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Veröffentlicht am 26.12.2025

Das Beste daraus

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Schon früh schreibt June ihre erste Geschichte und möchte Autorin werden, am liebsten die Autorin der weltbesten und herzzerreißendsten Liebesgeschichte, die es gibt. Aber da kommt ihr eine schwere Krankheit ...

Schon früh schreibt June ihre erste Geschichte und möchte Autorin werden, am liebsten die Autorin der weltbesten und herzzerreißendsten Liebesgeschichte, die es gibt. Aber da kommt ihr eine schwere Krankheit in die Quere – wie soll eine Siebzehnjährige nun schreiben, wenn sie noch nie wirklich in einen Burschen verliebt war?

Nach einer niederschmetternden Diagnose und vielen Behandlungen gibt es nur noch eine allerletzte Chance auf Genesung: die Teilnahme an einer Studie für ein neuartiges Medikament auf einer zur Spezialklinik umgebauten Ranch in Texas. Mutig und zuversichtlich fährt June mit ihren Eltern dorthin und begegnet Jesse, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Auch ihm ergeht es ähnlich, er hat nur noch Augen für die Neue, seine Seelenverwandte. Gemeinsam beginnen sie die erschöpfende Therapie und blicken voller Zuversicht in die Zukunft.

Unglaublich, wie einfühlsam und bezaubernd Tillie Cole so schwermütige Themen wie Krebserkrankung oder unerwünschte Arzneimittelwirkungen in einen so berührenden Roman packt, wie sie Hoffnung spendet oder den eisernen Willen, die möglicherweise verbleibende kurze Zeit zu ganz besonderen Momenten werden zu lassen. Da finden einander fremde Mädchen zu best friends, werden Pläne geschmiedet und Talente gefördert, wächst die Liebe zwischen zwei jungen Menschen und spendet Kraft für eine unvorstellbar schwierige Lebensphase. Spätestens in dem Moment, als Junes selbst niedergeschriebene Liebesgeschichte mit ihrer eigenen zu verschmelzen beginnt, kann man als Leser seine Tränen nicht mehr zurückhalten, die Gedanken und Gefühle werden einfach so nahegehend dargestellt, dass man nicht mehr von Ferne aufs Geschehen blicken kann, sondern voller Herzklopfen mitfiebern muss mit Jesse und June.

Ein ganz besonderes Buch über ganz besondere Menschen, welche das Beste daraus machen, was ihnen das Schicksal vor die Füße knallt. Wunderbare Charaktere und überaus realistische Bilder über den Kampf um jeden einzelnen Tag zum Leben – wer emotionale Hochs und Tiefs wie auf einer Achterbahn sucht, der sollte zu diesem bittersüßen Roman greifen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.12.2025

Unheilschwangere Lagunenstadt

Schatten der Gondeln
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Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht ...

Mit der Aussicht auf ein beträchtliches Erbe heiratet der Schriftsteller Evelyn Dolman Laura Rensselaer. Allerdings kommt es zum Streit zwischen der Ölmagnatentochter und deren Vater. Unglücklich geht die Reise zum Jahreswechsel 1899/1900 nach Venedig, wobei die unheilschwangere Lagunenstadt Evelyn fast um den Verstand bringt.

Als großer Monolog angelegt, erfährt der Leser ausschließlich Evelyn Dolmans Sichtweise auf das Geschehen, wodurch die nebulösen und undurchschaubaren Machenschaften so mancher einflussreichen Person auch für uns Außenstehende geheimnisvoll bleiben. Viele Gedanken und Erinnerungen Dolmans beherrschen die Handlung, nur wenige Szenen mit Dialogen bringen Lebendigkeit in die Tage am Meer. Dadurch wirkt das Ganze bisweilen ein wenig erschöpfend, andererseits wächst doch immer wieder die Neugierde, was hinter dem geheimnisvollen Verschwinden der Ehefrau steckt und was es mit den Fremden im Lokal auf sich hat, die Evelyn zu kennen vorgibt. Wer hütet das größte Geheimnis, wer leidet an Fieberträumen und was von allen Schilderungen entspricht tatsächlich der Wahrheit? Auf beeindruckende Weise spielt John Banville mit der Atmosphäre der Lagunenstadt, bedient sich bei seiner Erzählung einer geschliffenen und verführerischen Sprachmelodie. Werden sich die Nebel lichten?

Ein spannender Ausflug ins historische Venedig ist garantiert, auch wenn bei mir nicht alle Puzzelstücke an den rechten Platz gefallen sind, so haben sich doch interessante Lesestunden ergeben, welche die Phantasie beflügeln.

Veröffentlicht am 16.12.2025

Innere Stimme

Glimmende Himmel
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1868: June hat sich in der Industriestadt Bradford arrangiert mit der harten Arbeit in einer Wollspinnerei und in Hattie eine liebe Freundin gefunden. Aber das Elend der Arbeiterfamilien, die rußige Luft ...

1868: June hat sich in der Industriestadt Bradford arrangiert mit der harten Arbeit in einer Wollspinnerei und in Hattie eine liebe Freundin gefunden. Aber das Elend der Arbeiterfamilien, die rußige Luft und die kranken Kinder kann sie nicht einfach hinnehmen. Schließlich fasst June allen Mut zusammen und legt ihre bisher verfassten Artikel über grundlegende Hygienemaßnahmen und nahrhafte Speisen einem Zeitungsredakteur vor, der diese jedoch kaum beachtet. Und wieder taucht der undurchschaubare Ire Franky auf, der June seit ihrer ersten Begegnung in den Craven Dales nicht mehr recht aus dem Kopf gehen mag.

Mit ihrer angenehmen Sprachmelodie und bildreichen Beschreibungen setzt Lia Scott die Saga mit den denkbar schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken Mitte des 19. Jahrhunderts fort, lässt die Konflikte zwischen Engländern und Iren miteinfließen und lenkt die wunderbare Geschichte wieder auf eine mutige junge Frau, welche nun endlich ihre innere Stimme erhört und merkt, dass sie selbst zu verbesserten Zuständen beitragen kann. Warmherzig und berührend erzählt die Autorin von Freundschaften und unheilbaren Krankheiten, von Familienbanden und tiefer Schuld, welche besonders Franky verfolgen muss und ihn zu unbedachten Handlungen verleitet. June entwickelt sich in diesem zweiten Teil von „Die Fasern der Welt“ deutlich weiter und beeindruckt ihr Umfeld durch ihre Wortgewandtheit und ihren Einsatz für die Armen und Kranken, indem sie ihnen Anleitung gibt, sich selbst zu helfen. Lebendige Schilderungen und eine eingehende Recherche lassen jede einzelne Szene glaubwürdig und überaus realistisch erscheinen, sodass das Lesen bis hin zum Ende große Freude bereitet. Nun ist Phantasie gefordert, denn längst sind nicht alle Fragen geklärt, aber vielleicht erscheint ja schon bald Band Nummer 3?

Eine wirklich gelungene Fortsetzung des Romans Der Wind von Yorkshire, welchen man zuvor gelesen haben sollte. Mir sind einige Figuren nun schon so ans Herz gewachsen, dass ich mich über ein Wiedersehen sehr freuen würde.

Veröffentlicht am 14.12.2025

Fern der Erinnerung

Kohle, Stahl und Mord: Das Totenhaus
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Psychiaterin Jana Fäller bekommt in der Nachtschicht eine neue Patientin: eine blutüberströmte Frau Mitte dreißig ohne jegliche Erinnerung daran, wer sie ist und woher das Blut stammt. Janas Freundin, ...

Psychiaterin Jana Fäller bekommt in der Nachtschicht eine neue Patientin: eine blutüberströmte Frau Mitte dreißig ohne jegliche Erinnerung daran, wer sie ist und woher das Blut stammt. Janas Freundin, Elin Akay von der Mordkommission Essen, findet in einer verlassenen Villa die entsprechende Leiche von Ali Surat, dem Sohn des Friedensrichters Rabih Surat und vermutet anfänglich die Rivalität verschiedener Clans als Mordmotiv. Aber es gibt bald noch andere mögliche Anlassfälle und auch mehrere Verdächtige.

Angesiedelt im Ruhrpott, geht es im zweiten Band dieser Reihe um das Ende des Kohlenbergbaus und um neue Arbeitsplätze, neue Identitätsmuster, welche die Kameradschaft und den Zusammenhalt unter Tage ablösen können. Viele Jahre nach dem Schließen der letzten Zeche werden wiederholt Mordopfer in der Stinnesvilla - mittlerweile Totenhaus genannt - gefunden, die Spur führt Elin weit zurück in jene Zeit, in der der Berg noch eine Goldgrube gewesen ist. Spannende Rückblicke und tagebuchartige kursiv gedruckte Abschnitte geben die einzelnen Puzzlestücke zur Lösung nur langsam preis, lassen die Ermittler der Mordkommission ebenso wie die neugierigen Leser grübeln und unterschiedlichste Schlüsse ziehen aus dem Wenigen, das ans Licht befördert wird. Hat man es mit einem Konflikt unter den Clans zu tun oder ist ein Serientäter am Werk? Wie passt Ali ins Geschehen und warum ist gerade das Haus eines Zechendirektors Schauplatz des Grauens? Abwechslungsreiche Themengebiete, unter anderem die therapeutische Herangehensweise an tiefgehende Erinnerungslücken, lassen den Krimi kurzweilig und flott voranschreiten, den Leser in die Atmosphäre des Ruhrpotts eintauchen und die Welt eines großen Ballungsraumes mit all seinen Konflikten erspüren.

Ein spannender Krimi mit glaubwürdigen Figuren, wie sie im realen Leben genau so vorkommen könnten und einer logisch aufgebauten Handlung rund um den toten Araber. Nicht zuletzt sind der lebendige Schreibstil und die bildhaften Szenen Grund für meine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 11.12.2025

Enge Bande

Wem du traust
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Eva und Daniel leben zufrieden mit ihrem fünfjährigen Sohn Linus in einer ruhigen Neubausiedlung. Sehr oft ist auch Sofia Gast, die fünfzehnjährige Tochter von Evas bester Freundin Susanne. Nach einem ...

Eva und Daniel leben zufrieden mit ihrem fünfjährigen Sohn Linus in einer ruhigen Neubausiedlung. Sehr oft ist auch Sofia Gast, die fünfzehnjährige Tochter von Evas bester Freundin Susanne. Nach einem Babysittereinsatz bringt Daniel Sofia nach Hause, allerdings kommt die Jugendliche dort nie an. Ist das eher in sich zurückgezogene Mädchen von daheim ausgerissen oder hat gar Daniel mit ihrem Verschwinden etwas zu tun?

Stete leise Spannung begleitet diesen fesselnden Kriminalroman, wenige, besonders gekonnt gezeichnete Figuren beherrschen die spannende Handlung. Wir lernen die familiären Beziehungen, Freundschaften und engen Bande zwischen den einzelnen Personen kennen, wagen uns an Bewertungen und müssen diese aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen doch wieder verwerfen. Dann kommt noch ein sogenannter Cold Case ins Spiel und mischt die Karten wiederum neu. Interessante und wichtige Themen wie Autismus und häusliche Gewalt finden Eingang ins Geschehen, kursiv gedruckte Abschnitte wecken Neugierde und bringen das Gedankenkarussell beim Leser in Schwung. Schlussendlich bewahrheiten sich meine Vermutungen zum Teil, die Aufklärung des Falles verläuft dennoch anders als erwartet – bestens gelungen!

Ein weiterer logisch aufgebauter Kriminalroman von Petra Johann, der sowohl sprachlich als auch inhaltlich überzeugt und besonders die Tragfähigkeit in Beziehungen auf den Prüfstand stellt. Absolut lesenswert!