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Veröffentlicht am 14.01.2025

Eine Kleinstadt in schwierigen Zeiten

Ginsterburg
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In seinem neuen Roman “Ginsterburg“ beschreibt Arno Frank, wie es den Bewohnern der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg irgendwo in der Mitte Deutschlands in den Jahren 1935 – 1940 – 1945 erging. Die Bewohner ...

In seinem neuen Roman “Ginsterburg“ beschreibt Arno Frank, wie es den Bewohnern der fiktiven Kleinstadt Ginsterburg irgendwo in der Mitte Deutschlands in den Jahren 1935 – 1940 – 1945 erging. Die Bewohner sind zum Teil begeisterte Anhänger des Nationalsozialismus, zum Teil Gegner oder in der Mehrzahl Mitläufer, die sich möglichst unauffällig verhalten, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Da ist die verwitwete Merle, die ihren Sohn Lothar allein aufzieht und nicht begeistert ist, als er der Hitlerjugend beitritt, weil er unbedingt Flieger werden will. Sie ist Buchhändlerin und muss mit ansehen, wie das Angebot an Büchern schrumpft und linientreu wird. Der Blumenhändler Otto Gürckel steigt in der Partei zum Kreisleiter auf und macht guten Umsatz genauso wie Clemens Jungheinrich, der Besitzer der Papierfabrik. Eine wichtige Rolle spielt auch Eugen von Wieland, der Feuilletonist der Lokalzeitung, mit seiner Frau Ursel und seiner Tochter Gesine. Daneben gibt es noch zahlreiche andere, in deren Leben der Leser Einblick bekommt.
Der umfangreiche Roman zeichnet den Kriegsverlauf nach. Sah es zuerst noch aus, als sei der Endsieg garantiert, wendet sich das Blatt, und die Niederlage wird bald unvermeidbar. Im Zuge dieser Entwicklung rückt die Bedrohung auch Ginsterburg immer näher, wird zu umfangreicher Zerstörung und zahlreichen Todesopfern führen. Wie überstehen Freundschaft, Liebe und familiäre Beziehungen diese Zeiten? Wieviel Loyalität kann es noch geben, wenn jeder um das physische und gesellschaftliche Überleben kämpft?
Mir hat der Roman mit Einschränkungen gefallen. Wegen der Personenvielfalt und der unendlich vielen Episoden, aber auch durch die Einschübe rund um den Absturz des englischen Bomberpiloten Alfie wird der Roman ziemlich unübersichtlich und liest sich alles andere als mühelos. Da braucht man Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen.

Veröffentlicht am 29.12.2024

Familienbeziehungen können sehr kompliziert sein

Allein gegen die Lüge
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Alex Finlays Roman beginnt mit einem Knalleffekt. Die Familie des Studenten Matt Pine kommt bei einem Kurztrip nach Mexiko ums Leben: seine Eltern Evan und Olivia und die beiden jüngeren Geschwister Maggie ...

Alex Finlays Roman beginnt mit einem Knalleffekt. Die Familie des Studenten Matt Pine kommt bei einem Kurztrip nach Mexiko ums Leben: seine Eltern Evan und Olivia und die beiden jüngeren Geschwister Maggie und Tommy. Das ist schon die zweite Katastrophe, die seine Familie trifft. Sieben Jahre zuvor wurde sein älterer Bruder Danny wegen Mordes an seiner Freundin verhaftet und verurteilt, obwohl er die Tat wohl nicht begangen hat. Polizisten setzten ihm so zu, dass er gestand. Vor allem seit der Produktion einer Netflix-Serie, die Dannys Unschuld beweisen sollte, war die Familie in der Kleinstadt Adair in Nebraska nicht mehr wohl gelitten und zog nach Chicago um. Dannys Vater hat nie aufgehört, für seinen Sohn zu kämpfen. Auch auf der plötzlichen Reise nach Mexiko geht er neuen Hinweisen nach. Die FBI-Agentin Sarah Keller traut der örtlichen Polizei nicht, die von einer defekten Gasleitung im Feriendomizil ausgeht und die Akte sofort schließt. Diese Erklärung passt nicht zu den vielen Ungereimtheiten rund um die Auffindung der Leichen. Auch Matt fliegt nach Mexiko, um die Rückführung der Toten zu veranlassen, vor allem aber auch, um Hinweisen nachzugehen und bringt sich dadurch in Lebensgefahr. Seltsam ist dabei, dass die örtlichen Behörden nicht kooperieren und ihm und dem FBI immer wieder Hindernisse in den Weg legen.
In der wendungsreichen Geschichte gibt es wechselnde Perspektiven und zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit, als die junge schwangere Charlotte Rose nach einer Party ums Leben kam. Der Leser verfolgt, welche Belastungen familiäre Beziehungen aushalten müssen, welche Rolle Liebe, Loyalität und Lügen dabei spielen. Matt Pine will am Ende nur noch eins: ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben und seine tiefsitzenden Ängste die Wahrheit ans Licht bringen. Dem Autor ist ein sehr spannender, lesenswerter Thriller gelungen, den ich nur empfehlen kann.

Veröffentlicht am 29.12.2024

Manche Dinge sind wichtiger als Geld

To Die For
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In Lisa Grays “To Die For“ geht es um das Milieu der Immobilienmakler in Los Angeles. Am Malibu Beach Drive soll eine prächtige neue Immobilie für 50 Millionen Dollar verkauft werden. Andi Hart und ihre ...

In Lisa Grays “To Die For“ geht es um das Milieu der Immobilienmakler in Los Angeles. Am Malibu Beach Drive soll eine prächtige neue Immobilie für 50 Millionen Dollar verkauft werden. Andi Hart und ihre Kollegen werden informiert und von ihrem Chef beauftragt, einen Käufer für die Immobilie zu finden. Wer dies schafft, bekommt eine Million Dollar Provision. Durch diesen Auftrag werden die fünf Kollegen der Agentur zu Rivalen, von denen einige schließlich vor nichts mehr zurückschrecken, denn jeder von ihnen benötigt das Geld dringend aus unterschiedlichen Gründen. Sie können einander nicht mehr vertrauen. Am Tag der Offenen Tür haben Branchenkenner und Kaufinteressenten Zugang zum Haus. Ausgerechnet an diesem Tag wird eine männliche Leiche im Pool gefunden. Wir erfahren lange nicht, um wen es sich handelt und wie und warum er umgebracht wurde.
Die spannende Geschichte wird auf wechselnden Zeitebenen aus den fünf unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Dabei wird die Vorgeschichte und die aktuelle Situation der Makler aufgedeckt. Es gibt zahlreiche unerwartete Handlungsumschwünge, und die Auflösung ist nicht zu erraten. Am Schluss ist alles aufgeklärt, und das „Mordhaus“ steht erneut zum Verkauf.
Mich hat der Thriller gefesselt. Ich habe ihn gern und schnell gelesen und empfehle ihn weiter.

Veröffentlicht am 26.12.2024

Wenn der Berg sich zu Wort meldet

Kohle, Stahl und Mord: Das 13. Opfer
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In Conraths neuestem Roman werden in einem Stollen der Zeche Ludwig in Essen nach Erdbewegungen die Knochen von zwölf Bergleuten gefunden, die 34 Jahre zuvor bei einer Explosion ums Leben gekommen waren ...

In Conraths neuestem Roman werden in einem Stollen der Zeche Ludwig in Essen nach Erdbewegungen die Knochen von zwölf Bergleuten gefunden, die 34 Jahre zuvor bei einer Explosion ums Leben gekommen waren und nie gefunden worden sind. Die große Überraschung bei dem Fund ist, dass es ein 13. Opfer gibt – mit einem Kopfschuss. Der Bergmann Werner Flemming, der damals das Unglück überlebte, findet den Schädel und ist retraumatisiert. Kommissarin Elin Akay übernimmt den Fall mit ihrem Kollegen Holger und arbeitet mit ihrer Freundin Jana Fäller, einer forensischen Psychiaterin zusammen. Auch Janas Vater war Bergmann, ist aber inzwischen verstorben. Die Ermittlungen gestalten sich langwierig und schwierig, zumal Oberstaatsanwalt Küppersbusch die Polizisten aus zunächst unerfindlichen Gründen immer wieder ausbremst. Das Opfer wird schon bald identifiziert – Rudolf Mergent, ein gefährlicher Mann, der zahlreiche Kumpel um ihre Ersparnisse betrogen hat. Die Zeugen erinnern sich nach der langen Zeit nicht oder wollen nicht aussagen. Immer wieder gibt es neue Verdächtige, die ein Motiv gehabt haben könnten, sei es Geld oder Liebe.
Mir hat die spannende, wendungsreiche Geschichte sehr gut gefallen. Die Auflösung konnte ich nicht erraten. Neben der gut konstruierten Krimihandlung beeindruckt mich die hervorragende Charakterzeichnung und die gute sprachliche Qualität des Romans, aber auch die kenntnisreiche, gut recherchierte Darstellung des Bergbaus mit seinen immer drohenden Gefahren und den mystischen Elementen der Arbeit unter Tage. Ich habe einiges gelernt, was ich nicht wusste, obwohl ich mein ganzes Leben lang in der Region gelebt habe. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 23.11.2024

Ein Roadtrip mit Selbstfindung

Das perfekte Grau
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In Salih Jamals Roman “Das perfekte Grau“ nehmen vier sehr unterschiedliche Personen einen schlechtbezahlten Job in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee an: die etwas ältere, aber sehr attraktive ...

In Salih Jamals Roman “Das perfekte Grau“ nehmen vier sehr unterschiedliche Personen einen schlechtbezahlten Job in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee an: die etwas ältere, aber sehr attraktive Engländerin Mimi, die junge Novelle mit ihren vielen Tätowierungen, die immer wieder zu viel trinkt, der Afrikaner Rofu, dem man ein Ohr abgeschnitten hat und der Erzähler (D)Ante, ein Dieb. Alle sind in ihrem Leben aus unterschiedlichen Gründen gescheitert, alle sind auf der Flucht - auf der Suche nach einer neuen Heimat und nach einer Lebensperspektive. Irgendwann verlassen sie das Hotel und machen sich mit einem gestohlenen Boot auf den Weg, danach nehmen sie auch den Zug oder laufen tagelang zu Fuß. Später ist ihr Ziel Salzburg und dann Altötting, der Heimatort von Novelle. Im Laufe der Reise öffnen sie sich gegenüber den anderen und erzählen einander ihre Geschichte. Vor allem Novelle, Rofu und Mimi sind traumatisiert von ihrer Vergangenheit, aber auch während der Reise passieren noch schlimme Dinge. Allmählich entwickeln sich in der Gruppe Freundschaft und Nähe. Sie vertrauen einander und übernehmen Verantwortung für die anderen. Sie erkennen sich selbst, verstehen vor allem, dass man nicht ewig vor den Dämonen in seinem Inneren auf der Flucht sein darf und sehen neue Perspektiven für ihr Leben.
Der Autor behandelt in seinem Roman eine Reihe von Themen, zum Beispiel Missbrauch und Gewalt in Beziehungen, das Schicksal der Flüchtlinge, Homophobie und vor allem die Bedeutung von Empathie in unserem Leben. Wir dürfen nicht egoistisch nur um uns selbst kreisen, sondern müssen Verantwortung übernehmen, uns fürsorglich um andere kümmern. („Mitgefühl wurde zu Fürsorge und Toleranz zu Selbstlosigkeit.“ S. 184). Es geht in diesem Buch jedoch nicht nur um ernste Themen. Auch für Humor und Sprachwitz ist Platz, zum Beispiel in Rofus sprachlichen Missverständnissen, die auf mangelnder Beherrschung der deutschen Sprache beruhen. Gut haben mir auch die vielen tiefsinnigen Gedanken und Lebensweisheiten gefallen. Ein ungewöhnlicher, nicht immer leicht zu lesender, aber dennoch empfehlenswerter Roman.