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dear_fearn

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.09.2019

Das hohle Land

Bell und Harry
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Wer beschließt, dieses Buch zu lesen, sollte keinen Abenteuerroman zweier Freunde wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn erwarten. Was dieser Roman von Jane Gardam verspricht und hält, ist pure Entschleunigung, ...

Wer beschließt, dieses Buch zu lesen, sollte keinen Abenteuerroman zweier Freunde wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn erwarten. Was dieser Roman von Jane Gardam verspricht und hält, ist pure Entschleunigung, aber mehr als nur eine Sommergeschichte.

Die Familie Bateman pachtet das Haus Light Trees während der Ferienmonate von der Familie Teesdale, die im benachbarten Haus wohnen. Benachbart im weitesten Sinne, da es im ländlichen Gebiet von Feldern, Wiesen und Moor umgeben ist. Die Häuser stehen auf dem sogenannten "hohlen Land", da es im Untergrund vom Bergbau zerfurcht ist, der jedoch eingestellt wurde. Harry Bateman und Bell Teesdale trennen ein paar Jahre Altersunterschied, aber das hält sie nicht davon ab, Freunde zu werden und gemeinsam die Umgebung unsicher zu machen. Dabei stellen sie einige abenteuerliche Dinge an und die gewonnene Freundschaft begleitet sie ein Leben lang. Die Familie Bateman, eigentlich Londoner und den Dorfbewohnern anfangs suspekt, bringen sich nach anfänglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken gut in die Gemeinde ein und sind bald immer herzlich willkommen, gehören dazu.

Anders als erwartet beschreibt Jane Gardam nicht nur einen Sommer, sondern viele Sommer, auch Winter, mit großen Zeitsprüngen dazwischen. Dabei lernt der Leser in der Kürze des Buchs nicht nur die beiden Jungen, sondern auch Familienmitglieder, Nachbarn und verschrobene Gestalten aus der Umgebung kennen. Als Leser fliegt man nur so durch die Jahre.

Was dem Leser aber in Erinnerungen bleibt, ist die anhaltende Freundschaft der beiden Jungen, ihre Ausflüge in die Natur, ihr jugendlicher Leichtsinn und die dörflich-ländlichen Charaktere, die liebenswürdiger nicht sein könnten.

Im Nachhinein bin ich an Astrid-Lindgren-Idylle und den Löwenzahnwein von Ray Bradbury erinnert.

Veröffentlicht am 22.09.2019

Herb enttäuscht und doch fasziniert

Das flüssige Land
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Als Ruth nach dem Tod ihrer Eltern erfährt, dass es deren Wunsch war, ein Groß-Einland beerdigt zu werden, das offiziell gar nicht existiert, gerät sie in eine Art Rausch, fährt ziellos und verzweifelt ...

Als Ruth nach dem Tod ihrer Eltern erfährt, dass es deren Wunsch war, ein Groß-Einland beerdigt zu werden, das offiziell gar nicht existiert, gerät sie in eine Art Rausch, fährt ziellos und verzweifelt umher, um schließlich zwei Herren zu belauschen, die von diesem Ort sprechen, ihnen durch einen Waldpfad dorthin zu folgen und ihr Auto dabei vollständig zu demolieren.

In Groß-Einland angekommen widmet sie sich jedoch nicht der Ausrichtung der Beerdigung, sondern verplempert ihre Zeit, steht unter ständigem Einfluss von Kodein und verliert völlig ihr Zeitverständnis, wobei doch gerade das der Inhalt ihres langjährigen Studiums und ihrer Habilitation ist, an der sie seit Jahren arbeitet.

Ihr Medikamentenwahn wird nur noch umso bildlicher, als das große Loch ins Spiel kommt, das unter der Ortschaft verläuft und die ganze Stadt in die Tiefe zu reißen droht. Darum ranken sich Geschichten, die weder fundiert noch recherchierbar sind. Ruth verwendet den Großteil ihrer Zeit dafür auf, alte Bücher zu durchforsten und abstrusen Geschichten hinterherzuforschen. Das alles wird von einer Gräfin überschattet, die das Erinnerungsvermögen des Ortes manipuliert und das Loch zu vertuschen zu versucht, statt eine gute Lösung für ein Auffüllen zu finden.

Mit dem Schreibstil hatte ich sehr zu kämpfen, vor allem, weil auch viele österreichische Begriffe drin sind, die ich so im Deutschen nicht kenne. Darüber stolperte ich immer wieder und kam schwer voran. Der Handlung musste ich erstmal ein paar Seiten Zeit geben, weil ich sie anfangs recht unlogisch fand. Was vor allem im Gedächtnis bleibt, sind Beschreibungen von Natur, Stadt und Einwohnern, die ein großartig klares Bild des Ortes hinterlassen.

Das ist meiner Einschätzung nach aber auch schon alles, was dem Leser von dieser Geschichte bleiben wird. Sämtliche Spannungsbögen verlaufen im Nichts, Fährten in Ruths Recherchen verlieren sich einfach, ungeklärte Fragen bleiben genau das: ungeklärt. Interpretationen sind hier womöglich völlig Fehl am Platz, dennoch komme ich nicht umhin, das alles als eine Art Drogenrausch zu empfinden, in dem die Zeit verschwimmt, Halluzinationen entstehen, die Gebäude ins Wanken geraten und sich in Ruth selbst ein unendlicher Abgrund auftut, der schwer zu füllen ist. Fantasystory, ok, aber etwas Sinn hätte ich mir doch gewünscht.

Veröffentlicht am 13.09.2019

Kein Leuchten

Das Leuchten jenes Sommers
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Es gibt zwei Handlungsstränge in zwei unterschiedlichen Zeiten. Die eine spielt kurz vor dem ersten Weltkrieg und beschäftigt sich mit der jungen Madeleine und ihrer älteren Schwester Georgiana, die bei ...

Es gibt zwei Handlungsstränge in zwei unterschiedlichen Zeiten. Die eine spielt kurz vor dem ersten Weltkrieg und beschäftigt sich mit der jungen Madeleine und ihrer älteren Schwester Georgiana, die bei der Rückkehr von ihrer Europareise einen Mann mitbringt, Victor. Die beiden Mädchen haben früh ihre Eltern verloren und das Summerhill-Anwesen an Englands Küste geerbt, das Victor nutzt, um sich zwischen die beiden Schwestern zu drängen. Madeleine zeichnet für ihr Leben gern und bringt ein Kinderbuch heraus, um das Anwesen weiterhin zu finanzieren.

Der zweite Handlungsstrang findet in der heutigen Zeit statt. Es geht um Chloe, die vom Arzt erfährt, dass sie schwanger ist, aber zögert, es ihrem Mann, Aidan, zu erzählen. Als sie den Auftrag erhält, Madeleine zu fotografieren, die erneut an einem Buch arbeitet, um das Summerhill-Anwesen halten können, drängt sich ihr Mann dazwischen, da er Chloe unter allen Umständen für sich allein haben will. Als er zudem von ihrer Schwangerschaft erfährt, sperrt er sie gänzlich im Haus ein und entzieht ihr alles, was ihr etwas bedeutet.

Anfangs war ich wirklich verliebt in die Geschichte. Mir gefiel die Athmosphäre in Madeleines Summerhill, die Natur, die Liebe zum Zeichnen. Auch Chloe hatte viel Interessantes in ihrer Geschichte. Die Reibereien und Intrigen der Männer brachten auch nochmal eine interessante Spannung rein. Das letzte Drittel wurde dann allerdings ganz schön zäh und die Charaktere verhielten sich plötzlich völlig irrational. Die Handlung der beiden Frauen wurde nicht gut miteinander verknüpft, teilweise ergeben Sachen überhaupt keinen Sinn, z.B. dass der strenge Buchverleger Matt Cooper plötzlich auftaucht und den beiden Damen beisteht, das ist doch völlig unrealistisch. Hier scheint es, als wurde auf Krampf ein an RTL-anmutendes Happy-End erzwungen, das die komplette Storyline ruiniert. Schade!

An sich ist der Schreibstil aber sehr einfach gehalten, auch die 1937-Sprache ist im heutigen Stil, insgesamt sehr bildhaft. Der Personenwechsel in den Kapiteln lässt sich sehr gut durch die Namen in den Überschriften erkennen, aber auch durch die Erzählprespektive - Maddy: ich, Chloe: sie.

Leider wird es, wie gesagt, am Ende etwas flach und hektisch. Die ganze mühsam und liebevoll aufgebaute Storyline endet in einem ganz schön schnell abgehandelten Durcheinander. Am Ende ist nicht mal klar, welcher Sommer jetzt inwiefern geleuchtet hat. Meiner Meinung leuchtete da relativ wenig...

Veröffentlicht am 05.09.2019

Heilungsprozess im Laufschritt

Laufen
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Von diesem Buch bekommt man als Leser richtig Herzbluten. Man lernt die Ich-Erzählerin auf ihrer ersten Joggingrunde kennen und liest quasi ihre Gedanken. Sie ist Anfang 40, spielt Bratsche in einem kleinen ...

Von diesem Buch bekommt man als Leser richtig Herzbluten. Man lernt die Ich-Erzählerin auf ihrer ersten Joggingrunde kennen und liest quasi ihre Gedanken. Sie ist Anfang 40, spielt Bratsche in einem kleinen Orchester und ihr Freund hat sich ungefähr ein Jahr zuvor nach langer Depression das Leben genommen. Durch das Joggen will sie eigentlich ihre wiederkehrenden, traurigen Gedanken abschütteln, quasi weglaufen. So ganz klappt das aber nicht. Stattdessen ist es eher eine intensive Trauerverarbeitung, mit Wut und allem drum und dran, ganz nach Lehrbuch.

Der Satzbau spiegelt durch sehr lange Sätze und Kommata das Laufen wieder, das Hecheln, das Seitenstechen, das wiederkehrende Ermahnen "Ich muss langsamer laufen", Rhythmus finden "Ein ein aus aus aus aus", die abdriftenden Gedanken, den Überdruss von Verlustgefühlen und Wut und Einsamkeit und Schuldgefühlen und Schmerz. Das wurde von der Autorin wirklich wunderbar umgesetzt. Immer wieder tauchen auch Beobachtungen auf, wie "Hat der Typ grade wirklich "Schöne Beine!" gerufen?", was alles sehr schön auflockert.

In ihren inneren Monologen spricht sie immer wieder zu ihrem verstorbenen Freund, ganz direkt, mit "du". Sie wertet so ihre Gefühle ihm gegenüber aus, ihre Erlebnisse und Unterstützung durch die Orchesterkollegen und ihre Freundin Rike samt Familie, ihre Therapiestunden bei Frau Mohl, ihre Fortschritte. Bis es nicht mehr "du" ist, sondern "er".

Es tut gut, einen so gesunden Heilungsprozess mit allen Hochs und Tiefs beobachten zu können. Das gibt Hoffnung, bringt Verständnis für die Krankheit Depression, aber auch wie schwer es ist, als Angehörige(r) oder sogar Zurückgelassene(r) damit umzugehen.

Veröffentlicht am 02.09.2019

Ein Sprung ins Leben

Der Sprung
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Für Simone Lapperts Erzählweise benötigt der Leser zu Beginn etwas Durchhaltevermögen: Es gibt keinen durchgehenden Erzählstrang, sondern mehrere, die Kapitel für Kapitel wechseln. Anfangs ist auch gar ...

Für Simone Lapperts Erzählweise benötigt der Leser zu Beginn etwas Durchhaltevermögen: Es gibt keinen durchgehenden Erzählstrang, sondern mehrere, die Kapitel für Kapitel wechseln. Anfangs ist auch gar nicht klar, was die einzelnen Personen miteinander gemeinsam haben, aber Stück für Stück überschneiden sich ihre Schicksale. Und alle zusammen überschneiden sich mit dem der jungen Frau Manu, die auf einem Dach steht, sich die Haare rauft, schreit, Dachziegel und all ihre Gärtnerwerkzeuge vom Dach wirft.

Wie sie aufs Dach gekommen ist und was sie da oben vorhat, weiß keiner. Eine Dame aus der Nachbarschaft rief die Polizei, dachte an einen Suizidversuch und seitdem wurde ein Sprungkissen aufgebaut, stehen Polizei, Schaulustige und die Presse unten auf dem Platz. In diesem Buch erfährt man über alle Leute alles mögliche, aber über Manu so wenig. Nur die sanften, liebevollen Beschreibungen von Manus Freund Finn geben einen Einblick in ihr Leben. Obwohl alle Charaktere von unterschiedlichem sozialen Status und Alter sind, haben sie alle ihre persönlichen, sehr realen Probleme, die mehr als nur unter die Haut gehen.

Die Sprache ist leicht verständlich, auch lange Sätze lassen sich leicht lesen. Insgesamt ist es teilweise wirklich poetisch, mit viel Feinsinn und Beobachtungen alltäglicher Handlungen, die sofort Bilder im Kopf erscheinen lassen ohne je banal zu sein, voll von Schmerz und Pathos!

Dieses Buch werde ich sicher nochmal und nochmal lesen. Bis jetzt mein Lese-Highlight 2019!