Cover-Bild Rezitativ
(3)
  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
20,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Rowohlt
  • Themenbereich: Belletristik - Kurzgeschichten
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 96
  • Ersterscheinung: 14.03.2023
  • ISBN: 9783498003647
Toni Morrison

Rezitativ

Die einzige Erzählung der Nobelpreisträgerin
Tanja Handels (Übersetzer)

Die Wiederentdeckung von Toni Morrisons einziger Erzählung ist eine literarische Sensation und enthält die Quintessenz ihres Schaffens. Die Nobelpreisträgerin spielt darin mit unserer Wahrnehmung: Von Beginn an wissen wir, dass eine der beiden Hauptfiguren schwarz ist und die andere weiß – doch welche ist welche?

Twyla und Roberta begegnen sich als Achtjährige im Kinderheim. Sie werden Vertraute, geben einander Halt und Trost. Sie sind unzertrennlich, doch später verlieren sie sich aus den Augen. Zufällig begegnen sie einander immer wieder, erst in einem Diner, dann im Supermarkt und bei einer Demonstration. Sie stehen in jeder Hinsicht auf verschiedenen Seiten und sind sich uneinig über die wichtigsten Fragen – trotzdem fühlen sich die beiden Frauen einander tief verbunden.

Rezitativ erzählt eindrucksvoll und mit frappierender Aktualität über eine Mädchenfreundschaft und die Auswirkungen von Rassismus und Klassenzugehörigkeit auf die Beziehungen, die unser Leben prägen.

Dieses Produkt bei deinem lokalen Buchhändler bestellen

Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.10.2023

Ein so lehrreiches Buch, dass es an europäischen Schulen Einzug halten sollte.

0

Twylas Mutter Mary tanzt die ganze Nacht, Robertas Mutter ist krank. Das ist der Grund warum sich die beiden Mädchen in einem Heim begegnen. Obwohl sie äußerlich unterschiedlich scheinen, eint sie die ...

Twylas Mutter Mary tanzt die ganze Nacht, Robertas Mutter ist krank. Das ist der Grund warum sich die beiden Mädchen in einem Heim begegnen. Obwohl sie äußerlich unterschiedlich scheinen, eint sie die Erfahrung vernachlässigt, nicht gesehen oder gehört zu werden. Dank einem tiefen Verständnis füreinander freunden sich die beiden an. Die großen Mädchen, Gar-Girls machen den beiden Angst, sie quälen die Jüngeren, stellen Beine, rufen Ausdrücke hinterher. Das Küchenmädchen Maggie wurde auch schon von ihnen zu Fall gebracht und sie kann nicht einmal Schreien. Maggie wird für Twyla die Stellvertreterin ihrer tanzenden Mutter, taub und stumm. Kein Mensch dadrinnen, der hörte, wenn man nachts weinte.

Diese außergewöhnliche Kurzerzählung, die einzige, die Toni Morrison schrieb, hat es in sich. Nicht nur des Themas wegen, sondern weil die Autorin die Geschichte einer weißen und einer schwarzen Frau erzählt, jedoch an keiner Stelle preisgibt, wer welche Hautfarbe hat. Sie überlässt die Auseinandersetzung den Leser:innen. Rezitativ war als literarisches Experiment gedacht. Und bei mir hat es wunderbar funktioniert. Während des Lesens habe ich ständig versucht, anhand irgendwelcher Attribute einzuschätzen, wer die “Weiße” ist und welche die “Schwarze”.

Ist Twyla die Schwarze, weil sie die Hauptprotagonistin einer schwarzen Ich-Erzählerin ist? S. 51

Das sie sich nie die Haare waschen und komisch riechen. Wie Roberta, also sie roch wirklich komisch. S. 53

Die Geschichte endet auf Seite 43 und dann beginnt das Nachwort, ein Essay von Zadie Smith. (Britische Schriftstellerin) Sie analysiert die Geschichte und findet ganz großartige Worte, die nicht belehren wollen, sondern mit großer Toleranz für beide Seiten einer Schwarz-Weiß-Konstruktion, Lösungen sucht.

Geschichte wird nie vollständig wiedergegeben, viele wollen vergessen, dass die Geschichte des afrikanischen Kontinents, eben auch eine Geschichte über die lange, blutige, verworrene Begegnung mit der europäischen Bevölkerung ist.

Wenn in der Präsentation eines alten englischen Herrenhauses nicht nur berichtet wird, woher die schönen Gemälde stammen, sondern auch woher das Geld kam, mit dem sie erworben wurden – wer wie und warum leiden musste und ums Leben kam, um dieses Geld zu beschaffen, dann wird Geschichte vollständig erzählt.

Wir leben seit vielen hundert Jahren in bewusst rassifizierten, menschengemachten Strukturen – mit anderen Worten, in gesellschaftlich verankerten und mitunter gesetzlich verpflichtenden Fiktionen, die sich als unfähig erweisen, Unterschiede und Gleichberechtigung nebeneinander anzuerkennen.

Wie können wir das schmutzige Badewasser “Rassismus” jetzt plötzlich ausschütten, wo wir das Kind race jahrhundertelang so fest ans Herz gedrückt und – selbst wenn wir das ganze Grauen mitrechnen – auch so viel schönes aus ihm erschaffen haben?

Fazit: Ein wohltuendes Buch, das mich meinen eigenen Hang zu Vorurteilen erkennen lässt, ohne mich dafür zu verurteilen. Ein Buch, das an europäischen Schulen Einzug halten sollte und Schüler darüber nachdenken lassen könnte, warum wir uns in diesem System zwangsläufig an anderen bereichern, denen es schlechter geht, je besser es uns geht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.09.2025

Eine Freundschaft als Spiegel unserer Stereotype

0

Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die ...

Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die uns Leser:innen mit unseren eigenen Zuschreibungen konfrontiert. Morrison (1931–2019), Nobelpreisträgerin für Literatur, zählt zu den bedeutendsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. Als Lektorin, Autorin und Essayistin hat sie nicht nur das literarische Feld geprägt, sondern auch das Bewusstsein für schwarze Stimmen weltweit gestärkt.

Worum geht’s genau?

Twyla und Roberta lernen sich als Achtjährige in einem Kinderheim kennen. Sie sind beide Außenseiterinnen, geben einander Halt – und verlieren sich später wieder aus den Augen. Doch das Leben führt sie immer wieder zusammen: in einem Diner, in einem Supermarkt, bei Protesten. Was die beiden verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit, doch ihre Lebenswege trennen sich. Von Anfang an wissen wir: Eine von ihnen ist schwarz, die andere weiß – doch welche welche ist, bleibt offen. Morrison lässt uns bewusst im Unklaren und macht daraus ein literarisches Experiment, das uns zwingt, über unsere eigenen Stereotype nachzudenken.

Meine Meinung

Wir haben das Buch im Buchclub gelesen – und ich kann nur sagen: Was für ein Ritt. Die Erzählung selbst umfasst knapp 40 Seiten, ergänzt durch ein ausführliches Nachwort von Zadie Smith. Ohne dieses Nachwort hätte ich vermutlich den Kern nicht vollständig erfasst, denn auch ich bin in Morrisons sorgfältig gelegte Falle getappt: Ganz selbstverständlich habe ich beim Lesen versucht, die beiden Mädchen einer Hautfarbe zuzuordnen. Erst später durch das Nachwort wurde mir klar, dass genau das der Punkt ist. Morrison schrieb Rezitativ 1983, doch die Aktualität ist frappierend. Sie zeigt, wie schnell wir in Stereotypen denken – anhand von Kleidung, Verhalten, Berufen oder Herkunft.

Der Text ist knapp, aber dicht. Jedes Wort sitzt, jedes Bild ist präzise gesetzt. Zadie Smith’ Nachwort erweitert den Blick noch einmal enorm: Sie beschreibt, wie Morrison das Experiment bewusst konzipiert hat und wie es uns zwingt, über Kategorien wie „schwarz“ und „weiß“ hinauszudenken – hin zu dem, was Menschen wirklich verbindet. „Eine Rätselgeschichte also ein Spiel. Nur dass Toni Morrison eben nicht spielt. Es war ihr sehr ernst damit, als sie Rezitativ als » Experiment» bezeichnete. Und das Versuchskaninchen bei diesem Experiment ist das Publikum.“ (S. 49). Diese Leerstelle zwingt uns, eigene Vorurteile zu reflektieren. Für mich hatte dieses Experiment mehr Wirkung als viele theoretische Abhandlungen über Rassismus.

Fazit

Rezitativ ist eine außergewöhnliche Erzählung, die uns unsere eigenen Vorurteile vor Augen führt, ohne belehrend zu sein. Kurz, präzise, klug und von zeitloser Relevanz – eine Lektüre, die in Schulen gelesen werden sollte. Empfehlenswert für alle, die sich mit Rassismus, Identität und literarischen Experimenten auseinandersetzen wollen, weniger für jene, die eine klassische, abgeschlossene Erzählung erwarten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2025

Rezitativ: Ein Spiel mit Wahrnehmung und (unbewussten) Zuschreibungen

0

Toni Morrisons einzige Erzählung, „Rezitativ“, erschien erstmals 1983 und wurde erst 40 Jahre danach ins Deutsche übersetzt. Eine sehr kurze Erzählung, die jedoch definitiv eine Herausforderung für die ...

Toni Morrisons einzige Erzählung, „Rezitativ“, erschien erstmals 1983 und wurde erst 40 Jahre danach ins Deutsche übersetzt. Eine sehr kurze Erzählung, die jedoch definitiv eine Herausforderung für die Leser*innen ist.

Erzählt wird die Geschichte von Twyla und Roberta, zwei Mädchen, die sich im Waisenhaus kennenlernen. Eins der Mädchen ist schwarz, eines ist weiß – man erfährt jedoch nie wirklich, welches Mädchen nun welche Hautfarbe hat.

"Schlimm genug, früh am Morgen aus dem eigenen Bett geholt zu werden - aber dann noch an einem fremden Ort festzusitzen, zusammen mit einem Mädchen von ganz anderer Hautfarbe!"

Die beiden Mädchen werden Freundinnen, sind beide Außenseiterinnen im Waisenhaus, da ihre Mütter noch leben. Im Waisenhaus sind sie unzertrennlich, doch als zuerst Roberta das Waisenhaus wieder verlässt, verlieren die beiden sich aus den Augen.
Erst viele Jahre später begegnen sie sich wieder, zufällig, immer wieder; mal in einem Restaurant, im Supermarkt und bei einer Demonstration. Hier wird klar, dass sie auf verschiedenen Seiten stehen und grundsätzlich andere Ansichten haben – weiterhin unklar bleibt, wer nun Schwarz und wer weiß ist. Auch ihre Erinnerung an die Zeit im Waisenhaus scheint grundverschieden zu sein.

"Ich hatte sie nicht getreten; ich hatte mich nicht mit den Gar-Girls zusammengetan und diese Frau getreten, aber ich hätte es gewollt. Wir haben zugeschaut, haben nicht versucht, ihr zu helfen, und auch keine Hilfe geholt. Maggie war meine tanzende Mutter. Taub, wie ich glaubte, und stumm. Kein Mensch dadrinnen. Kein Mensch, der hörte, wenn man nachts weinte [...] Und als die Gar-Girls sieht zu Boden drückten und misshandelten, da wusste ich, sie würde nicht schreien, sie konnte es nicht - genau wie ich, und darüber freute ich mich."

"'Ach, Twyla, du weißt doch, wie das damals war: schwarz und weiß. Du weißt doch, wie das alles war.' Aber ich wusste es nicht. Ich dachte, es wäre genau umgekehrt gewesen. [...] Im Howard Johnson bekam man alles zu sehen, und Schwarze und Weiße gingen damals sehr freundschaftlich miteinander um."

Es ist von Anfang an ein Verwirrspiel; ein geschicktes Spiel mit Wahrnehmung und (unbewussten) Zuschreibungen. Auch wenn mich die Geschichte an sich nicht komplett abholen konnte, fand ich diesen Aspekt am interessantesten; wie man gezwungen wird, sich mit seinen Vorurteilen und eigenen Annahmen auseinanderzusetzen.

Das recht lange Nachwort von Zadie Smith fand ich durchaus interessant und hilfreich zum besseren Verständnis bzw. Selbstreflektion.

"Ein Großteil des hypnotischen Sogs der Erzählung entsteht aus der ersten Bedeutung von "typisch": dass etwas charakteristisch ist. Beim Lesen wollen wir die diversen Charakteristika, die uns da gezeigt werden, unbedingt kategorisieren. Nur wie? Meine Mutter tanzte sind die ganze Nacht, und die von Roberta war krank. Also dann, welche Mutter neigt wohl dazu, die Nächte durchzutanzen? Eine schwarze oder eine weiße? Und wessen Mutter ist wohl eher krank? Ist Roberta ein "schwärzere" Name als Twyla? Oder umgekehrt? Und wie sieht es mit der Stimme aus? Twyla ist die Ich-Erzählein, vielleicht neigen wir also der alltagspsychologischen Interpretation, dass sie das schwarze Mädchen sein muss, schließlich ist ihre Autorin schwarz."

"Anderes gesagt, wir hören Twyla sprechen, und wir hören Roberta sprechen, und obwohl sie sich klar voneinander unterscheiden, sind wir doch nicht in der Lage, den einen Unterschied zu entdecken, den wir eigentlich entdecken wollen."

Mein Fazit: Kein direktes Highlight, aber durchaus eine sehr interessante Leseerfahrung zu den Themen Vorurteile, Rassismus und Klassenzugehörigkeit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere