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Veröffentlicht am 15.02.2025

Vom Leben nach der Apokalypse

Der letzte Mord am Ende der Welt
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Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi ...

Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi genannte KI hat sie unter Kontrolle, kennt ihre Gedanken und beantwortet ihre Fragen. Jeden Abend um 20.45 fallen sie in einen Tiefschlaf. Am nächsten Morgen wachen sie ohne jede Erinnerung an die Nacht auf und wundern sich über ihre vielen Verletzungen aller Art. Sie sterben spätestens mit 60 Jahren. Außerdem gibt es auf der Insel drei Wissenschaftler, deren Lebensdauer nicht festgelegt ist. Niema, mit 173 Jahren die älteste von den dreien, hat eine Barriere erfunden, die das Dorf vor dem die Insel umgebenden giftigen Nebel schützt, der die gesamte übrige Menschheit 90 Jahre zuvor ausgelöscht hatte – kurz bevor eine Lösung zur Beendigung des Klimawandels zur Verfügung stand. Dann wird Niema eines Morgens ermordet aufgefunden. Wenn ihr Tod nicht innerhalb von 107 Stunden aufgeklärt wird und ihre Forschungsergebnisse der Dorfgemeinschaft rechtzeitig zugänglich gemacht werden, sterben auch noch die letzten Menschen. Als Ermittlerinnen treten die rebellische Emory und ihre Tochter Clara auf. Emory hat immer schon unerwünschte Fragen gestellt und die Regeln der Ältesten gebrochen. Ihr muss es gelingen, den Fall zu lösen und die Menschen zu retten.
Der dystopische Roman enthält viele Elemente, die typisch für Science-Fiction-Romane sind, und spricht wichtige Themen an: Was bedeutet menschliche Existenz, und welchen Wert hat das Leben? Obwohl mir Geschichten mit derartig unrealistischen Elementen sonst eigentlich nicht gefallen, habe ich Turtons neues Buch gern gelesen und war sehr gespannt auf die Aufklärung des Kriminalfalls, um die es ja auch geht. Ungewöhnlich ist nicht nur der dystopische Charakter der Geschichte, sondern auch die KI Abi als Ich-Erzählerin, die vielleicht der Grund ist, dass die Charakterisierung der Figuren weniger gelungen ist. Obwohl insgesamt etwas breit in der Darstellung und nicht frei von Längen ist der Roman durchaus empfehlenswert – wie schon “Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“.

Veröffentlicht am 12.02.2025

Toxische Beziehungen

Die blaue Stunde
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In der Ausstellung von Skulpturen der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman entdeckt ein Besucher einen menschlichen Knochen. James Becker, der Kurator der Stiftung, der Chapman ihre Kunst vermacht hat, ...

In der Ausstellung von Skulpturen der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman entdeckt ein Besucher einen menschlichen Knochen. James Becker, der Kurator der Stiftung, der Chapman ihre Kunst vermacht hat, wird von seinem Chef Sebastian Lennox auf die einsame schottische Eris Island geschickt, wo Grace Haswell, die Freundin der Verstorbenen lebt. Vanessa hat ihr zwar keine Kunstwerke vermacht, aber das Haus und die Insel, die wegen der Gezeiten zwölf Stunden pro Tag vom Festland aus nicht erreichbar ist. Der Kurator soll nicht nur Details über den gefundenen Knochen in Erfahrung bringen, sondern auch klären, ob Grace Kunstwerke und Papiere zurückhält, die der Fairburn-Stiftung zustehen. Es gibt mehrere Begegnungen zwischen den beiden, und im Lauf der Geschichte kommen viele Details ans Licht, die zeigen, wie kompliziert die Beziehungen zwischen allen Beteiligten sind. Vanessa hatte eine schwierige Ehe mit ihrem vor zwanzig Jahren spurlos verschwundenen Ehemann Julian, einem notorischen Schürzenjäger. Sie selbst hatte eine Affaire mit Douglas Lennox, dem damaligen Chef der Stiftung, weshalb seine Witwe Emmeline die Künstlerin gehasst hat, genauso wie sie James hasst, der mit Helen, der Ex-Verlobten ihres Sohnes Sebastian verheiratet ist. James, Sebastian und Helen sind noch immer befreundet, aber manchmal gestaltet sich ihr Umgang miteinander schwierig. Auch Vanessa und Grace hatten eine komplizierte Beziehung. Vanessa hat Grace oft vor den Kopf gestoßen. Sie wollte sie nicht ständig in ihrer Nähe haben, obwohl es dann Grace war, die Vanessa in der Endphase ihrer Krankheit gepflegt hat.
Im Laufe der Geschichte werde viele Geheimnisse aufgedeckt, und es gibt immer wieder überraschende Wendungen. Da ist nichts, wie es scheint. Allerdings besticht der Roman eher durch atmosphärische Schilderungen der einzigartigen Landschaft, der Gezeiten und des faszinierenden Lichts als durch vordergründige Spannung. Ich empfehle “Die blaue Stunde“ auch deshalb, weil ein in der Welt der Kunst spielender Thriller eher ungewöhnlich ist.

Veröffentlicht am 09.02.2025

Harte Zeiten für Frauen

Coast Road
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Alan Murrins Debütroman spielt in der Kleinstadt Ardglas im County Donegal an der irischen Küste. Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von wenigen Monaten von Oktober 1994 - März 1995. Es waren ...

Alan Murrins Debütroman spielt in der Kleinstadt Ardglas im County Donegal an der irischen Küste. Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von wenigen Monaten von Oktober 1994 - März 1995. Es waren die letzten Monate vor dem Scheidungsreferendum, das es endlich ermöglichte, unglückliche Ehen zu beenden. Genau darum geht es vor allem in diesem Roman. Colette Crowley, eine Dichterin, kehrt in die Stadt zurück und wird nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sie hatte wenige Monate zuvor ihren Mann und ihre Kinder verlassen und war zu ihrem Liebhaber nach Dublin gezogen. Sie mietet das heruntergekommene, leerstehende Cottage des Ehepaars Mullen. Colettes Mann verwehrt ihr den Kontakt zu Carl, ihrem jüngsten Sohn. Sie bittet Izzy Keaveney, ihr zu einem geheimen Treffen mit Carl zu verhelfen. Doch die Sache kommt heraus, und die Schwierigkeiten werden für beide Frauen noch größer. Auch Izzy ist seit zwanzig Jahren unglücklich in ihrer Ehe. Es wird nur noch entweder gestritten oder geschwiegen. Ihrem Mann geht es einzig und allein um sein Ansehen in der Öffentlichkeit und seine politische Karriere. Die dritte unglückliche Ehefrau ist Dolores Mullen, deren Mann als notorischer Schürzenjäger bekannt ist. Murrin zeigt, wie verletzlich Frauen in dieser Gemeinschaft sind, wo jeder jeden kennt und viel getratscht wird. So reicht es, dass der örtliche Fleischer betrunken vor Colettes Cottage gesehen wird, um ihren Ruf vollends zu ruinieren. Ähnliches passiert Izzy Keaveney, weil sie mit dem Pfarrer befreundet ist. Die Männer haben das Sagen, und die Frauen erleben nicht nur Einschränkungen aller Art, sondern auch Geringschätzung und viel häusliche Gewalt.
Erstaunlicherweise ist es ein Mann, der den Blick auf Frauenleben im Irland der 90er Jahre richtet. Mir hat Murrins Debütroman gut gefallen – mit der Einschränkung, dass die sprachliche Qualität durch ein gründliches Lektorat noch verbessert werden sollte.

Veröffentlicht am 09.02.2025

Liebeserklärung an die Elbe

Flusslinien
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In Katharina Hagenas neuem Roman “Flusslinien“ geht es um drei Personen, die in Hamburg leben. Da ist einmal die 102jährige Margrit, die noch lange als Stimmbildnerin aktiv war und erst seit gut einem ...

In Katharina Hagenas neuem Roman “Flusslinien“ geht es um drei Personen, die in Hamburg leben. Da ist einmal die 102jährige Margrit, die noch lange als Stimmbildnerin aktiv war und erst seit gut einem Jahrzehnt in einer Seniorenresidenz lebt. Sie hat viel Kontakt mit ihrer geliebten 18jährigen Enkelin Luzie. Luzie hat sich kurz vor dem Abitur von der Schule abgemeldet, lebt heimlich im Haus der DLRG am Elbeufer und will als Tätowiererin ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie tätowiert sich selbst, ihre Großmutter und andere Interessenten. Luzie hatte ein traumatisches Erlebnis bei einem Auslandsjahr in Australien, wo ihr Vater mit seiner neuen Partnerin und zwei kleinen Kindern lebt und kämpft trotz einer Therapie noch immer mit den Folgen. Dann ist da noch der Mittzwanziger Arthur. Er sucht mit einer Sonde die Elbufer ab, erfindet Sprachen für Fantasyfilme, ist im Naturschutz aktiv und war früher ein begabter Taucher. Jetzt fährt er die Bewohner der Residenz zu ihren Terminen und hat ein besonders freundschaftliches Verhältnis zu Margrit. Auch er kämpft mit einem Trauma, über das er bisher mit niemand gesprochen hat. Ihre Freundschaft ermöglicht es Margrit, Luzie und Arthur sich zu öffnen und - im Fall der jungen Leute - einen neuen Anfang zu wagen. Magrit weiß, dass ihr nur noch wenig Zeit bleibt und genießt diese Phase ihres Lebens sehr bewusst. Sie erinnert sich an den Krieg, ihren Liebhaber Cornelius, vor allem aber an ihre Mutter Johanne und deren große Liebe Else Hoffa, die den Römischen Garten angelegt hat, zu dem sie sich täglich von Arthur fahren lässt. Es geht in diesem Buch um viele Themen: Liebe und Freundschaft, Vertrauen und Verrat und den Umgang mit Erinnerungen und Schuldgefühlen. Man muss sich an alles erinnern, bevor man vergessen kann. Auch wenn Erlebtes noch so schlimm war, darf man sich nicht zum Opfer machen lassen, sondern muss stark sein, damit nicht der Täter gewinnt. Auch Flora und Fauna der Elblandschaft spielen eine große Rolle. Wir lesen vom Verschwinden des Schierlings-Wasserfenchels und der Beerdigung eines Maulwurfs und das alles in einer wunderschönen, teilweise sehr poetischen Sprache.
“Flusslinien“ hat mir sehr gut gefallen, und ich empfehle es ohne Einschränkung weiter.

Veröffentlicht am 08.02.2025

Im Inneren und außen eine stille Einöde

Dancing Queen
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Die Mittdreißigerin Paulina kommt erheblich verletzt in ihrem völlig zerstörten Auto wieder zu sich, neben sich ein unbekanntes, etwa 15jähriges Mädchen. Sie ist zunächst völlig orientierungslos und kann ...

Die Mittdreißigerin Paulina kommt erheblich verletzt in ihrem völlig zerstörten Auto wieder zu sich, neben sich ein unbekanntes, etwa 15jähriges Mädchen. Sie ist zunächst völlig orientierungslos und kann sich an nichts erinnern. Dann lesen wir Episoden aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Da gibt es den Ex-Freund Felipe, der nie an einer festen Bindung interessiert war, den Mischlingshund Gallardo, den Felipe ihr überlassen hat und ihre Arbeitskollegin Maite, die so etwas wie eine Freundin für sie ist. Auch Maite hat die Liebe ihres Lebens noch nicht gefunden und ist ständig auf der Suche nach einem geeigneten Kandidaten. Eines Tages fahren die beiden Frauen aufs Land, um Maites alten Vater zu besuchen. Bei der Gelegenheit lernen sie bei ihrer Geburtstagsfeier die 15jährige Lara kennen, die Paulina bittet, sie mit nach Buenos Aires zu nehmen. Auf der Rückfahrt passiert der Unfall, mit dem der Roman beginnt.
Das Buch bietet keine zusammenhängend erzählte Geschichte, sondern lediglich zahlreiche Fragmente mit Zeitsprüngen, die dem Leser die Orientierung nicht leichtmachen. Paulina ist eine Frau, die den Bezug zur realen Welt weitgehend verloren hat. In Gesprächen gibt sie wenig von sich preis, beantwortet auch einfache Fragen häufig mit „weder noch“ und ist einsam und traurig. Am Ende könnte die Begegnung mit der jungen Lara einen Neuanfang bedeuten, denn Paulina nimmt an sich das Helfersyndrom wahr und will sich um das Mädchen kümmern.
Mir hat der kurze Roman nach einer gewissen Eingewöhnungszeit auch sprachlich gefallen, und ich habe mich gern auf dieses Experiment eingelassen.