Zwischen Baum und Meeresschaum
AmphibiumEin Roman über die Schrecken und Wunder des Frauwerdens.
Über das Erwachsenwerden in den 90ern, über Selbstentdeckung, Fremdbestimmung und die Rollen, die wir von der Gesellschaft aufgezwungen bekommen ...
Ein Roman über die Schrecken und Wunder des Frauwerdens.
Über das Erwachsenwerden in den 90ern, über Selbstentdeckung, Fremdbestimmung und die Rollen, die wir von der Gesellschaft aufgezwungen bekommen und glauben spielen zu müssen.
Wer bist du als Mädchen? Wer sollst du als Frau sein?
Bist du Daphne, die sich in einen Baum verwandelt, weil sie zu sehr „geliebt“ wurde? Oder eher die kleine Meerjungfrau, die zu Meeresschaum wird, weil sie zu wenig Liebe erfährt? Und vor allem: Wo dazwischen WILLST du stehen?
In Amphibium verwebt Tyler Wetherall all diese Fragen mit stiller Kraft, poetischer Genauigkeit und psychologischem Tiefgang. Sie erzählt mit einer zarten, fast schwebenden Sprache von Sissy, der Protagonistin, und Tegan, einem Mädchen, mit dem sie nach und nach Freundschaft schließt. Beide tragen ihre Lasten, beide hüten Geheimnisse.
Klug, mal leise, mal laut verwebt Wetherall die Schrecken des Erwachsenwerdens gekonnt mit den Träumereien der Kindheit.
Dabei behandelt sie diese Themen so sensibel und eindringlich, dass ich fast glaube, man könnte dieses Buch auch Onkel Otto beim nächsten Familientreffen in die Hand drücken und -so denn er es wirklich lesen würde-, würde er unter der Last der Erwartungen an junge, verletzliche Mädchen leise schluchzend auf dem Teppich zusammensinken. Das Taschentuch fest an die behaarte Männerbrust gepresst..
Die Figuren sind so lebendig, so fein gezeichnet, dass ich fast glaubte, irgendwo in Südwestengland, in einem Dorf in den 90ern, könnten sie wirklich gelebt haben nicht nur zwischen den Seiten dieses Romans und wer weiß vielleicht erklingt ihr fröhliches Mädchenlachen noch heute in den Wäldern, zwischen Moosen und wilden Bachläufen. Zu wünschen wäre es ihnen irgendwie schon.
Auch die Nebenfiguren bleiben nicht bloßes Beiwerk. Jede einzelne Figur hat Tiefe, Gewicht und Bedeutung.
Wetheralls Stil ist betörend: ein Pendel zwischen Melancholie, Aufbruch und jener besonderen Schwermut, wie sie nur ein Mädchen kennen kann, das gerade an der Schwelle zur Frau steht.
Vielleicht hat es mich deshalb so sehr getroffen: Die Figuren und ich teilen das Geburtsjahr. Die Zeit war dieselbe, der Zeitgeist sowieso: Star-Schnitte an den Wänden, MSN-Chats (bei mir deutlich harmloser), Fotoshootings mit der Einwegkamera in Kleidern aus dem Fundus der Mutter, dazu das übergroße Gefühl, erwachsen zu sein. Sexy zu sein. Und gleich danach: Scham! Schuld! Verlegenes Kichern! Und die Frage: sexy, aber für wen? Was bedeutet es überhaupt und will ich männliche Blicke auf mich ziehen? Aber alle sagen, wenn du Männern gefällst ist das gut und wenn alle das sagen...
Auch das ist eine der großen Stärken dieses Buches: Amphibium ist durch und durch feministisch. Die Kritik am Patriarchat ist spürbar, nicht plakativ, sondern tief in die Sprache und Struktur verwurzelt. Vieles schmerzt beim Lesen, gerade wenn man selbst so groß geworden ist. Aber alles daran ist notwendig.
Kein leichtes Buch, vieles ist nur schwer zu ertragen. Gerade aus erwachsener Perspektive. Das sollte man vor dem Lesen bedenken.
Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie es sich anfühlt, vom Mädchen zur Frau zu werden. Und für alle, die sich wieder daran erinnern wollen.
Für die Mutigen und die Träumer.
Für alle, die sich gefragt haben: Was möchte ich sein? Baum oder Meeresschaum? Und warum scheint es für uns Mädchen dazwischen nichts zu geben?