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Veröffentlicht am 30.08.2022

Im goldenen Käfig

Die Verlorenen
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In einem Elendsviertel Londons, im Dreck des Hafens ist Bess aufgewachsen. Seit dem frühen Tod der Mutter verkauft sie Krabben und schlägt sich mit ihrem Vater und dem älteren Bruder mehr schlecht als ...

In einem Elendsviertel Londons, im Dreck des Hafens ist Bess aufgewachsen. Seit dem frühen Tod der Mutter verkauft sie Krabben und schlägt sich mit ihrem Vater und dem älteren Bruder mehr schlecht als recht durchs Leben. Als sie ein Kind zur Welt bringt, sieht sie sich gezwungen, das kleine Bündel im Waisenhaus abzugeben, gleichzeitig fest entschlossen, Geld anzusparen, um so bald wie möglich selbst für Clara sorgen zu können. Aber sechs Jahre später ist das Mädchen nicht mehr da.

In vier Abschnitte gegliedert, abwechselnd aus der Sicht von Bess und Alexandra, jeweils in der Ich-Form, erzählt Stacey Halls diese berührende Geschichte über ein verschwundenes Waisenmädchen, Mutterliebe und gesellschaftliche Schranken. Aufregend und spannend sind die ersten Szenen rund um Bess und ihre neugeborene Tochter, die anstrengenden Tage als Krabbenverkäuferin und die schiere Unmöglichkeit, diesem schweren und trostlosen Alltag zu entkommen. Dennoch sieht Bess Hoffnung und Zuversicht – bis sie die unglaubliche Wahrheit hören muss – Clara ist schon längst abgeholt worden.

Ab hier verliert sich die Spannung ein wenig, dennoch ist die Geschichte aus beiden Blickwinkeln eine interessante und der Leser kann den Versuch wagen, beide Seiten zu verstehen. Die Charaktere sind sehr gut und lebendig ausgearbeitet, das historische London bildet eine passende Kulisse. Einige Zufälle und ein nicht so ganz realistisches Ende schmälern die Bewertung, dennoch bietet das Lesen dieses Buches insgesamt unterhaltsame Lesestunden rund um eine Mutter, die wie eine Löwin um ihr Kind kämpft.



Titel Die Verlorenen

Autor Stacey Halls

ISBN 978-3-86612-495-0

Sprache Deutsch

Ausgabe gebundenes Buch, 384 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 1. März 2021

Verlag Pendo

Originaltitel The Foundling

Übersetzer Sabine Thiele

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.08.2022

Nachbarschaft

Was nebenan passiert ist
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Die beruflich erfolgreiche Friederike Mönch lebt in einer idyllischen Stadtrandsiedlung. Zu ihrem vollkommenen Glück fehlt nur noch ein eigenes Kind. Doch mitten über ihr geordnetes Leben bricht ein Unglück ...

Die beruflich erfolgreiche Friederike Mönch lebt in einer idyllischen Stadtrandsiedlung. Zu ihrem vollkommenen Glück fehlt nur noch ein eigenes Kind. Doch mitten über ihr geordnetes Leben bricht ein Unglück herein: als sie nach ihren Nachbarn sieht, findet sie ein ermordetes Mädchen und seinen schwer verletzten Vater. Von der Schwester und der Mutter fehlt jede Spur. Die Presse und Social Media-Berichterstatter belagern fortan die Reihenhausgruppe und es wird immer schwieriger, zu unterscheiden, wer vertrauenswürdig ist und wer Verdachtsmomente streut ...

Von der ersten Seite weg fesselt Autorin Rose Klay den Leser an dieses Buch, schafft gekonnt einen Bogen zwischen den aktuellen Ermittlungen und Friederikes Vergangenheit, welcher sich mit einem Ballon in Form von Engelsflügeln recht bildhaft zu einem Kreis schließt. Die Handlung spielt - eng begrenzt - überwiegend in der Familiensiedlung und konzentriert sich auf die Psychologie rund um den Mord an einem kleinen Mädchen und das Verschwinden zweier weiterer Familienmitglieder. Aufs Wesentliche fokussiert und ohne ausschmückendes Beiwerk zieht Klay mit ihrer einnehmenden Schreibweise wohl jeden in ihren Bann. Und trotz – oder gerade wegen (?) – dieser Schlichtheit, wirkt alles völlig lebendig und Friederikes Sicht auf die Dinge wirft immer mehr Fragen auf. Viele Fährten erscheinen auf den ersten Blick logisch, entpuppen sich aber bei genauem Hinsehen als Finte. Auch Friederike selbst verstrickt sich schon bald in Widersprüche. Geschickt und raffiniert ist der ganze Fall aufgebaut, besticht die Handlung mit durchgängiger Spannung, welche bis zum Ende den wahren Täter im Dunklen verbirgt.

Insbesondere die Tatsache, dass Rose Klay viele interessante Themen (Adoption, Kinderwunsch und/oder Karriere, Freundschaft, Wahnvorstellungen,…) ins Geschehen einflicht, lässt dieses Buch nicht nur zu einer spannenden Tätersuche werden, sondern zu einer sehr vielschichtigen Analyse von Problemen. Unterhaltsam und packend, sollte man diesen Thriller am besten ohne Unterbrechungen lesen. Wer gerne auf brutales Blutvergießen und Massaker verzichtet, ist bei dieser psychologischen Betrachtung bestens aufgehoben!



Titel Was nebenan passiert ist

Autor Rose Klay

ISBN 9783751732789

Sprache Deutsch

Ausgabe e-book, 385 Seiten

ebenfalls erhältlich als Hörbuch

Erscheinungsdatum 1. September 2022

Verlag Lübbe

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 27.08.2022

Entscheidungen

Sonnenblumentage
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Zum Vater hat Marie keine besondere Verbindung, ihre Mutter hat sie vor etwa einem Jahr durch einen Schicksalsschlag verloren. Nun lebt die junge Floristin in einem kleinen Dorf bei ihrem Freund, der ihr ...

Zum Vater hat Marie keine besondere Verbindung, ihre Mutter hat sie vor etwa einem Jahr durch einen Schicksalsschlag verloren. Nun lebt die junge Floristin in einem kleinen Dorf bei ihrem Freund, der ihr über die schweren Tage hinweggeholfen hat und arbeitet in der Gärtnerei seiner Eltern. Allerdings kann sie hier ihre Talente nicht wirklich optimal entfalten. An einem Wochenende will sie dem immer wieder einengenden Alltag entfliehen und sich mit ihren beiden liebenswerten Tanten in einem Wellnesshotel treffen. Ein Telefonanruf verändert alles.

Frieda Bergmann entwickelt nun zwei Szenarien, die sich abspielen könnten: Marie nimmt den Anruf nicht an und fährt ihrem Schicksal entgegen, oder Marie nimmt den Anruf an und ihr Leben hält eine andere Zukunft für sie bereit.

Ein angenehm flüssiger Schreibstil begleitet den Leser auf Maries Wegen und zeigt auf, wie entscheidend manchmal eine Kleinigkeit sein kann. Wie entwickelt sich ein Mensch, wenn er gerade diese Abzweigung nimmt, wie würde sein Leben verlaufen, wenn er die andere Richtung wählt? Abwechselnd beleuchtet die Autorin Maries Zeit ab dem Anruf … was wäre, wenn …

Blumig und bunt, wie es zur Floristin passt, beginnt das Buch nicht nur auf dem Titelbild. Auch Maries Tätigkeit wird sehr ausführlich und detailliert beschreiben, sodass man als Leser die sympathische Frau recht schnell kennenlernt. Nach diesem Einstieg kommt der Wendepunkt, und die Geschichte verläuft in zwei ganz unterschiedlichen Handlungssträngen, die aber da und dort aufeinandertreffen und Gemeinsamkeiten hervorstreichen. Während anfangs die rauschende Vielfalt zum Thema Pflanzen und Feste gut passt, verliert sich das Geschehen aber immer weiter in Details, welche für mich dann irgendwann doch zu ausschweifend und teilweise nicht überzeugend gewesen sind. Auch die Ausgewogenheit zwischen den unterschiedlichen Verläufen von Maries Leben ist nicht so recht gegeben, selbst wenn der ausführlichere Teil oftmals interessanter und lebendiger wirkt. So gibt es manch spannende und aufregende Szene, während dazwischen viele Blumen verwelken, bis sich neuerlich etwas Interessantes ereignet.

Die Idee dieser „was wäre, wenn…“-Erzählung ist außergewöhnlich und führt dem Leser vor Augen, dass man auf unterschiedlichste Weise ein glückliches und erfülltes Leben führen kann, manche Entscheidungen passieren, manche trifft man ganz bewusst. Welche Früchte man jedoch aus den gesäten Samen erntet, das kann man immer wieder beeinflussen. Kaum eine Entscheidung ist eine Einbahnstraße, irgendwo gibt es fast immer eine Möglichkeit zum Wenden.

Wer sich gerne fallen lässt in eine recht umfassende, aber durchwegs herzliche Erzählung aus Maries Leben, der liegt mit Bergmanns „Sonnenblumentage“ bestimmt richtig.



Titel Sonnenblumentage

Autor Frieda Bergmann

ISBN 978-3-7341-1032-0

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 640 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 17. August 2022

Verlag Blanvalet

Veröffentlicht am 22.08.2022

Umkehr des Schweigens?

Die Toten von Cork
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Mit Kindern und einer befreundeten Kollegin sucht Kriminalkommissar Markus Felchlin Erholung in der grünen Idylle Irlands. Ein abgeschiedenes Ferienhaus am Rande eines Sees dürfte dafür perfekt geeignet ...

Mit Kindern und einer befreundeten Kollegin sucht Kriminalkommissar Markus Felchlin Erholung in der grünen Idylle Irlands. Ein abgeschiedenes Ferienhaus am Rande eines Sees dürfte dafür perfekt geeignet sein. Allerdings scheint man Gäste hier nicht zu begrüßen: Schmierereien am Zufahrtstor und andere Unannehmlichkeiten trüben die gemütliche Ferienstimmung und Felchlin geht – einmal Polizist, immer Polizist – der Sache nach.

Mit einem etwas verstörenden Prolog und einem seltsamen Naturschauspiel beginnt dieser Kriminalroman, in dem so viel mehr steckt als ein unterhaltsamer Krimi. Unmittelbare Nähe vermittelt Gerlinde Michel, indem sie das Präsens als Zeitform wählt und ihre Botschaft in knappe, schnörkellose Sätze verpackt. So schafft die Autorin eine ganz spezielle Atmosphäre, welche immer wieder Gänsehaut und Sprachlosigkeit erzeugt. Gleichzeitig wahrt sie Distanz, indem die Hauptfigur fast durchgehend mit Nachnamen genannt wird. So wird ein tolles Spannungsfeld erzeugt, auf das sich der Leser vollkommen einlassen sollte. Denn was sich als überaus detaillierte Geschichte mit vielen Nebensächlichkeiten anlässt, entwickelt sich zu dramatischen Szenen, welche auf wahren Begebenheiten beruhen.

Rasch befindet man sich als Leser im Sog von Michels virtuoser Kunst, Reales mit Fiktivem zu verknüpfen, insbesondere die persönlichen Berichte, welche die Urlaubsidylle im County Cork immer wieder unterbrechen, verursachen zunehmend Gänsehaut. Auch wenn das Wissen um die zugrundeliegenden Verbrechen schrecklich ist, so darf dies niemals totgeschwiegen und vergessen werden.

In diesem Sinne finde ich die Metapher des Flusses mit zwei Fließrichtungen sehr gelungen: eine Umkehr des Schweigens, eine Umkehr zu Recht und Gerechtigkeit muss möglich sein. Danke an Gerlinde Michel, die mit diesem Kriminalroman ein Mahnmal verfasst und (nicht nur) die Toten von Cork in Erinnerung behalten lässt. Klare Leseempfehlung!



Titel Die Toten von Cork

Autor Gerlinde Michel

ISBN 978-3-89425-790-3

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 208 Seiten

Ebenfalls erhältlich als e-book und Hörbuch

Erscheinungsdatum 25. August 2022

Verlag Grafit

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.08.2022

Morbides Wien

Fluch der Venus – Wiener Abgründe
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Nach dem Tod der Nobelprostituierten Fanni Matzner soll eine Obduktion stattfinden. Einer ihrer Freier will Gewissheit, woran sie gestorben ist. Aufgrund des Ergebnisses setzt Polizeipräsident Marx den ...

Nach dem Tod der Nobelprostituierten Fanni Matzner soll eine Obduktion stattfinden. Einer ihrer Freier will Gewissheit, woran sie gestorben ist. Aufgrund des Ergebnisses setzt Polizeipräsident Marx den Sonderermittler Leopold Kern ein, auch als Hurenpoidel bekannt. Schnell landet Leo bei alten Bekannten aus dem Milieu und gerät zwischen Freund und Feind.

Von Beginn an findet sich der Leser in einem perfekt zum Leben erweckten alten Wien im Jahre 1880 wieder. Ringstraße und Vorstadt, Prachtbauten, ärmliche Behausungen und Ecken des Elends entstehen mittels bildhafter Sprache und etlichen typischen Ausdrücken vor dem geistigen Auge des Lesers. Rasch ist man im Sog gefangen von hochrangigen Beamten, Grafen, Edelhuren und Geheimnissen. Ein jeder ist auf seinen Vorteil bedacht, niemand will irgendwo anstreifen. So ist es Marx unmöglich, offizielle Mordermittlungen einzuleiten; also muss Kern mit seinen Kontakten zum Milieu herhalten.

Düster und undurchsichtig ist die Atmosphäre im Buch, verstärkt wird das Ganze noch durch Kerns persönliches Schicksal, an dem er schwer zu tragen hat. Die Schreibweise Loraths, geprägt durch alte Wiener Ausdrücke, untermalt das besondere Flair zur damaligen Zeit, lässt gar Gerüche des Verderbens vernehmen und das schwere Parfum, welches alles überdecken soll. Ähnlich wie die Syphilis frisst sich das Unheil langsam aber stetig bis an die Oberfläche. Die Handlung ist geschickt komponiert und führt ohne Eile, dennoch stets interessant, durch verschiedenste Stationen. Es wird immer schwieriger, Freund von Feind zu unterscheiden, nicht nur für Leopold Kern, sondern auch für den Leser, der ja da und dort auch zusätzliche Einblicke bekommt.

Spannende Figuren, welche lebendig charakterisiert werden und Bilder der Zeit des Umbruchs in Wien lassen diesen Krimi zu einem besonderen Erlebnis werden, die Handlung im Rotlichtmilieu ist glaubwürdig und authentisch entwickelt. So darf der Leser auf weitere Fälle für Leopold Kern hoffen. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen.



Titel Fluch der Venus - Wiener Abgründe, Peter Lorath

Autor Peter Lorath

ISBN 978-3-492-50626-7

Sprache Deutsch

Ausgabe Taschenbuch, 360 Seiten

Ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 1. September 2022

Verlag Piper

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere