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Veröffentlicht am 08.06.2025

Sonnenbrand auf dem Herzen

Sunburn
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In Sunburn entführt uns Chloe Michelle Howarth in das Irland der frühen 1990er Jahre: Eine Welt voller unausgesprochener Regeln, religiöser Strenge und einer Enge, die spürbar in jeder Zeile mitschwingt. ...

In Sunburn entführt uns Chloe Michelle Howarth in das Irland der frühen 1990er Jahre: Eine Welt voller unausgesprochener Regeln, religiöser Strenge und einer Enge, die spürbar in jeder Zeile mitschwingt. Die Protagonistin Lucy, eine junge Frau, die sich in der Enge ihrer Kleinstadtwelt zunehmend fremd fühlt, zwischen elterlichen Erwartungen, gesellschaftlicher Konformität und dem leisen Aufblühen einer verbotenen, aber umso leidenschaftlicheren Liebe zu ihrer besten Freundin Susannah.
Howarth erzählt Lucys Geschichte mit einer Mischung aus Stilmitteln und emotionaler Unmittelbarkeit. Die Naturbeschreibungen und Gefühle sind kunstvoll mit Metaphern durchzogen, ohne dabei an Authentizität zu verlieren. Ich finde die Sprache als fast überladen, als Spiegelung jeglichen überwältigenden Emotionen der ersten Liebe, in all ihrer Schönheit und Verzweiflung.

Lucys queeres Erwachen ist nicht nur ein innerer Konflikt, sondern auch ein stiller, ständiger Kampf gegen die starren Vorstellungen ihrer Umwelt. Ihr Handeln ist nicht immer moralisch einwandfrei, denn sie ist ambivalent, egoistisch, widersprüchlich, aber gerade das macht sie so menschlich. Lucy leidet an ihren Entscheidungen und zieht dabei auch die Leser mit hinein in ihre Zerrissenheit.
Susannah wiederum ist das Leuchten, die Wärme, die Hoffnung, somit eine Figur, die sich mit mehr Mut als Lucy der Realität stellt. Die heimliche Beziehung der beiden ist von Anfang an von einer bittersüßen Tragik geprägt. Es ist eine Liebe, die sich anfühlt wie ein Sonnenbrand: berauschend, intensiv und unausweichlich schmerzhaft.

Die Coming-of-Age-Geschichte spricht auf mehreren Ebenen übrr queere Identität, familiäre Erwartungen, toxische Rollenbilder, inneres und äußeres Gefängnis. Dabei wirkt Sunburn nie belehrend, sondern berührt, gerade weil es so nah an den Figuren bleibt.

Sunburn ist ein schmerzlich schönes Buch über die erste Liebe, das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Normen und das langsame Erwachsenwerden in einer Welt, die wenig Platz für Abweichung lässt. Chloe Michelle Howarth gelingt ein eindrucksvolles Debüt voller Gefühl, Poesie und Tragik mit diesem queeren Sommerroman, der nachklingt wie ein heißer Tag auf der Haut. Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, wie es sich anfühlt, anders zu sein und wie schwer es sein kann, das trotzdem zu leben.

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Veröffentlicht am 08.04.2025

„Heartsick“ trifft mitten ins Herz

Heartsick
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„Heartsick“ ist ein zutiefst ehrliches, schmerzhaft schönes und berührendes Buch darüber, was passiert, wenn Liebe endet.
Jessie Stephens erzählt in diesem Roman die wahren Geschichten von drei sehr unterschiedlichen ...

„Heartsick“ ist ein zutiefst ehrliches, schmerzhaft schönes und berührendes Buch darüber, was passiert, wenn Liebe endet.
Jessie Stephens erzählt in diesem Roman die wahren Geschichten von drei sehr unterschiedlichen Menschen : Claire, Patrick und Ana, welche ihre Leser*innen mit auf eine Reise durch Liebesglück, Selbstzweifel, Verlust und vor allem: Herzschmerz nimmt.
Dabei geht es nicht um Kitsch oder romantische Idealisierung, sondern um die rohe, ungefilterte Realität von Beziehungen. Um die Momente, in denen Hoffnung umschlägt in Angst, in denen Nähe zu Distanz wird und in denen Menschen plötzlich mit sich selbst und ihren tiefsten Ängsten konfrontiert sind.
Was dieses Buch so besonders macht, ist die große Empathie, mit der Jessie Stephens schreibt. Sie urteilt nicht. Sie erklärt nicht, wer „Recht“ oder „Unrecht“ hat. Anstattdessen beschreibt sie und lässt den Lesenden Raum.
Claires Suche nach Liebe, verbunden mit Depression, Unsicherheit und dem Gefühl, nicht genug zu sein, war aufwühlend und gleichzeitig heilsam zu lesen. Aber auch Patricks erste Liebe und Anas innerer Konflikt inmitten einer langjährigen Ehe zeigen auf eindringliche Weise, wie komplex Beziehungen sind und wie sehr Liebeskummer jeden treffen kann, egal in welcher Situation.
Der Schreibstil von Stephens ist leicht zugänglich. Es liest sich schnell, aber oft bleibt man auch an Sätzen hängen, weil sie einen mitten ins Herz treffen.
„Heartsick“ ist daher ein Buch, das nicht nur vom Liebeskummer erzählt, sondern auch von persönlichem Wachstum, Selbstliebe und der Möglichkeit, inmitten des Schmerzes neue Kraft zu finden.
Das einzige, was mich so wirklich störte (schon beim ersten Eindruck), war das Cover. Es ist mir persönlich zu schlicht und passt nicht unbedingt zum Stil des Verlags, wie ich finde.
Dennoch ist es ein bewegendes, ehrliches und unglaublich menschliches Buch über Liebe, Verlust und Heilung. Definitiv lesenswert für alle, die verstehen wollen, wie sehr uns das Lieben und das Loslassen prägt.

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Veröffentlicht am 08.04.2025

Auf der Suche nach Antworten (und sich selbst)

Nowhere Heart Land
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„Nowhere Heart Land“ ist ein vielschichtiger Coming-of-Age-Roman von Emily Marie Lara, der sich leise, melancholisch und zugleich sehr direkt mit Themen wie Erwachsenwerden, Trauer, Frauenfreundschaft ...

„Nowhere Heart Land“ ist ein vielschichtiger Coming-of-Age-Roman von Emily Marie Lara, der sich leise, melancholisch und zugleich sehr direkt mit Themen wie Erwachsenwerden, Trauer, Frauenfreundschaft und Heimat auseinandersetzt.

Im Mittelpunkt steht Rosa, die nach Jahren in London zurück in ihre alte Heimat in der deutschen Provinz kommt — mit einem blauen Auge und jeder Menge emotionalem Gepäck.
Emily Marie Lara gelingt es, mit eindringlichem Stil und schnellen Perspektivwechseln zwischen Gegenwart und Vergangenheit einen Einblick in Rosas Gedanken zu schaffen. Besonders die Rückblenden in Rosas Zeit im Internat am Nützenberg und die Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter wirken stark und hinterlassen Eindruck.
Allerdings ist Rosa als Protagonistin nicht immer leicht zugänglich. Ihre Handlungen sind oft von "trüben" bzw. löchrigen Erinnerungen geprägt, ihr Verhalten gegenüber alten Freundinnen bewegt sich stellenweise hart an der Grenze zu Übergriffigkeit/Stalking. Das macht sie nicht unbedingt sympathisch, aber gerade diese Kontroverse macht die Figur auch interessant. Rosa ist kein klassischer „Lieblingscharakter“, sondern sie ist kompliziert, verloren und manchmal auch anstrengend echt.
Die Dynamik zwischen den Figuren (Freundschaft, Verletzungen, alte Geheimnisse etc.) hätte an einigen Stellen noch mehr Raum vertragen. Man erfährt vieles nur bruchstückhaft, vieles bleibt Andeutung oder Spekulation. Das kann reizvoll sein, hinterlässt bei mir aber auch ein gewisses Gefühl der Unvollständigkeit.
Gerade das Ende spiegelt diesen Eindruck wider: Es bleibt offen, lässt Raum für Hoffnung, aber auch für Unsicherheit. Rosa macht Schritte in Richtung Selbstfindung, aber viele Fragen bleiben unbeantwortet – nicht nur für sie, sondern auch für die Leserinnen.

„Nowhere Heart Land“ ist kein lauter Roman. Es ist ein stilles, manchmal sperriges, aber sehr authentisches Buch über das Suchen und Scheitern, über Abschiede und Neubeginne. Wer klare Antworten und runde Abschlüsse sucht, wird vielleicht unzufrieden zurückbleiben. Wer sich aber auf Rosas fragmentierte Gedankenwelt, ihre Widersprüche und ihr nostalgisches Festhalten an der Vergangenheit einlassen kann, wird mit einem feinfühligen und klugen Blick auf die Wirren des Erwachsenwerdens.
Alles in allem ein sprachlich starkes Debüt, das vor allem durch dessen Atmosphäre überzeugt, auch wenn man als Leser
in manchmal gerne näher an die anderen Figuren herangekommen wäre.

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