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Veröffentlicht am 03.08.2020

Vom Umgang mit Seuchen

Ich rede von der Cholera
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Der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine übersiedelt 1831 nach Paris und schreibt Texte für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“. Ein eindrücklicher Bericht stammt vom 20. April 1832 über ...

Der deutsche Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine übersiedelt 1831 nach Paris und schreibt Texte für die Augsburger „Allgemeine Zeitung“. Ein eindrücklicher Bericht stammt vom 20. April 1832 über die Cholera.

Während die Cholera bereits London erreicht und zahllose Todesopfer gefordert hat, nimmt die Stadtverwaltung von Paris die Seuche nicht ernst. Ansteckungs- und Verbreitungswege sind unbekannt, es wird wohl ein Problem der „anderen“ sein. Fröhlich wird weiter gefeiert und sorglos ein normales Leben gelebt – bis auch in Paris die Toten auf der Straße liegen. Rasch werden Schuldige gesucht, von Gift und Verschwörung ist die Rede, untaugliche Mittel zur Bekämpfung der Krankheit werden ausgerufen und Angst treibt so manchen aus der Stadt.

Mitten im Chaos bewahrt Heine die Ruhe und sieht sich aufmerksam um. Mit seiner typisch nüchternen Art beschreibt er das geschäftige Treiben zur Zeit der Seuche, Reich und Arm sind gleichermaßen betroffen, da Angst, dort Überheblichkeit – landen am Ende doch alle in den gleichen Leichensäcken.

Die Beobachtungen sind bewegend und erschreckend, allerdings doch recht kurz gehalten. Vermutlich, weil es sich um einen Zeitungsartikel handelt, der im Anhang auch als Faksimile abgedruckt ist.

Ein entsprechendes Vorwort von Tim Jung berichtet von den Beweggründen Heines, in Paris zu bleiben und mit welch journalistischem Weitblick der Dichter die Seuche dokumentiert hat. Ein Vergleich zur Corona-Pandemie knapp 200 Jahre später ist zwar medizinisch nicht haltbar, aber doch sehr aufschlussreich, wenn man die Reaktionen der Menschen heranzieht: die Seuche ist eine andere, der Umgang damit frappierend ähnlich.

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Veröffentlicht am 03.08.2020

Traum und Wirklichkeit

Das Lichtenstein – Modehaus der Träume
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Das traditionsreiche „Lichtenstein“, Warenhaus mitten in Berlin, ist Fundgrube für jedermanns Geschmack. Nicht nur „Reich und Schön“ soll bedient werden, sondern auch Arbeiter und Taglöhner können sich ...

Das traditionsreiche „Lichtenstein“, Warenhaus mitten in Berlin, ist Fundgrube für jedermanns Geschmack. Nicht nur „Reich und Schön“ soll bedient werden, sondern auch Arbeiter und Taglöhner können sich hier ab und zu einen kleinen Wunsch erfüllen. Während der jüngere Sohn des Hauses, Ludwig, auch künftig alles beim Alten belassen möchte, sieht sein Bruder Jacob stete Veränderung als das gewinnbringende Ziel, niemals auf den Lorbeeren ausruhen, ist seine Devise. Aber ein verheerendes Feuer und der beginnende Krieg verändern bald das Leben aller Menschen, die mit dem Lichtenstein zu tun haben.

In abwechselnder und spannender Folge begegnen dem Leser die einzelnen Protagonisten des Lichtenstein, Inhaber wie Angestellte füllen ein Kapitel nach dem anderen und erwachen vor unserem geistigen Auge zu realen Figuren, mutig, vorausschauend, kämpferisch, aber auch traditionsbewusst und bodenständig. So präsentieren sich jene Personen, die nicht nur ihren Lebensunterhalt im und durch das Warenhaus verdienen, sondern auch ihre Ideen und Träume mitbringen, zum Teil mit Leib und Seele sich der großen Familie verschrieben haben. Der historische Hintergrund wird gut recherchiert mit der fiktiven Handlung verwoben, sodass man ein gutes Gefühl bekommt für das alltägliche Leben und die Stimmung rund um die Jahre 1913 – 1918. Einerseits floriert die Mode, wer sich kein teures Kleid leisten kann, sucht sich zumindest schöne Stoffe aus und näht, andererseits sind Armut und beengte Wohnverhältnisse ein Thema. Dennoch spürt man die Lebensfreude, die nicht verloren geht, die Pläne und Hoffnungen für die Zukunft, auch wenn der Vater säuft und Schläge austeilt.

Doch der Krieg lässt sich nicht aufhalten – Franzosen und Russen zwingen zum Marsch an die Front. Werden damit auch die letzten Träume erlöschen?

Flüssig und lebendig führt Averbeck durch diese schicksalreichen Jahre des Lichtenstein und nimmt den Leser mit auf eine interessante Reise, aufregend, romantisch, erschütternd und traurig, manchmal jedoch ein wenig (zu) langatmig. Viele einzelne Episoden werden erzählt, die das Modehaus zu einem lebendigen Mikrokosmos erwecken und neugierig warten lassen auf die Fortsetzung des Romans. Der Serienauftakt ist auf jeden Fall gelungen.

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Veröffentlicht am 27.07.2020

Was es braucht zum Glück

Die Wunderfrauen
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Der Krieg ist zu Ende, nach Jahren des Verzichts kann man sich nach und nach wieder etwas leisten. Und Luise Dahlmann wünscht sich ein klein wenig Eigenständigkeit mit einem eigenen Feinkostladen. In Gedanken ...

Der Krieg ist zu Ende, nach Jahren des Verzichts kann man sich nach und nach wieder etwas leisten. Und Luise Dahlmann wünscht sich ein klein wenig Eigenständigkeit mit einem eigenen Feinkostladen. In Gedanken plant sie bereits die Einrichtung, notiert in ihrem Notizbüchlein das Sortiment und ansprechende Aktionen. Aber wird ihr Mann Hans seine Zustimmung erteilen? Und auch drei andere Frauen stehen vor Veränderungen: Marie Wagner, vertrieben aus Schlesien, Helga Knaup, Tochter eines reichen Schuhfabrikbesitzers und die Arztgattin Annabel von Thaler.

Bereits der Prolog ist spritzig verfasst. Stephanie Schuster lässt das Bild der Zeit um die Jahre 1953/54 von Anfang an sehr lebendig vor dem Auge des Lesers wieder aufleben und Erinnerungen an früher oder zumindest an Erzählungen daran wach werden.

Die weitere Handlung gliedert sich in zwei Teile. Zuerst werden rückblickend alle vier Wunderfrauen vorgestellt, jede mit ihrem ganz persönlichen Schicksal, Gemeinsamkeiten scheint es kaum zu geben. Später laufen die Fäden zusammen und die Autorin verflicht das Leben der vier illustren Damen im bayrischen Starnberg miteinander auf gekonnte Art und Weise. In spannendem Bogen erfährt man hier Zeitgeschichtliches und vor allem, welche Hürden Frauen zur damaligen Zeit noch auferlegt waren, von freien Entscheidungen und Unabhängigkeit keine Spur. Dennoch nehmen die vier Hauptfiguren dieser Geschichte ihr Leben selbst in die Hand und versuchen ein bisschen Glück zu finden nach den schweren Kriegsjahren. Die Charaktere sind gelungen in ihrer Darstellung, jede einzelne Frau ist mit ihren typischen Eigenschaften sehr glaubwürdig dargestellt. So unterschiedlich ihre Herkunft auch ist, kommen sie einander im Laufe der Zeit näher, aus nachbarschaftlicher Hilfe wird sogar freundschaftlicher Zusammenhalt.

Stephanie Schusters Schreibstil ist flüssig, die übersichtlichen Kapitel gestalten sich kurzweilig und ineinanderfließend, wenn eine Stelle aus der Sicht zweier unterschiedlicher Damen beleuchtet wird. So wechseln einander die Blickwinkel und Erlebnisse der vier Frauen stetig ab und bringen ein Gesamtbild hervor, das stimmig die Zeit der 1950-er Jahre widerspiegelt: schreckliche Erinnerungen an den Krieg, Verlust von Familienmitgliedern, harte Arbeit beim Wiederaufbau, aber auch Hüftspeck nach der Hungersnot, Lutscher in schmucken Glasgefäßen, Schallplatten und tragbare Abspielgeräte, offener Dorftratsch und hinterlistige Intrigen, Männer-Wirtshausrunden und Fußballmeisterschaft.

Mit viel Liebe zum Detail und etlichen Szenen zum Schmunzeln erweckt die Autorin längst vergangene Zeiten zum Leben. Somit bleibt dem Leser nur gespanntes Warten auf die Fortsetzung dieser pfiffigen Frauen-Geschichte.

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Veröffentlicht am 24.07.2020

Verzehrende Ungewissheit

Zwei fremde Leben
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Während der junge Polizist Thomas Rust auf die Besuchszeit in der Geburtsklinik Dresden wartet - seine Frau ist zur Beobachtung aufgenommen – erfährt Steffen, dass sein Kind in der Nacht zuvor tot geboren ...

Während der junge Polizist Thomas Rust auf die Besuchszeit in der Geburtsklinik Dresden wartet - seine Frau ist zur Beobachtung aufgenommen – erfährt Steffen, dass sein Kind in der Nacht zuvor tot geboren worden ist. Mutter Ricarda darf sich von ihrem Baby nicht verabschieden, ja nicht einmal ein kurzer Blick auf das Neugeborene wird ihr gewährt. So ist es Vorschrift in der DDR im Jahre 1973 - es sei besser so. Allerdings hegen sowohl Ricarda als auch Thomas Zweifel am Tod des Kindes. Verschiedene Anzeichen deuten auf eine staatlich angeordnete Kindesentführung hin und so stellen beide, unabhängig voneinander, Nachforschungen an.

17 Jahre später sucht Claudia Behling jene Frau, die sie nach der Geburt weggegeben hat – ihre Mutter.

Ab der ersten Seite fesselt Autor Frank Goldammer den Leser mit seinem etwas kühlen, aber sehr anschaulichen Schreibstil. Die Situation vor und im Krankenhaus wird so lebendig und bildhaft vermittelt, gleich einer Zeitreise in die 1970er-Jahre. Unmittelbar wird man konfrontiert mit der vorherrschenden Mode, unzähligen gerauchten Zigaretten und der beständigen Vorsicht, nichts preiszugeben, was der Stasi zuträglich sein könnte, womit man sich verdächtig machen würde. Zwar ist das zentrale Thema die Kindesentführung zwecks Sozialisierung junger Erdenbürger, aber auch etliche andere Probleme werden erwähnt, welche die damaligen DDR-Bürger belasteten. Bespitzelung, Überwachung, Unterdrückung – die Stasi nützte Angst und Missgunst, um Macht zu bewahren und den Menschen ein besseres Leben als jenes im Westen vorzugaukeln.

Nicht nur die Handlung selbst ist spannend mit all den erschütternden Geschehnissen, sondern auch der Aufbau des Buches. Über weite Strecken sehen wir die Vorgänge aus Ricardas Sicht, aber ebenso werden die Ermittlungen des Polizisten detailliert betrachtet und schließlich nimmt auch noch Claudias Schicksal Raum in dieser unfassbaren Geschichte ein. Dazu kommt der Wechsel zwischen den unterschiedlichen Zeitebenen, mitunter ein wenig sprunghaft, aber immer gut gekennzeichnet, sodass man der Handlung mühelos folgen kann und sich die einzelnen Bausteine Stück für Stück zu einem stimmigen Ganzen fügen. Stilistisch und sprachlich überzeugend führt Goldammer zwei fremde Leben zusammen.

Dieser Roman beeindruckt einerseits aufgrund der wohldurchdachten Handlung, die anfangs ein wenig verworren und undurchschaubar scheint, andererseits durch die Tatsache, dass all dem vermutlich reale Vorgänge zugrunde liegen. Erschütternd, beklemmend, lesenswert!

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Veröffentlicht am 16.07.2020

Drama, Liebe und Intrigen

Willkommen im Flanagans (Das Hotel unserer Träume 1)
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Eine rauschende Silvesternacht im altehrwürdigen Londoner Luxushotel Flanagans läutet das Jahr 1960 ein. Zehn Jahre schon leitet Linda Lansing das Haus, allerdings wird sie nun von ihren Cousins und Anteilseignern ...

Eine rauschende Silvesternacht im altehrwürdigen Londoner Luxushotel Flanagans läutet das Jahr 1960 ein. Zehn Jahre schon leitet Linda Lansing das Haus, allerdings wird sie nun von ihren Cousins und Anteilseignern unter Druck gesetzt und zum Verkauf gedrängt. Die gebürtige Schwedin steht mit ihrer listigen Freundin Mary vor einer schwerwiegenden Herausforderung.

Ausgelassene Stimmung, atemberaubende Roben, Whiskey und Zigarettenspitz – der Jahreswechsel im Flanagans ist legendär, Reich und Schön fährt vor, um ein unvergessliches Fest zu feiern. Mittendrinnen Chefin Linda, einem Journal zufolge „eine hübsche Societydame, die einem leidtun kann, gezwungen ist, das exklusive Hotel zu führen, seit ihr Vater verstorben ist, kein Ehemann, keine Kinder in Sicht, allerdings die Cousins an ihrer Seite.“

Der Einstieg ins Buch, in eine schillernde und gleichzeitig bedrückende Silvesternacht ist erst einmal ein wenig verwirrend. Wer ist wer? Warum ist Linda in dieser Position? Erst nach und nach wird mittels Rückblenden erzählt, warum Linda in London ist, wer ihre Eltern waren, warum sie das Hotel geerbt hat. Danach wird die Geschichte sehr viel besser durchschaubar und entwickelt Spannung, auch wenn das eine oder andere Kapitel ein bisschen langatmig daherkommt.

Asa Hellberg beleuchtet das geschäftige Treiben in diesem herrschaftlichen Hotel, lässt weder den gestrengen Ton unter der Belegschaft aus noch die Diskriminierung farbiger Angestellter. Ein Lichtblick ist Chefin Linda aus dem schwedischen Dorf Fjällbacka. Für sie zählen Leistung und Entschlossenheit, exakt jene Eigenschaften, die sie selbst vom Landmädel zur erfolgreichen Geschäftsfrau verwandelt haben. Aber genau das ist für Frauen der damaligen Zeit kaum möglich. Geschickt fängt die Autorin die Stimmung der 1950er – Jahre ein, Frauen haben niedere Arbeiten zu verrichten, gebären Kinder und verstehen nichts von Finanzen. Wie schwierig es ist, sich – speziell als Frau – ohne entsprechende Vorkenntnisse um eine Hotelleitung zu kümmern, wird beeindruckend geschildert, vor allem, wenn dann noch Neid und Missgunst der Cousins mitspielen und kaum eine Intrige ausgelassen wird.

Zum Glück gibt es aber auch einige Personen, die Linda wohlgesonnen sind und sie auf ihrem Weg unterstützen und ermutigen. So wird eine bunte Palette an Figuren geschaffen, die ein authentisches Bild der damaligen Zeit widerspiegeln, sehr individuelle Charaktere, die sich im Laufe der Zeit gut weiterentwickeln und damit den Weg bereiten für eine Fortsetzung des traditionellen Flanagans.

Alles in allem ist der Auftakt zu einer interessanten und lesenswerten Reihe also gut gelungen!

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