Hungern nach Anerkennung und Liebe
Fliegende HundeNachdem ich „Der Hausmann“ von Wlada Kolosowa geliebt hatte, wollte ich gerne noch mehr von der Autorin lesen.
Ihr Roman „Fliegende Hunde“ ist bereits 2018 erschienen. Hier geht es um die beiden 16jährigen ...
Nachdem ich „Der Hausmann“ von Wlada Kolosowa geliebt hatte, wollte ich gerne noch mehr von der Autorin lesen.
Ihr Roman „Fliegende Hunde“ ist bereits 2018 erschienen. Hier geht es um die beiden 16jährigen Freundinnen Oksana und Lena, die in einem trostlosen Vorort von Sankt Petersburg leben. Schon ihr Leben lang teilen sie alles miteinander, ihre Träume und Sorgen, und heimlich auch Berührungen, nachts, heimlich; sie reden nicht darüber und niemand darf davon erfahren.
Lena flieht vor der Tristesse wohl ebenso wie vor dem heimlichen Begehren und zieht als Model nach China. Vom erhofften glamourösen Modelleben ist leider nicht viel zu spüren. Sie teilt sich ein schäbiges Apartment mit mehreren anderen Models, hat kaum Geld für Miete und Essen. Ihr Körper gehört nun ihrem Agenten, den zahllosen Fotografen und den schmierigen Kunden. Der Fotograf Steve zeigt mehr als berufliches Interesse an ihr, doch Lena ist auf Support angewiesen, um als Model Erfolg zu haben.
"Lena konnte sich diese Bilder stundenlang angucken, diese atemberaubende, seltsame Frau, die nur entfernt etwas mit ihr zu tun hatte. Sie schien entrückt, stark, begehrenswert. So sieht Steve mich also, dachte Lena. Es erfüllte sie mit Stolz und machte die Bettgeschichte für sie erträglicher.
Sex war unangenehmer als Modeln, aber im Prinzip nicht so viel anders: ein Bewegungsablauf, an denen man sich nach einiger Zeit gewöhnte."
Inzwischen ist Oksana in Sankt Petersburg sehr einsam ohne Lena, besonders die Berührungen und Nähe fehlen ihr.
"Im warmen Wasser zu sein war das, was Lenas Berührung am nächsten kam. Seit sie fort war, hatte niemand Oksana angefasst, außer ihre Mutter, die ihr ab und an flüchtig den Kopf tätschelte. Dieser Hunger nach Körperkontakt setzte Oksana mehr zu als das halbherzige Fasten. Lenas Abwesenheit kam ihr vor wie ein Hungern der Haut, der Hände, der Nase. Manchmal, wenn sie nach Sankt Petersburg fuhr und der Bus eine scharfe Kurve nahm, lehnte sie sich mit Absicht zu stark gegen benachbarte Fahrgäste, nur um einen anderen Körper an ihrem zu spüren."
Oksana möchte unbedingt abnehmen, nachdem ihr Körper permanent als zu dick kommentiert wurde. Sie landet bei einer Online-Community für Magersüchtige. Immer tiefer rutscht sie ab, wird quasi Expertin für die sogenannte „Leningrad-Diät“, testet Rezepte, die damals während der Belagerung von Leningrad die einzige Ernährung der Menschen war. Im Forum sind ihre Rezepte für Erdkaffee und Ledergürtelsuppe beliebt.
"Auch wenn sie nicht die Willenskraft aufbrachte, sich zu Tode zu hungern wie die anderen, waren sie sich in einem gleich: Sie alle spürten, dass sie kaum Einfluss auf die Welt hatten und keine Kontrolle über ihr Leben, nur über ihren Körper. Alle hatten Probleme, manche mehr manche weniger. [...] Die Diät wirkte wie ein Betäubungsmittel. Wenn man sich auf das fokussierte, was man aß oder nicht aß, blendete man vieles andere aus. Und wie jedes Betäubungsmittel machte es süchtig."
Dass Mammut, ein Junge aus der Nachbarschaft, sich um Oksana bemüht und eigentlich viel netter ist als sie dachte, realisiert sie gar nicht wirklich.
Als Lena während der Weihnachtsferien nach Hause kommt, braut sich emotional etwas zusammen.
„Fliegende Hunde“ kommt leider nicht an den großartigen Roman „Der Hausmann“ heran. Dennoch ist das Talent der Autorin auch hier schon erkennbar. Besonders der historische Kontext war sehr gut in das heutige Geschehen eingebaut. Auch die Sehnsüchte der Mädchen, das Hadern mit den vermeintlich verbotenen Gefühlen füreinander, all das konnte ich sehr gut nachempfinden.
Mir hat der Roman insgesamt gut gefallen, nur mit dem Ende bin ich nicht komplett zufrieden