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Veröffentlicht am 27.02.2026

Varianten der Wahrheit

Die fremde Frau
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Die Millionenerbin Oriana Di Pietro wird auf ihrer Jacht vor der Côte d’Azur attackiert und erliegt wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Vom Täter fehlt jede Spur, die Rekonstruktion der letzten ...

Die Millionenerbin Oriana Di Pietro wird auf ihrer Jacht vor der Côte d’Azur attackiert und erliegt wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Vom Täter fehlt jede Spur, die Rekonstruktion der letzten Tage aus Orianas Leben ergibt höchst unterschiedliche Bilder. Wer erzählt die Wahrheit? Oder ist die Wahrheit einfach eine Tochter der Sichtweise?

Dieser so nüchterne Bericht und gleichzeitig so fesselnde Roman zieht mich als Leserin sofort in seinen Bann. Oriana selbst, ihr charmanter Ehemann Adrien, dessen junge Geliebte Adele und schließlich die eifrige Polizistin Justine kommen abwechselnd zu Wort und legen ihre Meinung dar. Die Puzzlesteine rücken nur langsam an ihren Platz, dennoch ist das Geschehen von Anfang bis zum bemerkenswerten Ende durchwegs spannend und hervorragend durchdacht. Die wenigen Figuren charakterisiert Guillaume Musso treffend, die Handlung wird zwar nicht chronologisch erzählt, die einzelnen Kapitel fügen sich aber übersichtlich und logisch aneinander. Die wesentliche Frage, welche sich hier stellt, ist, wer sagt die Wahrheit und wer lügt. Aber das herauszufinden ist vielleicht unmöglich?

Ein außergewöhnlicher Roman, eine beklemmende Atmosphäre, eine perfekte Auflösung! Leseempfehlung!


Veröffentlicht am 20.02.2026

35 Jahre retour

You and Me - Die zweite erste Liebe
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Nach 35 Jahren hat sich die Liebe zwischen Adam und Jules schon abgenützt, Kleinigkeiten lösen Reibereien aus, der Alltagstrott wird zum zermürbenden Hamsterrad. Als Jules endlich den Schuppen ausmistet ...

Nach 35 Jahren hat sich die Liebe zwischen Adam und Jules schon abgenützt, Kleinigkeiten lösen Reibereien aus, der Alltagstrott wird zum zermürbenden Hamsterrad. Als Jules endlich den Schuppen ausmistet und alte Musikkassetten zum Sperrmüll bringen möchte, entdeckt Adam zahlreiche selbst bespielte Tapes mit ihrer Lieblingsmusik und persönlichen Botschaften. Durch das neuerliche Abspielen und Anhören begeben sich Adam und Jules auf eine Zeitreise zurück zum Beginn ihrer Liebe im Jahre 1989.

Abwechselnd erzählt das Autorenduo aus Adams und Jules Sicht den Stand der Dinge. Jules erwacht aus einem Traum, der mit ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, so lebendig und bildhaft geht es hier zu. Nach einer Bestandsaufnahme über die nunmehr 35jährige Beziehung kommen auch schon die eingangs erwähnten Mixtapes zur Sprache und wir reisen mehrfach in der Zeit zurück, um zu erfahren, wie Jules und Adam einander kennengelernt haben und auf welche Weise sich ihre Persönlichkeiten entwickelt haben. Was, wenn nicht alles so gekommen wäre, sondern das Leben andere Abzweigungen genommen hätte? Hätte man einen Schicksalsschlag abwenden können, eine andere berufliche Laufbahn einschlagen oder besser auf seine Gesundheit achten können? Was, wenn man im Nachhinein noch das ein oder andere Rädchen verstellen und der Geschichte einen positiveren Verlauf geben könnte? Die Handlung springt also munter zwischen den Figuren und verschiedensten Zeitpunkten hin und her und bietet allerlei Möglichkeiten, den Plan des gelebten Lebens neu zu denken. Was dabei herauskommt und wie die beiden Hauptfiguren damit umgehen, das erzählt dieser Roman, dessen Idee mir gut gefällt. Leider ist aber der Funke nicht wie erwartet übergesprungen, weder das Ehepaar selbst noch die weiteren Personen haben mich emotional berührt und die doch oft recht phantasiehaften Szenen lesen sich nicht unbedingt glaubwürdig und überzeugend. Die Erkenntnisse am Ende wiederum passen gut als Anregung zum Nachdenken und Nachahmen. Ebenso sind die flüssige Schreibweise und die umfangreiche Playlist positiv hervorzuheben.

Dieser teilweise sciencefictionähnliche Roman beleuchtet die ganz alltäglichen Schwierigkeiten einer langjährigen Ehe und bietet unterhaltsame Auswegmöglichkeiten aus dem Routinegeschehen. Der Humor trifft zwar nicht ganz meinen Geschmack, wird aber bestimmt eine größere Leserschar ansprechen.


Veröffentlicht am 20.02.2026

Generationen

Das gute Leben
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Anni ist tot und Christina, ihre Enkelin, steht vor dem Erbe, einem Haus in der Nähe von Nürnberg. Aber anstatt dass sie rasch alles ausräumt und Ordnung schafft für den Verkauf, schweifen ihre Gedanken ...

Anni ist tot und Christina, ihre Enkelin, steht vor dem Erbe, einem Haus in der Nähe von Nürnberg. Aber anstatt dass sie rasch alles ausräumt und Ordnung schafft für den Verkauf, schweifen ihre Gedanken zur Oma, bei der sie aufgewachsen ist und lässt deren Leben Revue passieren – Annis Neuanfang in Deutschland, nachdem sie Rumänien verlassen hat, ein fordernder Job bei der Quelle und ein kleines Kind, das sie alleine aufziehen hat müssen.

Voller Poesie und doch so nah an der harten Realität schreibt Nadine Schneider, bildhaft und gefühlvoll fließen die Szenen aus ihrer Feder und verschwimmen fern jeglicher Chronologie zu diesem wunderbaren Roman. Vier Generationen haben teil am Geschehen, manche nur am Rande, Anni deutlicher und Christina als Ich-Figur muss schlussendlich die Scherben aufsammeln und aus der Geschichte ihrer Vorfahren ihr eigenes Leben zurechtzimmern. Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln von Anni und Christina wird das Leben von vier Frauengenerationen betrachtet und besonders der Einfluss der Altvorderen auf ihre Nachkommen dargestellt. Was erwarten die Älteren, wie fühlen die Jüngeren, hat jemand Schuld am Lebensfluss der anderen in der Familie? Wer darf Vorhaltungen aussprechen und wer hält sich für zu minder? Warum flieht man aus der aktuellen Konstellation und was gibt man an seine Kinder und Enkel weiter? Ein schier unendliches Kaleidoskop aus unterschiedlichsten Gefühlen dreht sich im Kreis und reißt den Leser mit, lässt in der Rückschau erkennen, dass alle ihre berechtigten Perspektiven und Vorstellungen vom Leben haben und dass es so viel mehr gibt als Schwarz und Weiß.

Ein großartiger Roman mit viel Realitätssinn und Blick auf die Wahrheit, die für jeden eine andere ist – absolut lesenswert!

Veröffentlicht am 19.02.2026

Geschichten aus dem Moor

Spiegelland
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Der vierzehnjährige Elias fährt kurzerhand mit dem Rad ins Moor, wo seine Oma Catharina (Cato) lebt, denn in der Abgeschiedenheit will er sich verstecken, nachdem er sich völlig daneben benommen hat. Was ...

Der vierzehnjährige Elias fährt kurzerhand mit dem Rad ins Moor, wo seine Oma Catharina (Cato) lebt, denn in der Abgeschiedenheit will er sich verstecken, nachdem er sich völlig daneben benommen hat. Was er nicht weiß: nicht nur er hütet ein Geheimnis, auch die Großmutter könnte so einiges erzählen.

Ein wunderbarer Roman in drei großartig verwobenen Zeitebenen erwartet die Leser von Spiegelland, jede einzelne der 560 Seiten ist so fesselnd und absolut kurzweilig, dass ich das Buch an einem Tag regelrecht verschlungen habe. Aber von vorne: Elias flüchtet sich im Sommer 2025 zu seiner Großmutter, wodurch sich ein perfekter Rahmen für die anderen beiden Geschichten ergibt, nämlich jene von seiner Oma und seiner Mutter im Jahre 1999 und eine noch viel weiter zurückliegende Begebenheit, der Urbanisierung des Moores 1756. Nicht nur die historischen Fakten sind akribisch recherchiert und unaufdringlich in den Roman eingeflochten, auch andere - fiktive - Details fußen auf wahren Grundlagen, auf die im Nachwort hingewiesen wird. Abwechslungsreich geht es durch die unterschiedlichen Zeitabschnitte, welche - einem Leporello gleich - die jeweiligen Episoden geschickt und nahtlos miteinander verknüpft, sodass die Gemeinsamkeiten über die Jahrhunderte bestens verdeutlicht werden.

Mit ihrer eloquenten Ausdrucksweise überzeugt Rebekka Frank ebenso wie mit ihren überaus realitätsgetreuen Figuren, die man genau so auch im echten Leben antreffen könnte. Die angesprochenen Themen, vom notwendigen Schutz der Moore über Gewalt in der Familie bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr, sind in allen drei Abschnitten gleichermaßen aktuell und zeigen größtenteils ohne moralisierenden Unterton, wie viel auch heute noch zu tun ist. Der Bogen spannt sich vom beschwerlichen Leben im Moor über eine toxische Ehe bis hin zu einer inakzeptablen Handlung eines Jugendlichen und verknüpft alles zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

Nicht immer vergnüglich, dafür aber umso glaubwürdiger, präsentiert sich der neue Roman Spiegelland von Rebekka Frank und verdient, nicht zuletzt durch die vielen bildhaften Beschreibungen, eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Nackt ermittelt

Strandgut
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Im Euronat Centre Naturiste, dem größten FKK-Feriendorf Europas, muss Commissaire Luc Verlain diesmal ermitteln, handelt es sich bei der Leiche am Strand doch um einen aufstrebenden Politiker. Was just ...

Im Euronat Centre Naturiste, dem größten FKK-Feriendorf Europas, muss Commissaire Luc Verlain diesmal ermitteln, handelt es sich bei der Leiche am Strand doch um einen aufstrebenden Politiker. Was just der junge Konservative im Nacktbadeparadies zu suchen hatte, obgleich er kurz zuvor noch für dessen Schließung aus moralischen Gründen plädiert hat? Aufregend anders verlaufen die flirrend heißen Sommertage an der Atlantikküste.

Großartig – wie immer – erzählt Alexander Oetker mit Leichtigkeit vom bunten Treiben am Nudistenstrand, lockt mit allerlei kulinarischen Genüssen, die so bildlich beschrieben sind, dass einem allein beim Lesen das Wasser im Munde zusammenläuft und präsentiert wie nebenbei eine pikante Leiche samt spannender Polizeiarbeit. Die kurzen Kapitel unterstreichen die Lebendigkeit der Schilderungen und lassen keine Langeweile aufkommen, alte Bekannte sind ebenso gut vorstellbar charakterisiert wie neue Figuren rund um Luc Verlain. Besondere Aufregung herrscht am Ende um den jungen Yacine, die Klärung, was seine Zukunft betrifft, lässt leider auf sich – und den folgenden Band – warten.

Ein weiterer absolut atmosphärischer Teil dieser wunderbaren Krimireihe, in der einfach alles passt: charismatische und lebensechte Personen, eine bezaubernde Kulisse und Mordfälle, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit punkten. Ein Muss, nicht nur für Frankreichliebhaber!

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