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Veröffentlicht am 12.11.2025

Perfide und wirksam

Mama & Sam
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Unfassbar!
‚Wie kann ein halbwegs cleverer Mensch auf einen Love Scammer reinfallen?‘,
das waren meine ersten Gedanken, als ich Sarah Kuttners Roman „Mama&Sam“ aufschlug. Tsja, jetzt weiss ich’s…
Der Inhalt ...

Unfassbar!
‚Wie kann ein halbwegs cleverer Mensch auf einen Love Scammer reinfallen?‘,
das waren meine ersten Gedanken, als ich Sarah Kuttners Roman „Mama&Sam“ aufschlug. Tsja, jetzt weiss ich’s…
Der Inhalt ist schnell erzählt: @diekuttner erfährt vom Online-Liebhaber ihrer Mutter, der sich als der Schauspieler Sam Heughan ausgibt. Sie versucht, sie zu warnen, sie zu beschützen. Aber die Mutter empfindet das als übergriffig und hält an ihrer Liebe fest. Nach dem Tod ihrer Mutter entdeckt die Tochter, dass horrende Summen an den Betrüger flossen. Was sie aber auch entdeckt, sind die Nachrichten im Handy ihrer Mutter. Und peu à peu erklärt sich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass diese sich auf diesen offensichtlichen Lügner einließ.
Dass Sarah Kuttner toll erzählen kann, ist ja spätestens seit „Kurt“ klar. Was mir hier aber besonders gut gefällt, ist, dass sie in der Geschichte immer wieder auch Einblicke in ihre eigene schwierige Beziehung zu ihrer Mutter gewährt, Gefühle zeigt und hier -anders als der Scammer- ehrlich ist.
Das Aufdröseln der perfiden, psychologisch fundierten und perfekt ausgeklügelten Methode, mit der der Betrüger Sarah Kuttners Mutter für sich gewinnt (und an sich bindet!), ist mehr als gelungen. Durch die Offenlegung des Chats wird klar, wie schamlos hier die Sehnsucht nach Zuwendung ausgenutzt wurde, um finanziellen Profit daraus zu schlagen.
Ich finde es mutig von Sarah Kuttner, sich einem Thema zuzuwenden, von dem viele -genau wie ich auch- im ersten Moment mit Unverständnis gegenüber den Geschädigten reagieren und den Opfern im schlimmsten Fall sogar einen Mangel an Intelligenz unterstellen. Ja, man hätte diverse Red Flags sehen können- wenn man emotional stabil gewesen wäre. War die Mutter aber nicht.
Danke für diesen gelungenen Einblick in die Manipulation von Menschen, die eigentlich nur nach Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit suchen.

„Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, auch nicht für Hortensien.“

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Veröffentlicht am 10.11.2025

Female Rage

NEMESIS' TÖCHTER
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„Nemesis‘ Töchter“ von Tara-Louise Wittwer habe ich mit unserem Buchclub gelesen, Ohne ihn hätte ich es mir wahrscheinlich auch gar nicht gekauft.
In diesem Buch verbindet @wastarasagt feministische Essays ...

„Nemesis‘ Töchter“ von Tara-Louise Wittwer habe ich mit unserem Buchclub gelesen, Ohne ihn hätte ich es mir wahrscheinlich auch gar nicht gekauft.
In diesem Buch verbindet @wastarasagt feministische Essays mit mythologischen und historischen Erzählungen über Frauen und ihre Wut. Die Autorin zieht Linien von antiken Göttinnen bis zu heutigen Erfahrungen weiblicher Ohnmacht und Rebellion. Das Buch ist ein Mix aus Storytelling, Zeitgeist und feministischer Spurensuche.
Der Einstieg fiel mir etwas schwer, weil es hier gleich mal um eine Auslegung von „The Great Gatsby“ geht, die ich so nicht teile. Dass die Geschichte von F. Scott Fitzgerald gefeiert wurde, die von U. Parrott nicht, kann man Fitzgerald nicht vorwerfen- ich finde nicht, dass er zum brillanten Autor „stilisiert“ wurde, sondern er WAR ein wirklich guter Autor und hat ein brillantes Buch geschrieben. Das darf man ihm nicht abschreiben, auch wenn es Parrott ungerechterweise verwehrt wurde.
(Anm.: Daisy (die Frau!) entscheidet sich gegen den reichen Gatsby…)
Ich habe in diesem Buch viele Aspekte entdeckt, über die ich wirklich länger nachgedacht habe und die ich auch mega wichtig finde. Insgesamt ist es mir too much, dass gefühlt alles female rage zugeschrieben und darauf reduziert wird.
Aber klar, es gibt diese Punkte, es gibt diese Unterschiede- auf jeden Fall! Schönheitsideale, Chill Girls, Pick Me Girls, Männer, die Raum beanspruchen, der ihnen nicht zusteht- ich sehe all das auch, absolut.
Ich weiss nur auch, dass viele Männer in meinem Umfeld mit den Attributen, die ihnen gesellschaftlich zugeschrieben sind, auch nicht glücklich sind und inflationär als „old white men“ bezeichnet werden, obwohl sie ganz anders ticken.
Ich glaub, grundsätzlich bin ich eher Typ Kommunikation und Miteinander als Typ Rage und Vorverurteilung.
Aber noch einmal: In vielem, was die Autorin beschreibt, sieht sie Realitäten, die es unbedingt zu benennen lohnt – gerne auch wütend.

„Von Männern schön gefunden zu werden, ist eine Währung.“

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Veröffentlicht am 01.11.2025

intensive, tiefe Geschichte

Wasser
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Ein ernstes, feinfühliges Buch!
Der Roman „Wasser“ von John Boyne kommt mit seinen nur 142 Seiten dünn daher, es steckt aber sehr in diesem ernsten und intensives Buch.
Die 52-jährige Vanessa Carvin mietet ...

Ein ernstes, feinfühliges Buch!
Der Roman „Wasser“ von John Boyne kommt mit seinen nur 142 Seiten dünn daher, es steckt aber sehr in diesem ernsten und intensives Buch.
Die 52-jährige Vanessa Carvin mietet ein Cottage auf einer kleinen irischen Insel. Sie benennt sich um, wird zu Willow Hale und recht schnell wird klar, dass ihr Aufenthalt auf der kleinen Insel mit dem Tod ihrer ältesten Tochter Emma und ihrem (Ex-) Ehemann Brendan zu tun hat. Dieser sitzt wegen Missbrauch von acht Mädchen im Gefängnis. Willow stellt sich nun in der Einsamkeit peu à peu der Vergangenheit und ihren Schuldgefühlen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Frage, was genau mit Emma geschah, durch die ersten Kapitel des Buches. Ich mochte es gerne, dass der Autor hier immer nur stückweise neue Informationen preisgibt. Erst mal ließ er mich mit den ungeheuerlichen Vermutungen allein, um dann die bittere Wahrheit aufzudecken.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Willow ehrlich über ihre Gefühle spricht und zugibt, dass da immer noch irgendwelche Emotionen im Spiel sind, auch, wenn Brendan widerliche Taten begangen hat, die durch nichts zu rechtfertigen sind.
Im Gespräch mit Tim erfahren wir viel über zwei einander fremde Menschen. Ich hätte gerne erfahren, wie Tim auf Willows direkten Angriff auf sein Verhalten reagiert. Schade, dass es hierauf keinen Hinweis gibt.

Ich mochte die Annäherung von Willow und ihrer zweiten Tochter Rebecca, obwohl ich fand, dass Willow gegenüber ihrer Tochter ein bisschen too much über ihr Sexleben erzählt. Als Brendan Willow aus dem Gefängnis anruft, war ich schon überrascht, wie souverän und reflektiert sie ihre Ansichten formuliert. Auch das erscheint mir ein wenig unglaubwürdig.
Mit kleinen Abstrichen finde ich aber die Beschäftigung mit dem Thema „Schuld“ und die Auseinandersetzung mit der Frage, ob Willow wirklich nichts wusste oder nichts wissen wollte, extrem spannend und gelungen.

„[…] es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben. Vielleicht, weil es so unnatürlich ist.“

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Veröffentlicht am 31.10.2025

viele gute Themen, wenig Tiefe

Bis zum Mond
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Na ja, vielleicht nicht ganz bis zum Mond…
„Bis zum Mond“ von Jang Ryujin habe ich im Rahmen einer Leserunde bei @lovelybooks gelesen. Danke für den netten Austausch und das kostenlose Leseexemplar (@kiwisphere)!
Die ...

Na ja, vielleicht nicht ganz bis zum Mond…
„Bis zum Mond“ von Jang Ryujin habe ich im Rahmen einer Leserunde bei @lovelybooks gelesen. Danke für den netten Austausch und das kostenlose Leseexemplar (@kiwisphere)!
Die drei Arbeitskolleginnen und Freundinnen Da-hae, Eun-sang und Ji-song arbeiten in unterschiedlichen Bereichen des Süßwarenfabrikanten Maron. Als eine von ihnen beginnt, in Kryptowährung zu investieren, kommt sie ihrem Traum, reich zu sein, einen großen Schritt näher.
Im gemeinsamen Urlaub im 7-Sterne-Hotel zeigt sich, dass der Luxus die Freundschaft (kurzfristig) belastet, doch als sie alle gemeinsam um das Wachstum der Währung bangen, ist alles wieder im Lot.
Die ersten zwei Teile habe ich ganz gerne gelesen, weil mich die Themen, die die Autorin anreißt, interessieren: Wohn- und Arbeitsbedingungen in Korea, Kryptowährung, die Frage nach finanzieller Sicherheit und dem Umgang miteinander in der Hierarchie der Firma. Doch schnell wurde mir bewusst, dass die Themen sich nicht weiterentwickeln. Stattdessen plätscherte die Geschichte auch sprachlich monoton vor sich hin.
Insgesamt reihen sich nach meinem Geschmack zu viele absehbare Ereignisse aneinander: Der Chef plant selbst seinen Ausstieg (#barista), eine Freundin lebt ihren Reichtum genau so wie man es erwartet. Dazu kommt noch ein Unfall an einem Fake-Steinhaufen, ein Besuch bei einer Wahrsagerin, der Auftrag, ein Firmensweatshirt zu designen und eine Zuckerwattenmetapher.
Zwischendurch dachte ich dann auch nochmal kurz, ich bin in einer Rimowa-Koffer-Verkaufsveranstaltung gelandet- das war echt ein bisschen strange.
Leider wirkte alles sehr konstruiert, obwohl die Fragen, die angedeutet werden, durchaus spannend sind: Was sind echte Bedürfnisse, was nur wachsende Ansprüche? Gibt Reichtum Freiheit und bringt Zufriedenheit? Was würde ich ändern, wenn ich plötzlich richtig viel Geld hätte?
Ich würde gerne wissen, wie die koreanischen Leser:innen die Geschichte lesen, denn dort ging der Debutroman der 39-Jährigen ja durch die Decke.
„Geld kommt zu den Leuten, die es mögen.“

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Veröffentlicht am 23.10.2025

Super Location für einen super Roman

Gym
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Super Location für eine großartige Story!

In „Gym“ von Verena Keßler (@kessler.verena) startet die namenlose Erzählerin ihren neuen Job als Shakes mischende und Flächen polierende Tresenkraft im MEGA ...

Super Location für eine großartige Story!

In „Gym“ von Verena Keßler (@kessler.verena) startet die namenlose Erzählerin ihren neuen Job als Shakes mischende und Flächen polierende Tresenkraft im MEGA GYM. Beim Vorstellungsgespräch schwindelt sie ihren Chef (bekennender Feminist) an, indem sie behauptet, dass sie gerade entbunden habe und deshalb noch nicht wieder in Shape sei.
Anfangs eine Pflichtübung, wird das Training bald zur Obsession. Die Protagonistin geht vollkommen in ihrem Selbstoptimierungswahn auf, mutiert zum Proteinjunkie, treibt die Trainingssessions ins Unmenschliche und hilft schließlich mit Steroiden nach, um sich zu perfektionieren.
Doch immer wieder blitzt durch, dass in ihrem früheren Job irgendwas gar nicht gut lief und es entsteht der Eindruck, dass sie irgendwie versucht, ihre Vergangenheit wegzutrainieren. Und dabei überschreitet sie mehr als eine Grenze.
Was für ein ungewöhnliches Buch! Die Lüge beim Einstellungsgespräch tritt dabei zunehmend in den Hintergrund, um einer düsteren Vorahnung Platz zu machen, die die wahren Abgründe nur erahnen lässt. Diese dunkle Präsenz im Hintergrund hat mir gut gefallen.
Verena Keßler gelingt es unfassbar überzeugend, den Prozess von harmlosem Training über Effizienzsteigerung bis hin zu zwanghafter Selbstvervollkommnung zu erzählen.
Ich mag ihren klaren, unprätentiösen Stil, die Sprache passt sich der Umgebung an und wirkt dadurch echt authentisch. Was ich während der Lektüre alles wahrgenommen habe! Vom Geschmack über Gerüche bis hin zu echt Unappetitlichem und Abstoßendem war gefühlt alles dabei.
Für mich ein echt lesenswertes Buch über Anspruchsdenken, Grenzüberschreitungen und den Umgang mit Druck, der uns in die Selbstzerstörung treiben kann.
„Ich nahm keinen Raum ein - ich war der Raum.”

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