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Veröffentlicht am 04.03.2025

Seltsame Frauenmorde

Die Brandung – Leichenfischer
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In Karen Kliewes Ostsee-Krimi “Die Brandung – Leichenfischer“ wird im deutsch-dänischen Grenzgebiet eine Frauenleiche gefunden, kurze Zeit später eine zweite. Beide Frauen wurden nach einem uralten Wikinger-Ritual ...

In Karen Kliewes Ostsee-Krimi “Die Brandung – Leichenfischer“ wird im deutsch-dänischen Grenzgebiet eine Frauenleiche gefunden, kurze Zeit später eine zweite. Beide Frauen wurden nach einem uralten Wikinger-Ritual mit nachgemachten Grabbeigaben bestattet. Die Gräber liegen in öffentlich zugänglichem Gebiet. Dennoch gibt es keine Zeugen für die aufwändigen Grabungsarbeiten. Die deutschen und dänischen Ermittler arbeiten zusammen, finden aber lange keine brauchbare Spur. Es gibt im Laufe der Geschichte verschiedene Verdächtige, aber es handelt sich immer wieder um falsche Fährten. Die Ermittler stehen auch deshalb stark unter Druck, weil weitere junge Frauen vermisst werden und nicht klar ist, ob sie irgendwo gefangen gehalten und dann ebenfalls ermordet werden. Ein weiteres ausgehobenes Grab hat man immerhin schon gefunden.
Die Geschichte wird mit ständig wechselnden Perspektiven an verschiedenen Orten erzählt, wobei der Leser auch wegen der kaum überschaubaren Personenvielfalt etwas den Überblick verliert. Am besten gefällt mir dabei die Figur der dänischen Archäologin Fria Svensson, die zeitweise mit dem deutschen Kommissar Ohlsen Ohlsen zusammenarbeitet. Erst eine Zeugenaussage von einem Schrottsammler, der ein Auto im Wald fotografiert hat und das von einer Kriminalpsychologin erstellte Täterprofil bringt die Ermittlungen schließlich voran. Besonders spannend fand ich diesen Krimi nicht. Die Geschichte ist etwas wirr und wirkt sehr konstruiert und realitätsfern. Warum ist der Täter/ die Täterin solche Risiken eingegangen? Besonders überzeugend wirkt auch sein/ ihr Motiv nicht.
Mich hat der Ostsee-Krimi, in dem die Ostsee weiter keine Rolle spielt, enttäuscht, und ich sehe keine Veranlassung, weitere Titel dieser Reihe zu lesen.

Veröffentlicht am 02.03.2025

Wie sieht es hinter der Fassade aus?

Ein ungezähmtes Tier
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In Dickers Roman “Ein ungezähmtes Tier“ stehen zwei Ehepaare im Mittelpunkt. Das sehr reiche, glamouröse Paar Sophie und Arpad Braun hat zwei Kinder und bewohnt ein luxuriöses Anwesen in der Nähe des Genfer ...

In Dickers Roman “Ein ungezähmtes Tier“ stehen zwei Ehepaare im Mittelpunkt. Das sehr reiche, glamouröse Paar Sophie und Arpad Braun hat zwei Kinder und bewohnt ein luxuriöses Anwesen in der Nähe des Genfer Sees, umgeben von Wald. Nicht weit von ihnen entfernt lebt der Polizist Greg Liégean mit seiner Frau Karine und den beiden Kindern in wesentlich bescheideneren Verhältnissen. Arpad und Greg kennen sich vom örtlichen Fußballclub, bei dem sie ehrenamtlich bei Veranstaltungen mitwirken. Greg ist so fasziniert von Sophie, dass er zum Stalker geworden ist und durch sein Fernglas und später mit Hilfe einer heimlich installierten Überwachungskamera intimste Momente beobachtet. Beide Paare kommen bei der Feier von Sophies 40. Geburtstag zusammen. Danach sind die beiden Frauen befreundet. Gleichzeitig bereiten in einem zweiten Handlungsstrang zwei zunächst unbekannte Einbrecher einen Einbruch in einen Genfer Juwelierladen vor, der knapp zwei Wochen nach Sophies Geburtstag stattfinden soll. Greg ist mit seiner Truppe maßgeblich daran beteiligt, den Überfall möglichst zu verhindern und die Täter auf frischer Tat zu ertappen.
Die Geschichte wird mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit erzählt, wodurch erst allmählich die Verstrickung der Protagonisten in das aktuelle Geschehen aufgeklärt wird. Die Uhr läuft, und die Spannung steigt bis zum großen Finale. Gleichzeitig wird deutlich, dass alle zentralen Charaktere etwas zu verbergen haben: Arpad eine dubiose Vergangenheit mit Kontakten zum gesuchten Mehrfachtäter Philippe Carral, Sophie ihre lange Bekanntschaft mit diesem Mann, der bis jetzt unbescholtene Polizist Greg sein Fehlverhalten im privaten und dienstlichen Bereich, und Karine erhält lange um jeden Preis die Fassade einer guten Ehe und glücklichen Familie aufrecht.
“Ein ungezähmtes Tier“ hat Züge eines Psychothrillers und liest sich ungeheuer spannend. Mir hat auch der neue Roman des Schweizer Autors sehr gut gefallen, und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 02.03.2025

Für immer ein Dibbuk im Getriebe

Die Fletchers von Long Island
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In ihrem Roman “Die Fletchers von Long Island“ geht es um die sehr reiche jüdische Familie Fletcher auf Long Island. In den 40er Jahren hat es Zelig Fletcher mit knapper Not aus Polen auf ein Schiff und ...

In ihrem Roman “Die Fletchers von Long Island“ geht es um die sehr reiche jüdische Familie Fletcher auf Long Island. In den 40er Jahren hat es Zelig Fletcher mit knapper Not aus Polen auf ein Schiff und in die USA geschafft. Dort hat er eine Polyesterfabrik aufgebaut, die ihn reich gemacht hat und inzwischen von seinem Sohn Carl geleitet wird. Carl war verheiratet, hatte zwei Kinder – Nathan und Bernard genannt „Beamer“ – als er 1980 vor seinem Haus entführt wird. Gegen eine Lösegeldzahlung von 250.000 Dollar wird er fünf Tage später frei gelassen. Zwei der Entführer werden aufgrund von markierten Scheinen gefasst, aber den Drahtzieher findet man genauso wenig wie den Löwenanteil der gezahlten Summe.
Die Autorin beschreibt mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, wie es für die Familie weitergeht. Carl wird nie wieder derselbe sein, und auch seine Frau Ruth und seine Kinder sind für immer traumatisiert. Bei einem solchen Trauma gib es kein Danach. Ruth verbringt den Rest ihres Lebens Leben damit, ihren Mann zu beschützen. Keines der drei Kinder – die Tochter Jenny wurde erst drei Monate nach der Entführung geboren – bekommt sein Leben in den Griff. Nathan ist ein erfolgloser Anwalt mit einer Angststörung, Beamer schreibt Drehbücher, die kein Produzent haben will und in denen es immer um Entführungen geht und bezahlt Sex-Arbeiterinnen und eine Domina, um sich erniedrigen und schmerzhaft bestrafen zu lassen, und Jenny hat viele Jahre lang keine Freunde oder auch nur nennenswerte soziale Kontakte. Sie engagiert sich schließlich bei einer Gewerkschaft, weil sie sich für den Reichtum der Familie schämt und schuldig fühlt und verschenkt ihr Geld. Sympathisch ist keiner von ihnen. So schrecklich das ist, was ihnen widerfuhr, fällt dem Leser Empathie nicht leicht.
Die Autorin zeigt, wie schwer es vor allem für die drei Kinder ist, Ziele für sich zu finden und ein erfolgreiches Leben zu führen. Bei dem vorhandenen Reichtum ist es ja auch zunächst nicht notwendig, sich irgendwelche Gedanken über die Zukunft zu machen. Außerdem gibt es in der Geschichte eine Fülle von Details zum jüdischen Leben, zu religiösen Praktiken und zu allen Arten von jüdischen Sitten und Gebräuchen. Taffy Brodesser-Akner ist ein interessanter Roman gelungen, stilistisch brillant, an dem mich lediglich die epische Breite stört.

Veröffentlicht am 15.02.2025

Vom Leben nach der Apokalypse

Der letzte Mord am Ende der Welt
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Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi ...

Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi genannte KI hat sie unter Kontrolle, kennt ihre Gedanken und beantwortet ihre Fragen. Jeden Abend um 20.45 fallen sie in einen Tiefschlaf. Am nächsten Morgen wachen sie ohne jede Erinnerung an die Nacht auf und wundern sich über ihre vielen Verletzungen aller Art. Sie sterben spätestens mit 60 Jahren. Außerdem gibt es auf der Insel drei Wissenschaftler, deren Lebensdauer nicht festgelegt ist. Niema, mit 173 Jahren die älteste von den dreien, hat eine Barriere erfunden, die das Dorf vor dem die Insel umgebenden giftigen Nebel schützt, der die gesamte übrige Menschheit 90 Jahre zuvor ausgelöscht hatte – kurz bevor eine Lösung zur Beendigung des Klimawandels zur Verfügung stand. Dann wird Niema eines Morgens ermordet aufgefunden. Wenn ihr Tod nicht innerhalb von 107 Stunden aufgeklärt wird und ihre Forschungsergebnisse der Dorfgemeinschaft rechtzeitig zugänglich gemacht werden, sterben auch noch die letzten Menschen. Als Ermittlerinnen treten die rebellische Emory und ihre Tochter Clara auf. Emory hat immer schon unerwünschte Fragen gestellt und die Regeln der Ältesten gebrochen. Ihr muss es gelingen, den Fall zu lösen und die Menschen zu retten.
Der dystopische Roman enthält viele Elemente, die typisch für Science-Fiction-Romane sind, und spricht wichtige Themen an: Was bedeutet menschliche Existenz, und welchen Wert hat das Leben? Obwohl mir Geschichten mit derartig unrealistischen Elementen sonst eigentlich nicht gefallen, habe ich Turtons neues Buch gern gelesen und war sehr gespannt auf die Aufklärung des Kriminalfalls, um die es ja auch geht. Ungewöhnlich ist nicht nur der dystopische Charakter der Geschichte, sondern auch die KI Abi als Ich-Erzählerin, die vielleicht der Grund ist, dass die Charakterisierung der Figuren weniger gelungen ist. Obwohl insgesamt etwas breit in der Darstellung und nicht frei von Längen ist der Roman durchaus empfehlenswert – wie schon “Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“.

Veröffentlicht am 12.02.2025

Toxische Beziehungen

Die blaue Stunde
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In der Ausstellung von Skulpturen der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman entdeckt ein Besucher einen menschlichen Knochen. James Becker, der Kurator der Stiftung, der Chapman ihre Kunst vermacht hat, ...

In der Ausstellung von Skulpturen der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman entdeckt ein Besucher einen menschlichen Knochen. James Becker, der Kurator der Stiftung, der Chapman ihre Kunst vermacht hat, wird von seinem Chef Sebastian Lennox auf die einsame schottische Eris Island geschickt, wo Grace Haswell, die Freundin der Verstorbenen lebt. Vanessa hat ihr zwar keine Kunstwerke vermacht, aber das Haus und die Insel, die wegen der Gezeiten zwölf Stunden pro Tag vom Festland aus nicht erreichbar ist. Der Kurator soll nicht nur Details über den gefundenen Knochen in Erfahrung bringen, sondern auch klären, ob Grace Kunstwerke und Papiere zurückhält, die der Fairburn-Stiftung zustehen. Es gibt mehrere Begegnungen zwischen den beiden, und im Lauf der Geschichte kommen viele Details ans Licht, die zeigen, wie kompliziert die Beziehungen zwischen allen Beteiligten sind. Vanessa hatte eine schwierige Ehe mit ihrem vor zwanzig Jahren spurlos verschwundenen Ehemann Julian, einem notorischen Schürzenjäger. Sie selbst hatte eine Affaire mit Douglas Lennox, dem damaligen Chef der Stiftung, weshalb seine Witwe Emmeline die Künstlerin gehasst hat, genauso wie sie James hasst, der mit Helen, der Ex-Verlobten ihres Sohnes Sebastian verheiratet ist. James, Sebastian und Helen sind noch immer befreundet, aber manchmal gestaltet sich ihr Umgang miteinander schwierig. Auch Vanessa und Grace hatten eine komplizierte Beziehung. Vanessa hat Grace oft vor den Kopf gestoßen. Sie wollte sie nicht ständig in ihrer Nähe haben, obwohl es dann Grace war, die Vanessa in der Endphase ihrer Krankheit gepflegt hat.
Im Laufe der Geschichte werde viele Geheimnisse aufgedeckt, und es gibt immer wieder überraschende Wendungen. Da ist nichts, wie es scheint. Allerdings besticht der Roman eher durch atmosphärische Schilderungen der einzigartigen Landschaft, der Gezeiten und des faszinierenden Lichts als durch vordergründige Spannung. Ich empfehle “Die blaue Stunde“ auch deshalb, weil ein in der Welt der Kunst spielender Thriller eher ungewöhnlich ist.