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Veröffentlicht am 01.07.2025

Zwischen Baum und Meeresschaum

Amphibium
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Ein Roman über die Schrecken und Wunder des Frauwerdens.
Über das Erwachsenwerden in den 90ern, über Selbstentdeckung, Fremdbestimmung und die Rollen, die wir von der Gesellschaft aufgezwungen bekommen ...

Ein Roman über die Schrecken und Wunder des Frauwerdens.
Über das Erwachsenwerden in den 90ern, über Selbstentdeckung, Fremdbestimmung und die Rollen, die wir von der Gesellschaft aufgezwungen bekommen und glauben spielen zu müssen.
Wer bist du als Mädchen? Wer sollst du als Frau sein?
Bist du Daphne, die sich in einen Baum verwandelt, weil sie zu sehr „geliebt“ wurde? Oder eher die kleine Meerjungfrau, die zu Meeresschaum wird, weil sie zu wenig Liebe erfährt? Und vor allem: Wo dazwischen WILLST du stehen?

In Amphibium verwebt Tyler Wetherall all diese Fragen mit stiller Kraft, poetischer Genauigkeit und psychologischem Tiefgang. Sie erzählt mit einer zarten, fast schwebenden Sprache von Sissy, der Protagonistin, und Tegan, einem Mädchen, mit dem sie nach und nach Freundschaft schließt. Beide tragen ihre Lasten, beide hüten Geheimnisse.
Klug, mal leise, mal laut verwebt Wetherall die Schrecken des Erwachsenwerdens gekonnt mit den Träumereien der Kindheit.
Dabei behandelt sie diese Themen so sensibel und eindringlich, dass ich fast glaube, man könnte dieses Buch auch Onkel Otto beim nächsten Familientreffen in die Hand drücken und -so denn er es wirklich lesen würde-, würde er unter der Last der Erwartungen an junge, verletzliche Mädchen leise schluchzend auf dem Teppich zusammensinken. Das Taschentuch fest an die behaarte Männerbrust gepresst..

Die Figuren sind so lebendig, so fein gezeichnet, dass ich fast glaubte, irgendwo in Südwestengland, in einem Dorf in den 90ern, könnten sie wirklich gelebt haben nicht nur zwischen den Seiten dieses Romans und wer weiß vielleicht erklingt ihr fröhliches Mädchenlachen noch heute in den Wäldern, zwischen Moosen und wilden Bachläufen. Zu wünschen wäre es ihnen irgendwie schon.
Auch die Nebenfiguren bleiben nicht bloßes Beiwerk. Jede einzelne Figur hat Tiefe, Gewicht und Bedeutung.
Wetheralls Stil ist betörend: ein Pendel zwischen Melancholie, Aufbruch und jener besonderen Schwermut, wie sie nur ein Mädchen kennen kann, das gerade an der Schwelle zur Frau steht.

Vielleicht hat es mich deshalb so sehr getroffen: Die Figuren und ich teilen das Geburtsjahr. Die Zeit war dieselbe, der Zeitgeist sowieso: Star-Schnitte an den Wänden, MSN-Chats (bei mir deutlich harmloser), Fotoshootings mit der Einwegkamera in Kleidern aus dem Fundus der Mutter, dazu das übergroße Gefühl, erwachsen zu sein. Sexy zu sein. Und gleich danach: Scham! Schuld! Verlegenes Kichern! Und die Frage: sexy, aber für wen? Was bedeutet es überhaupt und will ich männliche Blicke auf mich ziehen? Aber alle sagen, wenn du Männern gefällst ist das gut und wenn alle das sagen...
Auch das ist eine der großen Stärken dieses Buches: Amphibium ist durch und durch feministisch. Die Kritik am Patriarchat ist spürbar, nicht plakativ, sondern tief in die Sprache und Struktur verwurzelt. Vieles schmerzt beim Lesen, gerade wenn man selbst so groß geworden ist. Aber alles daran ist notwendig.

Kein leichtes Buch, vieles ist nur schwer zu ertragen. Gerade aus erwachsener Perspektive. Das sollte man vor dem Lesen bedenken.
Ein Buch für alle, die wissen wollen, wie es sich anfühlt, vom Mädchen zur Frau zu werden. Und für alle, die sich wieder daran erinnern wollen.
Für die Mutigen und die Träumer.
Für alle, die sich gefragt haben: Was möchte ich sein? Baum oder Meeresschaum? Und warum scheint es für uns Mädchen dazwischen nichts zu geben?

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Wie man sich leise kaputtarbeitet und trotzdem gute Noten bekommt. Ein Burnout zwischen den Zeilen.

Emotional Female
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In ihrer Autobiografie „Emotional Female“ nimmt uns Yumiko Kadota mit auf ihren Weg zur Chirurgin: Ein Weg, der (und das ist kein Spoiler) in einem massiven Burnout endete.
Kadota erzählt ihre Geschichte ...

In ihrer Autobiografie „Emotional Female“ nimmt uns Yumiko Kadota mit auf ihren Weg zur Chirurgin: Ein Weg, der (und das ist kein Spoiler) in einem massiven Burnout endete.
Kadota erzählt ihre Geschichte in einem sachlich-nüchternen Ton, der überraschend fesselnd wirkt. Der Text umfasst viele Jahre ihres Lebens und beginnt mit ihrer Kindheit und Jugend. Diese Passagen helfen dabei, bestimmte Verhaltensmuster und Prägungen besser nachzuvollziehen. Kadota wurde zwar nicht in Japan groß, aber nach streng japanischen Werten erzogen. Ein Umstand, der sich im gnadenlosen Klinikalltag nicht immer als Vorteil erweist.
Trotz der zahlreichen medizinischen Fachbegriffe lässt sich das Buch erstaunlich flüssig lesen. Die nüchterne Sprache trägt dazu bei, dass man die vielen Rotationen, die endlosen Ausbildungsjahre und die stetig steigende Belastung wie in einem beschleunigten Strudel erlebt. Ereignisse und Jahre verschwimmen zunehmend, bis am Ende ein grauer Schleier aus Überforderung und Erschöpfung zurückbleibt (im Ernst, ich hatte nicht mal annähernd eine Ahnung, wie hart die Ausbildung wirklich ist). Kadotas Schreibstil verstärkt dieses Gefühl, man liest sich fast selbst in eine emotionale Abstumpfung hinein, ohne es zunächst zu merken. Umso eindrücklicher ist die Wirkung beim Innehalten.
Was mich beim Lesen gestört hat, war Kadotas immer wieder betonte Selbstüberhöhung. Sie ist durchweg die Beste und das wird sie auch nicht müde zu erwähnen. Natürlich erklärt das viel über ihr Selbstbild und die Anforderungen, die sie an sich selbst stellt. Dennoch: Beim fünfzehnten „Ich war wieder die Beste“ fiel es mir schwer, nicht die Augen zu verdrehen.
In wie weit dies bewusst als Stilmittel eingesetzt wird oder doch aus der Überzeugung der Autorin kommt mag ich an dieser Stelle nicht urteilen.

Zudem wirkten einige Aussagen, zumindest in der deutschen Übersetzung, irritierend. So beschreibt Kadota, dass sie erst „mädchenhafte Gespräche“ mit den Krankenschwestern führen musste, um als Ärztin so respektiert zu werden wie ihre männlichen Kollegen.
Das Adjektiv „mädchenhaft“ klingt hier mindestens unglücklich gewählt und wirft für mich Fragen auf. Ich hoffe sehr, dass es sich dabei um eine misslungene Übersetzung handelt, andernfalls bleibt ein fader Beigeschmack mit einer feinen Note aus internalisierter Misogynie im Abgang.
Im Nachwort der deutschen Ausgabe folgt noch eine Information, die viele ihrer Handlungen und Aussagen in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Ohne zu viel zu verraten: Diese zusätzliche Kontextualisierung hat meinen Blick auf Kadota und ihre Geschichte sehr verändert. Ohne zu viel zu sagen: Aufgrund der Tatsache, dass sich manche Dinge erst nach erscheinen der englischen Originalausgabe ergeben haben kann ich verstehen warum dies im Nachwort aufgeführt wird. So haben wir Leser die Möglichkeit das Buch genauso zu lesen, wie es ursprünglich war.

Insgesamt kein „schönes“ Leseerlebnis im klassischen Sinne, dafür ist das Thema zu schwer, aber definitiv ein wichtiges.
„Emotional Female“ ist eine bereichernde Lektüre für alle, die wissen möchten, wie ein Klinikalltag jenseits von Grey’s Anatomy wirklich aussieht. Und für alle, die bereit sind, sich auf eine komplexe, widersprüchliche und nicht immer sympathische, aber sehr menschliche Erzählerin einzulassen.

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Zwischen Genie und Belanglosigkeit und zu oft grundlos unter der Gürtellinie

Starke Meinung zu brennenden Themen
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Hier handelt es sich um eine Kurzgeschichten Sammlung und wie es bei solchen Sammlungen oft der Fall ist, schwanken die Beiträge stark in ihrer Wirkung. Manche Beobachtungen des Lebens sind beeindruckend, ...

Hier handelt es sich um eine Kurzgeschichten Sammlung und wie es bei solchen Sammlungen oft der Fall ist, schwanken die Beiträge stark in ihrer Wirkung. Manche Beobachtungen des Lebens sind beeindruckend, andere Betrachtungen eher belanglos.
Etgar Keret versteht sein Handwerk, das merkt man schnell: Mit sprachlicher Präzision und viel Gespür für Absurditäten zieht er seine Leser:innen in seine Gedankenwelten hinein. Viele der Texte geben kluge Impulse, regen zum Nachdenken an oder werfen Fragen auf, die länger nachhallen.
Dabei changieren die 33 Texte zwischen unglaublich genial und vollkommen banal so stark, dass ich hier wirklich meine Mühe habe eine vernünftige Rezension zu schreiben.
Manche Geschichten waren für mich so tiefgreifend, dass ich das Buch am liebsten nach jedem Text zur Seite gelegt hätte, um darüber zu reflektieren. Andere dagegen ließen mich eher ratlos oder sogar genervt zurück. So sehr, dass ich mich fragte, ob ich überhaupt weiterlesen will.
Was alle Geschichten eint: Sie spiegeln unser urbanes, menschliches Leben wider, oft durchsetzt mit surrealen oder magischen Elementen, die den Blick auf die Absurditäten des Alltags noch schärfer machen. Vielleicht passt es deshalb auch ganz gut, dass nicht alle Geschichten genial, weltbewegend oder besonders bereichernd sind. So ist das Leben, dass ist es schließlich auch nicht immer.

Ein Kritikpunkt, der sich für mich durch fast alle Texte zieht und leider das Lesevergnügen deutlich geschmälert hat: Immer wieder taucht (oft völlig ohne Mehrwert für die Handlung) der männliche Blick auf Sexualität auf, inklusive der obligatorischen Erwähnung männlicher Genitalien. Selbst wenn die Hauptfigur eine Frau ist, bleibt die Perspektive spürbar männlich konnotiert.
Versteht mich nicht falsch: Wenn Sexualität zur Geschichte passt: Ja, dann fein! Aber wenn sie willkürlich eingestreut wirkt, nur damit auch ein bisschen ... Ihr wisst schon: Wie Ines sagen würden, vorkommt... fühlt es sich eher wie eine Verschwendung von Worten an.

Unterm Strich: Eine literarisch spannende Sammlung mit Höhen und Tiefen – aber leider auch mit einem Störgeräusch, das sich durchzieht.

Von daher gibt es von mir an dieser Stelle 2,5-3 Sterne.

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Buch auf, Hirn aus, Spaß hoch

Chosen – Träume aus Gold
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Ein Buch wie ein Abend vorm Bachelor und ähnlich Seelen reinigenden Trash-Tv-Formaten mit prickelnden Sekt-Empfang.
Klar, Ulysses oder Tolstoi ist es nicht, der Anspruch nicht ganz so hoch, die Unterhaltung ...

Ein Buch wie ein Abend vorm Bachelor und ähnlich Seelen reinigenden Trash-Tv-Formaten mit prickelnden Sekt-Empfang.
Klar, Ulysses oder Tolstoi ist es nicht, der Anspruch nicht ganz so hoch, die Unterhaltung dafür aber auf ganz großem Niveau.
Als Leser fiebert man mit, hängt an der Kante des Stuhls (Sessels, Betts, Bodens -wo auch immer ihr lest), Fingernägel kauend und laut ausrufend wenn mal wieder irgendwas passiert (glaubt mir, ich habe es für euch getestet. Live. Bei offenem Fenster. Mit Nachbarn. Yeah...)
Wer gerne mal eine Achterbahnfahrt der Gefühle (rauf, runter, Looping - ohne Gurt) haben möchte, wer dabei gerne fast aus dem Wagen fallen, aber dann doch im letzten Moment sich wieder fangen möchte, der sollte wirklich zu diesem Buch greifen.
Am besten im Doppelpack direkt mit Band zwei. Denn der Cliffhänger am Ende und das Warten darauf wie es weitergeht sind wirklich ganz gemeine Folterinstrumente der Autorin.
Alles andere war eine große Freude!

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Ein urbanes Fantasy Feuerwerk aus Figuren, Flair und Plottwists

Ursula und das V-Team
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Wenn Buffy gemeinsam mit ihren, ebenfalls magisch begabten, Freundinnen in Köln durch die Gegend läuft, um uns alle vor einer Horde untoter Hunnen zu beschützen hat C. K. McDonnall ein neues Buch herausgebracht. ...

Wenn Buffy gemeinsam mit ihren, ebenfalls magisch begabten, Freundinnen in Köln durch die Gegend läuft, um uns alle vor einer Horde untoter Hunnen zu beschützen hat C. K. McDonnall ein neues Buch herausgebracht. Diesmal gemeinsam mit seiner wundervollen Frau Elaine Ofori.
Die von Ihnen erschaffenen Charaktere sind so lebendig & liebenswert (naja, die meisten ;) ), dass ich gerne mal mit ihnen im belgischen Viertel ein hippies, koffeinhaltiges Getränk einnehmen würde, um entspannt ein bisschen über die neuste Weltenrettung zu plaudern.
Wirklich erstaunlich dabei ist, wie bei der Menge an unterschiedlichen Protagonistinnen (& Protagonisten) jede & jeder einen unverkennbaren, eigenen Charakter hat. Wirklich jede Figur hat Wiedererkennungswert und ist liebevoll ausgearbeitet (sogar die "bösen").
Beim lesen begleiten wir immer mal wieder unterschiedliche Charaktere und hier haben wir tatsächlich eines der super seltenen Bücher bei denen mir jede Perspektive gefallen hat & ich nicht schneller gelesen habe, um wieder bei meinen Lieblingsfiguren zu sein.
Wo wir gerade bei Charakteren sind: Auch Köln selbst ist irgendwie mehr als nur der Schauplatz der Handlung.
Köln hat Charakter, das ist klar. Aber hier heißt es irgendwie: Köln IST Charakter!
Die Köln-Liebe & Verbundenheit des Autorenpaars spürt man auf jeder Seite (vor allem schön, wenn man die Schauplätze wiedererkennt).
Es passiert so unglaublich viel zwischen diesen beiden Buchdeckeln, dass man nur so durch die Seiten fliegt, die Geschichte am Ende zuschlägt und während dem Lesen vollkommen aus der Raum-Zeit-Achse gefallen war.
Ein skurrile Idee jagt die nächste und so kommt man als Leser aus dem Staunen, Freuen und atemlos mit den Mädels & Adam durch die Stadt hetzen nicht heraus. Jeder Twist, jeder Turn, jeder Spannungsbogen... Alles fügt sich perfekt zusammen und lässt am Ende zum Glück genug Platz aus diesem wunderbaren Fiebertraum eines Buches einen zweiten Teil zu machen oder vielleicht einen dritten, vierten... Wie wärs mit einer ganzen Reihe?!

Für jeden Urban Fantasy Fan mit Humor.
Kann man auch lesen ohne Köln cool zu finden.

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