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Veröffentlicht am 14.05.2021

Farblose Perlen

Die Glasperlenmädchen
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Als junge Lehrerin und Fremde kommt Benedetta Silva nach Augustine, Louisiana, und findet sich schwierigen Verhältnissen gegenüber. Ihre Schüler fallen auf durch Desinteresse, Hunger und der Aufgabe, im ...

Als junge Lehrerin und Fremde kommt Benedetta Silva nach Augustine, Louisiana, und findet sich schwierigen Verhältnissen gegenüber. Ihre Schüler fallen auf durch Desinteresse, Hunger und der Aufgabe, im Haushalt sowie bei der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister mitzuhelfen, auch wenn das versäumte Unterrichtstage bedeutet. Vergeblich versucht sie, die Meute im Zaum zu halten, bis sie mit einer zündenden Idee vielleicht doch noch das Interesse der Jugendlichen wecken kann.

In einer früher angesiedelten Zeitebene (1875) ist die ehemalige Sklavin Hannie entzweit von ihrer Familie und hat nur noch drei blaue Glasperlen als Erinnerung an ihre Lieben. Unfreiwillig befindet sie sich alsbald auf einer Reise nach Texas mit den Halbschwestern Lavinia und Juneau Jane, die ihre Erbrechtspapiere sicherstellen wollen.

So spannend sich die Inhaltsangabe liest, so schön das Buch als Ganzes gestaltet ist, so enttäuschend ist der Inhalt. Was aufregend beginnt mit schrecklichen Sklavenschicksalen, wandelt sich alsbald in eine träge dahinfließende Anzahl an Seiten, die wenig Geschehen präsentieren und auch keinerlei Emotionen auslösen. Die im Klappentext erwähnte Reise nach Texas entpuppt sich eher als zähe Flucht denn als aktive Suche, auch die gewitzte Idee von Benedetta kommt erst spät ins Spiel. Jede Szene, die Abenteuer und Aufregung verspricht, endet rasch und glimpflich, weder Angst noch Freude sind aus den Zeilen herauszuspüren. Warum Missy Lavinia als eine der Hauptfiguren überhaupt konzipiert wird, obgleich sie dann nahezu die ganze Zeit über einen nassen Erntesack mimt, erschließt sich dem Leser kaum.

Alles in allem ein paar gute Ansätze, die aber leider keineswegs fesselnd in diesen Roman gepackt wurden.

ISBN 978-3-8090-2739-3

Sprache Deutsch

Ausgabe gebundenes Buch, 528 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 26. April 2021

Verlag Limes

Originaltitel The Book of Lost Friends

Übersetzer Andrea Brandl

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Veröffentlicht am 10.05.2021

Sicherer Hafen

Sturmvögel
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Sechszundachtzig Sommer hat Emmy Seidlitz nun schon erlebt und blickt zurück auf ein gutes Leben, mit Höhen und Tiefen, aber ihrer Ansicht nach eben insgesamt ein gutes: geboren 1907 auf einer kleinen ...

Sechszundachtzig Sommer hat Emmy Seidlitz nun schon erlebt und blickt zurück auf ein gutes Leben, mit Höhen und Tiefen, aber ihrer Ansicht nach eben insgesamt ein gutes: geboren 1907 auf einer kleinen Nordseeinsel, die Entbehrungen zweier Kriege durchlebt und das Gefühl, innige Liebe erfahren zu haben, lassen sie trotz allem zufrieden ihrem Ende entgegensehen, vor dem ein angesehener Professor sie mittels Herzschrittmacher retten will. Augenzwinkernd verlässt sie seine Praxis, um der Natur ihren Lauf zu lassen; woran sollte sie denn sterben, wenn ihr Herz nicht stehenbleiben dürfe? Nur nicht jetzt im Frühling, im Winter jedoch, wenn die dunklen Nächte lang sind, wenn man nicht so viel verliert vom Tag, da wolle sie sterben, ja, warum nicht? Und während schon zwei der drei erwachsenen Kinder auf ein überraschendes Erbe hoffen, zieht Emmy im Hintergrund die Fäden.

Mit viel Humor und witzigen Dialogen beginnt dieser wunderbare Roman, Emmy erobert wohl alle Leserherzen wie im Fluge. Ja, jedes Leben hat ein Ende und unerschrocken geht die nette, alte Dame darauf zu, was sollte ihr auch noch fehlen? Zwischen die aktuellen Kapitel, die im Jetzt, nämlich 1994 spielen, fügen sich Rückblenden, die Emmys fast jahrhundertlanges Leben widerspiegeln und beleuchten. Voller Warmherzigkeit schildert Autorin Manuela Golz sehr beeindruckend die mühsamen Lebensbedingungen auf einer kargen Nordseeinsel zwischen Dänemark und Preußen, dem heutigen Schleswig-Holstein. Entwurzelung und eine Zeit als Dienstmagd überwindet Emmy, ohne dem Schicksal allzu gram zu sein. Darauf folgen die wilden 1920er-Jahre, bevor ein schrecklicher zweiter Weltkrieg über Berlin tobt. Realistisch und lebensnah begegnet uns diese grauenvolle Zeit, in der Emmy immer auf die ermutigenden Sätze ihres Vaters vertraut: „Jetzt machen wir uns erst einmal ein paar schöne Gedanken. Ist doch das Einfachste von der Welt. Kostet nichts und geht überall.“ (Pos. 2687) Eine friedvolle Insel wird zum Ort der Trauer, bunte Landschaft verschwimmt in Szenen von grauem Kriegsschutt, Freude wird erstickt von einer bösen Schwiegermutter, aber trotz allem Leid bewahrt sich Emmy ihre Hoffnung, verliert nie den Mut, schöpft schließlich Kraft aus der Liebe und gibt diese bedingungslos weiter an ihre Kinder.

Berührende Szenen und ein angenehmer, fließender Schreibstil begleiten dieses Buch, das man kaum mehr aus den Händen legen möchte. Man spürt in jedem Satz die Nähe zu Golz´ eigener Großmutter, die bestimmt oft spannende Geschichten aus einem bewegten Leben erzählt und damit ihre Enkelin inspiriert hat. Gefühlvoll, spannend und mit viel Liebe ist Emmys Geschichte verewigt. Sturmvögel finden fast immer einen sicheren Hafen und am Ende ist Emmy selbst ein solcher.



ISBN 978-3-8321-8137-6

Sprache Deutsch

Ausgabe gebundenes Buch, 336 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 17. Mai 2021

Verlag DuMont Buchverlag

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Veröffentlicht am 08.05.2021

In der Seniorenresidenz geht´s mörderisch zu

Der Donnerstagsmordclub (Die Mordclub-Serie 1)
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In die luxuriöse Seniorenresidenz Coopers Chase in der idyllischen Grafschaft Kent zieht die fast achtzigjährige Joyce neu ein. Das Unterhaltungsangebot ist abwechslungsreich und bietet vom hauseigenen ...

In die luxuriöse Seniorenresidenz Coopers Chase in der idyllischen Grafschaft Kent zieht die fast achtzigjährige Joyce neu ein. Das Unterhaltungsangebot ist abwechslungsreich und bietet vom hauseigenen Schwimmbad und Gärtnermöglichkeit über Puzzlerunden bis hin zur Schnacken-und Strickengruppe alles, was das Herz begehrt. Aber für ein paar unter ihnen ist das viel zu langweilig: die ehemalige Geheimagentin Elizabeth, der frühere Gewerkschaftsführer Ron und der manchmal immer noch aktive Psychiater Ibrahim treffen sich regelmäßig donnerstags, um ungeklärte Kriminalfälle zu lösen. Dass Penny, bis vor kurzem ebenfalls Mitglied im Club, krankheitshalber dauerhaft ausfällt, scheint für Joyce ein Glückstreffer zu sein: die rüstige Dame, die gerne Tagebuch schreibt, füllt die Lücke im Donnerstagsmordclub schnell aus. Und schon passiert tatsächlich ein Mord nahe des mondänen Hauses.

Eine witzige Idee, wenn auch nicht neu erfunden, präsentiert uns Autor Richard Osman mit diesem unterhaltsamen Buch. Im Mittelpunkt stehen alte, aber durchaus noch recht unternehmungslustige und rüstige Bewohner von Coopers Chase, die aufgrund ihrer Verschiedenheit eine recht illustre Runde abgeben. Jeder kann auf seine Art und Weise interessante und aufschlussreiche Beiträge liefern, um den jüngst passierten Mordfall ein Stück weit aufzuklären. Obwohl dies natürlich gar nicht erlaubt ist, so müssen DCI Chris Hudson und PC Donna De Freitas von der örtlichen Polizeidienststelle immer wieder schmunzeln über die originellen Einfälle, die das Quartett oft liefert und vor allem die unkonventionellen Methoden, sich mit den Kommissaren abzustimmen.

Trotz der grundsätzlich spannenden Handlung liest sich der Text insbesondere am Anfang eher hölzern, die Dialoge erscheinen sperrig und unecht. Auch an den trockenen britischen Humor muss man sich erst gewöhnen, witzige Bemerkungen und Andeutungen werden jedoch immer passend ins Geschehen eingestreut und entlocken dem Leser ein Schmunzeln. Während die einzelnen Charaktere sehr gut und lebendig gezeichnet sind und die Schauplätze detailliert und bis ins Kleinste gut vorstellbar beschrieben werden, so gibt es doch recht häufig Passagen, die vom Wesentlichen viel zu weit abschweifen und Langatmigkeit an Stelle von Nervenkitzel treten lassen.

Die Mordgeschichte selbst kann zwar nicht vollends fesseln, die liebenswerte Seniorenrunde entschädigt jedoch für so Manches.



ISBN 978-3-471-36014-9

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 464 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 3. Mai 2021

Reihe Die Mordclub-Serie

Verlag List

Originaltitel The Thursday Murder Club

Uebersetzer Sabine Roth

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Veröffentlicht am 06.05.2021

Hier wohnt die glückliche Familie

Das Nachtfräuleinspiel
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Ein Quotenhit soll sie werden, die Jubiläumssendung der bekannten Erziehungsexpertin Liane van der Berg. Schließlich fließt all ihre Energie nicht nur in dieses Sendeformat, sondern schon sein Jahrzehnten ...

Ein Quotenhit soll sie werden, die Jubiläumssendung der bekannten Erziehungsexpertin Liane van der Berg. Schließlich fließt all ihre Energie nicht nur in dieses Sendeformat, sondern schon sein Jahrzehnten in ihre gesamte Arbeit im Waldorfkindergarten, in das Schreiben psychologisch fundierter Elternratgeber und in die Therapiesitzungen für schwierige Kinder – wer, wenn nicht sie, besitzt also die besten Voraussetzungen dafür? Und noch dazu hat sie fünf Kinder großgezogen, Haus und Garten in Schwung gehalten und wie nebenbei disziplinierte Ernährungsgewohnheiten eingehalten, um nicht nur für ihren Mann Carl attraktiv zu bleiben. Eine Vorzeigefrau wie im Bilderbuch, aber gibt es so etwas tatsächlich?

In einem außergewöhnlichen Roman lässt Anja Jonuleit den Leser in Lianes Leben blicken, alles beginnt mit einem verstörenden Anruf in Jahre 2017 und schwenkt immer wieder zurück bis in die späten 1960er-Jahre. Mit vielen Zeit- und Perspektivwechseln präsentiert sich dieses Buch durchaus als eines, das man nicht nur kurz für zwischendurch zur Hand nehmen sollte, im Gegenteil ist es dafür ohnehin viel zu spannend und mitreißend. Schließlich birgt jedes Kapitel so viel an interessanten Informationen, dass man stets neugierig weiterlesen will, ja muss. Die einzigartige Handlung wird umrahmt von vielen wissenswerten Details und realen Fakten: so erfährt man vom freizügigen Leben in einer Kommune ebenso wie von gruseligen Fastnachtsbräuchen auf der Schwäbischen Alb, irritierenden Erziehungsmethoden und strikten Ernährungsprinzipien. (Das Nachwort - diesmal vorab gelesen - bietet hier nützliche weiterführende Hinweise.)

Die Autorin versteht es von Anfang an, alltägliche Themen erfrischend unterhaltsam in Szene zu setzen und daraus einen ganz besonderen Roman zu verfassen. Die Begleitung der einzelnen Kapitel durch Verse aus dem „Nachtfräuleinspiel“ verleiht dem Ganzen eine düstere Note und auch sonst spürt man immer wieder eine unterschwellige Spannung wie in einem Psychothriller, einen latenten dunklen Unterton, der die Handlung sehr passend begleitet.

Besonders gelungen ist die Tatsache, dass zu Beginn die Richtung des Romanes nicht ganz klar ist und der Klappentext nicht zu viel verrät. Und auch wenn die Lösung bereits nach zwei Dritteln absehbar ist, so berührt die Geschichte unterschiedlichste Gefühlsebenen und man fiebert mit mit der ein oder anderen Person. Diese sind übrigens recht lebensnah dargestellt und herausgearbeitet, haben ihre Macken ebenso wie liebenswürdige Seiten, in fast jeden kann man sich hineinversetzen. Damit wird die abwechslungsreiche Thematik perfekt abgerundet, langweilig wird es hier nie.

Fesselnd und dramatisch, so empfinde ich „Das Nachtfräuleinspiel“, ein Buch, wie kein zweites!



ISBN 978-3-423-21918-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 496 Seiten

ebenfalls erhältlich als ebook und Hörbuch

Erscheinungsdatum 3. Mai 2021

Verlag dtv

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Veröffentlicht am 03.05.2021

Tot sind nur jene, an die sich niemand mehr erinnert

Das Mädchen im Nordwind
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Ein Work & Travel-Arrangement führt die gelernte Tischlerin Sofie nach Island, da ihr Arbeitsplatz in Hamburg nicht mehr existiert und auch privat nicht mehr alles „rund“ läuft. Wie es der Zufall so will, ...

Ein Work & Travel-Arrangement führt die gelernte Tischlerin Sofie nach Island, da ihr Arbeitsplatz in Hamburg nicht mehr existiert und auch privat nicht mehr alles „rund“ läuft. Wie es der Zufall so will, fällt ihr ein Päckchen mit Notizen in die Hände, in dem sie sogleich neugierig zu lesen beginnt: die Zeilen scheinen sehr privat zu sein und ins Deutschland im Jahre 1936 zurück zu schweifen.

Aha, typisches Konzept, denke ich mir zu Beginn, aber was auf den ersten Blick eine ganz durchschnittliche Geschichte werden dürfte, entpuppt sich immer mehr zu einer sehr berührenden Zeit- und Länderreise. Eng ineinander verflochten präsentieren sich Sofies Arbeits- und Urlaubsleben auf der nordländischen Insel und die immer bedrohlicheren Bedingungen für die jüdische Kaufmannsfamilie Rosenberg Ende der 1930er-Jahre im deutschen Lüneburg.

Der Spannungsbogen beginnt eher flach, nimmt jedoch von Kapitel zu Kapitel stetig zu und lässt den Leser schließlich mit Tränen in den Augen zurück. Voller Gefühl schildert Autorin Karin Baldvinsson die einzelnen Ereignisse und man spürt förmlich, wie viel Herzblut in jede Szene geflossen ist. Detailgetreue Schilderungen lassen jede Zeit, heute wie damals, so plastisch und greifbar werden, so lebendig, als wäre man selbst mitten drin in einer Achterbahn aus höchstem Glücksgefühl und tiefgreifendsten Problemen. Beide Hauptfiguren – Luise und Sofie – sind als starke Frauen konzipiert, die ihren Weg gehen, auch wenn er steinig ist und von Schmerzen erfüllt.

Wunderbar fügen sich die karge isländische Landschaft und die ganz im Gegensatz dazu stehende Herzlichkeit in die Handlung der Jetzt-Geschichte ein und auch im „Damals“ kann man diesen Familienzusammenhalt erahnen, selbst wenn Luise das anders erlebt hat. Die Vertrautheit der Autorin mit Kultur und Lebensweise Islands spricht aus jedem einzelnen Satz und vermittelt dadurch größtmögliche Authentizität, die keine theoretische Recherche wettmachen könnte. Und genau das lässt dieses Buch zu einer Geschichte werden, die so viel sehr Persönliches von Sofie preisgibt, ins Innerste blicken lässt und schließlich auch durch Luise eine Erinnerung wach werden lässt, ein Denkmal setzt für unzählige grausame Schicksale im Deutschen Reich.

Nur auf den ersten Seiten harmlos daherkommende Lektüre, steckt unglaublich viel Emotion in diesem traurigen und zugleich Mut machenden Roman, der noch lange in meinen Gedanken nachhallen wird …

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