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Veröffentlicht am 06.04.2022

Das Leben ist nicht simpel

Liebesheirat
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Joe Sangster und Yasmin Ghorami sind zwei junge Ärzte in London. Yasmins Eltern sind aus Kalkutta eingewandert und leben im Süden Londons. Joe entstammt der gut situierten Mittelschicht. Seine Mutter Harriet ...

Joe Sangster und Yasmin Ghorami sind zwei junge Ärzte in London. Yasmins Eltern sind aus Kalkutta eingewandert und leben im Süden Londons. Joe entstammt der gut situierten Mittelschicht. Seine Mutter Harriet genannt Harry ist eine bekannte Feministin und Aktivistin, die gern im Radio und im Fernsehen mit ihren Beiträgen provoziert. Joes Vater hat nie mit der Familie gelebt. Joe und Yasmin wollen in Kürze heiraten. Zu den Hochzeitsvorbereitungen gehört auch, dass sich die beiden Familien kennenlernen. Die beiden Mütter verstehen sich trotz aller Gegensätze überraschend gut. Trotzdem gehen die Auffassungen über die Gestaltung der Hochzeit sehr weit auseinander, und es gibt in beiden Familien viel Konfliktpotenzial. Lügen und Geheimnisse, die vor den eigenen Kindern bewahrt worden sind, kommen ans Licht, ungesunde Eltern-Kind-Beziehungen, die für psychische Störungen in der nächsten Generation sorgen. Ohne Bewältigung der Vergangenheit gibt es keine Zukunft - für Yasmin und Joe, Yasmins jüngeren Bruder Arif mit seiner Partnerin Lucy genauso wenig wie für die Generation der Eltern.
Die mit wechselnder Perspektive sehr einfühlsam erzählte Geschichte ist viel mehr als eine Liebesgeschichte mit ein paar Komplikationen. Der Roman behandelt eine Vielzahl von Themen: Familie, Immigration, kulturelle Identität, Rasse, Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse. Der Leser fragt sich lange Zeit, welche Verbindung im Roman die Liebesheirat des Titels ist – die Ehe der Ghoramis oder die geplante Eheschließung der jungen Ärzte. Alle Figuren des Romans durchlaufen einen Lernprozess, verändern sich und begreifen, dass sie offen und verständnisvoll miteinander umgehen müssen, nichts unter den Teppich kehren dürfen, damit ihr Leben funktioniert: „Das Leben ist nicht simpel.“ (S. 591) Das trifft es genau.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Leiche im Koffer

In einer stillen Bucht
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"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ...

"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ist. Auf einem Felsvorsprung wird eine Frauenleiche in einem Koffer gefunden. Die Frau wurde brutal erwürgt. Es stellt sich schnell heraus, dass es sich um Maria Grifo, die Leiterin des Konservatoriums von Neapel handelt. Mit ihrer kompromisslosen, resoluten Art hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hat sie Rivalen, die sie um ihre Stelle beneiden, oder hat sie nicht ausreichend talentierte Schüler durch ihr schonungsloses Urteil verprellt? Rizzi und Cirillo führen auch Vernehmungen in Neapel durch und müssen sich mit den Kollegen der Mordkommission arrangieren, die gewohnheitsmäßig auf die Inselpolizisten herabschauen. Es dauert eine ganze Weile, bis die Ermittlungen von Rizzi und Cirillo zum Erfolg führen – zu einer Auflösung, die der Leser nicht erraten kann.
Mir hat der ruhig erzählte Krimi mit seinen sorgfältig charakterisierten sympathischen Ermittlern gut gefallen, weil er ohne Gewaltorgien auskommt und stattdessen dem italienischen Ambiente, der Kombination von Landschaft und Klima, der Beschreibung von Speisen und Getränken und italienischer Lebensart breiten Raum gibt. Venturas Buch ist sicherlich auch eine empfehlenswerte Urlaubslektüre.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Was genau war der große Fehler?

Der große Fehler
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In Jonathan Lees Roman “Der große Fehler“ geht es um einen fast vergessenen großen Amerikaner. Andrew Haswell Green kam 1820 als 7. von 11 Kindern einer armen Farmerfamilie zur Welt. Am 13. November 1903 ...

In Jonathan Lees Roman “Der große Fehler“ geht es um einen fast vergessenen großen Amerikaner. Andrew Haswell Green kam 1820 als 7. von 11 Kindern einer armen Farmerfamilie zur Welt. Am 13. November 1903 wurde er vor seinem Haus in der Park Avenue von dem Farbigen Cornelius Williams erschossen. Lees Roman enthält zwei Erzählstränge. Einmal zeichnet er Greens Lebensweg, zum anderen die Ermittlungen von Inspector McClusky nach, der lange im Dunkeln tappt, obwohl es Zeugen der Tat gibt. Was war das Motiv für den Mord? Ein politisches oder privates oder ein bloßer Zufall aufgrund einer Verwechslung?
Lee erzählt sehr detailliert die Lebensgeschichte eines Mannes aus einfachen Verhältnissen, der mit 15 eine Lehre in einer Firma in New York beginnt, dort unter erbärmlichen Umständen in einem schrankartigen Verschlag mit Ratten und Wanzen lebt und für einen Hungerlohn arbeitet und schließlich mit Hilfe seines Freundes Samuel Tilden, einem Anwalt und späteren Präsidentschaftskandidaten, ebenfalls Anwalt wird. Green erreicht gegen erhebliche Widerstände den Zusammenschluss von fünf Bezirken zu Greater New York, erschafft den Central Park und andere Parks, gründet mehrere Museen und die erste öffentliche Bibliothek und ist am Bau mehrerer Brücken beteiligt. Der Leser erfährt auch einiges über sein Privatleben. In wenigen Schlüsselszenen wird seine nie ausgelebte Homosexualität angedeutet. Auch Samuel Tilden, die Liebe seines Lebens, musste seine sexuelle Orientierung verbergen. In der diskreten Darstellung dieses Aspekts ist der Autor der Zeit der Handlung verpflichtet.
Der gut recherchierte historische Roman mit Krimielementen liest sich nicht schlecht, erfordert aber Ausdauer und Geduld. Die Fragen des Lesers nach dem mysteriösen Fehler und der Bedeutung des Elefanten auf dem Cover werden beantwortet. Man lernt ein anderes als das übliche New York kennen. Mich hat die sorgfältige Charakterisierung des Protagonisten beeindruckt. Sein Ziel war es, den öffentlichen Raum zu verändern, auch ärmeren Mitbürgern den Zugang zu den Parks zu ermöglichen, Brücken und Verbindungen in jeder Bedeutung des Wortes zu schaffen. Er war kein Egomane wie so viele der Mächtigen unserer Zeit. Mir gefällt der Roman, die sprachliche Qualität der Übersetzung allerdings weniger. Dafür enthält der Text bedauerlicherweise zu viele Fehler aller Art und absolut unübliche Formulierungen.

Veröffentlicht am 19.03.2022

Mysterium Familie

Eine perfekte Familie
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Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen ...

Im Mittelpunkt von Moriartys neuem Roman steht die Familie Delaney. Stan und Joy haben sich mehr als 50 Jahre zuvor beim Tennis kennengelernt und spielen noch immer Doppel zusammen. Auch ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder Amy, Logan, Troy und Brooke waren begabte Tennisspieler, denen allerdings die ganz große Karriere versagt blieb. Die Eltern betrieben jahrzehntelang eine Tennisschule, die sie kürzlich verkauft haben, um den Ruhestand zu genießen. Die Ehe der Delaneys gilt als glücklich. Doch dann verschwindet Joy am Valentinstag 2020 plötzlich spurlos. Nach einigen Tagen erstatten zwei der Kinder Vermisstenanzeige, und die Polizei ermittelt. Es gibt ein mysteriöses Ereignis im Jahr vor Joys Verschwinden. Eines Tages bittet eine blutende junge Frau namens Savannah an ihrer Tür um Hilfe. Sie erzählt eine Geschichte von einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit ihrem Freund. Joy hilft ihr und lässt sie bei sich wohnen. Stan und die Kinder sehen das Auftauchen der Fremden kritisch. Sie trauen ihr nicht, und schon bald stoßen sie auf eine ganze Reihe von Lügen. Hat sie etwas mit Joys Verschwinden zu tun? Auch Savannah ist nicht auffindbar.
Auf zwei Zeitebenen mit ausführlichen Rückblenden in die Vergangenheit entwickelt die Autorin eine komplexe Familiengeschichte mit Krimielementen, wo letztlich vieles nicht so ist, wie es scheint. Es melden sich immer mehr Unbeteiligte aus dem Umfeld der Familie, die etwas Verdächtiges beobachtet oder gehört haben. Die Polizei folgt falschen Fährten, aber die Indizien, dass Stan etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, verdichten sich immer mehr. Da gibt es Verrat, Täuschung und viele unterdrückte, nie ausgesprochene Gefühle von Kränkung, Enttäuschung und Verbitterung bis hin zu Hass. Bei den Delaneys musste sich immer alles dem Tennissport unterordnen – persönliche Vorlieben ebenso wie die gesamte Lebensplanung. Die größten Opfer hat dabei Joy gebracht. Was macht das Modell „Familie“ mit dem Verhältnis der Ehepartner zu einander, der Eltern zu den Kindern und der Geschwister untereinander? Gibt es am Ende weder eine glückliche Ehe noch eine perfekte Familie?
Ich habe den umfangreichen Roman gern gelesen, obwohl ich finde, dass die Spannung zum Ende hin etwas abfällt und die Auflösung nicht gerade sensationell ist und ein wenig konstruiert wirkt.

Veröffentlicht am 16.03.2022

Exponiert im Netz

Die Kinder sind Könige
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In Delphine de Vigans neuem Roman “Die Kinder sind Könige“ sind die Kinder nicht wirklich Könige. Im Mittelpunkt steht Mélanie mit ihrer Familie. Melanie hat schon als junges Mädchen für Big Brother geschwärmt ...

In Delphine de Vigans neuem Roman “Die Kinder sind Könige“ sind die Kinder nicht wirklich Könige. Im Mittelpunkt steht Mélanie mit ihrer Familie. Melanie hat schon als junges Mädchen für Big Brother geschwärmt und sich als junge Frau vergeblich als Kandidatin für eine Reality Show beworben. Sie will beachtet und geliebt werden. Als sie nach ihrer Heirat mit Bruno Diore die Kinder Sam und zwei Jahre später Kim bekommt, fühlt sie sich unausgefüllt und will ihrem Leben Sinn geben, indem sie zunächst auf Facebook Fotos postet, später mit anderen Müttern im Netz in Kontakt tritt und schließlich den Channel Happy Récré gründet. Sie postet Videos ihrer Kinder beim Unboxing, beim Auspacken von Geschenkpaketen von Firmen, mit denen sie Werbeverträge abgeschlossen hat, von Einkaufsorgien und immer neuen Challenges und Spielen. Zunächst sind es wenige Videos pro Woche, später wird täglich mehr oder weniger den ganzen Tag gefilmt und gepostet. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kinder 8 und 6 Jahre alt. 500 Millionen Anfragen und 5 Millionen Follower sorgen für ein beträchtliches Einkommen der Familie, so dass Ehemann Bruno seinen Beruf aufgibt und seine Frau bei diesem immer professioneller betriebenen Geschäft unterstützt.
Eines Tages verschwindet Kimmy spurlos beim Versteckspiel vor dem Haus. Die Polizei geht von einer Entführung aus, mit der Lösegeld erpresst werden soll. Hier kommt Ermittlerin Clara ins Spiel, die Vernehmungen protokolliert und die Akte erstellt. Sechs Tage lang bringen die Ermittlungen kein nennenswertes Ergebnis. Inzwischen ist jedoch deutlich, dass Mélanie nicht nur Bewunderer hat und viele ihre gnadenlose Ausbeutung der eigenen Kinder scharf kritisieren. Für Mélanie sind alle Vorwürfe Lügen. Angeblich sind ihre Kinder glücklich und haben Spaß an der Sache. Sie ignoriert Kimmys zunehmend ablehnende Haltung und tut sie als Laune ab. Es ist Mélanie, die nach ständiger Aufmerksamkeit giert, ihre Follower mit „meine Lieben“ anspricht und die ihre Kinder zwingt, auswendig gelernte Sätze zu sprechen und vor laufender Kamera Junkfood zu essen. Sie begreift nicht, dass sie Familienleben lediglich inszeniert, dass es keinerlei Privatsphäre mehr gibt und sie Sam und Kim ihrer Kindheit beraubt, indem sie sie tagesfüllend für verschiedene Foren arbeiten lässt.
In einem Schlussteil, der 12 Jahre später im Jahr 2031 spielt, sieht der Leser, was aus der Familie geworden ist, vor allem, mit welchen Spätfolgen der jahrelangen Ausbeutung ihre inzwischen erwachsenen Kinder zu kämpfen haben. Melanie ist beratungsresistent und nicht einsichtsfähig.
Delphine de Vigan hat einen spannenden, gut lesbaren Roman zum Thema Exposition von Kindern im Netz geschrieben und dabei auch die juristische Seite nicht vernachlässigt: das Recht am eigenen Bild und auf Löschung digitaler Spuren, gesetzliche Vorschriften zu Kinderarbeit, steuerliche Gesichtspunkte. Sie lenkt dabei die Aufmerksamkeit der Leser auf ein sehr wichtiges aktuelles Thema und wird dadurch hoffentlich viele zum Umdenken bewegen. Ich kenne fast alle ihre Bücher und bin auch dieses Mal wieder begeistert.