Toller Schreibstil, Geschichte leider nicht überzeugend - 3,5⭐️
Frauen im SanatoriumNachdem ich die Erzählungen aus Anna Prizkaus Buch „Fast ein neues Leben“ sehr gut fand, war ich sehr gespannt auf ihren ersten Roman mit dem Titel „Frauen im Sanatorium“.
Hier geht es um Anna, die nach ...
Nachdem ich die Erzählungen aus Anna Prizkaus Buch „Fast ein neues Leben“ sehr gut fand, war ich sehr gespannt auf ihren ersten Roman mit dem Titel „Frauen im Sanatorium“.
Hier geht es um Anna, die nach einem etwas „verkappten“ Selbstmordversuch im Sanatorium landet.
Dort lernt sie Elif kennen, die sich jeden Tag ein neues Märchen ausdenkt; niemand weiß so recht, was an ihren Geschichten wahr ist und was nicht.
Dann ist da noch Marija, die permanent endlose Monologe über ihre tolte Mutter hält.
Und die Soldatin Katharina, die sich nach einem traumatisierenden Einsatz im Sanatorium jede Nacht betrinkt.
Anna redet jeden Tag mit dem Flamingo Pepik im Kurpark; ihm erzählt sie von ihrer Emigration und über redet über die Liebe.
Kann Anna wieder glücklich werden und in ihr altes Leben zurückkehren?
"Ich öffne im Telefon die Fotos. Die Frau, die ich da sah, war einmal ich gewesen. Sie schaute glücklich und verlogen. Das war mein schönes, falsches Leben früher: [...]
Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder wie sie sein könnte und wie die Frau in meinem Telefon."
Ich mochte, wie schon in ihrem Erzählband, den Schreibstil von Anna Prizkau sehr!
"Wir waren in Deutschland. Die ersten Jahre waren schlecht. Meine Eltern redeten nicht mehr. Sie schrien. Ich wollte wieder in das andere Land, in unsere alte Stadt, in unsere kleine Wohnung. Sie hatte keinen Flur gehabt, zwei Zimmer und orangefarbene Tapeten. In Deutschland war die neue Wohnung groß, aber am Anfang leer. Es gab kaum Geld und deshalb wenig Möbel. Ich weinte jeden Tag, weil meine Eltern schrien und weil ich in der neuen Schule nichts verstand - die Sprache nicht, die Kinder nicht. Ich war mir sicher, dass auch mein Vater weinte Punkt denn seine Augen waren immer klein, geschwollen, und seine Nasenspitze war auf rot. Ich sah nie, wie er weinte. Ich sah, wie glücklich meine Mutter war. Schon nach ihrem zweiten Deutschkurs hatte sie eine Arbeit, die sie liebte. Sie mochte unser neues Leben. Doch es gefiel ihr nicht, wenn ich zu Hause weinte. Sie wollte es nicht sehen. Mein Vater musste mich dann immer in der Toilette ansperren, ohne Licht. Ich hatte Angst und schrie. Die Tür durfte er erst aufmachen, wenn ich ruhig geworden war. Er küsste mich danach auf meine Stirn, und seine kleinen Augen waren noch ein wenig kleiner - er wusste, was er tat. Manchmal gab er mir eine Taschenlampe, bevor er die Toilettentür zuschloss. Das waren die guten Tage.
Nach zwei oder drei Jahren hörte ich auf zu weinen, ich hatte es verlernt. Ich musste nicht mehr in den schwarzen Raum."
Leider konnte mich die Geschichte an sich nicht wirklich abholen. Etwa bis zur Hälfte des Buches war ich noch ziemlich begeistert, leider konnte sich das nicht bis zum Ende halten. Das Buch lässt mich etwas ratlos zurück, mir fehlt hier der tiefere Sinn, so dass ich trotz des großartigen Schreibsstils leider nur 3,5 Sterne vergebe.