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Veröffentlicht am 03.12.2020

Familienchronik vor dystopischem Hintergrund ...

Das Flüstern der Bäume
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… oder generationsübergreifender Abenteuerroman oder doch eher eine Sammlung von Entwicklungsgeschichten im konstruierten Zusammenhang?

Die Zuordnung ist gar nicht so einfach. Der Autor erzählt genreübergreifend, ...

… oder generationsübergreifender Abenteuerroman oder doch eher eine Sammlung von Entwicklungsgeschichten im konstruierten Zusammenhang?

Die Zuordnung ist gar nicht so einfach. Der Autor erzählt genreübergreifend, bedient sich einem ungewöhnlichem chronikartigem Aufbau – von der Zukunft hangelt er sich von Generation zu Generation in die Vergangenheit und wieder zurück.
Er jongliert mit unterschiedlichen Perspektiven, scheut keinen Wechsel von personalen zum auktorialen Erzähler und zurück und überschwemmt den Leser mit seiner süffigen Sprache voller bizarren Vergleichen. Nicht alles funktioniert, manches bleibt mehr Schein als Sein. Und doch entwickelt die Geschichte eine eigene Dynamik, der ich mich nicht entziehen kann.

Es sind die Menschen, von denen dieses Buch erzählt - Menschen in einer ungastlichen Welt - Menschen, die Familie erfinden und doch nicht leben können. Sie geben ihrer Sehnsucht nach, gehen Wege abseits der Gesellschaft, werden von alten Dämonen gejagt, verletzen sich, verlassen sich und versuchen bis zum Ende, sich selbst treu zu bleiben. Man kann sie nicht alle mögen, aber verstehen kann man sie gut. Und auch ihren Dialog mit den Bäumen.

Es gibt so viele Details die besonders sind. Ungewöhnliche Charaktere, abstoßende Entscheidungen, krasse Lebenswege und eine Atmosphäre voller harziger Gerüche, Blätterrauschen und Rattern von Kettensägen. Die Geschichte entwickelt sich Schicht um Schicht und damit eine eigene Spannung. Ein Twist jagt den nächsten, strapaziert einige Mal meinen Realitätssinn. Doch ich verzeihe es, weil es nicht nur dem Plot dient, sondern ich längst an die Protagonisten gebunden bin und nicht mehr loslassen kann. Das ist es auch was mich versöhnt - mit dem etwas langatmigen auktorialen Mittelteil, der blassen Dystopie, die nur Hintergrund sein darf, und manchem sperrigem Wortspiel. Die Menschen sind echt und erreichen mich.

Fazit: Ungewöhnliche Geschichte für experimentierfreudige Leser.

  • Cover
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.11.2020

Eine Geschichte, die den Leser warm umspült und dann davonträgt

Was der Fluss erzählt
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Das Gebiet von Crickdale bis Oxford entlang der Themse im späten 19. Jahrhundert. Die Menschen leben mit dem Fluss und vom Fluss. Er bestimmt ihren Alltag, ihren Aberglauben und ihre Geschichten.

In der ...

Das Gebiet von Crickdale bis Oxford entlang der Themse im späten 19. Jahrhundert. Die Menschen leben mit dem Fluss und vom Fluss. Er bestimmt ihren Alltag, ihren Aberglauben und ihre Geschichten.

In der Wirtsstube des Swans treffen sich die Menschen nach getaner Arbeit und lieben es, in Geschichten zu schwelgen, sie verweben die losen Enden der Ereignisse zu ihren eigenen Erzählungen und feilen solange daran, bis Wahrheit und Erzählung eine Einheit bilden.

Plötzlich stolpert ein schwerverletzter Mann herein, in seinem Armen ein lebloses kleines Mädchen. Die eilig herbeigerufene Krankenschwester kann nur noch den Tod des Kindes feststellen. Stunden später bemerkt sie, dass das Mädchen wieder atmet. Ein Wunder? Zauberei? Es gibt keine wissenschaftliche Erklärung. Niemand weiß, woher das Mädchen gekommen ist. Und doch melden am nächsten Morgen drei Parteien Ansprüche an. Eine Spurensuche beginnt und allerhand versunkene Geheimnisse treten ans Licht. Die Identität des Mädchens und ihre Geschichte scheinen untrennbar mit dem Fluss verwoben.

Eine Geschichte, wie ein Feuer an trüben und ungemütliche Wintertage. Ihr warmer Erzählton nimmt mich gefangen und führt mich unter die Menschen am Fluss. Ich versinke so tief, dass der Alltag völlig verblasst. Ich fühle die Feuchtigkeit des Flusses, rieche die Armut mancher Häuser und sehe die Sorgenfalten der Menschen. Die Geschichte folgt keinem gradlinigen Plot, sie folgt dem Verlauf des Flusses, sie führt in Nebenarme, Sümpfe und Stromschnellen, bringt Überschwemmungen und wiegt glitzernd im Sonnenlicht. Sie erzählt von den Menschen, die dort leben, ihren Familien, ihren Sehnsüchten und ihren Geheimnissen.

Den Figuren wird mit so viel Liebe und Umsicht Leben eingehaucht, dass ich nicht anders kann, als sie zu mögen und mit ihnen zu bangen. Die Geheimnisse um die Identität des kleinen Mädchens scheinen lange Zeit unlösbar, die gestellten Ansprüche unhaltbar. Und doch spült der Fluss Schicht um Schicht fort, bis die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Wahrheit oder doch ein Mythos des Flusses? – wer weiß das am Ende schon. Eine ganz besondere Geschichte, die mir noch lange im Gedächtnis bleibt.

Fazit: Ein Buch, das den Alltag vergessen macht. Schmökern, träumen und dahintreiben garantiert.

  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.11.2020

Klein und berührend

Erhebung
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143 Seiten vom Meister des Thrills muten fast wie eine Kurzgeschichte an. Doch sie ist vollständig und sättigend und das auf eine sehr berührende Art. Dieses Mal kein Thriller sondern eine Mischung aus ...

143 Seiten vom Meister des Thrills muten fast wie eine Kurzgeschichte an. Doch sie ist vollständig und sättigend und das auf eine sehr berührende Art. Dieses Mal kein Thriller sondern eine Mischung aus Fantasy-, Gesellschafts- und Coming of Age-Novelle.

Scott wird immer leichter und entwickelt gleichzeitig eine ganz besondere Kraft. Mit Mut, Beharrlichkeit und einem Stück Zivilcourage überbrückt er Gräben und verhärtete Fronten. Mit seiner Leichtigkeit gelingt ihm das Besondere: Er führt Menschen zusammen. Am Ende hatte ich Tränen in den Augen.

Fazit: Was könnten wir alles bewirken, wenn wir es nur täten. Eindeutig eine Leseempfehlung!

  • Cover
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Veröffentlicht am 25.10.2020

Viktorianisches London meets Tausendundeine Nacht

Ministry of Souls – Das Schattentor
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Jack ist angehender Soulman im Ministerium für endgültige Angelegenheit, dessen Aufgabe es ist, die verirrten Seelen Verstorbener auf die andere Seite zu befördern und England damit von störenden Geistern ...

Jack ist angehender Soulman im Ministerium für endgültige Angelegenheit, dessen Aufgabe es ist, die verirrten Seelen Verstorbener auf die andere Seite zu befördern und England damit von störenden Geistern zu befreien.
Leider lassen die Anerkennung und die angestrebte lukrativen Aufträge auf sich warten, weil ausgerechnet die zugewiesene Verstorbene Agathe sich Jacks Versuchen erfolgreich widersetzt.
Doch das Schicksal spielt Jack in die Karten. Trotz fehlendem Berufsabschluss erhält er einen wichtigen Auftrag im Buckingham Palace. Dort soll er, ohne Aufsehen zu erregen, eine ermordete arabische Gesandtschaft überführen. Leider läuft nichts wie im Lehrbuch, denn Jack findet unter den Leichen die noch lebenden Prinzessin Naima und wird von einem brutalem Schattenbiest angegriffen. In seiner Panik rettet er sich und die Prinzessin in die Zwischenwelt. Dieser Verstoß gegen die goldenen Regel der Soulmen setzt eine dramatische Kettenreaktion in Gang.

Der Einstieg in den ersten Band des Ministry of Souls ist wirklich grandios. Dem Autor gelingt es mit vielen atmosphärischen Details und gut recherchierten Fakten das viktorianische London aufleben zu lassen. Das erschaffenen Ministerium für endgültige Angelegenheiten erinnert in dieser Kulisse an die Welt von Harry Potter und die Einführung in die Grundregeln dieser Fantasywelt gelingt mit viel Witz und humorvollen Dialogen.

Mit den Geistern und der Zwischenwelt baut der Autor seine Welt in Richtung Märchen aus Tausendundeiner Nacht aus und schafft damit die Grundlage für ein ganz eigenes Fantasyspektakel. Leider bleibt die Geschichte darin dünn, Fragen werden nur unzulänglich beantwortet, und sie verkommt zu einer Hetzjagd durch die Kulissen. Auch kann Jack leider als Held nicht überzeugen. Er bleibt blass und erhält keine Chance charakterlich zu wachsen.

Die Nebencharaktere sind dafür laut, schrill und grandios. Sie stehlen Jack schon bald die Show und reißen die Story an sich. Sie sind es auch, die den Leser dranbleiben lassen und der Geschichte Spannung und Witz verleihen.

Fazit: Ein blasser Held in einer rasante Hetzjagd mit humorvollen Nebencharakteren vor fantastischer Kulisse. Für die nächsten Bände ist noch viel Entwicklungsspielraum.

  • Cover
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Fantasie
Veröffentlicht am 18.10.2020

Atemraubend, aufwühlend und schockierend wozu Menschen fähig sind!

After the Fire
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After the fire ist mein Highlight 2020!

Die Geschichte katapultiert mich mitten ins Geschehen. Sie beginnt mir dem großen Feuer, dem Endkampf, auf den die Gotteslegionäre sich vorbereitet haben, der Möglichkeit ...

After the fire ist mein Highlight 2020!

Die Geschichte katapultiert mich mitten ins Geschehen. Sie beginnt mir dem großen Feuer, dem Endkampf, auf den die Gotteslegionäre sich vorbereitet haben, der Möglichkeit sich als wahre Gläubige zu beweisen. Alles ist viel zu schrecklich, um es als eine Befreiung zu sehen, die es für die Sterbenden und die Überlebenden bedeutet hat. Das Leben teilt sich in ein „Davor“ und „Danach“. So wird die Geschichte auch erzählt.

Ich erlebe die Welt aus den Augen der 17-jährigen Moonbeam im Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. Sie erzählt im „Danach“ von ihrem aktuellen Alltag in der Psychiatrie und dem Leben in der Legion Gottes. Ich wohnen ihren Therapiesitzungen bei, erlebe ihr Misstrauen gegenüber den Menschen von „Draußen“, durchleide ihre Einsamkeit, ihre Ängsten, den Umgang mit ihrer eigenen Schuld und ihren Kampf um ein zukünftiges Leben . In ihren Rückblicken auf das „Davor“ spüre ich die Manipulationen, die Abhängigkeit und den psychischen Druck, denen die Anhänger der Sekte ausgesetzt sind, und fühle Moonbeams Not, ihren wachsenden Widerwillen und ihr Misstrauen gegenüber den Regeln der Gemeinschaft und den Offenbarungen des Legionsführers Father John.

Mit jedem Schritt, den Moonbeam`s Vertrauen zu den Menschen von „Draußen“ in der Gegenwart wächst und sie sich öffnet, scheint ihre Ablehnung gegen das Leben der Gotteslegionäre in der Vergangenheit zugenommen zu haben und ihre Bewertung der Erinnerung ins Negative zu kippen.  Ich hoffe und bete, dass sie einen guten Weg in ein Leben „Danach“ findet.

Selten habe ich ein Buch als so emotional fesselnd, mit steigenden Spannung und glaubhaftem Realitätsbezug gelesen. Das Buch verarbeitet in seiner fiktiven Geschichte auf sehr persönliche und berührende Weise die Weco-Belagerung, in der am 19. April 1993 82 Mitglieder der Branch Davidians Sekte starben. 21 Kinder überlebeten missbraucht und gebrochen, die tagelangen Belagerund und wurden im Anschluss von einem speziellen Trauma Team des Texas`Children Hospitals behandelt und für auf ein Leben außerhalb der Sekte vorbereitet.

Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich Moonbeam´s Geschichte gelesen habe. Sie hat einen Platz unter meinen Lieblingsbüchern erobert.

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