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Veröffentlicht am 09.07.2021

Schuld und Sühne

Von hier bis zum Anfang
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Im beschaulichen Ort Cape Haven in Kalifornien haben sich Tragödien abgespielt, die auch 30 Jahre später nicht vergessen sind, und es ist nicht zu Ende. Im Mittelpunkt des Romans stehen die 13jährige Duchess, ...

Im beschaulichen Ort Cape Haven in Kalifornien haben sich Tragödien abgespielt, die auch 30 Jahre später nicht vergessen sind, und es ist nicht zu Ende. Im Mittelpunkt des Romans stehen die 13jährige Duchess, die sich selbst Outlaw Duchess Day Radley nennt, und Walker, der Chef der 2-Personen-Polizei-Station, der von allen Walk genannt wird. Der Ort ist in Aufregung, weil Vincent King, der als 15jähriger zu 15 Jahren Gefängnis wegen des Mordes an Sissy Radley, Schwester der von allen begehrten Star Radley und dann noch einmal zu 15 Jahren verurteilt wurde, weil er einen Mithäftling in Notwehr getötet hatte. Walker hatte die Tote damals gefunden und mit seiner Aussage entscheidend zur Verurteilung seines besten Freundes beigetragen. Er wurde seitdem zum Beschützer von Duchess und ihrem 6jährigen Bruder Robin. Duchess hat schon früh Verantwortung für den geliebten kleinen Bruder übernommen, weil ihre labile Mutter die Kinder weitgehend sich selbst überließ. Es gibt noch weitere Mitspieler in diesem Drama wie den Metzger Milton, den Immobilienhai Richie Darke und die Anwältin Martha, die Walk sein Leben lang geliebt hat. Dann geschieht ein weiterer Mord, und sofort wird Vincent King als einziger Verdächtiger wieder verhaftet. Walk setzt alles daran, die Unschuld seines Freundes zu beweisen und die Todesstrafe zu verhindern.
Chris Whitakers spannende Geschichte ist eine Mischung aus literarischem Thriller und Coming-Of-Age Roman. Die Charaktere, vor allem die ungewöhnlich frühreife Duchess und der schwer an Parkinson erkrankte Walk überzeugen genauso wie die poetischen Beschreibungen von Landschaften in Kalifornien und Montana. Die komplizierte Geschichte von erlittenem Leid, von Schuld und Sühne und zerstörten Lebensentwürfen ist ungewöhnlich berührend. Alles fügt sich am Ende zusammen, aber die Auflösung errät man nicht. Ein wirklich außergewöhnlicher Roman.

Veröffentlicht am 08.07.2021

Vater-Sohn-Konflikt vor chinesischem Hintergrund

Im Reich der Schuhe
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Der 26jährige Bostoner Jude Alex Cohen hält sich seit einem Jahr in Foshan in Südchina auf, wo sein Vater Fedor eine Schuhfabrik betreibt. Alex soll in die Geschäfte eingeführt werden, und sein Vater macht ...

Der 26jährige Bostoner Jude Alex Cohen hält sich seit einem Jahr in Foshan in Südchina auf, wo sein Vater Fedor eine Schuhfabrik betreibt. Alex soll in die Geschäfte eingeführt werden, und sein Vater macht ihn auf dem Papier zu seinem Partner. Tatsächlich gibt er nichts von seiner Macht ab und bleibt so dominant und egozentrisch wie eh und je. Alex verliebt sich in die 10 Jahre ältere chinesische Arbeiterin Ivy, eine Menschen- und Arbeitsrechtsaktivistin, die 25 Jahre zuvor die Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens miterlebt hat. Bei der blutigen Niederschlagung dieser Proteste kam ihre ältere Schwester ums Leben. Durch Ivy erhält Alex Einblick in die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter, die extrem wenig verdienen. Sie arbeiten unter enormen Druck, und den Aufsehern ist jeder noch so lächerliche Grund wie ein Toilettengang mehr als erlaubt oder das Summen einer Melodie recht, ihren mickrigen Lohn noch weiter zu kürzen. Fedor Cohen weiß das alles, aber er sieht keinerlei Veranlassung westliche Wertvorstellungen auf chinesische Verhältnisse zu übertragen. Im Gegenteil. Ihm geht es lediglich darum, mit geringem finanziellem Aufwand den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Dennoch geht es mit der Firma bergab, denn sein Kunde nimmt immer weniger Ware ab, und er verliert einen Teil seines Gewinns ohnehin durch Schmiergeldzahlungen an den mächtigen Bürgermeister des Ortes.
Es ist spannend zu lesen, wie sich unter diesen Bedingungen der Vater-Sohn-Konflikt entwickelt, in dem Alex, der Veränderungen durchsetzen will und kreative Ideen für hochwertigere Schuhe hat, zunächst chancenlos ist. Ivy ist Teil einer fortschrittlich gesinnten Gruppe, und irgendwann muss Alex Position beziehen. Wird er sich aus dem Klammergriff seines Vaters befreien können? Alex und Ivy sind sehr sympathische Charaktere, während der geldgierige Fedor teilweise fast zur Karikatur gerät.
Ich habe den Roman, in dem der Autor eigene Erfahrungen authentisch verarbeitet, gern gelesen und empfehle ihn weiter.

Veröffentlicht am 07.07.2021

Von der Unmöglichkeit, ein Zuhause zu finden

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
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In C Pam Zhangs Debütroman “Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ geht es um eine Familie mit chinesischen Wurzeln. Zu Beginn des Romans stirbt der Vater, und die Waisen Lucy und Sam fliehen aus der durch ...

In C Pam Zhangs Debütroman “Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ geht es um eine Familie mit chinesischen Wurzeln. Zu Beginn des Romans stirbt der Vater, und die Waisen Lucy und Sam fliehen aus der durch ein Unwetter zerstörten Bergarbeitersiedlung. Seine Leiche transportieren sie in einer Truhe auf dem Rücken eines gestohlenen Pferdes. Die Handlung spielt Mitte des 19. Jahrhunderts in Kalifornien zur Zeit des Goldrauschs bzw. kurz danach. Der Vater wollte als Goldsucher sein Glück machen und arbeitet dann doch nur für einen kärglichen Lohn im Kohlebergbau. Das Gold, das er später mit seiner Tochter Lucy in einem ausgetrockneten See findet, wird ihm wieder genommen. Was sie alle nicht wussten: Als Einwanderer haben sie nicht das Recht, Land zu besitzen, einen Claim zu erwerben. So erzählt der Roman nicht nur vom Kampf ums Überleben unter gefährlichen Bedingungen, sondern auch von Ausgrenzung und Einsamkeit und dem allgegenwärtigen Rassismus der europäisch-stämmigen Einwohner. Sie begreifen, dass dieses Land nie ihr Land sein wird. Das Versprechen von Freiheit und Reichtum wird sich für sie nicht erfüllen.
Die Autorin berichtet in vier Abschnitten mit unterschiedlicher zeitlicher Zuordnung aus dem Leben der Familie, wie sich die Eltern kennenlernten und von traurigen und schrecklichen Erlebnissen, die Sam vom Vater erfährt, Lucy dagegen erst nach seinem Tod, als er in einer Nacht mit der Stimme des Windes zu ihr spricht und sie die furchtbaren Dinge verdrängt, weil sie sie nicht wissen will – genauso wenig wie die Umstände des Verschwindens der Mutter.
C Pam Zhang zerstört die Mythen, die sich um die Besiedlung des Westens ranken und macht Schluss mit der Glorifizierung der Abenteurer, die daran beteiligt waren. Sie nennt die Dinge beim Namen: die Vertreibung und Vernichtung der indigenen Völker, die Ausrottung der Bisons und Tiger, die skrupellose Zerstörung der Natur, als durch Sprengungen mit Dynamit wunderschöne Hügel zu Staub zerfielen. Zu den Vorzügen dieses erstaunlichen Romans gehört auch die hervorragende Qualität der Sprache. Mal staunt der Leser über die Poesie der Beschreibungen, dann schockiert die Autorin mit einer brutalen, drastischen Sprache. Mir gefällt auch die Themenvielfalt dieses Debüts. In dieser Coming-Of-Age-Geschichte geht es um Rassismus, Gender, Familienbindungen und die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, in einem fremden Land ein wirkliches Zuhause zu finden. Ein sehr empfehlenswertes Buch. Obama hat Recht.

Veröffentlicht am 26.06.2021

Rätselhafte alte und neue Fälle

Ein Bild der Niedertracht
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Vor der Küste Schottlands findet ein Fischer eine männliche Leiche in seinem Netz. Es stellt sich heraus, dass es sich um James Auld handelt, den Bruder des zehn Jahre zuvor verschwundenen schottischen ...

Vor der Küste Schottlands findet ein Fischer eine männliche Leiche in seinem Netz. Es stellt sich heraus, dass es sich um James Auld handelt, den Bruder des zehn Jahre zuvor verschwundenen schottischen Politikers Iain Auld. James galt damals als Hauptverdächtiger und verließ seine Heimat. Er war mehrere Jahre bei der Fremdenlegion und ließ sich danach in Paris nieder, wo er in einem Jazzquintett musizierte. DCI Karen Pirie, Spezialistin für alte ungelöste Fälle, hat in regelmäßigen Abständen die Akte wieder geöffnet, ohne zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Durch das Auffinden des toten Bruders wird der alte Fall wieder aktuell. Etwa zur gleichen Zeit entdeckt eine Frau bei der Haushaltsauflösung ihrer toten Schwester in einer Garage ein Skelett in einem Wohnmobil. Auch in diesem Fall beginnt Pirie mit den Ermittlungen. Unterstützt von ihrem Team geht sie jedem Hinweis nach. Lange kommt sie nicht voran. Dann sieht sie Verbindungen zur Kunstwelt. Aus einer staatlichen Sammlung wurden wertwolle Gemälde gestohlen und durch Fälschungen ersetzt, und bei einem Brand in einer Galerie wurden Bilder des vor Jahren angeblich verstorbenen Künstlers David Greig zerstört, die die erhaltenen noch wertvoller machten. Am Ende geht es um Kunstraub, Fälschung, Mord, Identitätstausch bzw. Identitätsdiebstahl. Karen Pirie klärt beide Fälle auf, aber bis dahin ist es ein weiter Weg, der dem Leser Durchhaltevermögen abverlangt, denn das Erzähltempo spiegelt die Akribie der Ermittlerin und sorgt für einige Längen. Der Roman ist nicht schlecht, aber nach meinem Empfinden nicht das beste Buch der schottischen Autorin.

Veröffentlicht am 13.06.2021

Hier hat fast jeder ein Geheimnis

Der Donnerstagsmordclub (Die Mordclub-Serie 1)
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In Richard Osmans Debütroman geht es um die Bewohner der Seniorenresidenz Coopers Chase auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters in der Grafschaft Kent. Hier genießen die finanziell gut gestellten Senioren ...

In Richard Osmans Debütroman geht es um die Bewohner der Seniorenresidenz Coopers Chase auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters in der Grafschaft Kent. Hier genießen die finanziell gut gestellten Senioren ihren Lebensabend bei zahlreichen interessanten Aktivitäten. Unter anderem treffen sich die vier Mitglieder des Donnertagsmordclubs jede Woche im Puzzlezimmer, um anhand von alten Akten ungelöste Fälle zu bearbeiten. Die Akten hatte die ehemalige Polizistin Penny Gray kopiert, die inzwischen im Wachkoma liegt. Ihren Platz nimmt die ehemalige Krankenschwester Joyce ein. Außerdem gehören Ibrahim Arif, der Psychiater, Ron Ritchie, der Gewerkschafter und Elizabeth, ehemals beim Geheimdienst, gut vernetzt mit den alten Kontakten, die ihr auch jetzt noch gern einen Gefallen tun. Dann kommen die Dinge ins Rollen, weil Investoren mit zweifelhaften Partnern die Anlage erweitern und dabei den alten Friedhof beseitigen wollen. Es gibt direkt vor der Tür den ersten Toten, dann einen weiteren. Im Wettstreit mit der Polizei - DCI Chris Hudson und PC Donna de Freitas, der Elizabeth durch ihre Verbindungen zur Teilnahme an den Ermittlungen verhilft - untersuchen die vier Senioren die Mordfälle und sind dabei öfter der Polizei einen Schritt voraus. Da ist es sehr hilfreich, dass auch die Polizisten die Vorteile einer Zusammenarbeit sehen und man Informationen miteinander teilt. Die Geschichte wird zunehmend verwickelter, weil hier fast jeder ein Geheimnis hat, sogar in der Vergangenheit Verbrechen begangen hat, und die zum Teil Jahrzehnte zurückliegenden Taten jetzt ans Licht kommen, jedoch in vollem Umfang nur für den Leser. Wenn der Zweck die Mittel heiligte, wenn es ein „guter“ Mord an einem Verbrecher war, bleibt die Tat ungesühnt.
Der Roman liest sich sehr gut. Das liegt an der humorvollen Darstellung und an der hervorragenden Charakterzeichnung. Mir gefällt vor allem auch, dass der Autor ohne blutrünstige Beschreibungen auskommt und die Geschichte dennoch interessant und hinreichend spannend ist. Eine klare Empfehlung dafür.