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Veröffentlicht am 20.08.2023

Ein polarisierendes Ermittlerduo in Dresden

Bruch
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Hauptkommissar Felix Bruch hat erst vor kurzem seinen Kollegen bei einem Unfall verloren, an seiner statt bekommt er Nicole Schauer aus Hamburg als neue Partnerin zugeteilt. Gleich der erste Fall für dieses ...

Hauptkommissar Felix Bruch hat erst vor kurzem seinen Kollegen bei einem Unfall verloren, an seiner statt bekommt er Nicole Schauer aus Hamburg als neue Partnerin zugeteilt. Gleich der erste Fall für dieses Team ist brenzlig, eine Zwölfjährige wird vermisst. Ähnliches ist bereits zwei Jahre zuvor passiert: ein Mädchen aus derselben Siedlung ist spurlos verschwunden, nach ihrem Auftauchen vierzehn Tage später erzählt sie aber keiner Menschenseele, was geschehen ist. Mit Bruch und Schauer ermittelt ein extrem ungewöhnliches Duo.

Frank Goldammer erzählt diesen Kriminalroman im klassischen Präteritum aus neutraler Sicht eines Dritten. Damit trifft er meine weitaus bevorzugte Variante eines Buches, zudem kann er durch seinen fesselnden Schreibstil sofort punkten. Auch wenn sich die Geschichte sehr lange mehr oder weniger im Kreis dreht, dieselben Leute befragt, bestimmte Häuser zum wiederholten Male durchsucht werden, so herrscht stets Kurzweil und Spannung. Denn hier sind es vor allem Nicole Bruch und Felix Schauer, die im Mittelpunkt stehen und ebenso interessant sind wie die Krimihandlung selbst. Goldammer hat für diese Reihe zwei phantastische Figuren erschaffen, für die es bestimmt, wenn nicht in Dresden, dann anderswo, Vorbilder gibt, auch wenn man das kaum für möglich hält. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, denn Nicole und Felix wirken absolut authentisch, selbst wenn sie sich oft nicht an bestehende Konventionen halten. Während Bruch mit psychischen Problemen kämpft, die mit der Vergangenheit zu tun haben, ringt Schauer mit Aggressionen. Wie nebenbei werden Fragen gestellt und Schlüsse gezogen, die Auflösung lässt keine Fragen offen, der Hintergrund der beiden Hauptkommissare dafür umso mehr.

Frank Goldammer präsentiert den Beginn einer Krimireihe, welche sich hervorragend von allen anderen abhebt und einen großen Wiedererkennungswert hat – auch die Titelbilder sind in ihrer Schlichtheit ansprechend und spiegeln die Zusammengehörigkeit der Bände sofort wider. Ich empfehle dieses polarisierende Duo sehr gerne weiter und freue mich auf „In eisigen Nächten“.

Veröffentlicht am 19.08.2023

Nebulös

Belohnungssystem
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Julia erhält nach einigen Probearbeiten die Stelle als Köchin in einem gehobenen Lokal, verliebt sich in den dortigen Chef, der fast doppelt so alt ist wie sie. Ihr Ex-Freund Nick kann sich als Werbetexter ...

Julia erhält nach einigen Probearbeiten die Stelle als Köchin in einem gehobenen Lokal, verliebt sich in den dortigen Chef, der fast doppelt so alt ist wie sie. Ihr Ex-Freund Nick kann sich als Werbetexter nicht so recht etablieren und zieht mit 27 wieder zu seinen Eltern. Das Leben und Lieben der Millennials aus unterschiedlichen Perspektiven.

Als Erstes ins Auge fällt das stilisierte Symbol, das sich bei Internetrecherchen im Kreis dreht und hier jeder einzelnen Geschichte vorangestellt ist. Anders als bei der online-Suche, findet man hier weniger oft Erwartetes und Hilfreiches. Jem Calders Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig, wirft dem Leser teils umständlich formulierte, in sich verstrickte Satzkonstruktionen hin, dafür sind Kapitel, oder eher Abschnitte, oft auf extreme Kürze reduziert. Anfangs lernt man Julia kennen, eine junge, engagierte Köchin, die ihren Platz sucht, aber keine eigene Identität aufbaut, sondern ihre Vorgängerin nachahmt. Mit Ellery, ihrem Chef, beginnt sie eine unverbindliche Affäre, die aber ebenso wie alles andere in diesem Buch, nicht tiefgründig und nicht von Dauer ist. In weiteren kurzen Geschichten geht es um andere Figuren, Julia taucht als Nebenrolle wieder auf. Das Leben spielt sich ab auf Partys, mit verschwommenen, trotzdem abstoßenden Bettszenen und Drogenkonsumenten, die später an die Glaswand einer Busstation kotzen. Oder in tristen Büros, wo man nur noch Zeit absitzt und wartet. Hoffnungslos.

Ist das das Bild der jungen Menschen von heute, welches Jem Calder hier zeichnet? Identität und soziales Leben in Abhängigkeit von Internet und schnell veränderbaren Einblicken über digitale Plattformen, algorithmusgesteuerte Dating-Apps? Belohnungssystem folgt keiner Handlung im klassischen Sinn, einen gewissen roten Faden über zwischenmenschliche Beziehungen und die (Un)Möglichkeit, individuelle Handlungen zu setzten, scheint es aber doch zu geben. Trennt oder verbindet die virtuelle Welt?

Sämtliche Figuren in diesen aneinandergereihten Episoden bleiben ebenso verwaschen wie das bunte Gesicht am Titelbild. Nebulöse Zeilen, rasch wechselnde Szenen, oftmals gekürzt auf Momentaufnahmen, so präsentiert sich dieses Buch, welches mich leider in keiner Weise ansprechen kann. Für mich war das Lesen nicht „nice“, sondern eher anstrengend. Immer wieder neugierig auf Neues, gehöre ich wohl doch nicht zur Zielgruppe dieses Experiments, welches hier geboten wird, nämlich „neue Namen und Themen zumuten“, wie es Claassen wichtig ist (Quelle: amazon). Auch wenn ich diesmal noch nicht so recht weiß, was ich mit dem Gelesenen anfangen soll, so ist es trotz allem wichtig, dass jede Art von Literatur einen Platz findet und in ihrer Vielfalt präsentiert wird. Bestimmt wird auch „Belohnungssystem“ begeisterte Leser finden!


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Veröffentlicht am 19.08.2023

Stationen der Menschlichkeit

Südfall
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1944. Als Einziger kann sich Dave nach dem Abschuss seines Fliegers mit dem Fallschirm retten und landet im nordfriesischen Watt. Eine sehr alte Dame, siebzig oder achtzig, findet ihn zwischen den Prielen ...

1944. Als Einziger kann sich Dave nach dem Abschuss seines Fliegers mit dem Fallschirm retten und landet im nordfriesischen Watt. Eine sehr alte Dame, siebzig oder achtzig, findet ihn zwischen den Prielen und gewährt dem Briten Unterschlupf. Obwohl er hier ausharren könnte bis zum Kriegsende, treibt ihn eine innere Kraft, von Husum der Küste entlang bis nach Dänemark zu fliehen, um von dort weiter nach England zu gelangen.

Von recht unterschiedlichen Personen erzählt Florian Knöppler in dieser ungewöhnlichen Geschichte. Jeder ist ein Kapitel gewidmet, alle begegnen Dave auf seinem Weg in die Heimat. Wie werden sie auf das Aufeinandertreffen reagieren, werden sie ihm helfen, ihn ignorieren oder ihn gar verraten? Etliche einzelne Episoden, die doch wiederum zusammenhängen und mit vielerlei Gedanken und Gefühlen aufwarten, präsentiert Florian Knöppler mit seinem angenehm ruhigen Schreibstil. Manche Figuren geben mehr von sich preis, manche weniger, nicht immer erfährt der Leser, welche Gründe die einzelnen Menschen zu ihrem Tun bewegen, aber auch der Feind ist ein Mensch, das ist wohl die wesentliche Aussage dieses Romans.

Ein Buch über Mut und Aufrichtigkeit, welches berührend anders ist als ein typischer Fluchtroman. Gerne vergebe ich vier Sterne und eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 18.08.2023

Mörder in der Familie

Sobald ihr mich erkennt
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Grauenhafte Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen lassen die Menschen in Southampton den Atem anhalten, bereits die zweite Frau hat es erwischt. Fieberhaft suchen DCI Jonah Sheens und sein Team nach einem ...

Grauenhafte Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen lassen die Menschen in Southampton den Atem anhalten, bereits die zweite Frau hat es erwischt. Fieberhaft suchen DCI Jonah Sheens und sein Team nach einem möglichen Serienmörder. Währenddessen rührt die alleinerziehende Mutter Aisling Cooley an ihrer Vergangenheit und lädt ihre DNA-Probe auf einer Ahnenforschungsplattform hoch. Anstatt eines Verwandten meldet sich jedoch ein Kriminalbeamter mit der Erklärung, dass ein naher männlicher Angehöriger, also entweder ihr Vater oder einer ihrer beiden Söhne, der „Scheiterhaufenmörder“ sein könnte.

Bereits zum fünften Mal leitet Jonah Sheens schwierige
Ermittlungen und wird von seinem bewährten Team unterstützt. Diesmal steht die forensische Genealogie im Mittelpunkt, welche auf faszinierende Weise den Kreis an Verdächtigen einschränkt. Welche Vor- und Nachteile sich aus der Nutzung solcher Portale ergeben, wird im Nachwort noch ausführlich dargelegt. Die Handlung ist spannend und führt den Leser immer wieder auf falsche Fährten, komplizierte familiäre Verhältnisse verlangen volle Aufmerksamkeit, um nicht mit den verwirrenden Zusammenhängen durcheinanderzukommen. Wie gewohnt, fließt ein wenig Privates ins Geschehen mit ein, sodass Sheens, Hansen und ihre Kollegen lebendig und menschlich herüberkommen, ganz so wie du und ich, jedoch ohne zu irgendeinem Zeitpunkt vom Wesentlichen abzuschweifen. Abwechslungsreiche Szenen, fesselnde Informationen, steigende Dramatik – es passt rundum alles bei diesem Buch!

Von Beginn an verfolge ich diese phantastische Krimireihe, mit Gytha Lodge liegt man einfach immer richtig!

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Veröffentlicht am 17.08.2023

Interessante Einblicke

Wal macht Wetter
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Steigende Lufttemperaturen, schmelzende Polkappen, sinkende Walpopulation und emsige Termiten – was das miteinander zu tun haben kann? In ihrem aktuellen Sachbuch mit dem klingenden Namen „Wal macht Wetter“ ...

Steigende Lufttemperaturen, schmelzende Polkappen, sinkende Walpopulation und emsige Termiten – was das miteinander zu tun haben kann? In ihrem aktuellen Sachbuch mit dem klingenden Namen „Wal macht Wetter“ erklären Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg auf für jedermann gut verständliche Art und Weise, was es mit dem Klimawandel auf sich hat und wie wir uns ganz einfach von der Natur abschauen können, was der Mensch tun kann, um dem Ganzen noch (ein wenig) Einhalt zu gebieten.

Sehr übersichtlich strukturiert gliedert sich dieses interessante Buch in drei große Abschnitte – wo liegen die Ursachen – was zeigt uns die Natur vor – was sollten wir selber tun? Auch für Laien verständlich werden Kohlenstoffkreislauf und andere chemische und physikalische Grundlagen erklärt, auf kleine effekthaschende Tricksereien wie Änderung der Maßeinheit (erst „21 bis 24 Zentimeter“, kurz darauf „97 Millimeter“, kindle Pos. 287) hätte man durchaus verzichten können. Ebenso käme das Buch gut aus ohne „müssen wir hier gleich warnend den Finger erheben“ (kindle, Pos. 592), die Fakten sprechen für sich, wenngleich zugegeben wird, dass es so manch nötigen Mess- und Vergleichswert gar nicht gibt (kindle, Pos. 341) und daher vieles auf Annahmen und Modellierungen beruht. Trotz allem kann man eben die Tatsache einer – rascher als früher – voranschreitenden Klimaänderung nicht leugnen. Ob es für diese Erkenntnis teils komisch zu lesende Kunstwörter mit Gendersternchen braucht, sei dahingestellt.

Sehr anschaulich werden die einzelnen Kapitel beleuchtet, Tabellen, Abbildungen und Fotografien untermauern den Text und sorgen sowohl für Abwechslung als auch für besseres Verständnis. Alles eigentlich ganz einfach, denkt man sich nach dem optimistisch gehaltenen Ende, warum nur passiert denn das alles (noch) nicht? Denn statt komplizierter, hochpreisiger technischer Lösungen zeigen uns Termiten und Mangroven, wie es preiswert und mit oftmals einfachen Mitteln geht. Das Wissen aus diesem Buch muss an die breite Öffentlichkeit dringen, damit nicht nur große Konzerne als Gewinner hervorgehen, sondern unser gesamter Erdball, samt seiner vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt, einschließlich des Menschen.

Einmal gelesen, kann ich dieses Buch trotz kleiner Kritikpunkte jedenfalls weiterempfehlen.