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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2018

Mitreißender, nachdenklich stimmender Krimi

Das Meer löscht alle Spuren
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem Kriminalroman „Das Meer löscht alle Spuren“ hat die dänische Autorin Lone Theils einen fesselnden zweiten Fall für die Journalistin Nora Sand vorgelegt. Die London-Korrespondentin ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Kriminalroman „Das Meer löscht alle Spuren“ hat die dänische Autorin Lone Theils einen fesselnden zweiten Fall für die Journalistin Nora Sand vorgelegt. Die London-Korrespondentin der größten dänischen Zeitung „Globalt“ muss diesmal einer heiklen Story rund um die verschwundene Frau eines bekannten, aus dem Iran geflohenen Dichters nachgehen. Die Autorin hat sich in ihrem neuesten Buch an eine topaktuelle, aber wenig beachtete Problematik herangewagt. Noras Nachforschungen nehmen uns mit in den Alltag illegaler Einwanderer und engagierter, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und führt uns zugleich die schockierenden Auswüchse vor Augen, denen Migranten in hermetisch abgeriegelten, britischen Abschiebelagern ausgeliefert sind, die von skrupellosen, privaten Dienstleistern und dubiosen Sicherheitsfirmen geführt werden.
Während Noras Recherchen zu den Hintergründen des Verschwindens und dem Aufenthaltsort der Ehefrau Amina sehr behutsam vorangehen, baut sich schon bald enorme Spannung durch einige recht rätselhafte Geschehnisse in ihrem privaten Umfeld auf, denen sie zunächst kaum große Beachtung schenkt. Als Leser man ahnt bereits, dass die Geschichte weitaus bedeutendere und für Nora unerwartete, aber recht bedrohliche Dimensionen annehmen wird. So gerät sie bald in den Fokus von skrupellosen, profitgierigen Menschen, die für ihre üblen Machenschaften bereit sind über Leichen zu gehen.
Lone Theils hat mit ihrer Hauptfigur Nora Sand eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit entworfen, die einerseits sehr zielstrebig und taff ist, andererseits aber auch jede Menge Ecken und Kanten hat. Im Privatleben ist sie sehr verletzlich und handelt manchmal alles andere als professionell, was sie insgesamt sehr lebensnah und sympathisch macht. Auch in diesem Band rückt ihre Liebesgeschichte mit ihrem Jugendfreund Andreas immer wieder in den Mittelpunkt, die sich jedoch in eine andere Richtung entwickelt als erhofft und sie emotional stark in Anspruch nimmt. Sehr faszinierend ist es, Nora bei ihrer professionellen, engagierten Recherchearbeit zu begleiten, bei der sie alles gibt, die kleinsten Spuren verfolgt und nicht locker lässt, um die Wahrheit aufzuspüren. Bei ihrem hohen Einsatz ist sie zuweilen sogar bereit, große Risiken einzugehen, achtet aber darauf ihren ethisch-moralischen Prinzipien stets treu zu bleiben. Die übrigen Nebenfiguren sind sehr gelungen und entsprechend ihrer Rolle in der Geschichte angemessen und interessant ausgearbeitet.
Lone Theils eingängiger Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen, und der Autorin gelingt es hervorragend, ihre Leser mitzunehmen. Erzählt wird aus Noras Perspektive in der dritten Person, wodurch man als Leser das Geschehen gemeinsam mit der Protagonistin hautnah miterlebt und sich stets auf dem gleichen Wissensstand wie sie befindet. Nach zahlreichen Wendungen und einigen überraschenden Entwicklungen gipfelt der Fall schließlich in einem rasanten Showdown. Die Auflösung des Falls, die uns die Autorin schließlich präsentiert, ist zwar in sich realistisch und schlüssig, war für meinen Geschmack in einigen Aspekten allerdings doch etwas zu überspitzt und unglaubwürdig. Leider wurden zum Ende hin auch manche Nebenaspekte des Falls nicht aufgeklärt, so dass hoffentlich einige der im Dunkeln bleibenden Hintergründe in nachfolgenden Fällen noch näher erläutert werden.
Dennoch ist Das Meer löscht alle Spuren insgesamt eine gelungene Fortsetzung der vielversprechenden Serie mit einem mitreißenden, nachdenklich stimmenden Fall, der die Flüchtlingsproblematik aufgreift, und einer facettenreichen, sympathischen Protagonistin, von der ich gern noch mehr lesen möchte.
FAZIT
Ein gelungener zweiter Fall für die sympathische die Journalistin Nora Sand - mit ein paar kleinen Schwächen zwar, aber fesselnd erzählt und zum Nachdenken anregend.

Veröffentlicht am 24.04.2018

Ein ausgezeichneter, eindringlicher Roman

Kleine Feuer überall
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INHALT
Shaker Heights, ein wohlhabender Vorort von Cleveland, ist eine idyllische Gemeinde, in der nicht nur der Außenanstrich der Häuser vorgeschrieben ist, sondern auch das Alltagsleben seiner Bewohner ...

INHALT
Shaker Heights, ein wohlhabender Vorort von Cleveland, ist eine idyllische Gemeinde, in der nicht nur der Außenanstrich der Häuser vorgeschrieben ist, sondern auch das Alltagsleben seiner Bewohner festgelegten Regeln folgt. In den Augen von Elena Richardson, einer Kolumnistin für die Lokalzeitung, ist es der ideale Wohnort für ihre Familie, bestehend aus ihrem Mann, Partner einer Anwaltskanzlei und ihren vier jugendlichen Kindern Trip, Moody, Lexie und Izzy. Nun steht das Haus der Richardsons in Flammen. Laut Feuerwehr handelt es sich um Brandstiftung. Mit dem Feuer scheint sich auch Elenas so perfektes Leben in Rauch aufgelöst zu haben.
MEINE MEINUNG
Wie bereits mit ihrem Debüt und Bestseller-Roman «Was ich euch nicht erzählte» konnte mich die amerikanische Autorin Celeste Ng auch mit ihrem grandiosen, zweiten Roman «Kleine Feuer überall» vollauf überzeugen.
Die Handlung des Romans ist angesiedelt in den 1990er Jahren und beginnt mit der Schilderung eines dramatischen Katastrophenszenarios, das mich sofort gefesselt und mit vielen Fragen zurückgelassen hat. Die Familie Richardson muss zusehen, wie ihr luxuriöses Haus einem tosenden Flammenmeer zum Opfer fällt. Zudem ist die jüngste Tochter Izzy, das Schwarze Schaf der Familie, spurlos verschwunden und wird von allen als Brandstifterin verdächtigt.
Mit einem Rückblick auf die Anfänge der verhängnisvollen Ereignisse erzählt die Autorin äußerst behutsam ihre mitreißende, bewegende und äußerst viel schichtige Geschichte. Geschickt hat Ng einen auktorialen Erzählstil gewählt, der Distanz schafft, aber den Leser zugleich zum Augenzeugen der Handlung macht und ihn emotional immer tiefer in die Geschehnisse hineinzieht. Eingestreute Andeutungen über den weiteren Verlauf erzeugen beim Leser ein ungutes Gefühl, und implizierte Vorahnungen steigern ungemein die Spannung.
Im Mittelpunkt steht der aufkommende Konflikt zwischen zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten – auf der einen Seite die wohlhabende Vorzeigefamilie Richardson, im progressiven Shaker Heights etabliert, mit ihren vier Teenagern und auf der anderen Seite die eigenwillige freischaffende Künstlerin und Fotografin Mia mit ihrer 15jährigen Tochter Pearl, die mehrere Nebenjobs hat und ein eher unstetes, unkonventionelles Leben führt.
Sehr langsam entwickeln sich Beziehungen und Freundschaften untereinander, die schließlich an beachtlicher Eigendynamik hinzugewinnen, je mehr die Familienmitglieder miteinander interagieren und ihre Loyalitäten innerhalb des labilen Familiengefüges sich zu verschieben beginnen.
Von Kapitel zu Kapitel enthüllen schrittweise immer neue Details, wie verschiedene, verhängnisvolle Ereignisse und unglückliche Verkettungen in einer Tragödie münden konnten. Schließlich ergibt sich aus den vielen Puzzlesteinchen ein nachdenklich stimmendes Gesamtbild, das erklärt, wie die so wohlgeordnete Welt in Shakers Height aus den Fugen geriet. Hervorragend gelungen sind der Autorin ihre unterschiedlichen Charaktere, die sie sehr vielschichtig, lebendig und mit nuancierten Persönlichkeiten ausgearbeitet hat, so dass ihre Entscheidungen und Handlungen stets sehr nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Sehr gut gefallen hat mir insbesondere ihre sehr authentische Darstellung von typischem Teenager-Verhalten und ihren bisweilen irrationalen Verhaltensweisen. Mit außerordentlich gutem, psychologischem Feingespür enthüllt sie menschliche Sehnsüchte, Wunschdenken, fatale Fehleinschätzungen und allzu menschliche Irrtümer.
Ng versteht sich in ihrem Roman meisterhaft darauf, sehr nuanciert Fragen zu Rasse, Identität und Stellenwert von Mutterschaft in der Gesellschaft zu beleuchten, und wirft zudem viele interessante Fragen zu Mutter-Kind-Beziehungen auf.
FAZIT
Ein ausgezeichneter, eindringlicher Roman über verborgene Familiengeheimnisse und menschliche Abgründe. Großartig geschrieben und sehr lesenswert!

Veröffentlicht am 23.04.2018

Lesenswerter Auftakt einer neuen Krimi-Serie in Kopenhagen

Krokodilwächter
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INHALT
Die junge, erst kürzlich nach Kopenhagen gezogene Literaturstudentin Julie ist Opfer eines brutalen Mords geworden. Der Täter hat das Gesicht der jungen Frau mit einem rätselhaften Muster von Schnitten ...

INHALT
Die junge, erst kürzlich nach Kopenhagen gezogene Literaturstudentin Julie ist Opfer eines brutalen Mords geworden. Der Täter hat das Gesicht der jungen Frau mit einem rätselhaften Muster von Schnitten entstellt. Die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner ermitteln in dem schockierenden Fall und suchen nach einem Motiv für die Tat. Schon bald kommt heraus, dass Julies Vermieterin Esther, eine emeritierte Professorin, die sich als Krimiautorin versucht, an einem Manuskript gearbeitet hat, das auffällige Übereinstimmungen mit dem Mordfall aufweist. Während Esther in den Focus der Ermittlungen gerät, gehen die mörderischen Spielchen weiter …
MEINE MEINUNG
Mit „Krokodilwächter“ ist der dänischen Autorin Katrine Engberg ein vielschichtiges und fesselndes Debüt gelungen, das zugleich Auftakt einer neuen, in Kopenhagen angesiedelten Reihe ist. Auch wenn das Buch als Thriller beworben wird, handelt es sich doch eher um einen soliden Krimi, in dem die Ermittlungsarbeit sehr wohltuend im Vordergrund steht und viele Informationen zum eigenen Miträtseln und Spekulieren geliefert werden. Gekonnt verarbeitet die Autorin in ihrem Krimi auch Themen wie den Stellenwert der Bindung zwischen Kindern und Eltern, Verlust, Schuld, Versagen sowie Machtansprüche, Loyalität und fatale Abhängigkeiten.
Für ihren Krimi hat die Autorin einen hochinteressanten Ausgangspunkt gewählt, denn schon bald stellt sich heraus, dass der Mörder offenbar Esthers Entwürfe für ihren Kriminalroman als exakte Vorlage für seinen brutal inszenierten Mord benutzt hat. Durch einen geschickten Wechsel der Perspektiven und die verstreut in die Handlung eingebundenen Auszüge aus dem Manuskript baut sich rasch enorme Spannung auf. Nach und nach erfahren wir zum einen durch die laufenden Ermittlungen, aber auch durch die im Manuskript enthaltenen Beschreibungen immer neue Details aus dem Leben des Mordopfers, die verschiedenste Motive wahrscheinlich werden, und auch einige dringend Tatverdächtige in den Focus der Ermittler rücken lassen. Engberg versteht es, in ihre raffiniert konstruierte Handlung verschiedene Hinweise zur Lösung des rätselhaften Falls und so manche unvorhersehbare Wendung einzustreuen. Erst allmählich schälen sich klare Zusammenhänge aus den verwirrenden Details heraus und man beginnt zu ahnen, welches Motiv sich hinter allem verbirgt und wer der Täter ist. Zum Ende hin zieht die Spannung noch einmal stark an und der Krimi gipfelt in einem packenden Finale. Die Aufklärung des komplizierten Falls war insgesamt sehr schlüssig und nachvollziehbar, auch die Bedeutung des Titels wird genauer erläutert und doch bleiben noch einige Fragen zum Fall unbeantwortet.
Die Autorin hat ihre Figuren insgesamt zu sehr nuancenreichen und lebensnahen Charakteren ausgearbeitet, so dass ihre Handlungen für mich weitgehend plausibel waren. Sehr begeistern konnte mich vor allem die tiefgründige Charakterisierung der überaus sympathischen emeritierten Professorin und Möchtegern-Autorin Esther mit all ihren Ecken und Kanten.
Der Erzählstrang mit den ausführlich geschilderten Mordermittlungen ist geschickt verknüpft mit Einblicken in das Privatleben des Ermittlerteams. Wie für skandinavische Krimis üblich stehen vor allem die massiven persönlichen Probleme des vielschichtig angelegten Protagonisten, Polizeiassistent Jeppe Kørner im Mittelpunkt. Dieser befindet sich in einer psychischen Krise, nachdem er von seiner Frau wegen ihres unerfüllten Kinderwunsches verlassen wurde, und hat während der Ermittlungen so manches Mal mit seinen Unzulänglichkeiten und inneren Dämonen zu kämpfen, worunter zum Glück aber die Aufklärung des Falls nicht wirklich zu leiden hat. Richtig warm geworden bin ich leider mit den beiden Hauptfiguren des Ermittlerteams Jeppe Kørner und Anette Werner nicht, auch wenn sie sicher sehr interessante, sympathische Seiten haben und als Team trotz ihrer gegensätzlichen Charaktere hervorragend miteinander harmonieren. Man darf auf jeden Fall schon gespannt auf ihre weitere Entwicklung im neuen Band sein und wird sicher noch viele neue Aspekte an ihnen kennen lernen.
FAZIT
„Krokodilwächter” ist ein unterhaltsamer, vielschichtiger und fesselnder Auftakt einer neuen Krimi-Reihe, die vor allem auch sprachlich äußerst gelungen ist!

Veröffentlicht am 23.04.2018

Vielschichtiger, äußerst packender Pharmathriller

Riskante Manöver
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INHALT
Der in Berlin lebende PR-Agent Mats Holm ist ein hoch angesehener, sogenannter „Master of Desaster“, der mit seiner Partnerin Laura May immer dann angeheuert wird, wenn eine fatale Krise und einen ...

INHALT
Der in Berlin lebende PR-Agent Mats Holm ist ein hoch angesehener, sogenannter „Master of Desaster“, der mit seiner Partnerin Laura May immer dann angeheuert wird, wenn eine fatale Krise und einen Image-Schaden von den potentiellen Kunden abgewendet werden muss. In genau einem solchen Notfall wird Holms Krisen-PR-Agentur von dem Pharmaindustriegiganten Wenner Pharma zu Hilfe gerufen. Nach Einnahme ihres erst kürzlich eingeführten Medikaments sind mehrere Kinder lebensbedrohlich erkrankt, ein Mädchen verstirbt plötzlich im Krankenhaus und zu allem Überfluss kommen Gerüchte über unsaubere klinische Studien auf. Kein einfacher Auftrag für Holm, der für die Planung einer perfekten PR-Kampagne vor allem von den Konzernbossen die volle Wahrheit braucht. Nur darüber wollen sich die Auftraggeber natürlich lieber in Schweigen hüllen. Wird es Holm und seiner Partnerin May trotzdem gelingen, den Konzern vor einem Skandal und Mediendesaster größeren Ausmaßes zu bewahren?
MEINE MEINUNG
Mit „Riskante Manöver“ ist dem Autoren Birand Bingül ein vielschichtiger, äußerst packender Spannungsroman gelungen, den man schon bald nicht mehr aus der Hand legen kann.
Dies ist der erste Fall für den Berliner Public Relations-Agenten Mats Holm und seine Kollegin Laura May und wird hoffentlich auch nicht ihr letzter bleiben.
Bereits der Einstieg in diesen sehr nervenaufreibend gestalteten Fall, der in der oft angeprangerten Pharmabranche angesiedelt ist, wurde clever gewählt. Der Autor spielt hier gekonnt mit den schlimmsten Alpträumen von Eltern: ein krankes Kind fällt nach Medikamenteneinnahme in ein Koma, die Ärzte sind machtlos und kurze Zeit später ist das Kind verstorben. Natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien und ein klarer Fall für das Genie der Krisenmanagements PR Agent Mats Holm! Doch bei seinem neuem Auftrag wird schnell klar, dass die Konzernchefs nicht bereit sind, mit der vollen Wahrheit zu dem bei Kindern eingesetzten Schmerzmittel und seinen mutmaßlichen Nebenwirkungen rauszurücken, sondern lieber von sich ablenken wollen und eine Rufmordkampagne vermuten. Das plötzliche Verschwinden einer Mitarbeiterin gibt weitere Rätsel auf.
Schon bald entwickelt sich der über 4 Tage angelegte Fall zu einem äußerst fesselnden Thriller, denn Mats und seine Kollegin Laura haben nicht nur an der PR-Front um Schadensminimierung zu kämpfen, sondern ermitteln auf eigene Faust zudem im Fall der spurlos verschwundenen Wenner-Mitarbeiterin. Kurze Kapitel, die nur mit einer Zeitangabe ähnlich einem News-Ticker überschrieben sind, häufige Perspektivwechsel und unvorhersehbare Wendung bringen ein hohes Tempo in die Geschichte und sorgen zugleich für ungeheure Spannung. Für zusätzlichen Thrill sorgen einige Passagen aus der Perspektive eines mysteriösen Widersachers innerhalb der Wenner-Belegschaft mit offensichtlichen Insiderkenntnissen. Der sehr dialogorientierte Schreibstil des Autors ist kurz, prägnant, packend und passt perfekt zur temporeichen Handlung.
Neben den gut recherchierten Hintergrundinformationen zu klinischen Studien, den internen Verflechtungen, Abhängigkeiten und komplexen Machtspielchen in den obersten Etagen der Pharmakonzerne erfährt der Leser auch sehr interessante Details zur PR-Arbeit und ihren Strategien. Sehr gelungen und durchaus glaubwürdig empfand ich die Schilderungen ihrer schwierigen Arbeit mit den Auftraggebern und den sensationshungrigen Medien. Eine Gratwanderung bei der viel Pragmatismus, ein Abwägen von moralisch-ethischen Entscheidungen, eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und das Schmieden von Allianzen das tägliche Geschäft bestimmen. Hier merkt man, dass der Autor, der als Journalist arbeitet, vom Fach ist und fundierte Einblicke hinter die Kulissen hat.
Sehr schön kann der Leser über die Hintergründe des Falls spekulieren und wird gekonnt auf falsche Fähren gelockt. Die mitreißende Handlung gipfelt schließlich in einer dramatisch inszenierten Auflösung des Falls, die in sich schlüssig und nachvollziehbar ist. Brillant ist jedoch eine im Ausklang präsentierte Enthüllung, die einem beinahe zu den Boden unter den Füßen wegzieht, da sie den Fall in einem anderen Licht erscheinen lässt und den Leser äußerst nachdenklich zurücklässt.
Bingül hat die meisten seiner Charaktere sehr lebendig und realitätsnah ausgearbeitet, so dass ihr Verhalten sehr nachvollziehbar und glaubwürdig erscheint. Vor allem die beiden sympathischen Protagonisten Mats Holm und seine clevere Partnerin Laura May haben mir mit all ihren Eigenheiten sehr gut gefallen. Es sind interessante, unkonventionelle Charaktere, deren persönliches Umfeld wir im Laufe der Handlung allmählich besser kennen lernen. Zudem werden einige spannende Aspekte aus ihrer dunklen Vergangenheit enthüllt. Ich bin schon sehr neugierig auf weitere Details aus ihrem Leben und ihre weitere Entwicklung in den nächsten Bänden.
FAZIT
“Riskante Manöver” ist ein vielschichtiger, äußerst packender Pharmathriller, der mich sehr überzeugt hat! Sehr lesenswert!

Veröffentlicht am 20.04.2018

Ein außergewöhnlicher historischer Roman

Die letzte Reise der Meerjungfrau
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INHALT
England, 1785: Das bescheidene Leben des verwitweten Kaufmanns Jonah Hancock ändert sich schlagartig, als sein Kapitän aus Übersee als einziger Handelsware mit einer Meerjungfrau heimkommt. Ganz ...

INHALT
England, 1785: Das bescheidene Leben des verwitweten Kaufmanns Jonah Hancock ändert sich schlagartig, als sein Kapitän aus Übersee als einziger Handelsware mit einer Meerjungfrau heimkommt. Ganz London ist in Aufruhr - in den Kaffeehäusern, den Salons und Bordellen der Stadt sprechen die einen von einem Wunder, die anderen vermuten einen Betrug. Von allen wegen seines sensationellen Ausstellungsstücks hofiert, steigt Jonah Hancock bald in die obersten Gesellschaftskreise auf und wird durch ihren Verkauf zu einem äußerst reichen Mann. Um die Gunst der schönen Edelkurtisane Angelica Neal zu gewinnen, geht er auf die Forderung ein, ihre eine eigene Meerjungfrau als Liebesbeweis zu besorgen. Doch er ahnt nicht, welche verhängnisvollen Folgen dies nach sich ziehen wird…
MEINE MEINUNG
Mit ihrem herausragenden Romandebüt „Die letzte Reise der Meerjungfrau“ ist der talentierten britischen Autorin Imogen Hermes Gowar ein äußerst faszinierender historischer Roman gelungen. In ihrer großartigen Geschichte erzählt sie über menschliche Schicksale, über das ewige Streben nach Macht und Reichtum, über Begierden und Leidenschaften, Wunschträume und ernüchternde Wirklichkeit.
Gekonnt lässt uns Gowar ins quirlige London des 18. Jahrhunderts eintauchen, in dem sie uns mitnimmt in die geschäftigen Kaffeehäuser der Metropole, zu den wimmelnden Docks an der Themse und in die berühmtesten und dekadentesten Nobel-Bordelle der Stadt. Vor dem Hintergrund hervorragend recherchierter, historischer Details lässt sie die schillernde und sehr faszinierende Welt zur Georgeanischen Ära lebendig werden – einer Welt, die fast ausschließlich von Männern kontrolliert und dominiert wird und in der Frauen nur sehr begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Das von ihr entworfene, facettenreiche Portrait zeigt eine dekadente, vornehme Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral, voller Standesdünkel, Rassismus und strikter Sittsamkeit, aber auch den verruchten Teil des Molochs, den einige der vornehmen Herren nur allzu gut kennen. Hier lernen wir eine Gesellschaft kennen, die sich an immer neuen, monströsen Kuriositäten in Ausstellungen ergötzt, während sich erschreckende menschliche Schicksale in den Gossen der Stadt ereignen, wo Menschen in Armut und Elend vegetieren müssen.
Getragen wird diese grandiose Geschichte vom besonderen, atmosphärisch dichten Flair und dem Facettenreichtum seiner Figuren vor dem hervorragend beleuchteten historischen Hintergrund jener Zeit, weniger von einer spannungsgeladenen Handlung. Daher lässt sich dieser Roman auch nicht einfach so „herunterlesen“, sondern erfordert anfangs einiges an Konzentration und Geduld, um sich in die sich gemächlich entwickelnde Handlung hineinzufinden. Nach und nach ist man dann aber als Leser völlig gefangen von der abwechslungsreichen und ergreifenden Geschichte, die mit einigen sehr unerwarteten Wendungen zunehmend mehr Dynamik gewinnt und äußerst stimmig endet.
Gowar verwendet einen wundervoll lebendigen, humorvollen und recht anspruchsvollen Erzählstil gewürzt mit vielen detailreichen Beschreibungen und äußerst witzigen Formulierungen. Sehr geschickt ist von der Autorin auch das Motiv der Meerjungfrau gewählt, die zugleich für die vielen Frauengestalten steht, die damals in ihren Rollen gefangen waren und kaum ausbrechen konnten.
Brillant gezeichnet sind die beiden faszinierenden Hauptfiguren des Romans, die im Laufe der Geschichte zunehmend an Tiefe und Charisma gewinnen und mir immer mehr ans Herz gewachsen sind. So lernen wir zum einen den Kaufmann Jonah Hancock aus Deptford als männlichen Charakter kennen und zum anderen die berühmte Kurtisane Angelica Neal. Der grundsolide, etwas wunderliche Mr. Hancock ist eher charakterschwach, zögerlich und kann sich kaum gegen seine eigene Schwester wehren – alles in allem ein einfach liebenswerter Charakter. Angelica hingegen ist eine etwas naive, aber ziemlich berechnende junge Frau, die in ihrem kurzen Leben schon einiges durchgemacht hat und auf der Suche nach einem neuen reichen Gönner ist.
Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind sehr plastisch ausgearbeitet und agieren für den Leser jederzeit schlüssig und nachvollziehbar.
Wie nun dieses so unterschiedliche Paar zusammenkommen wird und was dies alles mit der letzten Reise der wundersamen Meerjungfrau zu tun hat, erfährt man in der sehr kunstvoll gewobenen Geschichte.
FAZIT
Ein wundervoll berührender historischer Roman, der ein sehr anschauliches, vielschichtiges und faszinierendes Sittengemälde jener Zeit zeichnet! Mich hat der Roman bestens unterhalten, auch wenn ich anfangs mit den Charakteren und dem gemächlichen Erzähltempo Probleme hatte.
Ein unterhaltsames Lesevergnügen!

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