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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.02.2025

Köstlich schräge Krimikomödie im Altenheim

Crime im Heim
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Während in der Seniorenresidenz Haus Silberblick sich ein Teil der Bewohner auf die Aufführung eines Theaterstückes vorbereitet, wird der Mops einer Bewohnerin tot aufgefunden. Die Obduktion beweist: Es ...

Während in der Seniorenresidenz Haus Silberblick sich ein Teil der Bewohner auf die Aufführung eines Theaterstückes vorbereitet, wird der Mops einer Bewohnerin tot aufgefunden. Die Obduktion beweist: Es war Mord. Und das war erst der Anfang.
Was Autorin Ida Tannert mit diesem Cosy Krimi aus dem Altenheim ins Leben gerufen hat, ist an Wortwitz und Situationskomik kaum zu überbieten. Haarscharf seziert sie das Zusammenleben einer Gruppe alter Menschen, die mit ihren jeweiligen Eigenarten, Gebrechen, Ideen und Interessen aufeinandertreffen. Schrullig und schräg geht es zu, wenn Demenz, Schwerhörigkeit und Bewegungseinschränkungen den Kampf gegen das Verbrechen aufnehmen. Oder sich in ihre Rollen im Theaterstück fügen.
Jedenfalls setzt der kulturbeflissene Friedhelm Kemp es sich in den Kopf, mit diesem Haufen scheinbar unvereinbarer Charaktere eine Aufführung von Shakespeares Hamlet zu inszenieren. Die Yogalehrerin Katia Horenfeld, die er galant umwirbt, sollte ihn eigentlich nach Kräften unterstützen, interessiert sich indes zu seinem Leidwesen vorrangig um dunkle Dinge, die sich im Heim zusammenbrauen.
Wie sich beides miteinander verwebt, Aufklärung des Verbrechens und Vorbereitung der Aufführung, und die Teilnehmenden miteinander agieren und zusammenwachsen lässt, ist einfach nur köstlich zu lesen. Zahlreiche Unwägbarkeiten fließen mit ein, nichts läuft wie erwartet, es bleibt unterhaltsam und - auch wenn das sicher nicht das Hauptanliegen ist - spannend bis zum Ende.
Und ja, man darf über Schwächen lachen, die das Alter so mit sich bringt, wenn Wohlwollen und Respekt zwischen den Zeilen durchschimmern. Und man darf davon träumen, dass mit Toleranz und Nachsicht auch späte Freundschaft und sogar Liebe möglich ist.
Vielleicht noch ein Tipp für alle, denen Hamlet nicht (oder nicht mehr) geläufig ist: Eine kurze Auffrischung könnte sich lohnen. Denn der junge Mann ist im Roman beinahe allgegenwärtig.

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Veröffentlicht am 08.02.2025

So geht intelligenter Lesespaß

Wackelkontakt
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Während ein Mann namens Escher auf einen Elektriker wartet und dabei einen Roman über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo liest, liest dieser in einer Gefängniszelle ein Buch über Escher, der auf den Elektriker ...

Während ein Mann namens Escher auf einen Elektriker wartet und dabei einen Roman über den Mafia-Kronzeugen Elio Russo liest, liest dieser in einer Gefängniszelle ein Buch über Escher, der auf den Elektriker wartet.
Die Namensgleichheit fällt ins Auge: Es liegt nahe, angesichts dieser Konstellation an die Lithographie „Zeichnende Hände“ des niederländischen Künstlers M. C. Escher zu denken. So wie die das genannte Werk ein Glanzbeispiel für „Unmögliche Figuren“ ist, entwickelt sich in Wolf Haas´ Roman eine unmögliche Geschichte.
Die ist so spannend, unterhaltsam, zunehmend rasant und haarsträubend verrückt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auf besondere Stilelemente der Sprache wie eine grammatische Verstümmelung verzichtet der Autor dieses Mal, gewährt aber auch hier freie Einblicke in das (oft sehr menschliche) Denken und Fühlen seiner Charaktere, seziert so fein und folgerichtig, dass man beinahe in diese hineintritt und selbst gravierende Fehlhandlungen verzeiht. Und letztendlich sind sie liebenswert, allesamt, ob es der pedantische Trauerredner Escher mit seiner Leidenschaft für Puzzles ist, der um sein Leben fürchtende Elio, dessen Tochter Ala, die mit dreizehn Jahren beginnt, heikle Fragen zu stellen, oder andere: Man muss sie mögen!
Die Konstruktion der ineinander verzahnten Handlungen ist äußerst vielschichtig, intelligent und kreativ. Da zudem jede Menge des typischen Humors platziert ist, kann man mit Fug und Recht von einem ganz besonderen Highlight sprechen.
Wunderbar passt das Cover: Die verwischte Schrift lässt den Titel lebendig werden und weist schon auf die zu erwartenden Unsicherheiten und die Unverlässlichkeit einer gewohnten Informationsübertragung von Buch zu Leser hin.
Wer also bereit ist, sich auf ein außergewöhnliches literarisches Abenteuer einzulassen, sollte sich wie Escher und Elio mit einem Buch befassen. Und zwar mit genau diesem. Wer weiß, vielleicht wird ja irgendwann ein weiterer Lesender magischen Eingang in diese Story erlangen.

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Veröffentlicht am 31.01.2025

Absolut chaotisch, absolut liebenswert

Crazy Family (Band 3) - Die Hackebarts greifen an!
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Im neuen Haus der Hackebarts gibt es noch einigen Renovierungsbedarf. Als sie dem üblen Geruch im Bad auf den Grund gehen wollen, landen sie in Gemeinschaft einer riesigen Rattenschar in einer alten Kanalisation, ...

Im neuen Haus der Hackebarts gibt es noch einigen Renovierungsbedarf. Als sie dem üblen Geruch im Bad auf den Grund gehen wollen, landen sie in Gemeinschaft einer riesigen Rattenschar in einer alten Kanalisation, wo ein sehr besonderer Fund auf seine Entdeckung wartet: eine merowingische Klobürste. Es folgt ein Familienurlaub nach Kenia, bei dem so gar nichts abläuft wie erwartet.
Gleich vorweg: Es gibt Kritikpunkte. Der Schwenk vom Heim zum Urlaub kommt ziemlich abrupt unter notdürftig erscheinendem Zusammenhang. Auch wirken Anfang und Ende der Geschichte zu offen, um ein rundes Leseerlebnis zu vermitteln. Da ist deutlich zu spüren, dass hier inmitten eines Vorher und eines Nachher der dritte Teil einer Reihe um eine der verrücktesten Familien der Kinderliteratur eingebettet liegt. Für Kontinuität und Verständnis könnte es viel Sinn machen, mit dem ersten Band zu beginnen. Und dann fortzufahren, solange Autor Markus Orths und Illustrator Horst Klein liefern.
Denn etwas Abgedrehteres, Lustigeres, Haarsträubenderes und gleichzeitig Liebenswerteres als diese Menschen wird man schwer finden. Mit großer Kreativität werden hier absurde Situationen, Probleme, Gefahren geschaffen. Und die jeweiligen noch absurderen Lösungen gleich dazu. Die Charaktere sind dramatisch überzeichnet, und gerade dadurch glaubt man mit großem Vergnügen, das ein oder andere Kind aus dem eigenen Umfeld wiederzukennen. Ob es der spielsüchtige Zosch ist, der seinen unerschöpflichen Erfindungsreichtum auf nichts anderes als die Maximierung seiner Handynutzzeit richtet, der versonnene Mönkemeier mit seinem philosophischen Kunstverständnis, die hochbegabte sechsjährige Lulu in ihren vorzeitigen Abivorbereitungen oder Brooklyn, die inmitten ihrer extremen Familie mit Organisation und Planung versucht, alles am Laufen zu halten: Alles scheint so überspitzt wie vertraut.
Inmitten ihres Chaos und ungeachtet aller Widrigkeiten und Besonderheiten schält sich, und das ist etwas sehr Schönes, das Gefühl von Zusammenhalt, Zuneigung und Akzeptanz heraus, mehr noch, unterschwellig sogar die Erkenntnis des Vorteils einer diversen Gesellschaft.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Über das Leben einer klugen Dichterin

BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«
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Sibylla Schwarz wächst während der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges in Greifswald als Tochter des Bürgermeisters auf. Schon früh entwickelt sie eine Leidenschaft für Lyrik, erfährt als Mädchen aber ...

Sibylla Schwarz wächst während der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges in Greifswald als Tochter des Bürgermeisters auf. Schon früh entwickelt sie eine Leidenschaft für Lyrik, erfährt als Mädchen aber ständig Widerstand durch Familie und Gesellschaft.
Stefan Cordes vollbringt hier ein kleines Wunder. Inmitten der Grauen jener Zeit, die geprägt ist von Krieg, Hunger, Krankheiten, verschafft er in seinem Roman auch den heiteren Seiten des Lebens Raum. Die unerträglichen Umstände, die Überfälle, Demütigungen, Morde, Vergewaltigungen lässt er geschehen, doch erlaubt er ihnen nicht, alles in ihrem Schatten zu ersticken.
Sibylla, genannt Billie, ist eine leuchtende Figur, jung, aufsässig und bildungshungrig. Weit ihrer Zeit voraus, weigert sie sich, die Grenzen, die ihr als Frau aufgezwungen werden, zu akzeptieren. Für ihren Traum, eine berühmte Lyrikerin zu werden, geht sie gegen alle Hürden an, ungeachtet der Gefahren, die damit verbunden sind.
Das ist ungeheuer fesselnd, die Charaktere sind greifbar, die Dialoge lebendig und stark. Es wird gar nicht erst versucht, künstlich durch vermeintlich mittelalterliche Sprache ein mittelalterliches Flair zu transportieren. Dadurch rückt das Geschehen sehr dicht heran. Informationen wie das kriegerische Gewoge von Katholiken, Protestanten, Schweden, die Heimsuchung durch die Pest, die Ungeheuerlichkeit der Hexenverfolgung, dringen als Teil der Handlung durch, wirken an keiner Stelle dozierend oder spannungsreduzierend. Hin und wieder sind bereichernde poetische Beschreibungen eingefügt, die die Freude am Lesen noch steigern.
Ebenfalls eingefügt sind einige Gedichte der jungen Lyrikerin, stets so, dass sie gut in den Kontext passen. Sie verleihen dem Bild, das von ihr entsteht, noch mehr Tiefe.
Am Ende des Romans werden Kurzbiografien der einzelnen Personen angehängt. Die sind einem teilweise so ans Herz gewachsen, dass man die Informationen dankbar annimmt.
Wie schön, dass diese besondere Dichterin, deren Werk um ein Haar verloren gegangen wäre, in diesem Buch wieder zum Leben erweckt wird.

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Veröffentlicht am 03.01.2025

Perfekt die viktorianische Ära eingefangen

Der tote Antiquar von Limehouse
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London, 1871. Der Antiquitätenhändler Jakob Jakobus wird ermordet in seinem Laden aufgefunden, kurz nachdem der Diebstahl eines wertvollen Smaragdcolliers bei der Polizei zur Anzeige gebracht wurde. Inspector ...

London, 1871. Der Antiquitätenhändler Jakob Jakobus wird ermordet in seinem Laden aufgefunden, kurz nachdem der Diebstahl eines wertvollen Smaragdcolliers bei der Polizei zur Anzeige gebracht wurde. Inspector Ben Ross von Scotland Yard vermutet einen Zusammenhang.
Ann Granger beweist im neunten Band der Reihe wieder einmal, wie leichtfüßig sie das viktorianische London zum Leben erwecken kann. (Gleich vorweg: Der Band lässt sich problemlos ohne Kenntnis der Vorgänger lesen.) Bei der Beschreibung eines Staus auf der Waterloo Bridge vermag sie beinahe zu überzeugen, sie wäre selbst dabei gewesen. Das Gesellschaftsleben der damaligen Zeit samt der sozialen Strukturen und Missständen umrahmt und trägt die Handlung. Die Charaktere, alle mit der leichten Überspitzung versehen, die sie prägnant und leicht merkbar macht, verhalten sich glaubhaft und konsequent.
Ermittler Ben Ross und seine Ehefrau Elizabeth erzählen jeweils aus der Ich-Perspektive ihren Teil der Handlung. Beide sind sich sehr verbunden und arbeiten wohlwollend einander zu.
Dass sie dennoch lange im Dunkeln tappen, liegt an der verwickelten Geschichte. Mühsam und langwierig gestaltet sich die Ermittlungsarbeit, Bruchstück um Bruchstück muss herbei getragen, ein Detail ums andere ans Licht gezerrt werden. Es macht durchaus Spaß, dies alles zu verfolgen, doch vermisst man ein wenig die Spannung. Auch an Überraschungen hält die Story wenig bereit. Natürlich ist klar, dass es sich hier um einen klassischen Cosy-Krimi handelt, das signalisiert jede Körperfaser des Lesenden, aber etwas eifriger mitfiebern würde man sicher gerne.
Irritierend sind einige Stellen, bei denen Unverständlichkeit oder falsche Bezüge auf kleine Übersetzungsprobleme hinweisen.
Die Stärken des Krimis liegen in der Wiedergabe der Atmosphäre, der Darstellung der Personen und der Souveränität und Eleganz des Schreibstils. All das sorgt für Lesevergnügen und Wohlbefinden und vermag auf eigene Weise zu fesseln.

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