Profilbild von dielesejule

dielesejule

Lesejury Profi
offline

dielesejule ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dielesejule über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.12.2025

merkwürdige Freundschaft

Dius
0

Dius & Anton – total unterschiedliche Typen, aber irgendwie connected. Dius taucht einfach bei Anton auf und zieht ihn mit in ein altes Dorfhaus, wo sie zusammen werkeln, quatschen und die Zeit vergessen. ...

Dius & Anton – total unterschiedliche Typen, aber irgendwie connected. Dius taucht einfach bei Anton auf und zieht ihn mit in ein altes Dorfhaus, wo sie zusammen werkeln, quatschen und die Zeit vergessen. Zwischen Kunst, Spaziergängen und Deep Talks entsteht eine tiefe Freundschaft, die phasenweise auch außer Kontrolle geraten zu scheint.
Ich mochte die sehr gründliche Charakterstudie der Personen, manche Einzelepisoden (Rettungsschwimmer) standen aber erstmal etwas unzusammenhängend im Raum. Aber je mehr ich gelesen habe, desto besser bin ich mit dieser Art des Erzählens zurechtgekommen.
Einige Fragen bleiben für mich unbeantwortet: Warum ernähren die beiden sich so spartanisch, sie könnten doch auch in den Supermarkt fahren und Lebensmittel kaufen? Bekommt man vom miteinander Ringen wirklich Schluckauf?
Auch das Verhältnis der beiden Männer zueinander bleibt für mich durchgehend rätselhaft. Will Dius wirklich nur Antons Freund sein?
Ein Buch über Nähe, Erinnerungen und wie Menschen sich auf unerwartete Weise berühren können. Geht kunstgeschichtlich in die Tiefe und ist auf jeden Fall ein anspruchsvoller, komplexer und sehr nachdenklich stimmender Roman von Stefan Hertmans (@hertmansstefan).

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

subtil, leise, grausam

Feuer
0

Wie krass!
Diese Tetralogie von John Boyne macht mich fertig. Unfassbar, wie sich diese dritte Geschichte („Feuer“) entwickelt.
Freya Petrus, eine angesehene Chirurgin in der Burn Unit eines Londoner ...

Wie krass!
Diese Tetralogie von John Boyne macht mich fertig. Unfassbar, wie sich diese dritte Geschichte („Feuer“) entwickelt.
Freya Petrus, eine angesehene Chirurgin in der Burn Unit eines Londoner Krankenhauses und ist für ihre außergewöhnliche Expertise, aber auch ihre Unnahbarkeit im Zwischenmenschlichen bekannt. Sie führt ein an sich beneidenswertes Leben: Job, Status, Respekt. Doch im Laufe der Geschichte gibt sie als Ich-Erzählerin immer mehr über ihre traumatische Kindheit und ihr dunkles Geheimnis preis.
Wieder schafft es John Boyne, mit Sätzen, die wie beiläufig eingestreut wirken, eine Atmosphäre zu kreieren, die mich dann auch während der ganzen Lektüre begleitet.
Durch die Erzählung aus der Perspektive der Ärztin taucht man tief in deren Gedankenwelt ein und wird Zeug:in ihrer Angst, ihrer Wut, ihrer Rachegedanken.
Die Gefühle, die mich beim Lesen dieses Bandes begleitet haben, waren überwältigend. Ich konnte nicht fassen, was Freya alles passiert ist, aber genauso erschüttert war ich über ihre Art der Vergeltung. Die Weise, wie sie selbst subtilen Druck ausübt, mit Ängsten und Schuldgefühlen spielt und Kontrolle übernimmt, hat mich echt schockiert.

Dieses Buch beschäftigt und hallt lange nach: Wie sehr beeinflusst das Erlebte das gegenwärtige Handeln? Macht uns die Vergangenheit wirklich zu dem, was wir sind?
Wie entsteht der dringende Wunsch, auf demselben Niveau einer Verletzung verletzen zu wollen?
Dieses Geschichte ist unbequem, unerwartet und schwer zu verdauen, gerade, weil sie nicht laut und brutal, sondern leise, schleichend und emotional sehr komplex daherkommt.

„This is how my life might have been, I think, had it not been for the Teagues.”

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

tolles Kinderbuch über wichtiges Thema

Inseltage mit Rosa
0

Traurig. Bezaubernd. Hoffnungsvoll

Heute mal ein Kinderbuch, nämlich „Inseltage mir Rosa“ von Mareike Krügel (@kruegel.mareike), erschienen bei @beltzundgelberg, empfohlen ab 9 Jahren.
Linnea (Lila) verbringt ...

Traurig. Bezaubernd. Hoffnungsvoll

Heute mal ein Kinderbuch, nämlich „Inseltage mir Rosa“ von Mareike Krügel (@kruegel.mareike), erschienen bei @beltzundgelberg, empfohlen ab 9 Jahren.
Linnea (Lila) verbringt mit ihrer Oma Mu ein Wochenende auf einer kleinen Schäreninsel. Lila hat sich seit dem Tod ihrer besten Freundin Rosa zurückgezogen und blüht nur in den Momenten auf, in denen ihre beste Freundin plötzlich auftaucht. Als dann ein Sturm den Aufenthalt auf der Insel verlängert, genießen die Oma und Enkelin ihre gemeinsame Zeit.
Ich finde dieses Buch über Verlust, Trauer und das Leben „mit einem Loch, durch das der Wind weht“ einfach wunderbar. Es ist trotz der schweren Thematik ein wirklich positives, hoffnungsvolles und Mut machendes Buch mit wirklich witzigen Passagen und tollen Gedichten von Mu.
Ich mag auch die Figur der unkonventionellen Oma sehr gerne, die nie überzogen wirkt. Sie schafft es, mit ihrer spielerisch-kreativen Art die per se eher missliche Situation auf der Insel in ein Abenteuer zu verwandeln.
Sprachlich ein echtes Highlight, gerade auch die lustigen, gefühlvollen Gedichte und die fast philosophisch anmutenden Gedanken („Lieber jemanden gekannt zu haben und für immer traurig zu sein, als ohne ihn gelebt zu haben, nicht wahr?“)
Ein tolles Buch, um sich dem Thema Verlust auf eine nicht zu bedrückende, sondern zuversichtliche Art zu nähern.
„Rotz am Ärmel, Scheiß am Bein. Hei, wie ist das Leben fein.““

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

ungewöhnliches Konzept

Kopfsalat und Bauchgefühl
0



Mental Health-Bücher gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer. Dieses hier hebt sich aber durch das ungewöhnliche Konzept deutlich ab. In Façon eines Kochbuchs präsentiert es drei große Menüs mit jeweils ...



Mental Health-Bücher gibt es mittlerweile ja wie Sand am Meer. Dieses hier hebt sich aber durch das ungewöhnliche Konzept deutlich ab. In Façon eines Kochbuchs präsentiert es drei große Menüs mit jeweils drei Gängen, abgestimmt auf verschiedene störanfällige Bereiche des menschlichen Lebens.
Ich finde die Idee, sich je nach Problemlage aus gut recherchierten und wissenschaftlich fundierten Zutaten ein Menü zu „kochen“, das für psychisches Wohlbefinden sorgt, wirklich gut.
Die Verhaltensweisen, Tipps und Tricks aus diesem Buch werden aus neurowissenschaftlicher Sicht erklärt (Laura Wünsch) und mit Beispielen aus der Praxis bereichert (Oliver Herrmann). Durch diese Kombi werden die Themen von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und gewinnen an Tiefe.
Für mich waren einige Passagen mit zu vielen Metaphern behaftet. Ich finde es grundätzlich gut, mit Bildern zu arbeiten, aber hier war es phasenweise ein bisschen too much, nämlich (Kochmetapher, Radiosender, Zaubermeister, Zaubertrank).
Entschädigt haben mich dafür aber die guten Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels und die vielen neuen Fakten und Informationen, von denen ich hier gelesen habe (Lake-Wobegon-Effekt, Attributionsfehler, …)
Ein liebevoll und gedankenvoll zusammengetragenes Buch für Leser:innen mit und ohne Vorkenntnisse im Bereich Mental Health. Sehr gut geeignet für alle, die Metaphern lieben und anschauliche, praixsnahe Erklärungen schätzen.
„[…] mentale Gesundheit ist nicht nur eine individuelle Verantwortung. Sie ist ein kollektives Thema.“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

krasses Thema

Da, wo ich dich sehen kann
0

Ein überbordender Roman: Da, wo ich dich sehen kann.
Maja verliert im Grundschulalter ihre Mutter Emma. Nicht durch einen Unfall, nicht durch Krankheit, sondern durch einen Femizid. Nach der Beerdigung ...

Ein überbordender Roman: Da, wo ich dich sehen kann.
Maja verliert im Grundschulalter ihre Mutter Emma. Nicht durch einen Unfall, nicht durch Krankheit, sondern durch einen Femizid. Nach der Beerdigung zieht Maja zu ihren Großeltern in eine neue Stadt, wo sie mit Emmas bester Freundin Liv und deren Hund Chloe zusammenwohnt. Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen alle Betroffenen, wie sie mit Emmas Tod umgehen.
Die Gestaltung des Romans ist klasse: Durch die Mischung aus Erzählperspektiven, amtlichen Dokumenten, Gesprächsprotokollen, Zeichnungen und Paralleluniversen entsteht nochmal ein ganz anderes, viel authentischeres Lesegefühl.
Der Roman ist extrem vielschichtig und inhaltsprall. Am gelungensten fand ich die Kapitel, in denen die Betroffenen zu Wort kommen. Ich mag es, wie Jasmin Schreiber (@lavievagabonde) die Paralleluniversen öffnet, um alternative Verhaltensweisen durchzuspielen.
Auch sehr ergreifend ist die Perspektive Emmas, die deutlich macht, wie subtil häusliche Gewalt sich in die Partnerschaft einschleicht, um dann immer vernichtender zu wirken.
Ein wenig themenüberfrachtend fand ich die geschichtlichen Hintergründe (Geschichtsunterrichts-Vibes).
Die Thematik des Femizids und die Beschäftigung mit den Auswirkungen auf alle, die mit dem Verlust leben müssen, ist so wichtig und dringend, dass für mich die Hundegeschichte für mich echt eine Red Flag darstellt. Ich verstehe nicht, warum sich die Autorin hier plötzlich in der Geschichte eines Tiers verfängt. Ich sehe, dass man sein Haustier liebt (Chloe gab es ja wirklich), aber wenn es um den Mord einer Frau durch ihren Mann geht, sollte sich (für meinen Geschmack) keine Tierepisode in den Vordergrund drängen.
Aber, um das noch mal deutlich zu sagen: Abgesehen von den Unterrichtseinheiten und der Hundegeschichte finde ich das Buch richtig gut: Ein Roman, der in seinen wesentlichen Passagen sensibilisiert, aufweckt und berührt.
„Niemand kommt mit allem klar, niemand ist unverwundbar […]“

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere