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Veröffentlicht am 29.01.2020

Verbindungen?

Cold Case - Das verschwundene Mädchen
1

Er lauert den Frauen in den frühen Morgenstunden auf, er vergewaltigt sie, etliche ermordet er. Wer ist dieser Unhold, dieses Monster? Aufgrund von Spuren an einem Tatort könnten diese Gräueltaten mit ...

Er lauert den Frauen in den frühen Morgenstunden auf, er vergewaltigt sie, etliche ermordet er. Wer ist dieser Unhold, dieses Monster? Aufgrund von Spuren an einem Tatort könnten diese Gräueltaten mit einem alten Vermisstenfall zusammenhängen – Cold Case-Expertin Tess Hjalmarsson übernimmt die Ermittlungen. Allerdings muss sie sich beeilen. Alles deutet darauf hin, dass der Täter bald wieder zuschlagen wird.

Ebenso spannend, wie es der Klappentext verspricht, beginnt dieser Thriller mit Orkantief Rut und der jungen Mutter Linnea Hakansson, die allein zu Hause ist. Von der ersten Seite weg packt die Autorin den Leser mit ihrem Schreibstil, ihrer zur Stimmung passenden Sprachmelodie und fesselt einen an die Handlung. Spürbar knistert die Atmosphäre, Linneas Unruhe greift über.

Doch kaum ist dieser erste Abschnitt vorüber, wandelt sich das Bild, verliert die Sprache an Lebendigkeit, zu viel ablenkendes Privatleben der Kommissare fließt in die Geschichte mit ein. In unzähligen Details verzettelt sich die Autorin, weder fördern sie das Verständnis für den Verlauf der Erhebungen, noch steigern sie die Spannung. Im Gegenteil flachen die dramatischeren Szenen immer wieder ab, kleine Unstimmigkeiten stören mitunter das Lesevergnügen.
Leider bringt auch die Verbindung der Kriminalfälle nicht wirklich Pfiff ins Geschehen, sodass das Ganze immer wieder seitenweise so dahinplätschert und eher langatmigen Krimi als spannungsgeladenen Thriller darstellt. Viele Personen befinden sich im Team der Polizei, wobei nur wenige klare Konturen bekommen, aber das ist vielleicht Thema vom Folgeband? Leider bleiben auch andere Figuren in diesem Buch farblos und distanziert, sodass man ihre Handlungen teilweise nicht nachvollziehen kann.
Zum Schluss werden zwar die Verbrechen gelöst und etliche Fragen beantwortet, warum dazu jedoch so viele Jahre nötig waren, erschließt sich mir nicht, wo doch plötzlich alles so klar und einfach war.

Auf einer recht soliden Grundidee ist diese Geschichte aufgebaut, jedoch fehlt es an prickelnden Thrillerelementen, die Gänsehaut verursachen. Es bleibt aber noch die Hoffnung auf Steigerung beim nächsten Fall von Tess.

  • Einzelne Kategorien
  • Spannung
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  • Handlung
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 25.01.2020

Jahrestag

Wisting und der Tag der Vermissten
0

Der beste Kommissar Norwegens, William Wisting, packt wieder einmal einen von drei Pappkartons aus und geht alte Unterlagen durch, wie jedes Jahr rund um den 10. Oktober, dem Tag, an dem Katharina Haugen ...

Der beste Kommissar Norwegens, William Wisting, packt wieder einmal einen von drei Pappkartons aus und geht alte Unterlagen durch, wie jedes Jahr rund um den 10. Oktober, dem Tag, an dem Katharina Haugen 24 Jahre zuvor verschwunden ist. Jedes Mal nimmt Wisting dieses Datum zum Anlass, nochmals zu überprüfen, welches kleine Detail damals übersehen worden sein könnte und warum der Fall nie aufgeklärt wurde. Zudem besucht er regelmäßig Martin Haugen, mit dem ihn inzwischen eine gewisse Freundschaft verbindet. Haugen, damals als Ehemann automatisch im Kreise der Verdächtigen, hat ein unumstößliches Alibi für den 10. Oktober, allerdings reist nun der Cold Case-Beauftragte Adrian Stiller aus Oslo an, der in einem anderen Fall auf dessen Fingerabdrücke gestoßen ist. Als nun Wisting zum Besuch bei Haugen aufbricht, ist dieser wie vom Erdboden verschluckt: nicht zu Hause, nicht in der Arbeit, nicht telefonisch erreichbar.

Zu Beginn stellt Jørn Lier Horst den Fall und Kommissar Wisting samt seiner Familie vor, sodass man als Leser einen wunderbaren Überblick über die anstehende Handlung bekommt. Der Schreibstil in der neutralen Erzählperspektive ist sehr angenehm und flüssig, eher ruhig im Ton, ohne reißerische oder hektische Elemente. Meist sieht man dem Kommissar selbst über die Schulter, aber auch seine Tochter Line liefert immer wieder einen Blick aufs Geschehen. Dadurch entstehen übersichtliche kurze Kapitel, die die Neugier wecken, rasch weiterzulesen. Die einzelnen Personen sind authentisch und glaubwürdig ins Geschehen eingebettet, Wisting mit seiner Familie von der ersten Seite weg sympathisch. Mit viel Feingefühl und „Gespür“ geht er an seine Arbeit heran und ist vermutlich gerade deshalb so erfolgreich. Er versteht es, sich in andere – speziell die Täter – hineinzuversetzen und deren Beweggründe nachzuvollziehen, ungewöhnliche Verbindungen herzustellen und beharrlich seinen Weg zu gehen. So ist der Krimi von Anfang an spannend, bringt mit Stillers anderem Fall immer wieder Neues ins Spiel und zum Schluss eine so einfache wie befriedigende Antwort auf alle Fragen.

„Erfrischend anders“ fällt mir zu Wisting ein, auch der andere Cold Case hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich mich nun den früheren Büchern von Jørn Lier Horst widmen werde.

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 27.12.2019

Jeder ist seines Glückes Schmied

Die Reenergize-Formel
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Sie wünschen sich mehr Energie und ein besseres Lebensgefühl? In diesem Buch verraten Dr. Simone Janßen und Niklas Hobacher, warum viele von uns sich danach sehnen und wie wir dieses Ziel erreichen können.

Die ...

Sie wünschen sich mehr Energie und ein besseres Lebensgefühl? In diesem Buch verraten Dr. Simone Janßen und Niklas Hobacher, warum viele von uns sich danach sehnen und wie wir dieses Ziel erreichen können.

Die Inhaltsangabe lässt den Leser mehr als neugierig werden auf diesen brandneuen Ratgeber aus der Feder von Janßen und Hobacher. Aber was steckt tatsächlich dahinter?

Wer sich bereits mit ein oder mehreren der behandelten Themen (Evolution, Ernährung, Bewegung, Regelkreise im menschl. Organismus, Entspannung,…) näher beschäftigt hat, wird hier nicht viel Neues finden. Allerdings versteht es das Autorenduo perfekt, all diese Bereiche übersichtlich organisiert darzustellen und einem etliche bereits bekannte Dinge erneut in Erinnerung zu rufen. Humorvoll und kurzweilig wird einerseits auf wissenschaftlicher Basis (vielfältiges Literarturverzeichnis am Ende), andererseits auf Erfahrungswerten beruhend, eine Menge an geballtem Wissen kompakt und verständlich vermittelt, sodass auch all jene ohne Vorkenntnisse davon profitieren können. „Der Mensch ist immer noch ein Teil der Natur und funktioniert in ihrem Kontext.“, ist ein wesentlicher Schlüsselsatz, der sich durch alle Lebenssituationen zieht.

Sehr praktisch sind die Tipps an den Kapitelenden, die kurz und bündig das Wesentliche zusammenfassen und so ein schnelles Nachschlagen ermöglichen. Wie immer ist es jedoch der Leser selbst, der Verantwortung übernehmen muss für sein Wohlbefinden. Das Buch kann Bewusstsein schaffen, welcher Weg schließlich den Einzelnen zu seinem Glück führt, muss jeder für sich aus der Vielfalt an Anregungen auswählen.

Alles in allem wird mit diesem Ratgeber das Rad nicht neu erfunden, aber viel Information in amüsant und leicht zu lesender Art und Weise auf den Punkt gebracht, sodass man sich durchaus gute Anregungen holt und vielleicht den ein oder anderen Praxistipp einmal ausprobiert.

Veröffentlicht am 26.12.2019

Böse und schlimmer

Vicious - Das Böse in uns
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Victor Vice und Eliot Cardale, zwei brillante Medizinstudenten, planen minutiös ein Experiment für ihre Abschlussarbeiten. Im Konkurrenzkampf will einer den anderen übertrumpfen und herausfinden, welche ...

Victor Vice und Eliot Cardale, zwei brillante Medizinstudenten, planen minutiös ein Experiment für ihre Abschlussarbeiten. Im Konkurrenzkampf will einer den anderen übertrumpfen und herausfinden, welche Kräfte sie durch den Tod nach einer gelungenen Wiederbelebung entwickeln können. Was aber geschieht wirklich mit ihnen? Wie geht Eli mit seiner Regenerationsfähigkeit um, wie Victor damit, Schmerz bei sich selbst und auch bei anderen Personen verstärken und abschwächen zu können? Werden die beiden ihre neu gewonnenen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen zum Wohle der Menschheit? Werden sie zu Superhelden?

„Der Tod ist erst der Anfang.“ Spannend beginnt Schwabs Geschichte am Friedhof, düster, geheimnisvoll. Wer wird ausgegraben und vor vor allem – warum?

In recht kurzen, flott zu lesenden Kapiteln springt der Leser unentwegt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her und lernt so immer besser die Vorgeschichte kennen, die Beweggründe, die zu dem führen, was gerade passiert. Durch genau bezeichnete Überschriften ist aber immer klar, wo und wann man sich gerade befindet. Mir gefällt dieser Stil sehr gut, weil man immer neugierig ist, was noch kommt und wie es damals war.

Die Hauptpersonen sind intelligent, aber etwas „schräg“, sonst würden ihnen wohl nicht so „extraordinäre“ Ideen in den Sinn kommen. Auch die anderen Figuren sind verständlich charakterisiert, sodass man als Leser ihre Motive gut verstehen kann. Schwieriger ist die Frage, wer gut, wer böse ist. Oder gibt es böse und noch schlimmer? Wie steht es mit Moral und Gefühl?

Das Buch ist kurzweilig und unterhaltsam und – wie V.E. Schwab es selbst ausdrückt – „in moralischer Hinsicht wahnsinnig kompliziert …“

Vicious – vielleicht manchmal etwas grausam und brutal, aber durchwegs eindrucksvoll, vor allem, wenn man gerne Fantasy liest.

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Veröffentlicht am 23.12.2019

Sprachlos

Wolgakinder
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Im kleinen Dorf Gnadental an der Wolga siedeln seit dem 18. Jahrhundert deutsche Einwanderer. Unter ihnen führt Jakob Iwanowitsch Bach ein bescheidenes Leben als etwas schrulliger, aber doch respektierter ...

Im kleinen Dorf Gnadental an der Wolga siedeln seit dem 18. Jahrhundert deutsche Einwanderer. Unter ihnen führt Jakob Iwanowitsch Bach ein bescheidenes Leben als etwas schrulliger, aber doch respektierter Schulmeister. Sobald er die junge Bauerntochter Klara vom anderen Wolgaufer unterrichten soll, verändert sich sein Leben schlagartig, Liebe und Politik prägen fortan sein Leben, auch wenn er sich beidem zu entziehen versucht.

Gusel Jachina zeichnet in ihrem Buch „Wolgakinder“ das ungewöhnliche Leben von Dorflehrer Bach in beeindruckender Weise. Mystisch und bezaubernd werden die Natur und ihre Gewalten dargestellt (z.B. Pos. 65: Um die Dächer fegte der Wind – stürmisch, mit Schnee und Graupel vermischt im Winter, böig, mit Feuchtigkeit und himmlischer Spannung geladen im Frühling, träge und trocken, von Staub und den leichten Flugsamen des Steppengrases durchsetzt im Sommer.); bildhaft sämtliche Alltagsgeschehen dem Leser vor Augen geführt. (z.B. Pos. 70: Die Welt atmete, ratterte, pfiff, muhte, trappelte mit den Hufen, tönte und sang mit vielen Stimmen.).

So begleitet der Leser den ein wenig sonderlichen Bach durch fünf große Lebensabschnitte und bemerkt, dass er so sonderlich gar nicht ist, eher sehr naturverbunden und von Schicksalsschlägen geprägt, besorgt um die wenigen Lieben, die er im Laufe der Zeit um sich hat. Während er sich immer mehr zurückzieht und in die Einsamkeit flüchtet, verändert sich um ihn die Welt. Politische Ereignisse nimmt er nur aus der Distanz wahr; dennoch hat alles Einfluss auf ihn, selbst in seinem abgeschiedenen Gehöft bleibt er von der Revolution und der Gründung der Deutschen Republik an der Wolga nicht unbehelligt.

Virtuos und faszinierend erlebt man als Leser nicht nur die Sprache, mit der Jachina die kleine Welt an der Wolga lebendig werden lässt, auch Bach selbst beherrscht mit seiner Freude an allem Literarischen die Kunst des Erzählens und Fabulierens und wird so in passender Weise zum „stummen Philosophen vom anderen Wolgaufer“, zu einem, der „Sätze häkeln kann, die wie Spitze wirken“ (Pos. 2878). Rasch wird mir der Lehrer in seinem „Anderssein“ vorstellbar und sein Tun verständlich, sein Versuch, vor der Realität zu fliehen und sich eine eigene Welt zu erschaffen, eine Welt, in der die Natur einen das Leben lehrt. Sehr persönlich und ohne Distanz folge ich ihm in sein eigenes Universum, in dem er Schutz und Zuflucht sucht, begleite ihn durch Wahrheit und Traum, durch Angst und Sorglosigkeit.

Wer hier Informationen über das Leben der Deutschen im Wolgagebiet sucht, wird vielleicht enttäuscht sein, wer sich hingegen einlässt auf eine wunderbare Reise mit Jakob Bach und sein Vergnügen findet in einer melodisch anmutenden Sprache, detailverliebten Darstellungen von Natur und hartem Alltag und ganz nebenbei noch ein paar geschichtliche und politische Fakten mitnehmen möchte, der ist bei „Wolgakinder“ richtig.

Dies ist das erste Buch, das ich von Gusel Jachina gelesen habe. Vielleicht ist das der Grund, warum ich völlig frei von jeglicher Erwartung an diesen Roman herangegangen bin und sofort gefesselt war von Sprache und Inhalt. Aus dieser Sicht spreche ich gerne eine Leseempfehlung aus für jene, die das Unerwartete schätzen.

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