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Veröffentlicht am 01.04.2023

Vor zwanzig Jahren

Erinnere dich!
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Zwanzig Jahre ist es bereits her, dass Maja bei einer Wanderung mit ihrem damaligen Freund Arno Seitz und zwei weiteren Schulkollegen spurlos aus einer Waldhütte verschwunden ist. Nun erhält Arno nicht ...

Zwanzig Jahre ist es bereits her, dass Maja bei einer Wanderung mit ihrem damaligen Freund Arno Seitz und zwei weiteren Schulkollegen spurlos aus einer Waldhütte verschwunden ist. Nun erhält Arno nicht nur eine Einladung zum Maturatreffen, sondern auch ein einfaches Telefon per Post, über welches ihm sonderbare Nachrichten zugeschickt werden. Wie groß ist seine Schuld an Majas Verschwinden? Was an schrecklichen Einzelheiten hat er verdrängt in all der Zeit?

Eher ruhig und unspektakulär, dennoch mit einem gewissen Sog im Unterton, beginnt Max Reiters Psychothriller. Es dauert ein wenig, bis man den Uni-Dozenten Arno Seitz kennenlernt, seine bizarren Edgar-Allan-Poe-Seminare besucht und seine gerade scheiternde Fernbeziehung zu einer Amerikanerin begreift. Und der Sog wird immer stärker mit der voranschreitenden Handlung, auch wenn sich alles immer wieder ums Thema Maja dreht und Arnos Erinnerungen an die Zeit vor zwanzig Jahren. Durch seltsame SMS-Nachrichten und Gespräche mit guten Freunden von damals verstrickt sich der belesene Akademiker selber immer mehr in seine Gedankenwelt und weiß bald nicht mehr, was er glauben soll, was real ist und was sich an Erinnerung im Laufe der Jahre verzerrt hat.

Fesselnd fokussiert der Autor auf das Jetzt und Majas Verschwinden bei der Wanderung, nur schrittweise kommt ans Licht, was sich wohl zugetragen haben könnte. Die Zahl an Figuren bleibt klein und überschaubar, ähnlich wie bei Edgar Allan Poe schleichen sich sonderbare Charaktere ein, denen man vielleicht nicht über den Weg trauen sollte. Aber wer soll es gewesen sein, wenn nicht ich, Arno?

Ohne Blutvergießen und andere Gräueltaten kommt dieser Thriller aus, allein das menschliche Gehirn, die Erinnerung und die Beeinflussbarkeit derselben sind zentrales Thema bei Max Reiter. Was bewirken andere Stimmen, andere Sichtweisen, wie verändern sie das eigene Gedankengut? Bestens verwoben mit der fesselnden Handlung sind die sonderbaren Geschichten von Edgar Allan Poe, welche ich mir sogleich zugelegt habe und die die eigenbrötlerische Eigenwilligkeit so mancher Figur im Buch noch unterstreichen. Im Vergleich zu Arno spürt man leider ein wenig zu früh, was tatsächlich geschehen sein könnte, dennoch ist das stete Gedankenkarussell spannend und faszinierend bis zum Ende.

Ich empfehle „Erinnere dich!“ jedenfalls sehr gerne weiter. Sprachmelodie und psychologische Erkenntnisse lassen dieses Buch zu einem packenden Leseerlebnis werden.


Titel Erinnere dich!
Autor Max Reiter
ASIN B0BJMJ94CV
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (336 Seiten)
Erscheinungsdatum 1. April 2023
Verlag Fischer Scherz

Veröffentlicht am 31.03.2023

Windpark in Cuxhaven

Windstärke Tod (WaPo Cuxhaven 1)
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Der geplante Windpark in Cuxhaven ist umstritten. Damit eine möglichst breite Zustimmung erreicht werden kann, lädt die Bürgermeisterin einen Mediator - Gunther Fluth - an den Verhandlungstisch. Aber noch ...

Der geplante Windpark in Cuxhaven ist umstritten. Damit eine möglichst breite Zustimmung erreicht werden kann, lädt die Bürgermeisterin einen Mediator - Gunther Fluth - an den Verhandlungstisch. Aber noch bevor die Diskussion beginnen kann, wird Fluths Leiche im Wasser gefunden. Augenscheinlich hat er sich beim Schwimmen überschätzt, dabei soll er das kalte Nass für gewöhnlich gemieden haben. Obwohl die Wasserschutzpolizistin Agatha Christensen für die Untersuchung des Toten gar nicht zuständig ist, geht sie der Sache nach, denn schließlich war sie es, die den Mann entdeckt hat.

Gut vorstellbare Figuren und die schöne Kulisse der Nordseeküste rund um Cuxhaven (Landkarte im Buch) lassen den Leser schnell eintauchen in das spezielle Flair dieses Regionalkrimis. Das Thema Windpark mit entsprechend kontroversen Standpunkten bietet einen gelungenen Einstieg in die Handlung, alles Weitere ergibt sich dann von selbst. Bente Storms Kapitel sind kurz und übersichtlich gehalten, unterschiedliche Blickwinkel sorgen für eine gewisse Spannung, die gerne ein wenig höher hätte sein dürfen. Mundartliche Einsprengsel bei manchen Personen passen gut ins Geschehen und sorgen für Authentizität. Ein wenig Witz darf auch nicht fehlen, so hält man die Wasserschutzpolizei salopp für das „Enten-FBI“ und verehren die Eltern der Wasserschutzpolizistin Agatha Christensen eine bekannte Schriftstellerin, was sich nicht nur auf den Namen der Tochter auswirkt, sondern auch auf deren Hang zur Neugierde.

Schlüssig und nachvollziehbar recherchiert man nun in Cuxhaven, ein Mordmotiv haben da so Einige, das Ergebnis ist plausibel und passt ins Bild. Nicht allzu aufregend, aber doch stimmungsvoll und atmosphärisch präsentiert sich dieser erste Band rund um die WaPo Cuxhaven. Da die Ermittler als interessante Charaktere eingeführt worden sind, darf man sich jedenfalls auf weitere Fälle mit ihnen freuen.


Titel Windstärke Tod
Autor Bente Storm
ASIN B0BJX7GMN3
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (377 Seiten) und Hörbuch
Verlag Ullstein
Reihe WaPo Cuxhaven

Veröffentlicht am 30.03.2023

Schrecklich berührend

Durch das große Feuer
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Wir schreiben das Jahr 1914, Henry Gaunt und Sidney Ellwood besuchen die englische Eliteschule Preshute, verehren die alten Griechen und rezitieren deren Gedichte und Dramen. Nur kurze Berichte in der ...

Wir schreiben das Jahr 1914, Henry Gaunt und Sidney Ellwood besuchen die englische Eliteschule Preshute, verehren die alten Griechen und rezitieren deren Gedichte und Dramen. Nur kurze Berichte in der Schülerzeitung lassen seine Gedanken an den tobenden Krieg abschweifen, während Gaunt unter seinen verborgenen Gefühlen für Ellwood leidet, ohne zu ahnen, dass dieser ihn ebenfalls anziehend findet. Um trotz seiner deutschen Wurzeln Patriotismus zu zeigen, meldet sich Gaunt bald freiwillig bei der britischen Armee. Schon wenige Monate später folgt Ellwood ihm nach, die besondere Freundschaft der beiden jungen Männer wird jedoch bei der Schlacht an der Somme am 1. Juni 1916 grundlegend verändert.

Exzellent beschreibt Alice Winn das Treiben im Internat, Jugendliche, die einander förmlich beim Nachnamen ansprechen, voller Leidenschaft in literarischen Werken schwelgen und dennoch nie darum verlegen sind, ihren Mitschülern garstge Streiche zu spielen. Bald entflammt die Leidenschaft auch für den Krieg und die jungen Philologen müssen die Nähe der Wörter Leidenschaft und Leiden erkennen. Vor der grausamen Kulisse der Schützengräben entflammt dennoch eine verbotene Liebe zwischen Gaunt und Ellwood, die Winn so einfühlsam erzählt, dass der Gegensatz zwischen Grauen und Zärtlichkeit nicht eindrucksvoller zur Geltung kommen könnte. Die Szenen des Kampfes sind brutal und realistisch, nichts wird schöngeredet, nichts ausgespart. Und dann kommt die schreckliche Schlacht an der Somme. Nichts ist mehr, wie es war …

Detaillierte Recherche und Nachforschung liegen diesem beeindruckenden Roman zugrunde, beklemmende Zeitungsausschnitte über Gefallene und Verwundete, Gedichte und Nachrufe lassen dem Leser ebenso einen Schauder über die Arme laufen wie die berührenden Briefe zwischen Heimat und Front. Diese abwechslungsreiche Erzählart nährt die Lebendigkeit und Nähe zu den einzelnen Figuren, lässt den Leser teilhaben an erbauenden und niederschmetternden Gefühlen. Die Tage gleichen einer Fahrt mit der Hochschaubahn, gerade noch liegt man voller Anspannung im Schützengraben, schon geht es heiter her bei der Reserve. Dass Viele schon nach wenigen Monaten den Verstand verlieren, ist nicht verwunderlich.

Wunderbar ist aber, wie die Autorin all die widerstreitenden Gefühle mitten im Großen Krieg darstellt, die einzelnen Figuren zeichnet und eine Authentizität in ihre Zeilen legt, als ob sie selbst mitten in Geschehen gewesen wäre. Zusätzlich flicht Alice Winn viele Themen am Rande mit ein: Standesunterscheide zwischen Absolventen von Eliteschulen und Arbeitern, Loyalität, Patriotismus, Judentum, um nur einige Beispiele zu nennen.

Dieser erschütternde und gleichzeitig so berührende Roman ist ein Zeitzeugnis, das noch lange nach dem Lesen in mir nachhallen wird. Durch das große Feuer - ein überwältigendes Buch, das ich nur jedem ans Herz legen kann.



Titel Durch das große Feuer
Autor Alice Winn
ASIN B0BJW694CK
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook
ebenfalls erhältlich als Gebundenes Buch (496Seiten)
Erscheinungsdatum 30. März 2023
Verlag Eisele
Originaltitel In Memoriam
Übersetzer Ursula Wulfekamp, Benjamin Mildner

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.03.2023

Sehr spezielle Ermittlungen

Die Frömmigkeit der Schafe (Ein-Sardinien-Krimi 3)
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Zwei Tote auf Sardinien und ein mehr als hundert Seiten starkes Notizbuch in kaum zu entziffernder Handschrift – Ettore Tigassu wird auf die Spuren Mariacas geführt, die fünf Jahrzehnte zuvor aus dem Fenster ...

Zwei Tote auf Sardinien und ein mehr als hundert Seiten starkes Notizbuch in kaum zu entziffernder Handschrift – Ettore Tigassu wird auf die Spuren Mariacas geführt, die fünf Jahrzehnte zuvor aus dem Fenster des Schulhauses gesprungen und von der Insel verschwunden ist. Hatte einer der Toten, ihr alter Dorfschullehrer, vielleicht all die Jahre über Kontakt zu Mariaca? Den verschwiegenen Bewohnern des kleinen sardischen Örtchens Televras ist kaum eine Information zu entlocken.

Hinter dem ungewöhnlichen Einband und dem ungewöhnlichen Titel verbirgt sich auch ein ungewöhnlicher Krimi. Gesuino Nemus hat viel zu erzählen, und damit das nicht zu eintönig wird, verpackt er seine Geschichte ganz speziell – einerseits gibt es die neutrale Sicht eines Dritten auf das Geschehen, andererseits berichtet ein Wirrkopf aus seinem Blickwinkel. Dazwischen liest man immer wieder einen Ausschnitt aus Lehrer Nonies Aufzeichnungen und geschichtliche Erinnerungen. Insgesamt wird die Handlung eher sachlich dargestellt. Obendrein ist es für den Leser nicht immer ganz einfach, die Figuren mit ihren schwierigen sardischen Namen auseinanderzuhalten, vielleicht besonders dann, wenn man die beiden Vorgänger (noch) nicht gelesen hat.

Man kann kaum von Spannung im herkömmlichen Sinn sprechen, dennoch hat dieses Buch etwas Besonderes an sich, das den Leser in seinen Bann zieht: die Art und Weise, wie Gesuino Nemus erzählt, wie er immer wieder Vergangenes lebendig werden lässt, wie er beschreibt, dass das Dorf eine eingeschworene, abgeschiedene Gesellschaft ist, in der Fremde, insbesondere neugierig fragende Polizisten, nichts verloren haben, dass kaum noch wer hier leben möchte, ja sogar der Pfarrer nunmehr aus Afrika stammt. Weniger ist es die Kriminalhandlung, die hier im Vordergrund steht, vielmehr eine Studie über das langsame Aussterben der kleinen Dörfer auf Sardinien, die skurrilen und eigenbrötlerischen Menschen in den Bergen, die ohnehin alles untereinander selbst regeln und keine Einmischung von außen brauchen.

Wer sich gerne auf einen etwas anderen Krimi einlässt, sich nicht von ungewöhnlichen Namen abschrecken lässt und Freude hat an originellen Ermittlungsmethoden, der wird hier gewiss fündig.

Titel Die Frömmigkeit der Schafe
Autor Gesuino Nemus
ISBN 978-3-96161-154-6
Sprache Deutsch
Ausgabe Taschenbuch, 288 Seiten
ebenfalls erhältlich als e-book
Erscheinungsdatum 30. März 2023
Verlag Eisele
Originaltitel Il catechismo della pecora
Übersetzer Sylvia Spatz

Veröffentlicht am 29.03.2023

Liebe im fernen Russland

Die Porzellanpuppe
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Petrograd, 1915, Tonja ist die Ehefrau eines reichen Fabrikanten, wird aber eher wie ein Vogel im goldenen Käfig daheim eingesperrt. Dennoch kann sie sich immer wieder zu Walentin flüchten, einem Revolutionär, ...

Petrograd, 1915, Tonja ist die Ehefrau eines reichen Fabrikanten, wird aber eher wie ein Vogel im goldenen Käfig daheim eingesperrt. Dennoch kann sie sich immer wieder zu Walentin flüchten, einem Revolutionär, der mitreißende Reden hält. Was Tonjas Schicksal für sie bereitgehalten hat und wie weitere Generationen beeinflusst werden, möchte 1991 Rosie aus London erfahren und begibt sich auf den Spuren eines Märchenbuches ihrer Mutter nach Russland. Wer war die Frau, so schön wie eine Puppe?

Diese komplizierte und mitunter verwirrende Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, in der Vergangenheit liegt das Hauptaugenmerk auf Tonja, 1991 auf Rosie, die eigentlich Raisa heißt. Zwischendurch darf der Leser immer wieder einen Blick in das Märchenbuch von Rosies Mutter werfen. Verwirrend ist die Sache deshalb, weil sich natürlich auch in der heutigen Zeit Menschen an früher erinnern und von längst vergangenen Zeiten erzählen. So fällt es dem Leser nicht immer leicht, die Handlungsstränge auseinanderzuhalten und auch wenn die Autorin oft auf die förmliche Anrede mit Vornamen und Vaternamen verzichtet, so ist es anfangs nicht ganz einfach, alle Figuren im Gedächtnis zu behalten bzw. richtig einzuordnen. Aber die bewegende und unfassbare Geschichte überstrahlt all diese Schwierigkeiten, zieht den Leser schnell in ihren Bann und weckt immer mehr Neugierde auf die Geschehnisse. Insbesondere die Hintergrundinformationen zur russischen Geschichte sind beeindruckend recherchiert und wiedergegeben. Und nach dem Lesen des Anhangs weiß ich endlich, warum ich ab und zu an Anna Karenina denken musste.

Sehr realistisch dargestellte Figuren und eine überwältigende Kulisse in Russland lassen diesen schicksalhaften Roman besonders gut zur Geltung kommen, Mut und Drama fügen sich glaubhaft zwischen die Zeilen, unerwartete Wendungen sorgen für Überraschungen, die Handlung fesselt bis zum Ende.

Ein Buch, das gewiss keinen Leser kalt lässt und neben einer bewegenden Liebe auch grausame Details aus der russischen Geschichte aufgreift.

Titel Die Porzellanpuppe
Autor Kristen Loesch
ASIN B09XFH7Z77
Sprache Deutsch
Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch (429 Seiten) und Hörbuch
Erscheinungsdatum 26. Jänner 2023
Verlag Ullstein
Originaltitel The Porcelain Doll
Übersetzer Silke Jellinghaus