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Veröffentlicht am 19.09.2021

Trotz Austerbens, leben voller Mut, Herz und Unvernunft

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt
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Ich liebe Dystopien, besonders wenn die Protagonisten Kinder oder Jugendliche sind, die sich mit viel Mut und Ehrlichkeit ihrem Schicksal stellen und über sich hinauswachsen. Dieses Buch hat alles, um ...

Ich liebe Dystopien, besonders wenn die Protagonisten Kinder oder Jugendliche sind, die sich mit viel Mut und Ehrlichkeit ihrem Schicksal stellen und über sich hinauswachsen. Dieses Buch hat alles, um diesen Wunsch zu erfüllen.

Und doch hat es bei Griz' Geschichte etwas gedauert, bis mich die Erzählung völlig vereinnahmt hat. Das liegt hauptsächlich an der etwas ungewöhnlichen Erzählweise. Griz schreibt die Geschichte im Rückblick für einen unbekannten Jungen nieder, dessen Foto der einzige Vertraute auf der Reise ist. Griz wirkt durch diese Konstruktion sehr weit entfernt und lässt mich erst nach ungefähr einem Viertel näher heran.

Griz lebt mit der Familie und den Hunden zurückgezogen auf einer kleinen Insel vor dem britischen Festland. Die Menschheit stirbt aus und die wenigen Menschen, die jetzt noch leben sind Selbstversorger und wohnen sehr weit verstreut. Als ein Fremder auf der Insel auftaucht und in der Nacht die Hündin Jess entführt, bricht Griz mit dem Terrier Jip zur Verfolgung auf - ohne einen Moment des Zögerns. Ein Hund ist ein Familienmitglied, da gibt es nichts zu überlegen. Griz' Verfolgung entpuppt sich als ein lebensgefährliches Abenteuer in einer verlassenen Welt, in der die seltene Begegnungen mit anderen Menschen genauso eine Gefahr darstellen wie Wildtiere oder Unfälle, in dem unwegsamen Gelände.

Das Buch liest sich anfänglich wie Tagebucheinträge und enthält im ersten Teil viele Erklärungen über die Veränderung der Welt in den letzten Jahrzehnten und die Lebensweise der Überlebenden. Mehr und mehr nehme ich den Platz des Zuhörers ein und Griz Worte über das frühere Leben und die Menschheit sind direkt an mich gerichtet. Das ändert sich aber völlig, als die Reise beginnt und Griz sich den Gefahren und dem unbekannten Terrain auf dem Festland stellen muss. Ich vergesse völlig, dass ich doch nur zuhöre, und fiebere mit Griz, da jeder Tag ein Überlebenskampf sein kann, und spüre die wundervolle Verbindung zwischen Griz und Jip, die das tägliche Überleben sichert. Der unbändige Wunsch die Hündin Jess zu befreien, treibt Griz voran – so unvernünftig das Vorgehen auch manches Mal erscheinen mag, so sehr nimmt es mich dieser Drang, alles zu einem guten Ende bringen zu wollen, ein.

Seite für Seite verschmelze ich mit Griz' Blicken auf das Leben, auf die Leere der Welt, die Schönheit der Natur, die Liebe zu Büchern, dem Willen Geheimnisse zu lüften und dem Wunsch nach Wahrheit. Die gefährliche Verfolgung wird zu einer Reise zu den Grundlagen des Menschseins und bleibt trotzdem ein spannendes Abenteuer.

In die Tage der Sicherheit brechen Momente der größten Gefahr herein. Diese extremen Tempowechsel treiben immer wieder den Puls hoch und sorgen für eine kontinuierliche Suspense. Auf den letzten 100 Seiten nimmt die Erzählung so eine überraschende Wendung, dass ich völlig geplättet bin. Niemals hätte ich gedacht, welches Geheimnis Griz vor der Welt verborgen hält, und mein Blick auf die Geschichte und ihre Wahrheiten hat sich noch einmal völlig verändert.

Für mich ein Buch, mit dem man wunderbar der Realität entkommen kann, um ein Abenteuer zu erleben und sich dem Mensch-Sein bewusst zu werden.

Fazit: Eine spannende Dystopie, die von einem gefährlichen Verfolgung in einer endvölkerten Welt erzählt und aus der eine Reise zur Menschlichkeit wird.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.09.2021

Ein Kampf gegen die Gesellschaft und für einen Lebenstraum

Das Mädchen mit der lauternen Stimme
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Ein Buch, das bei mir Spuren hinterlassen hat. Es erzählt von einer patriarchalen Gesellschaft, von Misogynie und Hunger. Ein Beispiel aus Nigeria, das wachrüttelt.

Adunnis Traum zur Schule zu gehen und ...

Ein Buch, das bei mir Spuren hinterlassen hat. Es erzählt von einer patriarchalen Gesellschaft, von Misogynie und Hunger. Ein Beispiel aus Nigeria, das wachrüttelt.

Adunnis Traum zur Schule zu gehen und Lehrerin zu werden platzt, weil die Gesellschaft für sie als Frau andere Pläne bereithält. Ihre Wünsche und Träume haben im Alltag keinen Platz. Nach dem Tod der Mutter gibt der Vater sie für ein Brautgeld, das seinen Lebensunterhalt sichern wird, in eine Ehe mit einem viel älteren Mann. Als dritte Ehefrau erwartet sie ein schwieriger und brutaler Alltag. Die Geschichte erzählt von ihrem Leben und dem anderer nigerianischer Frauen, abseits von einer Chance auf Bildung und eigenen Einkommen, und Adunnis starkem Willen sich ein besseres Leben zu suchen.

Adunni erzählt ihre Geschichte in ihrer ganz eigenen Sprache, nicht immer fehlerfrei, dafür aber mit einer ergreifenden Einfachheit und Authentizität. Schon nach wenigen Seiten wächst einem diese mutige und fleißige Mädchen ans Herz. Es ist nicht einfach zu lesen, was sie ertragen muss und gleichzeitig so schön, zu sehen, wie sie jeden Tag als neue Herausforderung angeht und und auf ihre ganz eigene Art Lösungen für Probleme findet.

Ich habe viel gelernt über das Leben und die Gesellschaft in Nigeria und gleichzeitig war mir einiges nicht fremd. Die Position der Frau in der Gesellschaft ist dort sicherlich noch viel schwächer als hier und doch macht es die Dominanz der Männer in unserem Alltag bewusst. Besonders erschreckt hat mich wie vielen Frauen dieses System in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sie suchen ihr Glück in der Erfüllung einer Rolle, die ihnen zugewiesen wurde. Jede Ausbrecherin sehen sie als dumm und gefährlich an. Diese Frauen zementieren die Gesetzte einer Gesellschaft, die uns Frauen in Abhängigkeit, Gewalt und Ungleichheit hält.

Adunni auf ihrem Weg zu folgen war spannend und berührend. Ich mochte das Buch kaum aus den Händen legen. Ihre Geschichte macht Mut, einen Weg abweichend von der zugewiesenen Rolle zu suchen.

Der Plot tritt am Ende in den Hintergrund. Wichtig ist die Botschaft, die dieses Buch transportiert: Frauen haben das Recht, ihr Leben zu bestimmen.

Fazit: Ergreifender Coming-of-Age Roman, der gleichzeitig emotional und politisch ist.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 16.08.2021

Von der ungeheuren Kraft der Psyche

Die Überlebenden
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Der Autor erzählt von der Beziehung dreier Brüder zueinander, zeigt ihre Brüche und ihre Unfähigkeit eine gemeinsame Verbindung aufrechtzuerhalten. Ich erlebe viele Familienszenen, die mich betroffen machen ...

Der Autor erzählt von der Beziehung dreier Brüder zueinander, zeigt ihre Brüche und ihre Unfähigkeit eine gemeinsame Verbindung aufrechtzuerhalten. Ich erlebe viele Familienszenen, die mich betroffen machen und teils auch abschrecken und doch bleibt immer ein gewisser emotionaler Abstand zu der Geschichte, der erst ganz am Ende aufgebrochen wird.

Die Geschichte wird aus Sicht des mittleren Bruders Benjamin in zwei Erzählsträngen geformt. Der Aufbau der Geschichte ist akribisch geplant. Ungewöhnlich dabei ist, dass in einem Strang vom aktuellen Zeitpunkt rückwärts erzählt wird, während die Familienszenen aus der Jugend in chronologischer Reihenfolge präsentiert werden.

Durch die ungewöhnlichen Konstruktion der Geschichte baut sich eine subtile Suspense auf. Mit jeder Szene bekommt man ein neues Puzzleteil gereicht und spürt doch, dass etwas Entscheidenes zum Familienbild fehlt.

Es reihen sich fragwürdige und erschreckende Szenen der Familie aneinander, die dafür sorgen, dass ich mich unbehaglich fühle. Wie zielgerichtet diese Erzählstränge auf ein bestimmtes Ereignis zusteuern und mit welcher Wucht sich dieses dann entlädt, traf mich völlig unvorbereitet.

Fazit: Ein Familiendrama aufgebaut wie ein Spannungsroman, bei dem am Ende durch eine riesige Erschütterung alle Teile an ihren Platz fallen. Etwas Durchhaltevermögen ist von Nöten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.08.2021

„Ich bin eine Outlaw!“

Von hier bis zum Anfang
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Eine Geschichte, die sehr langsam beginnt und mich am Ende atemlos zurücklässt.

Ich lerne Cape Heaven kennen, seine teils kauzigen Bewohner, schmecke das Salz in der Luft und begleite den Kleinstadt-Chief ...

Eine Geschichte, die sehr langsam beginnt und mich am Ende atemlos zurücklässt.

Ich lerne Cape Heaven kennen, seine teils kauzigen Bewohner, schmecke das Salz in der Luft und begleite den Kleinstadt-Chief bei seinen Rundgängen durch das Städtchen. Ich erlebe Duchesse, hin- und hergerissen zwischen der Liebe und Sorge für die Mutter und der Wut auf deren Verantwortungslosigkeit. Sehe wiederum das Städtchen, das darum weiß, aber nicht hilft.

Einzig der Polizist Walk glaubt an das Gute in den Menschen – vor allem in seinem Freund Vincent, den damalig verurteilten Täter, und dass alles wieder so werden kann wie damals vor dem verheerenden Unglück. Er hat ein Auge auf Star und die Kinder.

Walk ist ein Gutmensch, den man schnell gern hat. Durch und durch Polizist. Ich sehe seine mühevolle Versuche, das Gute der Vergangenheit zu bewahren und die Menschen zu einem gütlichen Miteinander zu bewegen - doch begeht er so viele Fehler, aus dem Impuls heraus, das Beste tun zu wollen. Die Grenze zwischen Opfern und Täter verwischt immer mehr.

Die Rolle seines Freundes Vincent ist so lange ungeklärt, bis auch Walk an der Unschuld zweifeln muss. Aus dem gemächliche Tempo des Anfangs wird eine Flucht, eine Jagd – teils über Land, teils vor Gericht - bis alles unausweichlich scheint.

Die 13-jährige Duchesse beeindruckt - ihre Härte, ihr Willen und ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrem kleinen Bruder. „Ich bin eine Outlaw“ – diese Erkenntnis gibt ihr die Kraft - und sie tut alles, was getan werden muss. Je länger die Erzählung währt, desto mehr tritt ihre Verletzlichkeit, ihre Wunden und ihre Kindlichkeit hinter der harten Schale hervor. Mein Impuls, sie in den Arm nehmen und alle Last von ihr nehmen zu wollen, ist schwer auszuhalten. Was habe ich diesem Mädchen Sicherheit und eine bessere Zukunft gewünscht! Doch ich muss untätig zuschauen. Der Druck wächst immens. Zum Ende stehen mir die Tränen in den Augen.

Stück für Stück beginnen die Verstrickungen der Menschen untereinander hervorzutreten und mit Fortschreiten der Geschichte werden immer mehr Fäden entwirrt. Gleichzeitig wächst der Wirbel aus ungelösten Konflikten, Emotionen, verschwiegenen Fakten und menschlichen Fehlverhalten zu einem Hurrikan heran, in dessen Auge Duchesse und ihr kleiner Bruder hocken, ohne Chance den Folgen zu entgehen.

Das Ende ist gut - und tut doch weh.

Fazit: Ein atmosphärischer Krimi mit einer irren Suspense und einer mutigen Heldin, die man in den Arm nehmen möchte. Must-Read!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 07.08.2021

Brüchiges Mosaik aus Erinnerungen

In diesen Sommern
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Stück für Stück erinnert sich Teresa an ihre Kindheit und Jugend. Momentaufnahmen des Familienlebens arrangiert um den Vater und seine Gemütszustände. Lachen und Angst gehen oftmals Hand in Hand.

Erzählt ...

Stück für Stück erinnert sich Teresa an ihre Kindheit und Jugend. Momentaufnahmen des Familienlebens arrangiert um den Vater und seine Gemütszustände. Lachen und Angst gehen oftmals Hand in Hand.

Erzählt wird aus Teresas Sicht. Die Erzählweise gleicht Erinnerungsblitzen in Form eines Grundschulaufsatzes. Subjekt, Prädikat, Objekt. Jeder Satz gleichförmig, dazwischen hängt das Ungesagte wie eine dunkle Wolke. Als blättere ich die Fotos in einem mir fremden Familienalbum durch, jede Erinnerung chronologisch aufgereiht ohne persönliche Wertung, kaum eine Emotion auszumachen, und trotzdem spüre ich die Angst, die ihren Platz in den Leerstellen findet.

Beim Lesen habe ich das Gefühl, ich werde nicht richtig satt. Doch die Geschichte formt sich in meinem Kopf. Bis zum Ende weiß ich nicht, ob ich zu viel oder zu wenig hineininterpretiere. Mir fehlen mehr konkrete Aussagen, an denen ich mein Bild festmachen kann und so bleibe ich zurück mit einem bruchstückhaften Mosaik einer Familie, die wortlos gelitten hat und auch am Ende keine Worte für das überstandene Leid findet. Doch je länger das Gelesene zurückliegt, spüre ich wie das Buch mich mit den wortlosen Szenen meiner eigenen Kindheit konfrontiert. Die unausgesprochene Angst ist ein Trigger.

Fazit: Ungewöhnliche Inszenierung einer Familiengeschichte, die den Leser zur eigenständigen Ausformung fordert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere