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Veröffentlicht am 29.11.2023

Zerrissen

Ich?
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Aus dem Ersten Weltkrieg kommt der Arzt Hans Stern zurück, seine Familie freut sich, hat man doch schon von seinem Tod gesprochen. Allein Hund Nero wird wild und wittert einen Fremden in der Gestalt des ...

Aus dem Ersten Weltkrieg kommt der Arzt Hans Stern zurück, seine Familie freut sich, hat man doch schon von seinem Tod gesprochen. Allein Hund Nero wird wild und wittert einen Fremden in der Gestalt des Heimkehrers. Hat nicht der Bäcker Wilhelm Bettuch Sterns Pass aus den Taschen einer Leiche entwendet und dessen Identität angenommen?

Als flammender Monolog zu seiner eigenen Verteidigung ist dieser Roman konzipiert. Aneinanderreihungen von Satzfragmenten dominieren den überhasteten Schreibstil, welcher die Flucht des Protagonisten außerordentlich gut widerspiegelt. Das Tempo ist hoch, als wäre er immer noch auf der Flucht, auf der Flucht vor dem Feind, auf der Flucht vor den Granaten, auf der Flucht vor sich selbst. Glaubt man als Leser zu Beginn noch an einen Identitätswechsel von Bettuch zu Stern, so wird man selbst bald verwirrt von den ineinanderfließenden Gestalten. Ähnlich wie die Hauptfigur im Roman irrt der Leser im Nebel und weiß nicht mehr, was glauben. „Ich war immer auseinandergerissen“ (kindle, Pos. 1378) ist perfekt dargestellt anhand Sterns Gedanken, welche er mit uns teilt. Er ist nicht er selbst, er sehnt sich nach dem Tod, wandelt in Gedanken immer noch zwischen Särgen und Granaten. Den Krieg kann er nicht abstreifen wie ein Gewand, das Erlebte haftet wie Pech an ihm.
Verwirrend und doch genial vom Schreibstil her präsentiert sich dieser Roman, der einen zwiegespalten zurücklässt: von wem ist hier tatsächlich die Rede? Wer ist den Grauen des Ersten Weltkriegs entkommen? Ist es Stern? Ist es Bettuch? Auf schattenhafte Weise kreuzen einander die Wege der beiden Familien, im Nebel bleibt die Wahrheit.

Fazit: ein spannendes Buch über das Trauma, welches wohl viele Kriegsheimkehrer heimgesucht hat. Für Interpretationen bleibt ausreichend Spielraum.

Veröffentlicht am 28.11.2023

Ein hervorragender (Kinder)Buchautor

Otfried Preußler
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Eine vollständige und vor allem vergnügliche Biografie über das Leben von Otfried Preußler und sein beachtliches Werk präsentiert Tilman Spreckelsen mit diesem übersichtlichen und kurzweiligen Buch.

Geboren ...

Eine vollständige und vor allem vergnügliche Biografie über das Leben von Otfried Preußler und sein beachtliches Werk präsentiert Tilman Spreckelsen mit diesem übersichtlichen und kurzweiligen Buch.

Geboren am 20. Oktober 1923 als Otfried Syrowatka in Reichenberg, heute Liberec in Tschechien, erlebt Preußler eine unbeschwerte Kindheit, geht bei einem sympathischen Lehrer in die Volksschule und wird im März 1942 zum Wehrdienst einberufen. Nach Jahren in russischer Gefangenschaft muss er sich erst neu orientieren. Er heiratet seine Verlobte Annelies, lässt sich zum Lehrer ausbilden und schreibt Texte für Zeitungen und Verlage. Spreckelsen schafft es, sachlich zu bleiben und dennoch den Leser an seine Zeilen zu fesseln. In größeren, detailliert geschriebenen Kapiteln setzt er Schwerpunkte, die allesamt sehr interessant sind und voller Lebendigkeit von Preußlers vielfältigem Schaffen erzählen. Vom kleinen Lausbuben, der sich in der freien Natur austoben darf entwickelt sich das Kind über einen gewissenhaften Schüler zum stolzen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Mit zahlreichen genau beleuchteten Beispielen aus Preußlers Kinder- und Jugendbüchern erfährt der Leser, dass Otfried nicht nur Talent gehabt hat zum Schreiben, sondern auch zum Illustrieren. Welche Beweggründe ihn zu seinen Geschichten geführt haben, weiß Spreckelsen ebenso wie Hintergründe zu Personen, welche für so manche Romanfigur Pate gestanden hat. Daneben gibt es auch viel Wissenswertes über die Literatur für Erwachsene, über seine Theaterprojekte und seine Weggefährten. Preußler war sicher nicht immer ein einfacher Mensch, aber großherzig und gütig, wenn es um Hilfsprojekte geht, um Bedürftige, denen man unter die Arme greifen kann. Über Preußlers Tod am 18. Februar 2013 hinaus findet Spreckelsen Worte, die dem phantastischen Schriftsteller in wunderbarer Weise gerecht werden.

Besonders gefallen haben mir die vielfältigen Informationen zu den Kinderbüchern, welche ich selbst und später gemeinsam mit meinen Kindern gelesen habe. Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit voller Märchen und Sagen, Hexen und Wasserwesen werden wach und entführen den Leser erneut in eine fabelhafte Welt von Geschichten, die das Gute in sich tragen. Übersichtlich gestaltete Kapitel mit hübschen Zeichnungen und etlichen Fotos aus Otfried Preußlers Leben bilden ein großartiges Portrait über einen Menschen, der auch Generationen später noch seine Leser begeistern wird. Spreckelsens Biografie über Otfried Preußler empfehle ich gerne weiter.

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  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.11.2023

Lina

Der Milchhof – Das Rauschen der Brandung
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Linas Vater sieht in Thees Bleeker den idealen Mann für Lina: als zweiter Sohn des Ziegeleibesitzers wird er den Familienbetrieb nicht übernehmen, aber eine gute Partie für Lina sein und gemeinsam mit ...

Linas Vater sieht in Thees Bleeker den idealen Mann für Lina: als zweiter Sohn des Ziegeleibesitzers wird er den Familienbetrieb nicht übernehmen, aber eine gute Partie für Lina sein und gemeinsam mit ihrem Vater den bäuerlichen Milchhof in eine moderne Molkerei umwandeln. Während Thees sich jedoch kaum für Milch, Butter und Käse interessiert, schlägt Linas Herz für das traditionelle Handwerk – und bald auch schon für den frisch eingestellten Obermeier Dirk Voigt. Als verheirateter Frau bleibt Lina nur die fachliche Zusammenarbeit mit Dirk, aber selbst das wird zur Jahrhundertwende nicht gern gesehen. „Een Frau gehört in de Kök“ und nicht in einen Betrieb, der sollte den schlauen Köpfen der Männer überlassen werden.

Der Auftakt zu dieser wundervollen Milchhof-Saga umfasst die Jahre 1890 bis 1914, schildert die Zeit des aufstrebenden Hofs bis hin zum Ersten Weltkrieg. Schauplatz ist der Hafenort Ellenserdammersiel in der Friesische Wehde, einer idyllischen Landschaft an der Küste des Jadebusens. Schnell freundet sich der Leser mit der warmherzigen und lebenslustigen Lina an und fiebert mit ihr mit, wenn das Schicksal es wieder einmal nicht so gut meint mit ihr. Neider jedoch sehen in Lina ein Glückskind, welches immer auf der Sonnenseite des Lebens steht und andere nicht aus dem Schatten treten lässt. So wirbeln die Gefühle durcheinander, welche einen großen Raum einnehmen in diesem sehr stimmungsvollen Roman. Gesellschaftliche Konventionen, wirtschaftliche Überlegungen und nicht zuletzt eine unmögliche Liebe spielen hier die Hauptrollen und lassen einen atemlos durch die Kapitel gleiten, um noch schnell ein wenig mehr vom Milchhof zu erfahren.

Regine Kölpins angenehmer und bildhafter Schreibstil lädt ein zum Verweilen in der Käserei, wo Lina mit schmackhaften Kräutern und stärkendem Bockshornklee experimentiert, lässt Gänsehaut aufkommen, wenn Thees seine Angetraute wie ein Kleinkind aufs Zimmer verweist, weil es sich nicht schickt, dass sie sich in der Fertigungshalle der Molkerei aufhält. Lieber solle sie den Haushalt führen, Wohltätigkeitsveranstaltungen planen oder sticken. Wunderbare Einblicke in den Milchbetrieb erhält der Leser ebenso wie lebendig charakterisierte Figuren, die genau so am Milchhof Bleeker gelebt haben könnten. Machtspiele und Intrigen prägen das Geschehen, stets stellt sich die Frage, ob die Liebe zwischen Lina und Derk eine Chance haben kann.

Abgerundet wird dieses bezaubernde Buch von einem übersichtlichen Personenregister zu Beginn und einer persönlichen Anmerkung der Autorin samt umfassendem Literaturnachweis zu den detaillierten Recherchen am Ende dieses Bandes.
Der Auftakt zur Milchhof-Saga hat mich vollends in seinen Bann gezogen, schön, dass bald die Fortsetzung zu lesen sein wird. Ich empfehle dieses Buch jedenfalls sehr gerne weiter und bin schon gespannt, welche Spuren der Krieg hinterlassen wird.


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  • Cover
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Veröffentlicht am 27.11.2023

Was ist wahr?

Lügst Du? Wenn die Wahrheit alles zerstört
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Mira geht kurz nach der Entbindung von Töchterchen Isabelle wieder halbtags arbeiten, bis ihr alles über den Kopf wächst und sie in einen Nervenzusammenbruch schlittert. Vier Wochen verbringt sie in einer ...

Mira geht kurz nach der Entbindung von Töchterchen Isabelle wieder halbtags arbeiten, bis ihr alles über den Kopf wächst und sie in einen Nervenzusammenbruch schlittert. Vier Wochen verbringt sie in einer Spezialklinik, dann entlässt sie sich selbst und freut sich, ihre Familie daheim zu überraschen. Diese Überraschung ist gelungen, allerdings ganz anders als geplant, denn im Schlafzimmer findet sie nicht ihren Mann Samuel und Isy, sondern die blutüberströmte Leiche ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Josie. Ein Alptraum beginnt, denn bald weiß Mira nicht mehr, ob sie das alles tatsächlich erlebt oder ob ihr die Psychopharmaka Wahnvorstellungen bescheren.

Gisela B. Schmidt schreibt flott und flüssig. Vom Fleck weg bin ich gefesselt von den detaillierten Einzelheiten, welche die Szenen besser schildern als jeder Film. Kurze Sätze steigern das Tempo, die Handlung lässt einen nicht mehr los. Der stete Wechsel zwischen aktuellen Geschehnissen und früheren Episoden erzeugt eine packende Atmosphäre und unterstreicht Miras Verwirrung, die sich rasch auf den Leser überträgt. Phantasiert die junge Mutter oder führen sie andere Personen an der Nase herum? Die Puzzlestücke, welche einige Hintergründe darlegen und Miras Vorgeschichte erklären, fallen nur langsam an ihren jeweiligen Platz. Als Leser tappt man mit unterschiedlichen Vermutungen bis zum Ende im Dunklen, da nur Mira aus ihrer selektiven Sichtweise erzählt und man keine weiteren Blickwinkel kennenlernt. Genau das aber lässt das Buch so spannend werden und die Neugierde auf die Auflösung beständig wachsen.

Fazit: ein bewegendes Buch mit unerwarteten Überraschungen und einem stimmigen Ende, das ich keinesfalls so vorhergesehen habe. Eine Empfehlung für alle, die logisch durchdachte Psychothriller ohne brutale Szenen lieben. *****

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 25.11.2023

Ehrenbürgerin der Stadt Essen

Die Königin von der Ruhr
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Essen, 1902: Nach dem Tod des Stahlfabrikanten Friedrich Alfred Krupp übernimmt dessen Witwe Margarethe treuhänderisch die Geschicke der Firma, bis Tochter Bertha 1906 heiratet und das Erbe antritt. Obwohl ...

Essen, 1902: Nach dem Tod des Stahlfabrikanten Friedrich Alfred Krupp übernimmt dessen Witwe Margarethe treuhänderisch die Geschicke der Firma, bis Tochter Bertha 1906 heiratet und das Erbe antritt. Obwohl ihr eigener Mann keiner Frau eine Unternehmensführung zutraut, drückt Margarethe in den wenigen Jahren der Firma ihren Stempel auf und plant sodann noch ein eigenes ehrgeiziges Projekt.

In einer schönen Mischung aus Realität und Dichtung entsteht Margarethe Krupps Biografie in diesem Roman. Ruhig und bedacht erzählt Birgit Ebbert über die bescheidene und sozial engagierte Frau, welche mit Diplomatie die Krupp-Werke führt und sich voller Leidenschaft für den Wohnbau von Arbeitersiedlungen einsetzt. Ohne sich in den Vordergrund zu spielen, zieht sie durch besonnene Gespräche die Fäden und hat sogar den Kaiser auf ihrer Seite.

So vielseitig engagiert Margarethe auch gewesen sein muss als Tochter, Mutter, Großmutter, Unternehmerin und Gründerin einer großartigen Stiftung, so langatmig wird sie hier dargestellt mit immer wiederkehrenden ähnlichen Szenen von Unterredungen mit einflussreichen Herren und Fahrten im Salonwagen, der bei Bedarf nahe ihres Wohnsitzes hält. Auch die ständigen unerwünschten Besuche zwecks Geldforderungen von gewissen Verwandten laufen stets nach gleichem Muster ab und ermüden den Leser zunehmend.

Ein bisschen mehr Vielfalt und Abwechslung hätte gut getan, dennoch erhält man interessante Einblicke in das Leben der Ehrenbürgerin der Stadt Essen, das Nachwort samt historischer Daten rundet den Roman gut ab. Der Bekanntheit von Margarethe Krupp und ihrem Projekt „Margarethenhöhe“ kommt dieses Buch bestimmt zugute, womit das Anliegen Birgit Ebberts wohl erfüllt wird.