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Veröffentlicht am 20.01.2026

Der amerikanische Traum ist eine Illusion

Real Americans
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In ihrem Roman “Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine amerikanisch-chinesische Familiengeschichte über drei Generationen. Im ersten Abschnitt arbeitet die 22jährige Lily Chen im Jahr 1999 als unbezahlte ...

In ihrem Roman “Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine amerikanisch-chinesische Familiengeschichte über drei Generationen. Im ersten Abschnitt arbeitet die 22jährige Lily Chen im Jahr 1999 als unbezahlte Praktikantin bei einem Medienunternehmen. Bei einer Party ihrer Fima lernt sie Matthew kennen, den reichen Erben eines großen Pharmaimperiums. Sie verlieben sich sofort in einander, heiraten bald und bekommen den Sohn Nick. Im zweiten Teil lernen wir Nick im Jahr 2021 kennen. Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter auf einer Insel im Staat Washington im Westen der USA und bereitet sich auf sein Studium vor. Nick kennt seinen Vater nicht und versucht in dieser Phase, ihn ausfindig zu machen. Er möchte endlich herausfinden, was seine Mutter ihm all die Jahre verheimlicht hat. Der dritte Teil spielt im Jahr 2030 und liefert den Hintergrund, die Geschichte der Großmutter May. Der historische Hintergrund, China unter Mao in den 60er Jahren, bietet die Erklärung, warum die Wissenschaftlerin May damals mit einem Kollegen floh und in die USA emigrierte. Dadurch erhält nicht nur der Enkel Nick Antwort auf seine Fragen, sondern auch für den Leser werden alle Fäden zusammengeführt.
Khongs umfangreicher, sehr detailreich und teilweise etwas langatmig erzählter Gesellschaftsroman behandelt viele Themen, beschäftigt sich aber vor allem mit der Frage, wie wir zu denen werden, die wir sind. Da geht es um Rasse und gesellschaftliche Klasse, um Identität und Zugehörigkeit, vor allem aber auch um die Entscheidungen, die wir im Leben treffen. Inwieweit sind wir überhaupt in der Lage, über unser Leben zu bestimmen? Nicht nur Lebensumstände, sondern auch Genetik sind dabei wichtige Faktoren. Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Wissenschaftler in diesem Roman auch mit Genmanipulation beschäftigen, und diese in den Familiengeheimnissen eine Rolle spielt.
“Real Americans“ ist ein ungewöhnlicher, auf jeden Fall interessanter und lesenswerter Roman.

Veröffentlicht am 13.01.2026

Seinen eigenen Weg gehen

Trag das Feuer weiter
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Leila Slimanis neuer Roman “Trag das Feuer weiter“ ist der letzte Teil einer dreibändigen Familiensaga, die das Schicksal einer marokkanisch-französischen Familie erzählt. Die Großmutter Mathilde aus dem ...

Leila Slimanis neuer Roman “Trag das Feuer weiter“ ist der letzte Teil einer dreibändigen Familiensaga, die das Schicksal einer marokkanisch-französischen Familie erzählt. Die Großmutter Mathilde aus dem Elsass heiratet den Marokkaner Amine Belhaj. Aus dieser Verbindung stammen die Tochter Aicha und der Sohn Selim. Aicha heiratet Mehdi Daoud und hat mit ihm die Töchter Mia und Inès. Im Mittelpunkt dieses dritten Teils steht vor allem die Schriftstellerin Mia, die mehr als zwanzig Jahre in Paris lebt, bevor sie auf Anraten ihres Arztes nach Marokko zurückkehrt. Sie leidet als Folge von „brain fog“ unter einer Schreibblockade und soll durch das Eintauchen in ihre Vergangenheit ihre Erinnerungen zurückgewinnen. Mia lässt sich auf der Farm ihrer Großeltern nieder und erforscht ihre Geschichte.
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive auf verschiedenen Zeitebenen. Wir erfahren viele Dinge vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, dabei vor allem die gesellschaftliche und politische Situation Marokkos. Slimani zeigt, wie schwierig es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben, nirgendwo richtig dazuzugehören. Obwohl die Schwestern der dritten Generation nicht einmal flüssig arabisch sprechen, werden sie auch wegen ihres Äußeren im Ausland automatisch als Araber betrachtet. Unter den Marokkanern fallen sie auf, weil sie zur reichen, gebildeten Oberschicht gehören, Personal beschäftigen, vor allem aber, weil sie sich nicht an gesellschaftliche Konventionen halten. In Anlehnung an ihre eigene Geschichte zeigt Slimani, wie schwer es ist, jenseits gesellschaftlicher Erwartungen und Zwänge seinen eigenen Weg zu gehen. Welche Erinnerungen nehmen wir mit, wenn wir neue Wege gehen? Überzeugend behandelt sie Themen wie Freiheit, Identität, Migration und die Suche nach sich selbst. Ich fand vor allem beeindruckend, wie sie die Stärke der Frauen der Familie darstellt: Mathilde, Amines Schwester Selma, Aisha und Mia. Mir hat auch dieser Roman der Autorin wieder sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 11.12.2025

Das Vermächtnis von Marble Hall

Tod zur Teestunde
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Die Lektorin Susan Ryeland ist von der Insel Kreta zurückgekehrt und lebt wieder in London. Sie arbeitet für einen kleinen Verlag und soll den Roman “Pünds letzter Fall“ des jungen Autors Eliot Crace betreuen. ...

Die Lektorin Susan Ryeland ist von der Insel Kreta zurückgekehrt und lebt wieder in London. Sie arbeitet für einen kleinen Verlag und soll den Roman “Pünds letzter Fall“ des jungen Autors Eliot Crace betreuen. Die überaus erfolgreiche Serie von 9 Bänden des ermordeten Autors Alan Conway soll so ihren Abschluss finden. Eigentlich möchte Susan diesen Auftrag nicht übernehmen, denn mit dem unsympathischen Autor Conway musste sie vor Jahren zusammenarbeiten und geriet in große Gefahr. Wie sich bald herausstellt, ist Eliot der Enkel der vor Jahren verstorbenen sehr erfolgreichen Kinderbuchautorin Miriam Crace. Eliot verlegt die Handlung seines Krimis zwar nach Südfrankreich, aber es ist offenkundig, dass er die Geschichte seiner eigenen Familie erzählt. Er behauptet, dass seine Großmutter nicht eines natürlichen Todes starb, sondern vergiftet wurde. In seinem Roman wird er aufdecken, wer der Täter war. Bis es so weit ist, sorgt er für große Aufregung in der Familie Crace, wo fast jeder ein Motiv hatte und sich verdächtig verhielt. Die Überlebenden fürchten um ihren guten Ruf und wollen vor allem keine geschäftlichen Einbußen erleiden. Es geht um ein riesiges Vermögen, das vom ältesten Sohn der Toten verwaltet wird. Horowitz konstruiert einen Roman im Roman, indem die Mitglieder der Familie Crace unter anderen Namen auftauchen, aber durchaus zu identifizieren sind. Es handelt sich natürlich nicht um Fiktion und Wirklichkeit, denn die eine Geschichte ist so fiktiv wie die andere. Wie die beiden Handlungsstränge verwoben sind, ist große Kunst. Besonders raffiniert ist, dass Susan Ryeland zur Hauptverdächtigen wird, als der junge Eliot bei einem Unfall mit Fahrerflucht getötet wird. Alle Indizien belasten Susan, und sie befindet sich wieder in Lebensgefahr, so dass sie die Ermittler von ihrer Unschuld überzeugen und sehr schnell aufklären muss, wer dahintersteckt.
Der Roman ist trotz seiner Länge enorm spannend und sehr raffiniert konstruiert – mit einer Vielzahl von falschen Spuren, mit Wortspielen und Anagrammen und einer überzeugenden Charakterisierung der vielen Personen. Für den Leser ist die Orientierung nicht immer einfach, aber Kriminalromane von solcher Qualität liest man nicht jeden Tag.

Veröffentlicht am 20.11.2025

Neues aus dem Graphischen Viertel

Das Antiquariat am alten Friedhof
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Kai Meyers neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen - 1930 und 1945. In der Bücherstadt Leipzig gründen vier junge Leute 1930 den „Club Casaubon“. Felix, Vadim, Julius und Eddie stammten aus vermögenden ...

Kai Meyers neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen - 1930 und 1945. In der Bücherstadt Leipzig gründen vier junge Leute 1930 den „Club Casaubon“. Felix, Vadim, Julius und Eddie stammten aus vermögenden Familien und teilen die Leidenschaft für Bücher. Dann beginnen sie, wertvolle Bücher zu stehlen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf unterstützen sie Vadim, der mit seinem Antiquariat in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Eines Tages schließt sich Eddies Schwester Eva der Gruppe an. Felix verliebt sich in die attraktive junge Frau, doch er hat in Vadim einen Rivalen. Felix wandert in die USA aus. 1945 wird er von den Amerikanern beauftragt, bei der Katalogisierung von Millionen geraubter Bücher mitzuhelfen. Sein erster Einsatz ist auf Patmos, wo er die Vernichtung eines wertvollen Buchbestandes in einem Kloster verhindern soll. Sein nächster Auftrag führt ihn in das zerstörte Leipzig, wo er die Freunde von früher und Eva sucht, die angeblich tot ist. Hier ist das Leben gefährlich. Die Invasion der Russen droht, und gefährliche Spione und Gangster sind überall aktiv.
Die Geschichte hat umfangreiches Personal und viele Handlungselemente, deren Verknüpfung man aufmerksam verfolgen muss. Da ist die Liebesgeschichte zwischen Eva und Felix vor historischem Hintergrund, aber auch ein mysteriöses Manuskript und Okkultismus spielen eine Rolle. Felix gerät in gefährliche Situationen und versucht zu überleben. Er muss sich entscheiden, ob er nach Beendigung seiner Mission in Europa bleibt oder in die USA zurückkehrt.
Ich habe auch den neuen Roman des Autors trotz einiger Längen und einer ungeheuren Detailfülle gern gelesen, aber für mich ist es nicht das beste Buch aus der Serie um das Graphische Viertel. “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ hat mir von allen am besten gefallen.

Veröffentlicht am 15.11.2025

Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte

Lebensbande
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Im Mittelpunkt von Mechtild Borrmanns neuem Roman “Lebensbande“ stehen drei Frauen - Lene, Nora und Lotte - deren Leben über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren geschildert wird. Erzählt wird auf zwei ...

Im Mittelpunkt von Mechtild Borrmanns neuem Roman “Lebensbande“ stehen drei Frauen - Lene, Nora und Lotte - deren Leben über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren geschildert wird. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, den 30er Jahren bis nach Kriegsende und den 90er Jahren nach dem Mauerfall. Lene und Nora sind Kusinen, die sich erst spät kennenlernen, Nora trifft Lotte bei ihrer Arbeit als Krankenschwester und wird nach dem Krieg mit ihr für acht Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager eingesperrt. Es sind schwierige Zeiten mit schlimmen Ereignissen, die zu ertragen viel Mut und Kraft kostet. Lene hat einen kleinen behinderten Sohn, den man ihr wegnehmen will, weil er als Reichsausschusskind betrachtet wird. Die Freundinnen ahnen, was mit diesen Kindern in den speziellen Einrichtungen passiert, wo erstaunlich viele schon bald angeblich an Lungenentzündung sterben. Nora hilft Lene, den kleinen Leo zu retten und geht dabei ein hohes Risiko ein. Bei der Aktion gibt es einen Zwischenfall, der Noras Leben für immer prägen wird.
Lange rätselt der Leser, aus wessen Perspektive die zugleich berührende und bedrückende Geschichte erzählt wird. Eine der drei Frauen schreibt dann sozusagen als Vermächtnis auf, was damals wirklich geschehen ist und beantwortet damit offene Fragen. Mir hat Borrmanns neuer Roman wieder sehr gut gefallen, vor allem das Porträt der drei mutigen Frauen, die einander tatsächlich lebenslang verbunden bleiben und anderen helfen, selbst wenn ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht: „Es sind die Dinge, die man nicht getan hat, die einen ein Leben lang beschämen.“ (S. 158) Ein sehr lohnender Roman, den ich verschlungen habe.