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Veröffentlicht am 22.06.2025

Es gibt doch eine Zukunft

Strandgut
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Earlon “Bucky“ Bronco ist in den 70ern und lebt in Chicago. Er hat seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Maybell fast ein Jahr zuvor seinen Lebenswillen verloren und wartet nur noch auf den Tod, ...

Earlon “Bucky“ Bronco ist in den 70ern und lebt in Chicago. Er hat seit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Maybell fast ein Jahr zuvor seinen Lebenswillen verloren und wartet nur noch auf den Tod, zumal er ständig unter sehr starken Schmerzen leidet. Er nimmt Schmerzmittel und ist inzwischen abhängig von Opioiden, die nur vorübergehend Erleichterung verschaffen. Für eine Operation hat er kein Geld. Sei ganzes Leben hat er in prekären Verhältnissen mit einer Vielzahl von unterbezahlten Jobs verbracht, ein typischer Underdog ohne Chancen. Eines Tages erhält er eine Einladung zu einem Festival in Scarborough in Yorkshire. Als sehr junger Mann hatte er Erfolg mit wenigen Soultiteln, die in seiner Heimat längst in Vergessenheit geraten sind. Er nimmt die Einladung an, weil er noch nie gereist ist und das Meer in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hat. Leider vergisst er seine Opioide im Flugzeug, was ihm einen sehr unangenehmen kalten Entzug beschert. In England betreut ihn Dinah, eine sympathische Frau in den 50ern, die seine Musik kennt und liebt. Auch sie ist nicht glücklich in ihrem Leben als Supermarktangestellte mit einem Alkoholiker als Mann, der immer wieder durch Diebstähle auffällt, und einem drogenabhängigen Sohn, der keine Anstalten macht, am realen Leben teilzunehmen. Bucky und Dinah kommen ins Gespräch und erleben, dass man nicht aufgeben darf, dass menschliche Kontakte und Hilfe dem Leben eine neue Richtung geben können. Auch für Bucky hat die Zukunft Potenzial, enthält wieder Möglichkeiten. Mit Dinahs Hilfe kann er Zweifel, Ängste, Einsamkeit, schmerzlichen Verlust und körperlichen Niedergang hinter sich lassen.
Der Autor erzählt die Geschichte sehr empathisch in einer poetischen Sprache und beschreibt die Schönheit der Landschaft und des Meeres sehr überzeugend. Mir hat nach “Offene See“ und “Der perfekte Kreis“ auch Myers neuer Roman wieder gut gefallen.

Veröffentlicht am 29.05.2025

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Sputnik
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Mit “Sputnik“ legt Christian Berkel seinen dritten Roman vor. Wie zuvor “Der Apfelbaum“ und “Ada“ ist auch der neue Roman autofiktional, d.h. dem Leser muss bewusst sein, dass es sich trotz allem um Fiktion ...

Mit “Sputnik“ legt Christian Berkel seinen dritten Roman vor. Wie zuvor “Der Apfelbaum“ und “Ada“ ist auch der neue Roman autofiktional, d.h. dem Leser muss bewusst sein, dass es sich trotz allem um Fiktion handelt, dass sich die Dinge in der Realität nicht 1:1 so abgespielt haben. Das fängt schon damit an, dass der Autor keine Schwester namens Ada hat. Die Geschichte beginnt vor seiner Geburt im Mutterleib und endet, als Berkel etwa 21 Jahre alt ist. Ein Ich-Erzähler namens Sputnik übernimmt Berkels Rolle als Erzähler. Berkel wurde 1957 kurz nach dem Start des ersten Satelliten in der Erdumlaufbahn geboren, von daher der Name Sputnik. Wir lesen, wie schwierig das Verhältnis zu seinen Eltern war, die beide schwer traumatisiert den zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Die aus einer jüdischen Familie stammende Mutter Sala war zeitweise im Lager Gurs in den Pyrenäen eingesperrt, der Vater Otto verbrachte Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Wir lesen über Sputniks Schulzeit in Berlin, danach über die Jahre in Frankreich, bevor er auf der Suche nach einem Engagement an einem Theater nach Deutschland zurückkehrt, nachdem seine Bewerbungen in Frankreich, zum Beispiel an der Comédie Francaise, trotz seiner hervorragenden Französischkenntnisse erfolglos waren. In Deutschland wurde er dann von einer Reihe von Theatern in verschiedenen Städten engagiert. Schon früh interessiert er sich für Kunst und Literatur und entscheidet sich bereits als sehr junger Mann für den Beruf des Schauspielers. Er hat enge französische Freunde, und lernt immer wieder Mädchen kennen, zu denen er sich hingezogen fühlt. Einige dieser Beziehungen werden ausführlicher beschrieben. Interessant sind auch die Ausführungen über den Schauspielunterricht und die Beschreibung von Theaterproben. So erleben wir das Theater als eigene, ganz besondere Welt.
Berkels neuer Roman über seine Kindheit und Jugend liest sich nicht schlecht, ist aber insgesamt etwas handlungsarm mit einigen Längen. Für mich ist immer noch „Der Apfelbaum“ sein bestes Buch.

Veröffentlicht am 29.05.2025

Die Welt muss neu geschaffen werden

Eine Welt nur für uns
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Claire Deyas Roman “Eine Welt nur für uns“ spielt im April 1945 in Hyères an der Côte d´Azur, kurz vor Deutschlands Kapitulation. Der Süden ist bereits wieder befreit. Vincent, ein französischer Arzt ist ...

Claire Deyas Roman “Eine Welt nur für uns“ spielt im April 1945 in Hyères an der Côte d´Azur, kurz vor Deutschlands Kapitulation. Der Süden ist bereits wieder befreit. Vincent, ein französischer Arzt ist aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen und schließt sich unter falschem Namen einem Minensuchtrupp an, zu dem auch eine Gruppe von deutschen Kriegsgefangenen gehört. Vincent hofft, auf diese Weise Informationen zum Schicksal von Ariane, der Liebe seines Lebens zu gewinnen. In einem Schloss, wo die Kommandozentrale der Deutschen residierte, wurde sie zuletzt gesehen. Seit etwa zwei Jahren ist sie spurlos verschwunden. Der Leser verfolgt Vincents Recherchen sowie die gefährliche Tätigkeit der Minenräumer, die 13 Millionen Minen, die Hinterlassenschaft der Deutschen und der Alliierten unter Einsatz ihres Lebens beseitigen müssen, damit eine Rückkehr zur Normalität überhaupt erst möglich ist. Es geht auch um Saskia, die einzige Überlebende einer jüdischen Familie, die feststellen muss, dass fremde Leute im Haus ihrer Familie leben. Auf französischer Seite gab es Kollaborateure und Denunzianten, die Häuser und Besitz ihrer Landsleute an sich gebracht haben. Da die Briefe der Denunzianten im Schloss noch existieren, findet auch Saskia heraus, wer ihre Familie auf dem Gewissen hat.
Der Roman macht deutlich, wie schwer nach so viel Tod und Zerstörung die Annäherung der ehemaligen Feinde ist, wieviel Hass und Misstrauen überwunden werden muss, ehe eine Versöhnung möglich ist. Die Welt muss neu geschaffen werden, nachdem alles zu Bruch gegangen ist. Darauf weist ja auch der französischen Titel “Un monde à refaire“ hin. Diejenigen, die alles verloren haben, die wirklich gekämpft haben, finden sich schwer damit ab, dass Kriegsgewinnler und Denunzianten im Namen der nationalen Wiederversöhnung ungeschoren davonkommen.
Deyas Roman hat mir sehr gut gefallen, weil sie das, was damals geschehen ist, anhand einiger beispielhafter Schicksale sehr gut nachvollziehbar macht. Eine klare Empfehlung.

Veröffentlicht am 16.05.2025

Von der Schwierigkeit, perfekt zu sein

Teddy
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Theodora “Teddy“ Huntley Carlyle stammt aus einer reichen und einflussreichen texanischen Familie. Ihr Onkel Hal rechnet sich sogar Chancen auf die nächste Präsidentschaft aus. Deshalb muss nach außen ...

Theodora “Teddy“ Huntley Carlyle stammt aus einer reichen und einflussreichen texanischen Familie. Ihr Onkel Hal rechnet sich sogar Chancen auf die nächste Präsidentschaft aus. Deshalb muss nach außen alles perfekt sein. Da passt es nicht ins Bild, dass Teddy mit knapp 35 noch unverheiratet ist und ihr Leben in jeder Hinsicht nicht in den Griff bekommt. Dann lernt sie David Shepard kennen, der wenig später einen Job in der amerikanischen Botschaft in Rom antreten wird. Sie heiraten, und Teddy freut sich auf den Neuanfang. Sie will die perfekte Diplomatengattin sein. Dazu gehört ein glamouröses Äußeres und perfektes Benehmen in der Öffentlichkeit. Anfangs bezaubert sie alle mit ihrer Schönheit und hat Spaß an ihrem kleinen Job in der Botschaft. Jedoch wird im Prolog schon deutlich, dass es nicht funktioniert hat. Bei einer Party nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft trinkt sie zu viel, und ein Fotograf schießt ein kompromittierendes Foto, dessen Veröffentlichung sie mit allen Mitteln verhindern will. Sie hat nicht nur bei einem anderen Empfang den Russen Jewgeni Larin wiedergetroffen, mit dem sie sich in Texas für eine Nacht eingelassen hat und den sie inzwischen für einen Spion hält - sie wird jetzt auch zum Opfer einer Erpressung, die ihr kurzes glanzvolles Leben wieder zerstören kann. Es gibt in diesem Zusammenhang einen blutigen Vorfall bei der letzten Party, und das Sicherheitspersonal der Botschaft befragt sie. Ihr detaillierter Bericht ist die Geschichte ihres Lebens bis zur Gegenwart. Inzwischen weiß Teddy, dass ihr Mann seine eigenen Geheimnisse hat und sie ihn nie wirklich kannte.
Die entscheidenden Ereignisse passieren im Sommer 1969. Es ist eine noch stark männerdominierte Epoche. Ihr Ehemann gibt ihr Taschengeld und kritisiert ihre Verschwendungssucht, obwohl das Geld von ihrer Familie kommt. Er schreibt ihr vor, was sie zu tun und zu lassen hat. Teddy glaubt, dass sie sich mit ihrer teuren Garderobe, dem Schmuck, den zahllosen Kosmetikartikeln und dem Sortiment an Pillen zu der Frau machen kann, die sie sein will. Sie hofft, in ihrem neuen Leben die perfekte Fassade aufbauen zu können. Um jeden Preis will sie verhindern, dass irgendjemand die Wahrheit über ihr zügelloses Leben in der Vergangenheit erfährt, vor allem über ihren gefährlichen Kontakt zu dem Russen. Teddy ist kein unsympathischer Charakter, legt aber viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten und lässt zu lang andere über sich bestimmen. Der Roman ist nicht frei von Längen. Die Tatsache, dass sie von Anfang in Vorausdeutungen äußert, dass sie es nicht schaffen wird, dass sie alles ruiniert hat, nimmt dem Roman noch zusätzlich die Spannung. Sprachlich ist das Buch gelungen, auf jeden Fall ein interessantes Porträt einer anderen Zeit und einer ungewöhnlichen Frau.

Veröffentlicht am 15.05.2025

Der erste Fall für Tara Kronberg

Signalrot
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Kriminalhauptkommissarin Tara Kronberg hat sich eine zweijährige Auszeit gegönnt, um private Schicksalsschläge zu verarbeiten. Jetzt wird sie dringend gebeten, die Sondereinheit Signalrot mit ihrer Expertise ...

Kriminalhauptkommissarin Tara Kronberg hat sich eine zweijährige Auszeit gegönnt, um private Schicksalsschläge zu verarbeiten. Jetzt wird sie dringend gebeten, die Sondereinheit Signalrot mit ihrer Expertise zu unterstützen, denn ein unbekannter Serientäter lässt Frauen für sich tanzen und verstümmelt und tötet sie dann. Die Polizei muss ihn dringend fassen, bevor es noch weitere Opfer des grausamen Sadisten gibt. Kriminaloberkommissar Gabriel Schneider soll Tara in dem neu gebildeten Dezernat 47 unterstützen. Tara Kronberg hat noch nie unter so schlechten Bedingungen gearbeitet. Ihr Büro ist eine hässliche dunkle Kammer, und anfangs verfügt sie nicht einmal über einen Computer. Immer wieder wird ihr der Zugang zu wichtigen Unterlagen verwehrt, und Informationen zum neuesten Entwicklungsstand der Ermittlungen des LKA unter dem unsympathischen Kollegen Brenner werden ihr vorenthalten. Es gibt weitere Leichen und vermisste Frauen, denen ein furchtbares Ende droht. Die Zeit drängt.
Wir begleiten Tara bei ihrer Arbeit, wo sie Spuren nachgeht, die das LKA übersehen hat. Anfangs ignoriert Brenner ihre Hinweise. Als man schon sicher ist, den Täter gefasst zu haben, präsentiert Tara ein Phantombild von einem völlig anderen Verdächtigen. Tara sucht am Ende allein den Ort auf, wo sie den Täter vermutet und bringt sich in Lebensgefahr. Zum Glück trifft der Kollege Gabriel schnelle Entscheidungen, um sie zu retten.
Besonders zum Ende hin gibt es mehrere Handlungsumschwünge. Die Vielzahl von Personen und ihre Beziehungen untereinander haben mich teilweise verwirrt. Dennoch ist es eine meist spannende Geschichte mit den sympathischen Hauptfiguren Tara und Gabriel. Der Thriller liest sich gut. Jedoch hat mir die teilweise exzessive Grausamkeit in der Darstellung weniger gefallen. Da darf man als Leser nicht zart besaitet sein.