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Veröffentlicht am 29.03.2023

Liebe im fernen Russland

Die Porzellanpuppe
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Petrograd, 1915, Tonja ist die Ehefrau eines reichen Fabrikanten, wird aber eher wie ein Vogel im goldenen Käfig daheim eingesperrt. Dennoch kann sie sich immer wieder zu Walentin flüchten, einem Revolutionär, ...

Petrograd, 1915, Tonja ist die Ehefrau eines reichen Fabrikanten, wird aber eher wie ein Vogel im goldenen Käfig daheim eingesperrt. Dennoch kann sie sich immer wieder zu Walentin flüchten, einem Revolutionär, der mitreißende Reden hält. Was Tonjas Schicksal für sie bereitgehalten hat und wie weitere Generationen beeinflusst werden, möchte 1991 Rosie aus London erfahren und begibt sich auf den Spuren eines Märchenbuches ihrer Mutter nach Russland. Wer war die Frau, so schön wie eine Puppe?

Diese komplizierte und mitunter verwirrende Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, in der Vergangenheit liegt das Hauptaugenmerk auf Tonja, 1991 auf Rosie, die eigentlich Raisa heißt. Zwischendurch darf der Leser immer wieder einen Blick in das Märchenbuch von Rosies Mutter werfen. Verwirrend ist die Sache deshalb, weil sich natürlich auch in der heutigen Zeit Menschen an früher erinnern und von längst vergangenen Zeiten erzählen. So fällt es dem Leser nicht immer leicht, die Handlungsstränge auseinanderzuhalten und auch wenn die Autorin oft auf die förmliche Anrede mit Vornamen und Vaternamen verzichtet, so ist es anfangs nicht ganz einfach, alle Figuren im Gedächtnis zu behalten bzw. richtig einzuordnen. Aber die bewegende und unfassbare Geschichte überstrahlt all diese Schwierigkeiten, zieht den Leser schnell in ihren Bann und weckt immer mehr Neugierde auf die Geschehnisse. Insbesondere die Hintergrundinformationen zur russischen Geschichte sind beeindruckend recherchiert und wiedergegeben. Und nach dem Lesen des Anhangs weiß ich endlich, warum ich ab und zu an Anna Karenina denken musste.

Sehr realistisch dargestellte Figuren und eine überwältigende Kulisse in Russland lassen diesen schicksalhaften Roman besonders gut zur Geltung kommen, Mut und Drama fügen sich glaubhaft zwischen die Zeilen, unerwartete Wendungen sorgen für Überraschungen, die Handlung fesselt bis zum Ende.

Ein Buch, das gewiss keinen Leser kalt lässt und neben einer bewegenden Liebe auch grausame Details aus der russischen Geschichte aufgreift.

Titel Die Porzellanpuppe
Autor Kristen Loesch
ASIN B09XFH7Z77
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (429 Seiten) und Hörbuch
Erscheinungsdatum 26. Jänner 2023
Verlag Ullstein
Originaltitel The Porcelain Doll
Übersetzer Silke Jellinghaus

Veröffentlicht am 27.03.2023

Verstanden

We Are Like the Sky
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Die 22jährige Riven kehrt nach zehn Jahren wieder aus Toronto in ihre Heimat Malcolm Island zurück – Kindheitsfreund Leevi hat ihren Vater orientierungslos und zu dünn bekleidet am Strand aufgelesen, leider ...

Die 22jährige Riven kehrt nach zehn Jahren wieder aus Toronto in ihre Heimat Malcolm Island zurück – Kindheitsfreund Leevi hat ihren Vater orientierungslos und zu dünn bekleidet am Strand aufgelesen, leider nicht zum ersten Mal. Nun heißt es, Untersuchungen durchführen zu lassen und Lösungen zu finden. Nach so langer Zeit und unter den gegebenen Umständen ist es nicht einfach, an die unbeschwerten Tage von früher anzuknüpfen, ist doch Leevi inzwischen ein einfacher Fischer, während Riven in der Modebranche schillert zwischen Stars und Glamour. Dennoch fühlt sich Riven seltsam perfekt von Leevi verstanden, auch wenn es keine gemeinsame Zukunft geben kann.

Auch bei diesem zweiten Band der Serie „Like Us“ ist Malcolm Island im Westen Kanadas der Schauplatz der Gefühle. Marie Niebler bringt ihre Worte wie mit einem Pinselstrich zu Papier, fein und bedacht, um allen Personen gerecht zu werden und jede Nuance in den Stimmungen akzentuiert darzustellen. Voller Einfühlungsvermögen und mit genauer Recherche zu den verarbeiteten Themen schildert sie die berührenden Szenen und nimmt bereits zum zweiten Mal Bezug zu den wenigen Einwohnern auf der Insel, denen Zusammenhalt und füreinander Einstehen ein wichtiges Gut ist. Schön, dass man liebgewonnene Figuren wieder trifft und auch diesmal die sehr persönliche Sicht der beiden Hauptfiguren Riven und Leevi abwechselnd in der Ich-Form liest. Wie es auch im echten Leben immer wieder passiert, verstellt der eigene eingeschränkte Blickwinkel die Sicht aufs Ganze und verhindert das Erkennen von Auswegen. Da ist es nur recht, wenn Zuhören und ein Quäntchen Mut einem den Kopf zurechtrücken.

Liebevoll und warmherzig erzählt Marie Niebler zum zweiten Mal eine berührende Geschichte, bei der man ganz versinken kann in Worten und bildhaften Szenen. Gerne eine weitere Empfehlung und Vorfreude auf einen baldigen dritten Teil.

Titel We Are Like the Sky
Autor Marie Niebler
ASIN B09VQ6V2PY
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, auch erhältlich als Taschenbuch (416 Seiten)
Erscheinungsdatum 21. Februar 2023
Verlag MIRA
Reihe Like Us, Band 2

  • Einzelne Kategorien
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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.03.2023

Ungewöhnliches Ermittlerduo

Mörderfinder – Die Spur der Mädchen
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Max Bischoff hat der Polizei den Rücken gekehrt und unterrichtet nun an der Polizeihochschule Köln. Sein Ruf als Fallanalytiker eilt ihm voraus, als der Vater von Leni Benz, welche sechs Jahre zuvor verschwunden ...

Max Bischoff hat der Polizei den Rücken gekehrt und unterrichtet nun an der Polizeihochschule Köln. Sein Ruf als Fallanalytiker eilt ihm voraus, als der Vater von Leni Benz, welche sechs Jahre zuvor verschwunden ist, sich an Bischoff wendet: er hat Lenis Rucksack und ihre Puppe im Haus gefunden. Ihre Sachen kann doch nur Leni selbst zurückgebracht haben, oder nicht? Bernd Menkhoff, dem Leiter der Ermittlungen, traut er nicht über den Weg, deshalb soll Bischoff Nachforschungen anstellen.

Flott und dynamisch beginnt dieser spannende Psychothriller, rasch fliegen die Seiten und Kapitel dahin, Arno Strobel versteht es auch diesmal meisterlich, den Leser mit seinen Zeilen ans Buch zu fesseln und keinen Moment der Langeweile aufkommen zu lassen. Max Bischoff und Bernd Menkhoff sind ein ungewöhnliches, aber perfektes Ermittlerduo, dem über die Schulter zu sehen, reine Freude ist, auch wenn es sich natürlich beim Thema Kindesentführung um ein dramatisches handelt. Die Handlung spielt sich überwiegend bei den Ermittlern ab, richtig unangenehme Szenen baut der Autor in diesen psychologisch angelegten Thriller zum Glück nicht ein, Andeutungen genügen, um dem Inhalt folgen zu können. Immer wieder streut Strobel kursiv gedruckte Szenen ein, die die Sicht der Betroffenen darstellen, und auch hier wird auf grausige Details verzichtet. Die gedrückte Atmosphäre in den Familien, die Absteckung der Kompetenzen zwischen Bischoff und Menkhoff sind sehr glaubwürdig umgesetzt, alles fügt sich zu einem stimmigen Ganzen.

Obwohl ich Bischoff bisher nicht gekannt habe, zeichnet sich rasch ein Bild seiner Person vor meinem geistigen Auge ab. Seine besondere Fähigkeit, sich in Täter hineinzuversetzen und deren Sichtweise einzunehmen ist beeindruckend, auch wenn er in diesem Fall gar nicht in Höchstform zu sein scheint. Jedenfalls ist der 33jährige sehr sympathisch und ich freue mich, dass er noch weitere Aufgaben vor sich hat.

Strobel schreibt in einem sehr einnehmenden Stil und behandelt aufwühlende Themen mit dem notwenigen Feingefühl. Dazu eine gewisse Prise an Wortwitz und Figuren mit Profil und Wiedererkennungswert – so macht Thriller Spaß. Ich empfehle Mörderfinder gerne weiter für all jene, die beim Lesen Nerven bewahren können.

Titel Mörderfinder, Auf der Spur der Mädchen
Autor Arno Strobel
ASIN B08LKGWNK8
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (352 Seiten)
Erscheinungsdatum 24. März 2021
Reihe Mörderfinder
Verlag Fischer

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.03.2023

Schrein der Vergangenheit

Das Geheimnis der Erbin
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Karen freut sich auf ihre Stelle als V.I.P.-Betreuerin im elegantesten Hotel von St. Moritz, doch wird ihr gleich zu Beginn eingebläut, dass sie nur bestimmte Bereiche des Hauses betreten darf. Durch diese ...

Karen freut sich auf ihre Stelle als V.I.P.-Betreuerin im elegantesten Hotel von St. Moritz, doch wird ihr gleich zu Beginn eingebläut, dass sie nur bestimmte Bereiche des Hauses betreten darf. Durch diese ungewöhnliche Ermahnung erst recht neugierig, entdeckt sie einen zusätzlichen neunten Stock im Hotel und lernt dort eine alte, völlig zurückgezogen lebende Dame kennen: Isobel Forster aus einer prominenten Familie. Nach und nach freunden sich die beiden so ungleichen Frauen an und Isobel erzählt stockend aus ihrer Vergangenheit.

Wie man unschwer erkennen kann, spielt dieser Roman in zwei verschiedenen Zeitebenen. Das Heute wird aus Karens Sicht geschildert, für die Zeit ab den 1950er-Jahren ist Isobels Erinnerung verantwortlich. Eher ruhig und unaufgeregt fließen Weischenbergs Zeilen dahin. Der Leser weiß nur, dass sich ein Geheimnis um Isobels Vergangenheit rankt, aber die Entdeckung der verschleierten Tatsachen braucht natürlich seine Zeit. Gerade in den erlesenen Kreisen, aus denen Isobel stammt, ist Diskretion ganz wesentlich, was nicht ins Bild passt, darf nicht sein. So ist es für Karen nicht gerade einfach, Isobels Wunsch zu erfüllen, ihre seit Jahrzehnten nicht mehr gesehene Nichte Margaret zu finden.

Die Geschichte rund um die Erbin ist in seinen Details sehr interessant und raffiniert aufgebaut, auch wenn eine Überraschung am Ende schon früher zu ahnen ist. Der teils fast nüchterne Schreibstil passt zwar sehr gut in die adlige Gesellschaft, ein wenig mehr an Emotionen wäre jedoch nicht falsch gewesen. Nichtsdestotrotz bietet dieses Buch unterhaltsame Stunden und einen Einblick in die Gesellschaft des Adels, bei der stets der Schein gewahrt werden muss, selbst wenn es auf Kosten von Familienmitgliedern geschieht.

Titel Das Geheimnis der Erbin
Autor Sibylle Weischenberg
ASIN B0BJ32LVGL
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (383 Seiten)
Erscheinungsdatum 14. März 2023
Verlag Tinte&Feder

Veröffentlicht am 23.03.2023

Wahrheit

Melody
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Alt-Nationalrat Dr. Peter Stotz hat höchstens noch ein Jahr zu leben. Also stellt er den Juristen Tom Elmer ein, um seinen Nachlass zu ordnen und zu gewichten, denn nicht alles aus seinem vielseitigen ...

Alt-Nationalrat Dr. Peter Stotz hat höchstens noch ein Jahr zu leben. Also stellt er den Juristen Tom Elmer ein, um seinen Nachlass zu ordnen und zu gewichten, denn nicht alles aus seinem vielseitigen Leben muss der Nachwelt erhalten bleiben. Während Stotz fast täglich von Melody erzählt - seiner Verlobten, die vor mehr als vierzig Jahren kurz vor der geplanten Hochzeit ganz plötzlich verschwunden ist - hegt Tom immer öfter Zweifel, dass er die volle Wahrheit erfährt. Verheimlicht der 84jährige etwas? Dichtet er etwas dazu?

Voller Hingabe verliert sich Martin Suter bei seinen Beschreibungen in vielfältigen Details, ohne ermüdend oder gar langweilig auf den Leser zu wirken. Im Gegenteil, hat man die Villa von Peter Stotz so eindrücklich vor Augen, als befände man sich selbst mit ihm und seinen Angestellten und Gästen mitten in den erlesenen Räumlichkeiten, mit bestem Cognac am Kaminfeuer und lauschte seinen fesselnden Erzählungen. Großartig verpackt der Autor Stotz‘ Suche nach Melody, seiner großen Liebe, zwischen die lähmende Tätigkeit des Aktensichtens. Worauf will er denn hinaus? Was will er uns mitteilen? Diese Fragen richtet der Leser an die Romanfigur Peter Stotz ebenso wie an den Autor Martin Suter.

Durch den sehr ansprechenden Schreibstil begibt man sich gerne auf die Suche nach der Wahrheit, die aber keine fixe Größe ist, sondern durchaus vom jeweiligen Blickwinkel abhängt. So führt Suter mit philosophischen Gedanken und Witz gleichermaßen durch diese raffiniert komponierte Geschichte und überrascht den Leser immer wieder, ja bis zum letzten Satz. Wofür leben wir? Was muss die Nachwelt von uns wissen? Was lassen wir besser beiseite – und ist es dann noch die rechte Wahrheit? Viele Fragen wirft Suter während seiner feinsinnigen Erzählung auf und antwortet alles und nichts. Wie wird Tom entscheiden, was nach dem Ableben von Stotz von ihm übrig bleibt?

Für mich ist Melody das erste Buch von Martin Suter. Sprachlich und inhaltlich kann dieser Roman rundum überzeugen, sodass ich jedenfalls noch andere Werke dieses Autors lesen möchte. Ich vergebe für Melody fünf Sterne und eine eindeutige Leseempfehlung!

Titel Melody
Autor Martin Suter
ASIN B0BSG1TRVV
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Gebundenes Buch (336 Seiten) und Hörbuch
Erscheinungsdatum 22. März 2023
Verlag Diogenes