Profilbild von dj79

dj79

Lesejury Star
offline

dj79 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dj79 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.07.2022

Schleichender Verlust eines selbst bestimmten Lebens

Die karierten Mädchen
0

Klara ist eine neunzigjährige, bereits erblindete Frau, die ihre Lebenserinnerungen festhält, indem sie unzählige Kassetten bespricht. Das ist eine ganz wunderbare Idee, lässt man die Familie nochmal die ...

Klara ist eine neunzigjährige, bereits erblindete Frau, die ihre Lebenserinnerungen festhält, indem sie unzählige Kassetten bespricht. Das ist eine ganz wunderbare Idee, lässt man die Familie nochmal die eigene Stimme hören und schenkt ihr die Lebensgeschichte, gibt vielleicht das ein oder andere Geheimnis preis. So kann möglicherweise manche Reaktion postum besser nachvollzogen werden.

Wir Leser:innen tauchen ab in Klaras Dasein als junge Frau zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 und begleiten sie bis in die späten 1930er Jahre. Zunächst erleben wir eine glückliche Frau, die unverheiratet und unabhängig ihr Leben gestaltet. Als Lehrerin ist es ihr sogar möglich, ihre Familie, deren Pension schwächelt, zu unterstützen. Bald übernimmt sie sogar für ein Findelkind, Tolla, die Verantwortung. Doch wenig später bekommt das Kindererholungsheim, indem Klara tätig ist, finanzielle Probleme. Eine Lösung könnte staatliche Unterstützung sein. Dazu müssen sich Klara und ihre Kolleginnen allerdings auf die Nationalsozialisten einlassen.

So entwickelt Alexa Hennig von Lange mit ihren „karierten Mädchen“ eine kluge und aus meiner Sicht faire Auseinandersetzung mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Sie beschönigt nichts, macht aber auch die Nöte der einfachen Leute zur Weltwirtschaftskrise sichtbar. Sie transportiert sehr gut Klaras innere Ablehnung des Systems, das sie braucht, um weiterhin kranke Kinder pflegen und Haushaltungsschülerinnen ausbilden zu können. Die Autorin richtet gleichzeitig ihren Blick auf hundertprozentige Befürworter, Extremisten und die von ihnen verübten Gräueltaten.

Ich muss zugeben, ich mag Klara. Eine aus heutiger Sicht bessere Entscheidung ihrerseits hätte für alle Bewohner des Erholungsheimes ein schlechteres Leben bedeutet. Ihr Findelkind hätte sie ebenfalls nicht aufziehen können. Sympathie empfinde ich darüber hinaus, weil sie jede Lücke des Systems nutzt, um ihren Schützlingen ein Stück Selbstbestimmtheit zu vermitteln, auch wenn die Möglichkeiten dafür immer weniger werden.

Sprachlich sind „Die karierten Mädchen“ sehr eingängig. Der Roman liest sich flott, aufgrund der aufgebauten Spannung habe ich gern immer weiter und weiter gelesen. Zudem schwingen durchgehend die Gefühle der Protagonisten mit, so dass ich auch persönlich von Klara‘s Schicksal berührt wurde. Ich fragte mich direkt und nicht ohne Gewissensbisse, wie ich wohl entschieden hätte. Ein persönliches Highlight stellt das anhaltiner Setting, meine Heimat, dar.

Ich kann Euch diesen Roman nur ans Herz legen. Ich selbst fiebere jetzt der Fortsetzung entgegen, denn der vorliegende Roman ist der erste Band einer Trilogie.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.07.2022

Außergewöhnliche Liebe

Jahre mit Martha
0

Željko Drazenko Kovačević, genannt Jimmy, ist Kind von Einwanderern, die zum Arbeiten nach Ludwigshafen gekommen sind. Auf dem Bau und beim Putzen verdienen Jimmys Eltern gerade so viel, dass sie ihre ...

Željko Drazenko Kovačević, genannt Jimmy, ist Kind von Einwanderern, die zum Arbeiten nach Ludwigshafen gekommen sind. Auf dem Bau und beim Putzen verdienen Jimmys Eltern gerade so viel, dass sie ihre fünfköpfige Familie versorgen und in einer Zweizimmerwohnung unterbringen können. Beim vierzigsten Geburtstag seiner Mutter lernt der 15-Jährige Martha Gruber, Professorin in Heidelberg, kennen. In seinen Sommerferien kümmert sich Jimmy um den Garten der Grubers. Marthas Anziehungskraft ist riesengroß. Željko verliebt sich.

Ich mochte Željko. Er ist klug, forscht Themen aus, die er nicht kennt. In der Bibliothek schlägt er Fremdwörter nach, wodurch er vermutlich mehr davon beherrscht als Gleichaltrige mit deutschen Wurzeln. Željko merkt schnell, dass ihm aufgrund seiner Herkunft Steine im Weg liegen, und weiß sehr genau, dass Bildung die Hürden überwinden kann.
In Martha konnte ich mich gut hineinversetzen. Mit beruflich erfolgreichem Werdegang, Mann und Kind steht sie mitten im Leben als sie Jimmy kennenlernt. Vielleicht ist dieses sorglose Leben mit Putzfrau, verwöhntem Kind und regelmäßig abwesenden Mann von einer gewissen Kälte durchdrungen, die durch eine Dankbarkeit und Zuneigung, die Jimmy ihr entgegenbringt, vertrieben werden kann.

So entwickelt sich eine Liebe zwischen den beiden, die manchmal kindlich in einem Rülpswettbewerb endet, die mütterlich wirkt, wenn Martha ihm Bücher schenkt, die aber vor allem von unterdrückter Leidenschaft und Entbehrung geprägt ist. Nur selten geben sich die Liebenden vollends hin. Das macht das Lesen sehr reizvoll und spannend.

Ganz nebenbei taucht man in das Schicksal der Gastarbeiterfamilien und ihren in Deutschland geborenen Kindern ein. Sie sind die Fremden, die mit Vorurteilen bedacht werden und sich doppelt anstrengen müssen, um sich zu bewähren. So tut Željko alles, um sich maximal zu integrieren und ein anerkannter Bürger zu sein. Dabei droht er sich selbst, seine Identität und seine Persönlichkeit, zu verlieren. Das hat mich stark berührt und lässt mich meine empfundene Toleranz neu reflektieren.

Martin Kordić verbindet gekonnt Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik und Zeitgeist. Angenehm in Erinnerung bleiben wird mir die Einbettung seiner Geschichte in das Zeitgeschehen. Seine Ausführungen zu Michael Jackson und zur Fußball-WM in Deutschland haben mich selbst zurückversetzt und das jüngere Lebensgefühl wieder aufleben lassen. Kordićs attraktive, wunderbar lesbare Sprache bildet den perfekten Rahmen für seinen Roman.

Sehr gern empfehle ich die Lektüre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.07.2022

Fall mit interessanter Entwicklung

Später Frost
0

Später Frost ist der erste Fall von nunmehr einer ganzen Krimiserie, die Ingrid Nyström und Stina Forss als Ermitterinnen begleitet. Ich bin ca. mittig in die Serie eingestiegen und verfolge die beiden ...

Später Frost ist der erste Fall von nunmehr einer ganzen Krimiserie, die Ingrid Nyström und Stina Forss als Ermitterinnen begleitet. Ich bin ca. mittig in die Serie eingestiegen und verfolge die beiden seitdem zuverlässig. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, die noch fehlenden Bände zu lesen.

Nach einem Unfall fällt Ingrids Chef für Ermittlungen aus. Nyström übernimmt seinen Posten und bekommt auch gleich Verstärkung aus Berlin, die Deutschschwedin Stina Forss. Kurze Zeit später gibt es auch schon den ersten Mordfall. Ein übel zugerichteter Schmetterlingsforscher, Balthasar Frost, ist das Opfer.

Die erste Hälfte des Krimis beschäftigt sich verstärkt mit dem Ermittlungsteam, das aus einer großen Anzahl an Personen besteht. Hier die Übersicht zu behalten ist bestimmt nicht einfach. Dadurch, dass ich schon einige Bände gelesen habe, kam ich schnell im Personenkarussell zurecht. Allerdings wurde meine Vorstellung zu den Personen, zum Beispiel hinsichtlich des Aussehens, nochmal angepasst.

Durch die Einführungsphase wurde es erst in der zweiten Hälfte richtig spannend. Faszinierend wurde der Fall dadurch, dass er Kreise zog. Sah es zunächst nach eine lokalen Tat aus, wuchs er sich nach und nach international aus. Stina Forss darf auch schon ein erstes Mal ihren impulsiven Charakter offenbaren. Auch wenn in diesem ersten Band noch nicht allzu viel verraten wird, merkt man, dass beide Hauptfiguren schon ein Päckchen zu tragen haben. Was das genau sein wird, werden vielleicht die nächsten Bände zeigen.

Ich mag im Übrigen die Aufteilung der Ermittlungsarbeit in Tage und untertägig in recht kurze Kapitel. Für mich entsteht dadurch ein zusätzlicher Sog, der mich zügig weiterlesen lässt. Darüberhinaus wirft das Autorenpaar hin und wieder einen Blick auf den Täter, so dass bei mir der Eindruck eines Wissensvorsprungs gegenüber Nyström und Forss entstanden ist.

Insgesamt mochte ich auch diesen Fall und freue mich nun auf den Nächsten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.07.2022

Vertiefung einer Gesellschaftskritik

Dämmerstunde
0

Dämmerstunde von Hwang Sok-yong nimmt uns mit in eine ferne fremde Gesellschaft, die rücksichtslos ihre Schwachen wie Müll beiseite schiebt, um der aufstrebenden Wirtschaft und dem modernen Wohnungsbau ...

Dämmerstunde von Hwang Sok-yong nimmt uns mit in eine ferne fremde Gesellschaft, die rücksichtslos ihre Schwachen wie Müll beiseite schiebt, um der aufstrebenden Wirtschaft und dem modernen Wohnungsbau Platz zu machen. Hier begegnen wir Bak Minu, einen alternden Architekten, der aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, eine imposante Karriere hingelegt hat. Er blickt auf das eigene Leben mit all seinen Begegnungen zurück, hinterfragt vielleicht so manche Entscheidung. Als zweiter Charakter tritt Dschong Uhi auf die Bühne. Sie ist Theaterregisseurin vor dem sogenannten Durchbruch, die sich durch Nachtschichten in einem 24-Stunden-Nahversorger über Wasser hält.

Obwohl beide ganz unterschiedliche Charaktere sind, sich also nicht nur ihres Alters wegen massiv unterscheiden, gibt es doch Parallelen. Sowohl Bak Minu als auch Dschong Uhi halten mit strenger Disziplin an ihren Lebensträumen fest. Dem ordnen beide alles unter, bringen so manches Opfer. Sie besitzen eine außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit, fallen niemals aus dem Rahmen, bleiben komplett unauffällig, so wie es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Die gesamte Lesezeit habe ich den beiden eigentlich mehr Leben und ein bisschen weniger strebsame Arbeit gewünscht.

Der Autor pflegt eine eher distanzierte, beschreibende Sprache. Trotzdem ist es Hwang Sok-yong gelungen, dass mir seine beiden Hauptfiguren ans Herz gewachsen sind. Ich konnte die Handlungsweisen von Uhi und Minu in ihrem Umfeld gut nachvollziehen, mich gut in beide hineinversetzen, sie ein stückweit verstehen. Anspruchsvoll fand ich die Umsetzung mittels verschiedener Ich-Erzählstimmen, da es mich jeweils einen Moment gekostet hat, den Personenwechsel zu erkennen. Herausfordernd waren auch die immensen Zeitsprünge. Dadurch hat es eine Weile gedauert, sich an den Erzählstil zu gewöhnen. Letzten Endes passen allerdings Geschichte und Schreibstil sehr gut zusammen.

Am besten hat mir das Anknüpfen dieses Romans an seinen Vorgänger „Vertraute Welt“, den ich im letzten Jahr gelesen hatte, gefallen. So wirkt „Dämmerstunde“ ein wenig wie eine Fortsetzung ohne tatsächlich eine zu sein. Ich habe mich jedenfalls gern an „Vertraute Welt“ erinnert und mit der aktuellen Lektüre den Faden, Südkorea und seine Gesellschaft besser kennen zu lernen, wieder aufgenommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.06.2022

Melancholisch verrückte Flucht vor dem Virus

Landpartie
0

Zu Beginn der Pandemie verlassen ein paar Studienfreunde New York und begeben sich auf Einladung von Sasha Senderovsky in dessen Bungalowsiedlung. Bei gutem Essen und anregend gehobenen Gesprächen wollen ...

Zu Beginn der Pandemie verlassen ein paar Studienfreunde New York und begeben sich auf Einladung von Sasha Senderovsky in dessen Bungalowsiedlung. Bei gutem Essen und anregend gehobenen Gesprächen wollen sie dem Virus ein Schnippchen schlagen und das Virus einfach aussitzen. Doch das ist schwieriger als gedacht, da alle Beteiligten unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben und somit jeweils ganz andere Päckchen mit sich rumtragen. Zudem ist die Bungalowsiedlung in vielerlei Hinsicht marode, in Senderovskys Portemonnaie herrscht Ebbe.

Vor diesem Hintergrund lernen sich die alten Kollegen neu kennen und verbringen mit tollem Wein und exzellentem Fleisch schöne Abende auf der Terrasse des Haupthauses. War das nur die Aufrechterhaltung einer Fassade? Als bald ein besonderer Gast, der Schauspieler, eintrifft, ist es mit der Harmonie vorbei.

Als Leser:in erlebt man ein Potpourri aus Neid und Missgunst, aus Sehnsucht und unerfüllten, weil unausgesprochenen Wünschen. Gleichzeitig ist Landpartie aber auch eine Geschichte um Beziehungsprobleme, abkühlende Gefühle in einer Ehe und die damit einhergehende Unsicherheit. Als Einwanderergeschichte setzt sich der Roman mit den Identitäten der multinationalen Charaktere und ihrem Standing innerhalb der amerikanischen Gesellschaft auseinander.

Generell liebe ich die mitschwingende Melancholie der russischen Literatur, die hier über den Charakter des russischstämmigen Schriftstellers Sasha Senderovsky transportiert wird. Ich mag auch die Gemächlichkeit, in der die Geschichte vorangetrieben wird. Einen Klemmer habe ich hinsichtlich der Charaktere an sich. Ich konnte ihnen nicht wirklich nahe kommen. Am entferntesten habe ich den namenlosen Schauspieler empfunden. Vielleicht entsteht die Distanz aus der mitschwingenden Überheblichkeit dem Virus und dem bisherigen Beziehungsgeflecht gegenüber. Zwischendurch wirkt das Gehabe ein bisschen wie Springbreak in Tijuana.

Über weite Strecken mochte ich den Roman trotz der charakterlichen Schwächen. Denn genau diese verdeutlichen den kritischen Blick des Autors auf die Gesellschaft. Ganz oft musste ich wegen der überspitzten Darstellung in mich hinein schmunzeln. Zum Ende hin wurden es mir allerdings zu viele Träumereien und zu sehr fantasierende Szenen, so dass ich kaum noch folgen konnte. Hier ist Gary Shteyngart für meinen Geschmack über das Ziel hinausgeschossen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere