-Scharfschützen Tobela. Erst nach und nach wird dem Leser immer klarer, welche Rolle er in der ganzen Geschichte spielt und wie sein brisanter Auftrag mit den laufenden Ermittlungen in Südafrika zusammenhängt.
Der Autor versteht es hervorragend, mit recht kurz gehaltenen Kapiteln, geschickt gesetzten Cliffhangern und rasche Schauplatzwechseln für ein hohes Tempo und viel Spannung zu sorgen.
Deon Meyer gelingt es hervorragend, seine Hauptfiguren sehr vielschichtig und lebensnah zu beschreiben. Auch über die Kollegen im Team erfährt man mehr über ihre persönlichen Hintergründe und Probleme, so dass sie allesamt sehr plastisch wirken. Sehr gelungen ist vor allem der sehr sympathische Ermittler Bennie Griessel mit all seinen Schwächen, der sein Alkoholproblem inzwischen im Griff hat und seiner Freundin Alexa endlich einen Heiratsantrag machen möchte. Auch der durchsetzungsfähige, zielstrebige Vaughn Cupido ist ein faszinierender Charakter mit Ecken und Kanten, der seinem Kollegen stets mit Rat und Tat zur Seite steht.
Äußerst interessant fand ich auch die interessante, facettenreich angelegte Figur des ehemaligen Scharfschützen Tobela, der seine Heimat verlassen musste und sich in Frankreich ein neues Leben aufgebaut hat. Allmählich gibt der Autor sehr aufschlussreiche Einblicke in seine Gedanken und Gefühlswelt sowie in seine bewegte Vergangenheit, so dass man schließlich trotz seines mitfühlenden Wesens auch seine erschreckend abgebrühte Vorgehensweise und professionelle, skrupellose Seite gut nachvollziehen kann.
Auf die beiden Top-Ermittler Bennie Griessel und seinen Kollegen Vaughn Cupido wartet eine nervenaufreibende Aufklärungsarbeit, bei der sie immer wieder an ihre Grenzen stoßen, bewusst ausgebremst werden und daher so manche Hürde zu überwinden haben. Doch ermitteln sie beharrlich auf eigene Faust weiter, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, so dass am Ende nicht nur ein weiterer mysteriöser Todesfall aufgeklärt wird, sondern schließlich auch Verstrickungen aufdeckt werden, deren erschütternde Ausmaß keiner der Beteiligten für möglich hielt.

FAZIT
Ein äußerst packender Page Turner mit tollen Charakteren, einem vielschichtigen Fall, einer brisanten, topaktuellen Hintergrundstory, hohem Tempo sowie aufschlussreichen Einblicken in die Lebenswirklichkeit Südafrikas!

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Veröffentlicht am 31.05.2020

Ein interessanter Krimi ganz im Zeichen der Mathematik

Die Oxford-Morde
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INHALT
An einem lauen Sommerabend in Oxford findet ein argentinischer Mathematik-Doktorand die Leiche seiner Vermieterin. Kurz darauf geschehen weitere Morde, und kein Geringerer als Arthur Seldom, der ...

INHALT
An einem lauen Sommerabend in Oxford findet ein argentinischer Mathematik-Doktorand die Leiche seiner Vermieterin. Kurz darauf geschehen weitere Morde, und kein Geringerer als Arthur Seldom, der berühmte Professor für Logik, erhält jedes Mal eine Nachricht mit einem rätselhaften Symbol. Schnell ist klar: Wenn sie den nächsten Mord verhindern wollen, müssen Seldom und der junge Doktorand die logische Reihung der Symbole entschlüsseln ...
(Quelle: Eichborn Verlag)

MEINE MEINUNG
Für seinen Roman „Die Oxford-Morde" wurde der argentinische Autor und promovierte Mathematiker Guillermo Martínez 2003 mit dem Premio Planeta ausgezeichnet – dem höchstdotierten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt. Die deutsche Erstausgabe des Krimis erschien bereits 2005 unter dem Titel “Die Pythagoras-Morde”. Zudem gibt es eine Verfilmung des Romans aus dem Jahr 2008, bei der sich Regisseur Álex de la Iglesia weitgehend an der literarischen Vorlage orientierte. In seinen Kriminalroman, der in der altehrwürdigen britischen Universitätsstadt Oxford angesiedelt ist, geht es um einen interessanten, sehr mysteriösen Kriminalfall, bei dem die Mathematik und das Lösen von mathematischen Rätseln eine große Rolle spielen. In solider klassisch-britischer Manier erzählt der Autor die Geschichte aus der Perspektive des jungen, namenlos bleibenden Protagonisten und Ich-Erzählers, einem argentinischen Mathematikdoktoranden über dessen Hintergrundgeschichte man im weiteren Verlauf aber kaum etwas erfährt. Nach einem recht unmittelbaren Einstieg zieht die linear und eher gemächlich voranschreitende Handlung einen schnell in ihren Bann, denn gekonnt baut der Autor eine überaus geheimnisvolle Atmosphäre auf, die über den ganzen Geschehnissen liegt und beim Leser Ahnungen auf die künftigen Ereignisse aufkommen lässt. Besonders angetan haben es mir die stimmungsvollen Beschreibungen von Oxford mit seinen tollen Schauplätzen - eine fantastische Kulisse für diesen etwas altmodisch, ganz in der Tradition Agatha Christies erzählten Krimi, der immerhin in den 1990er Jahren angesiedelt ist. Man merkt deutlich, dass Guillermo Martinez selbst einen Teil seiner Doktorandenzeit in Oxford verbrachte. Die Geschichte weitet sich bald zu einer rätselhaften Mordserie aus, die die Protagonisten durch Entschlüsselung einer mit den Morden in Verbindung stehenden Symbolreihe sogar beenden könnten. Dennoch mag atemberaubende Spannung - von wenigen kurzen spannungsvollen Momenten abgesehen - nicht aufkommen. Obwohl die mathematischen Rätsel und Hintergrundinformationen eigentlich höchst interessant sind, bremst der Autor seinen Spannungsaufbau leider immer wieder durch seitenlange, unrealistisch wirkende Monologe, die mathematische Theorien oder logisch-philosophische Betrachtungen beinhalten, aus. Wer sich für Mathematik interessiert und schon mal etwas von den Pythagoreern, Wittgensteins Theorien oder Gödels Unvollständigkeitstheorem gehört hat, wird sicher Gefallen an diesen ausführlichen, lehrreichen und unterhaltsamen Abhandlungen finden. Zusätzliche Informationen zu den in seinem Roman erwähnten Mathematikern und Philosophen hat der Autor im Anhang zusammengestellt. Für alle eher wenig an Mathematik interessierten Leser werden die vielen Exkurse in die verwirrende und hochkomplexe Welt der Zahlen und Theoreme eher langweilig bis quälend werden. So hat man insgesamt den Eindruck, dass Martínez den Kriminalfall eher als Rahmenhandlung um sein beeindruckendes mathematisches Fachwissen herum angelegt hat, das er uns in seinem Roman näherbringen möchte. Im Verlauf der Handlung lernen wir nur recht wenige Figuren kennen, die allerdings vom Autor nur sehr zurückhaltend charakterisiert werden. Da Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt weitgehend fehlen, wirken auch die Hauptfiguren wie der junge Ich-Erzähler oder der charismatische, etwas egozentrische Mathematikprofessor Arthur Seldom insgesamt recht blass und sehr distanziert, was vielleicht auch ein bisschen der Kürze des Romans geschuldet ist. Wenig überzeugend fand ich auch die Liebesbeziehung zwischen den Ich-Erzähler und der attraktiven, resoluten Krankenschwester Lorna dargestellt. Schade, dass der Autor nicht etwas mehr Augenmerk auf seine Figuren gelegt hat. Die Auflösung des Falls erfolgt sehr überraschend, ist aber in sich schlüssig und nachvollziehbar dargestellt. Etwas überstürzt erfahren wir Leser schließlich die Hintergründe der rätselhaften Mordserie, über die leider erneut sehr detailliert referiert wird. Dennoch bin ich gespannt, wie sich das Verhältnis zwischen Ich-Erzähler und der Mathematikkoryphäe Arthur Seldom im Nachfolgeband "Der Fall Alice im Wunderland" weiterentwickeln wird, und welche mathematischen Rätsel uns bei dem neuen Fall erwarten werden.

FAZIT
Ein solider, recht konventionell erzählter Krimi, bei dem die eigentlich interessante Krimihandlung leider des Öfteren von den mathematisch-philosophischen Abhandlungen in den Hintergrund gedrängt wird. Für Knobelei- und Mathe-Liebhaber dennoch ein kurzweiliges Lesevergnügen!

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Veröffentlicht am 11.05.2020

Herausforderndes Romandebüt

Je tiefer das Wasser
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INHALT
Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin ...

INHALT
Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin zum weltberühmten Schriftstellervater, der die Familie vor Jahren verließ. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: Verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.
(Quelle: Suhrkamp Verlag – Erscheinungsdatum: 17.2.20 – ISBN: 9783518429075 - Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Jakobeit)

MEINE MEINUNG
Mit „Je tiefer das Wasser” ist der Autorin Katya Apekina, die in Moskau geboren wurde und im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie in die USA übersiedelte, ein bemerkenswertes Romandebüt gelungen, das einen mit seiner Intensität unter die Haut geht und lange Zeit nicht mehr loslässt.
Im Mittelpunkt ihres erschütternden Familiendramas steht das Schicksal der beiden Schwestern Mae und Edith. Schon bald kann man sich der enormen Sogwirkung dieser dramatischen, verwirrenden Erzählung nicht mehr entziehen und ist gefesselt von der eindringlichen, beklemmend-düsteren Stimmung. Mit immer neuen Einblicken in das Leben einer dysfunktionalen Familie wird man unweigerlich von einem fatalen Strudel an Emotionen und Obsessionen immer mehr in die Tiefe gezogen und wird mit den Abgründen der menschlichen Psyche konfrontiert.
In oftmals recht kurzen Kapiteln werden die Geschehnisse abwechselnd aus der Ich-Perspektive der beiden Hauptfiguren Mae und Edith erzählt. Geschickt präsentiert die Autorin die beiden Sichten in unterschiedlichen Erzählformen und verleiht den beiden Schwestern dadurch sehr individuelle, unverwechselbare Stimmen. Maes Perspektive ist rückblickend in der Vergangenheitsform verfasst und enthält gelegentliche Bezüge zur Gegenwart, während Edies Sicht in der Gegenwartsform ist. Zudem sind gelegentlich Perspektiven weiterer Nebenfiguren aus dem näheren Umfeld der Familie wie beispielsweise ihr Vater Dennis, ihre Tante Diana oder die neue Freundin ihres Vaters Amanda, eingeschoben, die die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel beleuchten und völlig andere Einblicke liefern. Daneben finden sich auch noch einige Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern, Telefonaten, Interviews und psychiatrischen Notizen.
Sehr anschaulich hat Apekina die Seelenzustände der beiden sehr unterschiedlichen Geschwister und ihre vielschichtigen, ambivalenten Charaktere in teilweise sehr drastischen Szenen herausgearbeitet. Während die 16-jährige Edie sich für die psychisch kranke Mutter verantwortlich fühlt, sie aus der Psychiatrie retten möchte und auf Konfrontation zum Vater geht, sucht die 2 Jahre jüngere Mae die Aufmerksamkeit des Vaters und ist froh dem unerträglichen Alltag mit der labilen Mutter entkommen zu sein. Allmählich beginnt sie immer mehr in die Rolle ihrer Mutter zu schlüpfen, und die Grenzen zu ihrem eigenen Selbst scheinen sich in beängstigender Weise aufzulösen. Äußerst instabile Persönlichkeiten lernen wir kennen, die von den Schatten der Vergangenheit gezeichnet und mehr oder weniger stark geschädigt sind. Nahezu jeder Charakter hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, versucht der Spirale aus Zweifeln, Wut, Trauer, Schuldzuweisungen, Egozentrik, Selbstbetrug und seelischen Verletzungen zu entkommen, seine Impulse zu verstehen und sich schließlich neu zu definieren. Die Autorin zeichnet das verstörende Bild einer ungesunden, selbstzerstörerischen Familiendynamik, aus der keiner der Betroffenen unbeschädigt entkommen kann.
Sehr versiert erzählt die Autorin ihre chaotisch und unstrukturiert wirkende Geschichte in verschiedenen, nicht stringenten Episoden, die dennoch Bezug aufeinander nehmen und gekonnt ineinanderfließen. Allmählich fügen sich immer mehr Fragmente aus einem vielfältigen Stimmengewirr zusammen, die die Geschehnisse aus den unterschiedlichsten Sichtweisen beleuchten und sehr individuelle Wahrnehmungen widerspiegeln. Jede Figur erzählt eine eigene Version der Geschichte und hat sich ihre ganz persönliche Wahrheit zusammengefügt.
Ungemein fesselnd aber auch eine große Herausforderung ist es für uns Leser, die Hintergründe und Ereignisse aus einer verwirrenden Mischung von Vermutungen und bruchstückhaften Details allmählich selbst zu einem eigenen Gesamtbild zusammen zusetzen. Wie im wirklichen Leben wird man bei diesem Roman die absolute Wahrheit nicht finden und muss sich damit abfinden, dass Widersprüche und einige Geschehnisse ungeklärt bleiben. So sind schließlich viele Deutungen der Fantasie der Leser überlassen.
Äußerst passend zu ihrer Geschichte um die zwei Schwestern beendet die Autorin ihren Roman mit einem offenen, aber stimmigen Ausklang.

FAZIT
Ein intensives, bewegendes Romandebüt mit einer verstörenden, sehr faszinierenden Geschichte, die den Leser auf ganzer Linie herausfordert.

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