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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.10.2025

Worte finden, das Schweigen brechen - weil Femizide systemisch sind

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Es ist der Winter 2019. Cristina Rivera Garza sitzt auf dem Bordstein vor einer Kriminalbehörde im Viertel Azcapotzalco, dem Viertel Mexiko Stadts, in dem vor 29 Jahren ihre Schwester Liliana von ihrem ...

Es ist der Winter 2019. Cristina Rivera Garza sitzt auf dem Bordstein vor einer Kriminalbehörde im Viertel Azcapotzalco, dem Viertel Mexiko Stadts, in dem vor 29 Jahren ihre Schwester Liliana von ihrem Ex-Freund umgebracht wurde.

Die Behörde ist die letzte Station auf einer langen Reihe von Behörden, die Cristina und eine Freundin an diesem Tag abgeklappert haben auf der Suche nach der Ermittlungsakte zu dem Mord an Liliana. Beflügelt von der MeToo-Bewegung hofft Ana nun, knapp drei Jahrzehnte und unendlich viele Femizide später, zumindest etwas zu Gerechtigkeit zu erwirken. Denn der Mörder ihrer Schwester - obwohl bekannt - wurde nie festgenommen.

Cristina Rivera Garza zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die keine Worte für die Gewalt an Frauen kennt, eines korrupten Staates und das zutiefst persönliche Bild einer Familie, die unter der Trauer und Scham angesichts des erzwungenen Schweigens über das Schicksal ihrer Tochter und Schwester niedergedrückt wird.

Basierend auf Fotografien, Lilianas Tagebucheinträgen, Briefen an Freundinnen und Gesprächen mit eben diesen Freundinnen erzählt Cristina fragmentarisch die Geschichte ihrer Schwester und gleichzeitig das Musterbeispiel einer toxischen Beziehung.

Sie schafft es persönliche Erzählung und Gesellschaftsporträt zu einer tief berührenden Geschichte zu verweben, die sich schwer einem einzelnen Genre zuordnen lässt. Letztendlich ist Lillianas unvergänglicher Sommer eine Aufforderung - sich mit Geschichten wie der Liliana Rivera Garzas auseinanderzusetzen, sie anderen zu erzählen und das Schweigen über ähnliche Schicksale zu brechen!

Ein unendlich wichtiges Buch!
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Veröffentlicht am 15.10.2025

Über das Aufwachsen in einem unfreien Staat

Himmlischer Frieden
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Lai wächst in den 80ern in einer kleinen Wohnung in einem Arbeiterviertel Pekings auf. Ihr Vater, den die Geister der Vergangenheit nicht loslassen, bleibt für seine Tochter unnahbar. Die Mutter findet ...

Lai wächst in den 80ern in einer kleinen Wohnung in einem Arbeiterviertel Pekings auf. Ihr Vater, den die Geister der Vergangenheit nicht loslassen, bleibt für seine Tochter unnahbar. Die Mutter findet kaum ein gutes Haar an ihrer Tochter. Und so ist für Lai ihre Popo, ihre Großmutter, die wichtigste Bezugsperson.

Lais Kindheit spielt sich hauptsächlich auf den Gängen des großen Wohngebäudes und den Straßen davor ab, wo sie mit den anderen Kindern Streiche ausheckt. Der Regierungsbezirk Pekings ist lange für sie nur als hell beleuchtete Gebäude in der Ferne zu sehen. Doch früh muss sie die Willkür und Brutalität des Regimes kennenlernen.

Himmlischer Frieden ist ein Coming-of-Age Roman. Lai Wen erzählt unglaublich gut beobachtet von der emotionalen Auflehnung eines jungen Mädchens gegen seine Eltern, von der Suche nach einem eigenen Weg, der eigenen Identität und dem gleichzeitig zunehmenden Verständnis für die Komplexität der Welt und die Wahrheiten der Eltern.

Gleichzeitig ist das Buch viel mehr als das. Es ist ein Stück Zeitgeschichte Chinas. Von Anfang an strebt das Buch auf die Proteste auf dem Tian‘anmen-Platz, dem Platz des himmlischen Friedens, zu. Auf eine Entladung der spürbaren Wut und Angst angesichts eines Regimes das keinen Widerspruch duldet, ihn brutal niederschlägt, das Geschichte umschreibt, die Grauen der Mao-Diktatur verkennt und damit eine ganze Generation zum Schweigen bringt.

Erst auf den letzten Seiten entlädt sich die Spannung in einer gleichzeitig erschreckenden und doch grandiosen, detailreichen Schilderung der Geschehnisse auf dem Tian‘anmen-Platz. Es ist ein Ende, das mich atemlos zurückgelassen hat - tief bewegt und gleichzeitig unschlüssig, wie ich das Buch im Gesamtbild bewerten soll.

Denn entweder die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Lai Wen verbirgt, offenbart in den letzten Sätzen Wahrheiten über die Proteste, die so noch nicht bekannt waren oder sie fiktionalisiert eine real existierende Person in einem Maße, das in meinen Augen kritisch zu hinterfragen ist.

Ich hoffe auf Ersteres, denn dann ist Himmlischer Frieden ein Buch, das ich gerne und aus vollstem Herzen weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Aufwühlend wahr

Im Leben nebenan
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Was ist, wenn man plötzlich mit Baby in einem fremden Leben aufwacht?

Als ich meiner Mutter Anne Sauers Romanidee skizzierte, musste sie lachen. "Ein bisschen ist das ja auch so, wenn man Kinder bekommt." ...

Was ist, wenn man plötzlich mit Baby in einem fremden Leben aufwacht?

Als ich meiner Mutter Anne Sauers Romanidee skizzierte, musste sie lachen. "Ein bisschen ist das ja auch so, wenn man Kinder bekommt." Plötzlich ist das Leben nicht mehr nur das eigene. Lange bestehende Lebensrealitäten haben keine Gültigkeit mehr.

Doch Anne Sauer geht einen Schritt weiter. Nachdem sie am Abend zuvor noch in den Armen ihres Freundes in einer Altbauwohnung in irgendeiner deutschen Großstadt eingeschlafen ist, wacht Antonia tatsächlich in einem ganz anderen Leben auf. Dem Leben, das sie hätte, wenn sie sich an einer Stelle ihres Lebens anders entschieden hätte, wenn sie bei ihrer Jugendliebe und in ihrem Heimatort geblieben wäre, statt für das Studium in eine weit entfernte Stadt zu ziehen. Hat Toni sich eben noch vergeblich ein Kind gewünscht, hält Antonia es nun in ihren Armen und kann diesem neuen Leben nicht mehr entfliehen.

Auf zutiefst persönliche Weise skizziert Anne Sauer auf knapp 300 Seiten, was es heißt eine Frau zu sein, wie zentral die Frage, ob man Kinder haben will, ab einem bestimmten Alter wird und wie tiefgreifend eine Entscheidung für oder gegen ein Kind, das Leben einer Frau verändert.

Klar und gleichsam poetisch zeichnet sie das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen ohne Kinder immer noch aus einem vermeintlichen Rahmen fallen und gleichzeitig junge Mütter oft allein gelassen werden mit einer übermäßig großen gesellschaftlichen Erwartungshaltung an sie. Sie findet Worte für Themen, die noch zu oft totgeschwiegen werden, für wiederholte Fehlgeburten, die rohe Körperlichkeit, die verbunden ist mit einem unerfüllten Kinderwunsch und wie sehr dieser den Alltag vereinnahmt. Gedanken werden angerissen, wenige ausformuliert. Aber ich bin mir sicher, dass jede Frau in den 20ern und 30ern (und ältere Frauen sowieso) die Lücken gedanklich schließen kann, sich auf vielen Seiten wiederfindet.

Für mich war "Im Leben nebenan" ein Buch, das mich sehr berührt hat, nachdenklich gestimmt hat und tief aufgewühlt zurückgelassen hat. Ich würde es jeder Person ans Herz legen!

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Eine Perle

Perlen
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Mariannes Mutter geht als diese acht Jahre alt ist. Sie tritt aus der Haustür ohne Schuhe, ohne etwas mitzunehmen und kommt nicht wieder. Die Polizei vermutet bald Selbstmord, doch die Spuren am Fluss ...

Mariannes Mutter geht als diese acht Jahre alt ist. Sie tritt aus der Haustür ohne Schuhe, ohne etwas mitzunehmen und kommt nicht wieder. Die Polizei vermutet bald Selbstmord, doch die Spuren am Fluss sind vom Regen verwischt und für die Tochter beginnt ein langer Prozess des Verarbeitens eines Verlusts, der sich kaum verarbeiten lässt. Denn könnte ihre Mutter nicht noch irgendwo dort draußen sein? Und warum hat sie ihre Tochter zurückgelassen, die sie doch so liebte?

"Perlen" ist ein Schatz. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt - über die gesellschaftliche Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen - und gleichzeitig die unglaublich intensive, persönliche Geschichte einer Mutter-Tochter Beziehung erzählt. Ganz leise und poetisch kommt es am Anfang daher und trägt doch von Seite eins an eine tiefe Verzweiflung in sich - eine Zerrissenheit zwischen den kindlichen Erinnerungen von Marianne an ihre fröhliche, liebevolle Erinnerungen und dem gleichzeitigen Wissen um die psychische Erkrankung ihrer Mutter. Die anfängliche Trauer und Fassungslosigkeit schlägt mit Beginn der Pubertät in eine dumpfe Wut um und das Buch entfaltet plötzlich eine ganz neue Dynamik.

Siân Hughes schreibt in ihrer Danksagung, dass sie ihr halbes Leben an diesem Buch geschrieben hat und das spürt man auf jeder Seite. Jeder Satz schein mit äußerster Sorgfalt formuliert, jede Emotion der Protagonistin spiegelt sich in der Erzählweise wider. Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so sehr getragen hat, das so mühelos zwischen unterschiedlichen Erzähltempi gewechselt hat und mich am Ende absolut sprachlos zurückgelassen hat.

"Perlen" ist eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr - wenn nicht überhaupt - gelesen habe. Eine sehr große Leseempfehlung für dieses wundervolle Buch!

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Ein Kratzer an der Oberfläche des Themas

Stars
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Carla Mittman arbeitet in Raum G3e in einer Firma, die Behörden mit Büromöbeln ausstattet. Jeden Tag um Punkt 13 Uhr verlässt sie das Büro und geht nach Hause, wo sie sich in ihrer Freizeit als Hobbyastrologin ...

Carla Mittman arbeitet in Raum G3e in einer Firma, die Behörden mit Büromöbeln ausstattet. Jeden Tag um Punkt 13 Uhr verlässt sie das Büro und geht nach Hause, wo sie sich in ihrer Freizeit als Hobbyastrologin etwas dazuverdient. Doch ihr Leben gerät aus den Fugen als vor ihrer Tür eines Tages ein Karton mit 100 000 Euro steht.

Je länger sie sich von nun an Vollzeit den Horoskopen ihrer Kund*innen widmet, desto drängender wird die Frage: "Gibt es vielleicht doch das Schicksal, an das sie bis dahin nie wirklich geglaubt hat? Oder können all die Muster, die sie entdeckt, reiner Zufall sein?"

Es ist eine Frage, die Katja Kullmann in ihrem Buch nicht zu beantworten versucht. Sicherlich berechtigterweise, denn müssen wir nicht alle einräumen, dass wir die Existenz einer höheren, lenkenden Macht nicht ausschließen können? Und so habe ich mich immer wieder seltsam ertappt gefühlt in meinem Wunsch nach rationalen Erklärungen für das ein oder andere Phänomen in diesem Buch.

Abgesehen davon hat das Buch jedoch wenig in mir bewegt. Die Protagonistin blieb unnahbar und war mir über weite Strecken des Romans unsympathisch. Andere Fragen, wie die nach den Gründen, warum sich Menschen in Zeiten der Krise der Astrologie zuwenden, schwangen im Roman mit, wurden aber nie tiefergehend betrachtet. Genauso wenig die ambivalente Beziehung von Carla Mittman zu ihrer Mutter. Und auch das Ende, das dem Roman eine vermeintliche Tiefe hätte verleihen können, wirkte für mich zu kurz gegriffen und in weiten Teilen unrealistisch.

Sehr schade, da ich den Klappentext sehr ansprechend fand und dahinter einen tiefgründigeren Roman erwartet hätte!

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