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Veröffentlicht am 14.02.2025

"Ob man wohl ein Glanz werden kann, wenn man es nicht von Geburt ist?"

Das kunstseidene Mädchen
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Einen sogenannten "Klassiker" zu beurteilen, ist nie ganz einfach. Man muss sich ein bisschen einlassen auf die damalige Zeit und deren Besonderheiten. Aber nachdem ich "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun ...

Einen sogenannten "Klassiker" zu beurteilen, ist nie ganz einfach. Man muss sich ein bisschen einlassen auf die damalige Zeit und deren Besonderheiten. Aber nachdem ich "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun sehr lesenswert fand, wollte ich nun ihr berühmtes Werk "Das kunstseidene Mädchen" lesen. Auch hier ist der Schreibstil einigermaßen gewöhnungsbedürftig, passt jetzt doch letztlich zum Buch und zu der Protagonistin sehr gut.
In diesem Buch geht es um die junge Doris. Sie arbeitet bei einem aufdringlichen Rechtsanwalt und erzählt von ihrem Leben, sie hat ihre ganz eigene Art zu sprechen und zu schreiben:

"Und ich denke, das ist gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch - das ist lächerlich für ein Mädchen von 18 und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie im Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein."

Doris ist es leid, täglich Briefe zu tippen, sie will ein Star werden, „ein Glanz“:

"Ich will eine werden. Ich will so ein Glanz werden, der oben ist."

"Ich werde ein Glanz, und was ich dann mache, ist richtig - nie mehr brauche ich mich in acht nehmen und nicht mehr meine Worte ausrechnen und meine Vorhabungen ausrechnen."

Sie flieht nach Berlin, was für sie die große weite Welt bedeutet. Sie hat kein Geld, keine Arbeit, aber jede Menge Träume. Sie stürzt sich ins Leben der Bars und Cafés und lässt sich auf Affären mit Männern ein, die Geld haben. Diese Affären sind meist nur von kurzer Dauer und mit der erträumten Karriere klappt es nicht wie erhofft ...

"Und er bot mir eine Wohnung und Geld - mir kam die Gelegenheit zu einem Glanz, und es ist leicht mit Alten, wenn man jung ist - sie tun, als könnte man was dafür, und als hätte man es geleistet. Und ich wollte, ich wollte."

"Liebe Mutter, du hast ein schönes Gesicht gehabt, du hast Augen, die gucken, wie sie Lust haben, du bist arm gewesen, wie ich arm bin, du hast mit Männern geschlafen, weil du sie mochtest, oder weil du Geld brauchtest - das tue ich auch. Wenn man mich schimpft, schimpft man dich... Ich hasse alle, ich hasse alle - schlag doch die Welt tot, Mutter, schlag doch die Welt tot."

Doris wirkt bisweilen vielleicht etwas naiv durch ihre Art zu reden, doch betrachtet man ihr Leben und wie sie sich durchgeschlagen hat im Berlin der 30er Jahre, war sie bewundernswert gewieft und klug auf ihre Art. Dazu noch sehr eigenständig und selbstbewusst. Viele ihrer Gedankengänge fand ich sehr reflektiert für so ein junges Mädchen.

"Ich bin ihr dankbar, und wir haben dieselbe Art und machen uns keine böse Luft. Wenn ich ihr Gesicht sehe, wenn es schläft, habe ich gute Gedanken um sie. Und darauf kommt es an, wie man zu einem steht, wenn er schläft und keinen Einfluss auf einen nimmt."

Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, auch aufgrund des doch recht speziellen Schreibstils, der bestimmt nicht allen Leser*innen gefällt. Dass der Roman nicht in Kapitel, sondern lediglich in drei große Abschnitte eingeteilt ist, erschwert das Lesen ebenfalls ein wenig. Stellenweise fand ich das Buch auch etwas zu langatmig (manche Passagen), doch insgesamt ist es sprachlich und literarisch wirklich wert, es zu lesen. Irmgard Keun gilt zu Recht als eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts!
Auch das Nachwort, indem man viel über ihr Leben erfährt, fand ich überaus lesenswert.

"Ob man wohl ein Glanz werden kann, wenn man es nicht von Geburt ist?"

"Das ist so furchtbar viel, wenn einem einer gefällt - Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht, vielleicht kaum gibt."

"Und da fragt er mich: wie siehst du aus? Das war mir ganz komisch, ich wollte mich selber sehen von außen und nicht wie ein Mann sonst mich beschreibt zu mir, was ja doch immer nur halb stimmt."

"Ich hatte in eine Materie zu dringen. Und habe mir eine Liste gemacht mit Fremdworten, daneben schrieb ich, was sie heißen, ich musste mir die Erklärungen manchmal selber suchen. Die Worte machen sich gut, wenn man sie anwendet."

"Ich mag ihn gar nicht so furchtbar, aber ich bin bei ihm, weil daß jeder Mensch ein Ofen ist für mein Herz, was Heimweh hat und nicht immer nach Hause, sondern nach was wmWirklichem zu Hause - das sind Gedanken in mir, die wälzen sich. Was mache ich wohl falsch mit meinem Leben?
Aber vielleicht verdiene es gar nicht es gar nicht anders."

"Vater Unser, mach mir noch mit einem Wunder eine feine Bildung - das übrige kann ich ja selbst machen mit Schminke."

"Ich glaube nicht eher, daß ich tot sein kann, als bis ich tot bin - und dann ist es zu spät und nichts mehr zu wollen - aber bis dahin ... da lebe ich eben."

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.02.2025

"Ob man wohl ein Glanz werden kann, wenn man es nicht von Geburt ist?"

Das kunstseidene Mädchen
0

Einen sogenannten "Klassiker" zu beurteilen, ist nie ganz einfach. Man muss sich ein bisschen einlassen auf die damalige Zeit und deren Besonderheiten. Aber nachdem ich "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun ...

Einen sogenannten "Klassiker" zu beurteilen, ist nie ganz einfach. Man muss sich ein bisschen einlassen auf die damalige Zeit und deren Besonderheiten. Aber nachdem ich "Nach Mitternacht" von Irmgard Keun sehr lesenswert fand, wollte ich nun ihr berühmtes Werk "Das kunstseidene Mädchen" lesen. Auch hier ist der Schreibstil einigermaßen gewöhnungsbedürftig, passt jetzt doch letztlich zum Buch und zu der Protagonistin sehr gut.
In diesem Buch geht es um die junge Doris. Sie arbeitet bei einem aufdringlichen Rechtsanwalt und erzählt von ihrem Leben, sie hat ihre ganz eigene Art zu sprechen und zu schreiben:

"Und ich denke, das ist gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch - das ist lächerlich für ein Mädchen von 18 und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie im Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein."

Doris ist es leid, täglich Briefe zu tippen, sie will ein Star werden, „ein Glanz“:

"Ich will eine werden. Ich will so ein Glanz werden, der oben ist."

"Ich werde ein Glanz, und was ich dann mache, ist richtig - nie mehr brauche ich mich in acht nehmen und nicht mehr meine Worte ausrechnen und meine Vorhabungen ausrechnen."

Sie flieht nach Berlin, was für sie die große weite Welt bedeutet. Sie hat kein Geld, keine Arbeit, aber jede Menge Träume. Sie stürzt sich ins Leben der Bars und Cafés und lässt sich auf Affären mit Männern ein, die Geld haben. Diese Affären sind meist nur von kurzer Dauer und mit der erträumten Karriere klappt es nicht wie erhofft ...

"Und er bot mir eine Wohnung und Geld - mir kam die Gelegenheit zu einem Glanz, und es ist leicht mit Alten, wenn man jung ist - sie tun, als könnte man was dafür, und als hätte man es geleistet. Und ich wollte, ich wollte."

"Liebe Mutter, du hast ein schönes Gesicht gehabt, du hast Augen, die gucken, wie sie Lust haben, du bist arm gewesen, wie ich arm bin, du hast mit Männern geschlafen, weil du sie mochtest, oder weil du Geld brauchtest - das tue ich auch. Wenn man mich schimpft, schimpft man dich... Ich hasse alle, ich hasse alle - schlag doch die Welt tot, Mutter, schlag doch die Welt tot."

Doris wirkt bisweilen vielleicht etwas naiv durch ihre Art zu reden, doch betrachtet man ihr Leben und wie sie sich durchgeschlagen hat im Berlin der 30er Jahre, war sie bewundernswert gewieft und klug auf ihre Art. Dazu noch sehr eigenständig und selbstbewusst. Viele ihrer Gedankengänge fand ich sehr reflektiert für so ein junges Mädchen.

"Ich bin ihr dankbar, und wir haben dieselbe Art und machen uns keine böse Luft. Wenn ich ihr Gesicht sehe, wenn es schläft, habe ich gute Gedanken um sie. Und darauf kommt es an, wie man zu einem steht, wenn er schläft und keinen Einfluss auf einen nimmt."

Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, auch aufgrund des doch recht speziellen Schreibstils, der bestimmt nicht allen Leser*innen gefällt. Dass der Roman nicht in Kapitel, sondern lediglich in drei große Abschnitte eingeteilt ist, erschwert das Lesen ebenfalls ein wenig. Stellenweise fand ich das Buch auch etwas zu langatmig (manche Passagen), doch insgesamt ist es sprachlich und literarisch wirklich wert, es zu lesen. Irmgard Keun gilt zu Recht als eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts!
Auch das Nachwort, indem man viel über ihr Leben erfährt, fand ich überaus lesenswert.

"Ob man wohl ein Glanz werden kann, wenn man es nicht von Geburt ist?"

"Das ist so furchtbar viel, wenn einem einer gefällt - Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht, vielleicht kaum gibt."

"Und da fragt er mich: wie siehst du aus? Das war mir ganz komisch, ich wollte mich selber sehen von außen und nicht wie ein Mann sonst mich beschreibt zu mir, was ja doch immer nur halb stimmt."

"Ich hatte in eine Materie zu dringen. Und habe mir eine Liste gemacht mit Fremdworten, daneben schrieb ich, was sie heißen, ich musste mir die Erklärungen manchmal selber suchen. Die Worte machen sich gut, wenn man sie anwendet."

"Ich mag ihn gar nicht so furchtbar, aber ich bin bei ihm, weil daß jeder Mensch ein Ofen ist für mein Herz, was Heimweh hat und nicht immer nach Hause, sondern nach was wmWirklichem zu Hause - das sind Gedanken in mir, die wälzen sich. Was mache ich wohl falsch mit meinem Leben?
Aber vielleicht verdiene es gar nicht es gar nicht anders."

"Vater Unser, mach mir noch mit einem Wunder eine feine Bildung - das übrige kann ich ja selbst machen mit Schminke."

"Ich glaube nicht eher, daß ich tot sein kann, als bis ich tot bin - und dann ist es zu spät und nichts mehr zu wollen - aber bis dahin ... da lebe ich eben."

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.02.2025

Keine leichte Kost: „Die Geschichte auf der Rückseite meiner Geschichten...“

Das Lieben danach
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„Wie liebt und begehrt man, wenn Verletzendes verborgen hinter einem liegt?
Wie lebt und liebt man immer weiter?“

„Das Lieben danach“ von Helene Bracht hatte mich dank Klappentext und Leseprobe sehr ...

„Wie liebt und begehrt man, wenn Verletzendes verborgen hinter einem liegt?
Wie lebt und liebt man immer weiter?“

„Das Lieben danach“ von Helene Bracht hatte mich dank Klappentext und Leseprobe sehr neugierig auf das Buch gemacht, auch wenn ich ein Blurb direkt auf dem Cover etwas ungewöhnlich finde und bei zuviel Vorab-Lob eigentlich misstrauisch bin. Ich hatte also recht hohe Erwartungen an dieses Buch - diese wurden nicht komplett erfüllt; dennoch ist es ein sehr lesenswertes und wichtiges Buch.

„Die Geschichte erschien mir viele Jahre lang gänzlich unerheblich.“ - Die heute siebzigjährige Helene Bracht erzählt rückblickend von ihrem Leben, ihrem Umgang und ihren Erfahrungen mit Sexualität - und davon, dass sie als Kind missbraucht wurde. Die Art und Weise, wie sie dies tut, ist ungewöhnlich, wenngleich größtenteils gelungen. Die Mechanismen von Trauma, Scham und Selbstschutz sind hier gut verständlich gemacht, ohne dass man als Leser*in überfordert oder getriggert wird. Man merkt allerdings, dass die Autorin durch ihren Beruf als Psychologin ihr Leben und ihr Verhalten ganz anders analysieren kann als andere Betroffene das im Allgemeinen könnten. So bleibt der Bericht eine persönliche Sache, die sich nicht unbedingt auf andere Betroffene übertragen lässt. Dennoch zeigt das Buch auf, wie unterschiedlich und schwer greifbar Missbrauchserfahrungen sein können und welche Folgen im späteren Leben, Fühlen und Handeln dies haben kann.
Ich finde die Verbindung von persönlicher und fachlicher Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch und dessen Folgen gut gelungen. Für ihre Selbstanalyse benötigte die Autorin nachvollziehbarerweise viel Abstand und eine gute Portioni an Lebenserfahrung, da sich bestimmte Muster erst wiederholen mussten, um (selbst)erkennbar zu werden.
Ein feinfühliges und anspruchsvolles Buch, das einem noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben wird.

"War es Strafe oder Scham? Schon als Kind hielt ich wage beides für möglich.
Ich erinnere mich an das Toben in meinem Kindergemüt inmitten dieser brütenden Reglosigkeit, an all die Widersprüche in mir, über die ich noch stummer wurde als zuvor. Ich erinnere mich, wie ich hätte im Boden versinken können vor Scham und doch gleichzeitig den Rücken straffen wollte, um mich groß zu machen, um es laut in die Welt hinauszurufen: Ich bin was ganz Besonderes. Ich hatte große Sehnsucht, wurde geschüttelt von der Trauer, dass er nicht mehr kommen würde, mein Strecker. Nie mehr. Einfach weg, kein Abschied, nichts. Und gleichzeitig war ich wie von einem Albtraum befreit, voll überwältigender Erleichterung darüber, dass es endlich vorbei war."

"Es ist lohnend, denke ich, auf Spurensuche zu gehen, denn niemand stellt in Abrede, dass eine frühe Erfahrung mit sexueller, körperlicher oder emotionaler Gewalt Spuren und Prägungen hinterlässt. Es sind besonders die feinen, kaum sichtbaren Seelengravuren, die über Jahrzehnte konstanten Muster des Begehrens, der Identitätsbildung und der Bindungsfähigkeit, denen Aufmerksamkeit gebührt.:

"Die Leerstellen, die Auslassungen in unseren verschiedenen Versionen über uns selbst sind selten auf den ersten Blick zu erkennen."

"Und natürlich - das hat sich mittlerweile herumgesprochen - ist auch der Begriff Missbrauch so scheußlich wie falsch, denn sein Gegenkonzept wäre ein regelkonformer Gebrauch von Menschen, namentlich Kindern, was die begriffliche Schieflage unzweifelhaft offenbart. Wie so oft kommt Sprache auch hier als Tätersprache daher. Kurzum, es gibt keinen Namen, der halbwegs angemessen die Dimension der Grenzverletzung fassen kann, um die es geht. Keinen ebenso, der auch nur annähernd die lebenslang wirksame Kontamination von Intimität, Vertrauen und Bindung ahnen lässt, mit der es die Betroffenen zu tun haben."

"Ich meinerseits wusste lange Zeit gar nicht so recht, was Selbstachtung eigentlich ist. Allem voran wusste ich nicht, dass zu Selbstachtung auch gehört, in der Lage zu sein, etwas zu verweigern, was eine andere Person von einem will. Dass man das überhaupt können kann und dürfen darf. Ich hatte gelernt, dass der Schlüssel zur Selbstachtung im Blick eines anderen liegt und dass Selbstwertbestätigung der Lohn dafür war, jemand anderen zu wählen zu sein. Was könnte daraus wohl anderes erwachsen als eine verzweifelte Angewiesenheit auf die Bestätigung Anderer."

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 12.02.2025

Keine leichte Kost: „Die Geschichte auf der Rückseite meiner Geschichten...“

Das Lieben danach
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„Wie liebt und begehrt man, wenn Verletzendes verborgen hinter einem liegt?
Wie lebt und liebt man immer weiter?“

„Das Lieben danach“ von Helene Bracht hatte mich dank Klappentext und Leseprobe sehr ...

„Wie liebt und begehrt man, wenn Verletzendes verborgen hinter einem liegt?
Wie lebt und liebt man immer weiter?“

„Das Lieben danach“ von Helene Bracht hatte mich dank Klappentext und Leseprobe sehr neugierig auf das Buch gemacht, auch wenn ich ein Blurb direkt auf dem Cover etwas ungewöhnlich finde und bei zuviel Vorab-Lob eigentlich misstrauisch bin. Ich hatte also recht hohe Erwartungen an dieses Buch - diese wurden nicht komplett erfüllt; dennoch ist es ein sehr lesenswertes und wichtiges Buch.

„Die Geschichte erschien mir viele Jahre lang gänzlich unerheblich.“ - Die heute siebzigjährige Helene Bracht erzählt rückblickend von ihrem Leben, ihrem Umgang und ihren Erfahrungen mit Sexualität - und davon, dass sie als Kind missbraucht wurde. Die Art und Weise, wie sie dies tut, ist ungewöhnlich, wenngleich größtenteils gelungen. Die Mechanismen von Trauma, Scham und Selbstschutz sind hier gut verständlich gemacht, ohne dass man als Leser*in überfordert oder getriggert wird. Man merkt allerdings, dass die Autorin durch ihren Beruf als Psychologin ihr Leben und ihr Verhalten ganz anders analysieren kann als andere Betroffene das im Allgemeinen könnten. So bleibt der Bericht eine persönliche Sache, die sich nicht unbedingt auf andere Betroffene übertragen lässt. Dennoch zeigt das Buch auf, wie unterschiedlich und schwer greifbar Missbrauchserfahrungen sein können und welche Folgen im späteren Leben, Fühlen und Handeln dies haben kann.
Ich finde die Verbindung von persönlicher und fachlicher Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch und dessen Folgen gut gelungen. Für ihre Selbstanalyse benötigte die Autorin nachvollziehbarerweise viel Abstand und eine gute Portioni an Lebenserfahrung, da sich bestimmte Muster erst wiederholen mussten, um (selbst)erkennbar zu werden.
Ein feinfühliges und anspruchsvolles Buch, das einem noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben wird.

"War es Strafe oder Scham? Schon als Kind hielt ich wage beides für möglich.
Ich erinnere mich an das Toben in meinem Kindergemüt inmitten dieser brütenden Reglosigkeit, an all die Widersprüche in mir, über die ich noch stummer wurde als zuvor. Ich erinnere mich, wie ich hätte im Boden versinken können vor Scham und doch gleichzeitig den Rücken straffen wollte, um mich groß zu machen, um es laut in die Welt hinauszurufen: Ich bin was ganz Besonderes. Ich hatte große Sehnsucht, wurde geschüttelt von der Trauer, dass er nicht mehr kommen würde, mein Strecker. Nie mehr. Einfach weg, kein Abschied, nichts. Und gleichzeitig war ich wie von einem Albtraum befreit, voll überwältigender Erleichterung darüber, dass es endlich vorbei war."

"Es ist lohnend, denke ich, auf Spurensuche zu gehen, denn niemand stellt in Abrede, dass eine frühe Erfahrung mit sexueller, körperlicher oder emotionaler Gewalt Spuren und Prägungen hinterlässt. Es sind besonders die feinen, kaum sichtbaren Seelengravuren, die über Jahrzehnte konstanten Muster des Begehrens, der Identitätsbildung und der Bindungsfähigkeit, denen Aufmerksamkeit gebührt.:

"Die Leerstellen, die Auslassungen in unseren verschiedenen Versionen über uns selbst sind selten auf den ersten Blick zu erkennen."

"Und natürlich - das hat sich mittlerweile herumgesprochen - ist auch der Begriff Missbrauch so scheußlich wie falsch, denn sein Gegenkonzept wäre ein regelkonformer Gebrauch von Menschen, namentlich Kindern, was die begriffliche Schieflage unzweifelhaft offenbart. Wie so oft kommt Sprache auch hier als Tätersprache daher. Kurzum, es gibt keinen Namen, der halbwegs angemessen die Dimension der Grenzverletzung fassen kann, um die es geht. Keinen ebenso, der auch nur annähernd die lebenslang wirksame Kontamination von Intimität, Vertrauen und Bindung ahnen lässt, mit der es die Betroffenen zu tun haben."

"Ich meinerseits wusste lange Zeit gar nicht so recht, was Selbstachtung eigentlich ist. Allem voran wusste ich nicht, dass zu Selbstachtung auch gehört, in der Lage zu sein, etwas zu verweigern, was eine andere Person von einem will. Dass man das überhaupt können kann und dürfen darf. Ich hatte gelernt, dass der Schlüssel zur Selbstachtung im Blick eines anderen liegt und dass Selbstwertbestätigung der Lohn dafür war, jemand anderen zu wählen zu sein. Was könnte daraus wohl anderes erwachsen als eine verzweifelte Angewiesenheit auf die Bestätigung Anderer."

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Veröffentlicht am 12.02.2025

Eines der letzen Tabuthemen: Wir müssen darüber reden!

(K)eine Mutter
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"(K)eine Mutter: Abtreibung - Zwölf Frauen erzählen ihre Geschichte" von Jeanne Diesteldorf ist ein wichtiges und (immer noch) aktuelles Buch. Denn Abtreibung ist nach wie vor ein Tabuthema. Kaum jemand ...

"(K)eine Mutter: Abtreibung - Zwölf Frauen erzählen ihre Geschichte" von Jeanne Diesteldorf ist ein wichtiges und (immer noch) aktuelles Buch. Denn Abtreibung ist nach wie vor ein Tabuthema. Kaum jemand spricht darüber, obwohl durchschnittlich jede vierte Frau im Leben einmal eine Schwangerschaft abbricht. Die Gründe hier sind so vielfältig wie die Frauen und ihr Leben es auch sind. Doch wenn es um das Thema Abtreibung geht, liegt das Hauptaugenmerk leider nicht bei den Frauen, wie es sein sollte. Stattdessen bestimmen vor allen diejenigen darüber, die persönlich nicht betroffen sind: meistens Männer, die die Gesetze machen.

Jeanne Diesteldorf lässt in diesem Buch 12 Frauen von ihren Erfahrungen erzählen. Es macht sprachlos und wütend, was alle auf verschiedene Weise erleben mussten bei dem verpflichtenden Beratungsgespräch, der Suche nach Ärzten, unsensiblen Pflegekräften, der Krankenkasse und so weiter. Man könnte glauben, wir leben noch im Mittelalter.

Ich bewundere den Mut dieser zwölf Frauen, so offen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es ist unfassbar, dass Abtreibung immer noch so stigmatisiert und vor allem illegal ist. Hier muss dringend eine Veränderung her. Es darf nicht sein, dass Frauen heutzutage noch so behandelt werden, von Krankenkassen, Ärzt*innen, vor dem Gesetz und von der Gesellschaft.
Keine Frau trifft die Entscheidung zu einer Abtreibung leichtfertig. Niemand möchte das unbedingt erleben. Und niemand wird das ohne Notwendigkeit machen, nur weil es plötzlich nicht mehr illegal ist. Aber es muss Frauen möglich sein, sicher und ohne Bevormundung abtreiben zu können.

Mein einziger Kritikpunkt zu dieser Veröffentlichung ist, dass die 12 Frauen alle aus recht ähnlichen Verhältnissen stammen und alle in ziemlich ähnlichen Situationen waren. Hier hätte ich mir etwas mehr Vielfalt gewünscht (verschiedene Kulturen, verschiedene soziale Schichten, …). Daher 1 Stern Abzug. Ansonsten ein wirklich wichtiges, mutiges und sehr empfehlenswertes Buch!

"Für diejenigen, die unerwartet schwanger geworden sind, kommt es oft überraschend, dass sie im Rahmen ihrer Entscheidung bevormundet, teils schikaniert werden und sie sich am Ende dieser Erfahrung oft fremdbestimmt fühlen und schämen. Dabei könnten ihre Geschichten auch anders verlaufen. Doch nach wie vor schließt sich an die Erfahrung oft Schweigen an, Schuldgefühle oder stille Wut. Das macht es schwer, den Schwangerschaftsabbruch als normales Lebensereignis psychisch zu integrieren, und belastet manchmal noch viele Jahre später."

"Das finanzielle Risiko von Sex verbleibt damit bei denjenigen, die schwanger werden können. Im Zweifel müssen Sie die Kosten allein tragen. Solidarität kennt unser Gesundheitssystem an dieser Stelle nicht. Dabei sind wir alle in dieses Thema involviert und sollten als Gesellschaft endlich gemeinsam dafür einstehen, dass diejenigen, die schwanger werden können, immer eine Wahl haben und wir ihrer Entscheidung vertrauen."

"Wie gleichberechtigt ist unsere Gesellschaft, wenn sie noch immer Menschen für etwas Selbstverständliches stigmatisiert: über den eigenen Körper und das eigene Leben entscheiden zu wollen? Denn solch eine gesetzliche Regelung betrifft im deutschen Recht ausschließlich diejenigen, die schwanger werden können. Kein Cis-Mann muss jemals eine ähnliche Einschränkung über seine reproduktive Selbstbestimmung befürchten. Die aktuelle Gesetzeslage ermöglicht es in Deutschland, dass Schwangere gegen Ihren ausdrücklichen Willen dazu gezwungen werden, eine Schwangerschaft auszutragen."

"Sie versteht nicht, wer etwas davon hat, wenn Menschen Kinder kriegen, die in dem Moment kein Kind kriegen wollen. Da hat das Kind nix davon, da hat die Gesellschaft nix davon. Das fühlt sich dann an wie eine Bestrafung dafür, dass man Sex hatte. Warum ist es die Aufgabe und Verantwortung der Frau? Warum soll sie dann am Ende mit den Konsequenzen leben? Und warum sollen über diese Situation dann Leute entscheiden, die überhaupt nichts damit zu tun haben - mit der Frau, mit ihrem Leben, mit ihrem Körper und mit dem, was sie will? Die überhaupt nicht in diese Situation sind?"

"Sie will nicht die sein, die abgetrieben hat, als wäre es ein großer Makel. Genau so kommt es ihr oft vor in der öffentlichen Debatte und weil sie es selbst verschweigt. Es kommt ihr so vor, als wäre es etwas smSchwerwiegendes. Etwas, das an einem hängt und einen beschwert. Etwas, das nicht sein darf.
Aber wir müssen endlich anfangen, darüber zu sprechen. Es benennen, davon erzählen."

"Mein Abbruch war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe", sagt Janine überzeugt. Dennoch trauert sie. Oder gerade deswegen. Sie trauert, weil die Situation so war, wie sie war. Weil es so sein musste. "Ich hätte lieber keinen Abbruch gehabt. Dieses ganze Prozedere, diese Wartezeit und vor allem das Gefühl: eigentlich gehört mir mein Körper gar nicht richtig. Eigentlich gehört er halt dem Staat, und der ist weiß, männlich und heterosexuell."

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