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Veröffentlicht am 07.02.2020

Auftakt mit Potenzial für mehr

Die Verlobten des Winters
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Gott war wütend und hat die Welt durch einen Riss zerstört. Entstanden sind 21 Archen, die durch das All treiben und von ganz besonderen Familien und ihren Geistern bewohnt werden.
Die junge Ophelia ist ...

Gott war wütend und hat die Welt durch einen Riss zerstört. Entstanden sind 21 Archen, die durch das All treiben und von ganz besonderen Familien und ihren Geistern bewohnt werden.
Die junge Ophelia ist unscheinbar und liebt ihr ruhiges Leben inmitten ihrer Familie auf der Arche Anima. Sie ist eine Leserin, das heißt sie kann, wenn sie einen Gegenstand mit bloßen Händen anfasst, dessen Geschichte erspüren bzw. erlesen. Daher leitet sie das Familienmuseum, stets von ihrem alten irgendwie lebendigen Schal umgeben und mit einer Brille auf der Nase, deren Gläser die Farbe je nach ihrem Gefühlszustand wechselt. Da sie von Anima kommt, hat sie auch heilende Kräfte, aber vor allem, kann sie als eine der wenigen durch Spiegel von einem Ort zum nächsten reisen. Zufrieden mit ihrem Leben, hat sie bereits die Heirat mit zwei Cousins abgelehnt, mit denen sie nun wirklich nicht den Rest ihres Lebens verbringen will! Doch dann haben die Familienoberen die Doyennes sie mit Thron einem Sohn des mächtigen Drachenclans der ewig winterlichen Pol-Arche verlobt. Vor dieser Verbindung gibt es nun kein Entrinnen, sie muss zu ihrem Verlobten auf dessen Arche ziehen. Allerdings muss die völlig unvorbereitete Braut schnell feststellen, dass es dort nicht so harmonisch zugeht, wie auf Anima, ihr abweisender Verlobter total verhasst ist und eine gefährliche Intrige ihr Leben bedroht.
Der Einstieg fiel mir nicht leicht, deswegen habe ich erst mal den Klappentext gelesen, um mich in dieser fremden Welt zurecht zu finden, aber er war doch recht dünn. Hilfreicher zur Orientierung fand ich die Infos zu dieser neuen Fantasyreihe bei Amazon.
Ich mag Laura Maires sanfte, freundliche Stimme sehr gerne, aber irgendwie stand sie hier bisweilen sehr im Kontrast zu der harschen Wirklichkeit, in der sich die doch scheinbar recht weltfremde Ophelia auf einmal wiederfindet. Sie wirkt sehr verletzlich, wie sie sich hinter ihrer Brille und ihrem eigenwilligen Schal zu verbergen scheint. Ein wenig weltfremd und versponnen und doch wurde sie auserwählt und ihr Patenonkel offenbart ihr, dass viel mehr in ihr steckt, als sie meint. Auf mich als Hörer wirkte sie anfangs sehr passiv, wie ein Kind, dass die Augen weit aufreißt und mit staunendem Blick alles über sich ergehen lässt, obwohl: zwei Bewerber hat sie abgewiesen, so ganz sollte man dem sanften Schein dann wohl doch nicht trauen. Lange Zeit bleibt sie recht gehorsam, ihr Gesicht ist eine einzige Maske, die keine Emotionen verrät und so wird sie oft verkannt. Doch gegen Ende des 1. Teils reicht es ihr endgültig, sie will kein Spielball anderer mehr sein, sie fordert Ehrlichkeit von anderen und von sich selbst. Angesichts der lebensbedrohlichen Gefahr in der sie steckt, scheint sie wie ein Phoenix aus der Asche zu erstehen und alle in ihr schlummernden Möglichkeiten zu nutzen. Es kommt zu einem Kräftemessen auch des Willens. Ganz klar weiß man zum Ende des 1. Teils, dass die Gefahr noch lange nicht gebannt ist, aber Ophelia hat zu sich selbst gefunden und festgestellt, dass auch sie selbst sich bisher unterschätzt hat. Um zu Überleben geht sie gefährliche Allianzen ein und macht sich damit nicht nur Freunde, aber ihr Überlebenswille in der unwirtlichen Welt der Arche Pol ist ungebrochen.
Anfangs war mir Ophelia zwar sympathisch, aber eben zu passiv. Trotz all der Gefahren, hat sie mir einfach nicht genug gekämpft, ihr Potenzial nicht genug ausgeschöpft. Aber im Angesicht der Tragweite des Verrates ändert es sich und lässt auf ein deutlich entschiedeneres Handeln in den kommenden Bänden hoffen. Ich bin sehr gespannt, wie sich ihr Verhältnis zu Thorn und dessen Tante entwickelt, aber auch der undurchsichtige Botschafter Archibald macht neugierig. Ob wir von ihren Verbündeten noch mal hören werden oder neue Archen kennen lernen? Da kann man noch auf einiges gespannt sein, das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden und eine Steigerung für meinen Geschmack noch möglich. Die Welt der Archen ist geheimnisvoll, fremd und scheint undurchschaubar, ist doch auch Ophelia vieles noch unbekannt. Die Magie mag betören, aber auch verstören, hat sie mich bisweilen irritiert zurückgelassen. Dennoch hat es mir gut gefallen, aber noch nicht völlig gepackt, ich bin gespannt, ob dies mit dem nächsten Band geschehen wird. Die Einführung in diese fremde Welt, bis zum Knackpunkt des Verrates ist doch etwas langwierig. Das Tempo dürfte fortan anziehen. Für sensible Seelen dürfte die Altersempfehlung ab 12 Jahren auch erhöht werden.

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Veröffentlicht am 06.02.2020

Ihr persönlichster Fall

Mordskälte (Ein Fall für Anne Kirsch 4)
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POK Anne Kirsch ist beruflich angezählt, da sie einmal zu oft, die dienstlichen Anweisungen geflissentlich überhörte, um ihrem Bauchgefühl zu folgen. Das hat den Fall zwar entscheidend weitergebracht, ...

POK Anne Kirsch ist beruflich angezählt, da sie einmal zu oft, die dienstlichen Anweisungen geflissentlich überhörte, um ihrem Bauchgefühl zu folgen. Das hat den Fall zwar entscheidend weitergebracht, aber sie selbst auch in große Gefahr. Als sie daher zum Vorgesetzten zitiert wird schwant ihr Böses. Doch es kommt anders als befürchtet. Sie wird der wiedereingegliederten Kollegin KHK Olivia Esterhazy zugeteilt und gemeinsam ins Sauerland geschickt. Sie sollen den Tod eines Motorradfahrers untersuchen, der in einer Kurve von der Fahrbahn abkam. Beide sind ziemlich frustriert über den Auftrag, Olivia weil sie meint, dass man ihr nichts mehr zutraut und Anne, weil sie das Wochenende eigentlich privat im Sauerland verbringen wollte. Doch als sich erste Zweifel am Unfall des Motorradfahrers ergeben, werden die zwei Ermittlerinnen hellhörig. Auch der geheimnisvolle Biker der unangekündigt bei Annes Freund Heiko übernachtet macht sie stutzig, aber Heiko mag nicht darüber reden und der Biker war noch zugeknöpfter. Alle Spuren führen irgendwie zu der Sauerlandgröße Andreas Hartmann und zu dem von ihm gegründeten Club Motorradfreunde Sauerland e.V. Er scheint jedoch durch seine Anwälte geschützt und unantastbar. Als auch noch Heiko in die Angelegenheit hineingezogen wird, schwirren sehr unvorschriftsmäßige Ideen und Ansätze durch Annes Kopf.

Dieser Fall ist sehr persönlich. Das merkt man schon daran, dass er mit einer kräftigen Portion Frust für die Ermittlerinnen beginnt, die befürchten, dass man sie aufs Abstellgleis stellen möchte. Auch wenn der Motorradunfall erst einmal völlig unspektakulär klingt, wird es aber doch schon sehr früh sehr spannend. Durch das plötzliche Auftauchen von Heikos Bruder Markus, der sich ausschweigt und keinerlei Erklärungen für seinen ramponierten Zustand abgeben möchte, wird es schon zu Beginn mysteriös. Außerdem hatten sowohl Anne als auch Heiko sich ihr Wochenende völlig anders vorgestellt, immerhin haben sie sich nun seit Wochen nicht mehr gesehen. Doch dass irgendwann ausgerechnet der Lehrer in den Fokus der Ermittlungen gerät, damit hat nun wirklich niemand gerechnet. Daher wird dieser Fall sehr persönlich. Anne ist durch ihre Sorge um Heiko, aber auch durch die Rücksichtnahme auf dessen Bruder nicht unbefangen und muss abgezogen werden, da kommt es ihr gerade recht, dass eine Leiche gefunden wird, die seit rund 25 Jahren nicht vermisst worden zu sein scheint... Auch in diesem Fall stolpert Anne immer wieder über den Namen des Mannes, der sich für unantastbar hält. Darin sieht sie eine Herausforderung und Provokation und mit ihr der Leser. Man wünscht es Anne so sehr, dass sie diesem Unsympath das Handwerk legen möge. Doch wie, fragt man sich. Das ist sehr spannend und natürlich letztendlich auch sehr wagemutig. Voller Sauerländer Charme, bisweilen etwas barsch, aber immer mit dem Motorenlärm in der Natur. Anne passt dahin, wobei sie sich deutlich sanfter zeigt, als bisher zumeist. Interessant sind auch die Einblicke in Olivias Seelenleben, die von ähnlichen Ängsten beherrscht wird wie Anne. Anne versteht sie nur zu gut, aber es zeigt ihr auch, dass man manchmal mit Freundlichkeit weiterkommt, auf die sanfte Tour.

Für mich ist dies Anne Kirsch spannendster Fall. Man fiebert richtig mit und bisweilen ist die Spannung zum Greifen nah. Sehr kurzweilig und atmosphärisch, kann ich diesen Krimi nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.02.2020

Alle Kinder lieben Clifford, so wie er ist!

Clifford der große, rote Hund
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Emily Elisabeth ist ein ganz normales kleines Mädchen und sie hat einen besten Freund namens
Clifford. Doch Clifford ist kein Kind, sondern ein riesiger, roter Hund. Sie kann super auf ihm
reiten und ...

Emily Elisabeth ist ein ganz normales kleines Mädchen und sie hat einen besten Freund namens
Clifford. Doch Clifford ist kein Kind, sondern ein riesiger, roter Hund. Sie kann super auf ihm
reiten und spielen, aber er ist nicht wie andere Hunde. Er ist ein hervorragender Wachhund und
dennoch nicht immer perfekt und vor allem nicht unauffällig. Aber das macht nichts, er muss nicht
alles können, denn er ist ihrer. Sie gehören einfach zusammen, und gemeinsam haben sie jede
Menge Spaß.
Dieses Buch wird empfohlen von 24 Monaten bis 4 Jahren. Ich habe es meiner Nachbarin zum 4.
Geburtstag geschenkt und es ihr vorgelesen, zugehört haben ihre Schwester 6 Jahre und ihr Bruder
9 Jahre. Alle 3 Kinder haben sich königlich amüsiert. Sie fanden es sehr witzig, auch wenn es
natürlich unrealistisch ist, aber was absolut real ist für die Kinder, sind die Emotionen. Denn
Clifford ist für Emily Elisabeth der bestmögliche Freund. Er ist nicht wie andere Hunde, er ist
einfach viel größer und seine Farbe sticht auch aus der Masse heraus, aber das macht nichts, denn er
ist ihrer und ihr Freund. Manchmal macht er Fehler, manchmal gewinnt er nicht den ersten Preis,
aber er ist immer da, egal ob sie spielen will, oder ein Einbrecher es auf ihr Sparschwein abgesehen
hat. Clifford ist total auffällig und riesig, damit passt er nicht in die Norm, aber auch sein Herz ist
übergroß, da macht es nichts, dass er in keine normale Hundehütte passt. Immerhin ist er so groß,
dass seine kleine Freundin auf ihm reiten kann. Clifford ist nicht wie andere Hunde, denn Clifford
ist Spaß und Gefühl pur. Clifford ist Liebe, für alle kleinen Macken und Fehler, Hauptsache man
hält zusammen.
Die Bilder sind groß und rot und plakativ. Alle Zeichenstriche sind gekonnt gesetzt und drücken
klar und verständlich die Emotionen und die Pointen aus. Die Illustrationen beschränken sich auf
das Wesentliche, ohne zu viele Details, so dass auch schon kleine Kinder alles deutlich klar und
deutlich erkennen. Dabei sehen sie vor allem Spaß und ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
Alle drei Kinder hatten so
viel Freude an dem Buch, dass ich es gleich mehrfach vorlesen musste, auch wenn der Große
mitlas. Als ich ging, hat das Geburtstagskind, ihr neues Buch schnell in Sicherheit gebracht, um
sicher zu sein, dass ich es nicht wieder mit nach Hause nehme (sie ist ja meine Bilderbuchtesterin).
Clifford ist nun glücklich in einem neuen Zuhause angekommen.
Das Buch verfügt über starke Papierseiten, aber keine Pappe. 2 jährige verstehen schon die Gefühle
und die dazu gehörigen Bilder, aber sie sollten Bücher gewöhnt sein, damit sie nicht zerrissen
werden.
Meine Buchkinder sind begeistert. Wir bedanken uns ganz herzlich beim Adrian Verlag und
Buchcontact für unser Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 02.02.2020

Gamaches persönlichster Fall

Das verlassene Haus. Der dritte Fall für Gamache
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Im beschaulichen Three Pines in den dichten Wäldern von Québec verfällt das alte Hadley Herrenhaus inzwischen. Um etwas Aufregung in das beschauliche Örtchen zu bekommen, beschließen einige Bewohner aus ...

Im beschaulichen Three Pines in den dichten Wäldern von Québec verfällt das alte Hadley Herrenhaus inzwischen. Um etwas Aufregung in das beschauliche Örtchen zu bekommen, beschließen einige Bewohner aus einer Laune heraus eine Séance durchzuführen. Immerhin gastiert gerade ein bekanntes Medium bei ihnen. Die erste Séance ist ein etwas gruseliger Spaß und ruft nach Wiederholung. Diese soll nun aber der unheimlichen Atmosphäre wegen im Hadley Haus stattfinden. Die Atmosphäre lässt sogleich einige der Gäste zweifeln, ob die Entscheidung so gut war. Das Gemäuer scheint regelrecht eine negative Energie zu verbreiten und so empfindet es keiner als allzu verwunderlich, dass während der Beschwörung eine von ihnen, die schöne Madeleine Favreau, zu Tode. Ob dies nicht doch mehr, als ein Unglücksfall ist, soll auch dieses Mal Chiefinspector Gamache von der Sûreté du Québec untersuchen. Während er in dem malerischen Örtchen in die verwickelten Beziehungsgeflechte blickt, braut sich in seiner Abwesenheit eine zerstörerische Intrige gegen ihn zusammen. Die Anhänger des von ihm vor fünf Jahren inhaftierten damaligen Superintendant Arnaud dürsten nach Rache und wollen ihn stürzen. Dabei schrecken sie vor nichts zurück.
Auch dieser Fall für Gamache dürfte seine Wurzeln in der Vergangenheit des Opfers haben, so wie auch die Intrigen seine Vergangen betreffen. Während der Mord an Madeleine langwieriger ist, weil es kein offensichtliches Motiv gibt und das Opfer scheinbar allseits beliebt, braut sich nicht nur über Three Pines, sondern auch über Gamache ein Unwetter zusammen. Das ist ebenso bedrohlich, wie auch fesselnd.
Natürlich trifft man die liebgewonnen Bekannten aus den vorherigen Fällen wieder und die neuentdeckte Mutterliebe, der oft so zynischen Lyrikerin Ruth Sardo ist sicherlich eines der Highlights in dieser Geschichte. Auch Clara, Peter, Myrna und das Paar vom Bistro sind wieder mit dabei. Immerhin spielt in Oliviers Bistro das gesellschaftliche Leben, wenn das Wetter zu schlecht ist, für einen Schwatz auf dem Dorfanger.
Dieses Mal gibt es sehr viele Beteiligte, wovon die meisten allerdings schon aus den Vorgängerbänden bekannt sind, so dass es enorm hilft, auch für den Spannungsaufbau, die Folgen in der richtigen Reihenfolge zu hören, um bei der Vielzahl von Personen nicht den Überblick zu verlieren. In beiden Handlungssträngen gibt es daher auch eine Vielzahl von Verdächtigen, die die Lösung um so kniffeliger macht. Am Ende lädt Gamache zum Showdown ins verlassene Haus, dessen Gruselatmosphäre den Anwesenden spürbar zusetzt. Das ist vor allem psychisch interessant, da Gamache in aller Ruhe die möglichen Motive aller Anwesenden (das gefühlt halbe Dorf) erklärt und dabei die Klaviatur menschlicher Emotionen und Motive von oben bis unten präsentiert. Doch welches Motiv ist das Ausschlag gebende gewesen, denn nicht jeder, der ein Motiv hat, ist auch der Täter? Myrna hat als anwesende Psychologin mit einem entscheidenden Hinweis gegeben, über maskierte menschliche Abgründe, derer ich mir noch nie so bewusst war. Auch wenn viele der bisher liebgewonnen Dorfbewohner diesmal eine eher untergeordnete Rolle spielen, fand ich diesen Fall psychologisch am spannendsten.
Diese Spannungen werden sehr gut von Hans-Werner Meyer umgesetzt, der als Gamache den fast ewig Gelassenen spielt, bis seine Familie in den Schmutz gezogen wird. Doch auch dann lässt der Schöngeistige sich nicht zu Unbedachtheiten hinreißen. Gamache verwirrt, doch durch die Ruhe, die Hans-Werner Meyer vermittelt, verliert man als Hörer nie die Geduld mit ihm, anders als seine Mitarbeiter, Kollegen und Gegner. Auch diese bekommen natürlich ihre stimmlichen Persönlichkeiten, mal mit frankophonem Akzent, mal ohne, oder auch als raubeiniges Reibeisen, wie im Falle der bärbeißigen Dichterin Ruth Sardo. Man folgt seiner warmen Stimme gerne in die rauen Wälder, trifft dort auf so manch einen Exzentriker. Dabei spricht er stets klar und deutlich und moduliert. Er spielt gekonnt mit seiner Stimme und garantiert so, dass dieses Cosy Crime nie zu gemütlich wird.  Dennoch bringt er eine sowohl kultivierte und doch auch naturverbundene Atmosphäre in den Fall, die ich als angenehmen Kontrapunkt zu den düsteren skandinavischen Krimis empfinde.
Ein spannender 3. Fall, der neugierig auf den kommenden vierten Fall „Lange Schatten“ macht.

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Veröffentlicht am 28.01.2020

Ein emotionales Seelenroadtrip

Und dann kamst du
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Claire und ihr Zwillingsbruder Colin scheinen auf der Sonnenseite des Lebens geboren zu sein. Ihre Eltern betreiben eine erfolgreiche Arztpraxis und so unterschiedlich sie auch sind, gemeinsam scheint ...

Claire und ihr Zwillingsbruder Colin scheinen auf der Sonnenseite des Lebens geboren zu sein. Ihre Eltern betreiben eine erfolgreiche Arztpraxis und so unterschiedlich sie auch sind, gemeinsam scheint ihnen alles zu gelingen. Daher wollen sie auch nach dem Abitur gemeinsam ins Medizinstudium starten, um die elterliche Praxis übernehmen zu können. Doch direkt nach dem glanzvollen Abitur zieht es den wagemutigen, lebenslustigen Colin zum Surfurlaub nach Hawaii, mit tödlichem Ausgang. Claire zieht sein Tod den Boden unter den Füßen weg. Ihre andere Hälfte fehlt, ihr Ausgleich zu ihrem grüblerischen, zögerlichen Ich. Sie hält es zu Hause nicht mehr aus und zieht spontan in eine Zweck-WG am Uniort. Sie betäubt sich durch Arbeit in einer Bar und lässt sich treiben, sofern sie nicht in sich selbst ertrinkt. Doch eines Nachts, nach einer Schicht in der Bar, versinkt sie für Sekundenbruchteile in dem traurigen Blick eines Unbekannten, der seinen Rucksack im Bus liegen lässt. Sie durchsucht den Inhalt nach einem Hinweis auf seine Identität und findet ein gerade angefangenes Tagebuch. Der Fremde heißt Samuel und bekam gerade von seiner Traumfrau das Herz gebrochen. Sie beschließt ihn zu finden, da sie in ihm ihren Seelenverwandten gefunden zu haben glaubt. Eine Suche, die sich als gar nicht so einfach herausstellt und zu ihrer Mission wird.
Als ich den Klappentext las, dachte ich, dass so ein Plot auch richtig kitschig in die Hose gehen kann, aber bislang hat mich Heike Abidi noch nie durch triefige Geschichten enttäuscht. So war es auch diesmal, denn trotz des Titels ist es eine Geschichte über Trauerbewältigung und Selbstfindung. Durch ihre Suche bekommt Claires Leben endlich wieder einen Fokus und weil sie sich schwieriger als gedacht gestaltet, muss sie sich zwangsweise für neue Wege und neue Menschen öffnen. Dabei wird sie öfters als gedacht überrascht, auch durch sich selbst, aber auch von ihren Mitbewohnern. Wenn man den Menschen um sich herum die Chance gibt, sie wirklich kennenzulernen, können sie ganz erstaunliche Charakterzüge offenbaren.
Sehr gut hat mir gefallen, dass Claire mit 19 alles andere als perfekt und eine gereifte Persönlichkeit ist. Sie kennt ihre Schwächen und nimmt sie als gegeben an, bis sie lernt, dass doch viel mehr in ihr steckt als sie dachte, und vieles was sie bislang nur Colin zutraute, kann auch sie. Nicht alle seine vermeintlichen Stärken waren dies auch, manchmal waren es doch eher Schwächen. Auf der Suche nach einem neuen Sinn geht sie ihre Stärken und Schwächen im Geiste durch. Da musste ich doch grinsen, wer so viele Schwächen hat, wie sie zu glauben meint, bekommt garantiert nicht auf Anhieb einen Studienplatz in Medizin (eine 17 jährige Verwandte von mir, musste sich wegen des schlechten Abischnitts von 1,2 für 10 Jahre als Landärztin verpflichten, um einen Studienplatz bei den “schlechten“ Noten zu bekommen). Aber Claire geht es schlecht, alles fühlt sich grau an, da traut sie sich nicht viel zu. Ihre Eltern können ihr keine große Stütze sein, ihr Verlust ist nicht leichter. So findet sie Hilfe, da, wo sie nicht danach sucht. Das Glück kann auch langsam und leise kommen, wo man es am wenigsten vermutet. Es ist ein Seelenroadmovie, denn eigentlich spielt die ganze Geschichte innerhalb einer namenlosen Unistadt, aber vor allem in Claires Seelenleben, das nach und nach immer heller wird, bis sie wieder Lachen und das Leben genießen kann, ohne ihren Zwillingsbruder zu verraten.
Erzählt wird aus Claires Perspektive. Dabei kommt man ihren Gedanken und Gefühlen am nächsten, bei ihren Tagebucheinträgen, die immer von süßen kleinen Sternchen, wie selbstgekritzelt geziert werden und durch Kursivdruck gekennzeichnet sind. Das ist sehr schön durchdacht und umgesetzt. Diese Einträge wirken sehr persönlich und unmittelbar und verarbeiten bisweilen persönliche Erfahrungen der Autorin, die sich selbst einst für ein Studienfach entschied, bei dem der spätere berufliche Nutzen nicht offensichtlich ist und die sich selbst nie für eine Sportskanone hielt, bis sie mal anderen Sportarten eine Chance gab. Diese Verarbeitung von eigenen Erfahrungen macht diese Geschichte so glaubhaft und berührt. Dabei ist sie flüssig erzählt und kurzweilig.
Eine sehr schöne und emotionale Reise zum Mittelpunkt der Seele der jungen Protagonistin, die mir auch ein paar Tränen und Seufzer entrungen hat.

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