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Veröffentlicht am 16.09.2022

Von Liebe und Angst

Fliegen oder fallen
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Schönheit kann auch ein Fluch sein. Jedenfalls im Fall von Trudy und ihrer Familie, die Anfang der 1970-er Jahre in einer Kleinstadt am St. Lorenz-Strom in Kanada leben. Trudy lebt zusammen mit ihrer ...

Schönheit kann auch ein Fluch sein. Jedenfalls im Fall von Trudy und ihrer Familie, die Anfang der 1970-er Jahre in einer Kleinstadt am St. Lorenz-Strom in Kanada leben. Trudy lebt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer vierjährigen Nichte, von der sie fürchtet, dass sie einmal das Schicksal von Mutter, Tante und Großmutter teilen wird: Viel zu früh einen Körper zu haben, der auf Männer wie ein Magnet wirkt. Trudys Mutter hatte mit 17 Jahren ihr erstes Kind und war mit 35 Jahren Großmutter.

Trudy selbst hat sich jahrelang völlige Enthaltsamkeit verordnet, nachdem sie beinahe das frühe Mutter-Schicksal der Mutter und Schwester geteilt hätte. Damals half ihr ein Arzt, die ungewollte und viel zu frühe Schwangerschaft zu beenden. Für ihre kleine Nichte ist Trudy in Missy Martsons Roman "Fliegen oder Fallen" dennoch eine Ersatzmutter, denn ihre Schwester hat sich mit unbekanntem Ziel verzogen. Die Mutter wieder trauert weiterhin ihrer großen Liebe nach, einem leider verheirateten Mann. Entgegen dem Ruf als Schlampen-Haushalt haben die Frauen ausgesprochen wenig mit Männern zu tun. Das ändert sich erst, als Jules in die Stadt kommt - Draufgänger, Grankokanadie und mit einem Aussehen, das in Trudys Magen sofort Schmetterlinge tanzen lässt. Er will mit einem getunten Raketenauto den zwei Kilometer breiten Fluss überfliegen.

Die Vernunft sagt Trudy: Abstand halten! Aber wer hört verliebt schon auf die Vernunft? In Trudys tristen, prekären Alltag zwischen Fabrikarbeit und Versorgung der Nichte verspricht Jules Charme und Magie, eine Leichigkeit des Seins, die in ihrem Leben fremd ist. Doch wird der Sprung gelingen? Ist Jules eine Art Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert und schon bald wieder weg ist? Zudem einer, auf den die heimischen Männer schnell eifersüchtig-aggressiv reagieren?

Der leicht und witzig geschriebenen Geschichte der Frauen, die an die Liebe glauben wollen, aber von der Realität oft enttäuscht wurden, wird in der Hörbuchfassung von Julia Meier interpretiert. Sie trifft genau den richtigen Ton - mal girrend und selbstironisch, mal im Kindertonfall der kleinen Mercy, mal abgeklärt und ernüchtert.

Manchmal hat "Fliegen oder Fallen" fast etwas Märchenhaftes an sich. Die Außenseiter- und Liebesgeschichte ist locker geschrieben, ohne verkitscht zu sein. Trudys Traum von einem anderen Leben ist nachvollziehbar, ihre Zweifel, ob es jemals dazu kommt ebenso. Skurrile Kleinstadttypen werden treffend skizziert und am Ende wartet eine Überraschung. Gut geschrieben und gelesen, vorwiegend heiter mit ein paar ernsten Elementen.

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Veröffentlicht am 14.09.2022

Brandheißer Schwedensommer

Im Feuer
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Wenn das mal nicht brandaktuell ist nach einem heißen Sommer, in dem in Europa einmal wieder vielerorts die Wälder brannten. Die Klimakrise spielt in Pernilla Ericsons Kriminalroman "Im Feuer" im Hintergrund ...

Wenn das mal nicht brandaktuell ist nach einem heißen Sommer, in dem in Europa einmal wieder vielerorts die Wälder brannten. Die Klimakrise spielt in Pernilla Ericsons Kriminalroman "Im Feuer" im Hintergrund immer wieder eine Rolle. Da es ein Krimi ist, ist allerdings auch so mancher Brand und damit zusammenhängende Todesfall auf menschliches Zündeln zurückzuführen. Dennoch werden Erderwärmung, Klimaveränderunge und das Dauerschwitzen selbst im schwedischen Sommer immer wieder thematisiert.

Die Polizistin Lilly Hed hatte in Stockholm schon große Fälle bearbeitet. Im beschaulichen Nynäshamn ist die Verwunderung bei den Kollegen an der Schärenküste groß, dass sich die Ermittlerin ausgerechnet in die vergleichsweise unspektakuläre ländliche Idylle versetzen ließ, wo Schwerkriminalität normalerweise ein Fremdwort ist. Zumal Lilly sich über ihre Gründe und ihr Privatleben ausschweigt. Auch die Leser wissen zunächst nur, dass es einen Vorfall gegeben haben muss, der die Polizistin ausgebrannt oder traumatisiert zurückgelassen hat - ein Hinweis sind die Schlaftabletten, die sie immer braucht.

Als ein Mann in seinem Haus bei einem Brand ums Leben kommt, wird zunächst ein Suizid nicht ausgeschlossen - es gab Eheprobleme, wie auch bei einem zweiten Vorfall. Doch dann häufen sich die Anzeichen für Fremdverschulden. Daneben gibt es aber auch genügend "natürliche" Brände, die Menschen und Grundstücke gefährden und die Polizisten wie auch die Feuerwehr auf Trab halten. Hat ein psychische kranker Mann, der vor Jahren in der Gegend Brände gelegt hat, die Hand im Spiel?` Gibt es ein verbindendes Element zwischen den Toten? Je mehr Lilli in der Vergangenheit wühlt, desto mehr Rauch von neuen Feuern scheint ihre Sicht zu trüben. Als zunächst eher irritierende Ablenkung entpuppt sich auch der sympathische Feuerwehrmann Jesper, der Lillys Furcht vor Nähe gewaltig auf die Probe stellt.

Hinzu kommt eine zweite Erzählebene, das Schicksal eines Menschen, der von einer Gruppe Jungen als Monster verhöhnt, geqüält und misshandelt wird, der schließlich seine Wohnung in einem Feuer verliert. Übt er etwa Rache? Ist er körperlich dazu überhaupt imstande? Je mehr Lilly herausfindet, desto größer wird auch ihr Risiko, denn wer immer die Brände gelegt hat, will das Geheimnis unbedingt wahren....

Ebenso wie Lilly müssen die Leser lange in der Asche stochern. Der Plot sorgt für Überraschungen und ist spannend aufgebaut, wobei ich schon so eine leise Ahnung hatte, wer hinter all dem steckem könnte. In der Auflösung kommt dann alles passend zusammen. Spannend geschrieben und mit dramatischen Brandszenen, die dafür sorgen, dass einem beim Lesen ordentlich eingeheizt wird. Die Protagonisten sind sympathisch und glaubwürdig. Demnächst mehr?

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Veröffentlicht am 14.09.2022

Mehr Promifaktor als Kochgenuss

Wenn ich das kann, kannst du das auch!
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Das Buch "Wenn ich das kann, kannst du das auch!" von Ex-Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis mit ihrer "persönlichen Rezeptesammlung" lässt mich reichlich zwiegespalten zurück. Einerseits ist es ein niedrigschwelliges ...

Das Buch "Wenn ich das kann, kannst du das auch!" von Ex-Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis mit ihrer "persönlichen Rezeptesammlung" lässt mich reichlich zwiegespalten zurück. Einerseits ist es ein niedrigschwelliges Angebot für Kochmuffel und -neulinge mit passendem Storytelling: Zervakis konnte nicht kochen. Dann kam Corona. Immer nur Lieferdienst war auch kein Vergnügen. Sie probierte, kochte mit Freunden und Voila - am Ende steht ein Kochbuch!

Dem Storytelling und Promifaktor folgt das Buch denn auch durchgehend. Es gibt launige Anekdoten und Bilder, besonders oft mit Zervakis. Mal trägt sie mit Selfie-Flunsch eine Wasserelone, mal herzt sie die Mama, mal feiert und kocht sie mit Freunden. Das mag ja ganz nett sein für Leute, die bekannten Leuten in den Kochtopf blicken wollen, ist aber nicht so wirklich zielführend, wenn es darum geht, neue Rezepte kennen zu lernen. Und dort, wo es dann tatsächlich inhaltlich wird, ist die Lage eher überschaubar, nach meinem Epfinden zu überschaubar für ein fast 20 Euro teures Buch.

Immerhin, so bin ich an ein lecker klingendes Rezept für einen Dattel-Dip gekommen, auch das Omelette Greek Style übereugt und für Mezze-Fans wie mich sind das Muhamarra-Rezept einer syrischen Freundin der Moderatorin und der persische Auberginendip, der von einer weiteren Freundin beigesteuert wurde, auf jeden Fall lohnenswert. Auch die Brioche mit Orangenmarmelade sehen sehr ansprechend aus und werden sicherlich nachgebacken.

Mehr Selbstbespiegelung, mehr Content, das wäre hier wirklich gut gewesen. Zervakis-Fans werden mit der Aufteilung vermutlich trotzdem zufrieden sein, aber mit hat das definitiv nicht gereicht - Datteldip hin, Muhamarra her.

Veröffentlicht am 13.09.2022

Internationale Familienküche mit Profi-Tipps

Casa Zarrella
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Als jemand, dessen Fernsehkonsum sich hauptsächlich auf Nachrichten, Reportagen und Spielfilme konzentriert, habe ich offensichtlich Defizite (die mir allerdings nichts ausmachen): Es gibt so viele Promis ...

Als jemand, dessen Fernsehkonsum sich hauptsächlich auf Nachrichten, Reportagen und Spielfilme konzentriert, habe ich offensichtlich Defizite (die mir allerdings nichts ausmachen): Es gibt so viele Promis oder Reality-Stars, sogenannte Influencer sowieso, von denen ich noch nichts gehört habe. Oder von denen ich zwar gehört habe (es dürfte schwierig sein, durchs westeuropäische/nordamerikanische Leben zu gehen und nicht irgendwann mit dem Namen Kardashian konfrontiert zu werden), aber das war´s dann auch schon.

Im Fall von Jana Ina Zarella geht es mir mal wieder so: Die Dame scheint einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben, aber ich habe keinerlei Ahnung, warum. Ist aber auch egal. Es geht ums Essen. A la Casa. Und im Fall der Zarella-Familie ist das ein spannender Mix, nämlich brasilianisch (sie) und italienisch (er). Da ich bei südamerikanischem Essen vor allem an Fleischberge denke, war es interessant zu lesen, dass Jana Zarella und ihr Mann vor allem vegetarisch leben, die Kinder aber bislang noch Carnivoren sind. Dass in einer Familie unterschiedliche Ernährungsvorlieben eine ziemliche Herausforderung für das gerade kochende Familienmitglied sind, ist klar. Ich war also gespannt.

Vom Frühstück über Salate, kleine Gerichte und Hauptmahlzeiten gibt es ein buntes und aus gesund klingendes Angebot, der Dinkelporridge mit Beeren dürfte bei mir jedenfalls demnächst mal die Haferflocken ablösen - ich bin gespannt, wie der Geschmacksunterschied ausfällt. Smoothie-Rezepte kann ich ohnehin nie genug haben.

Was jetzt mit dem beginnenden Herbst besonders gut schmeckt, sind meiner Meinung nach Ofengerichte, Suppen und Aufläufe. Das Ofengemüse mit dreierlei Dips (inklusive grüner Soße, in einmal unfrankfurerischer Kombination), Gemüsereis aus dem Backofen, die Süßkartoffel-Kokos-Suppe, die Gnocci mit Kürbis oder das cremige Pilzrisotte mit Petersilie passen da genau. Und was die Zitronenennudeln mit Lachs angeht, die ich schon ausprobiert habe, sage ich nur: lecker!

nicht zuletzt dürfen dolci natürlich nicht fehlen. Vegan und vielversprechend habe ich hier gleich das Bananenbrot mit Walnüssen und Schokolade auf meine to do-Liste gesetzt, denn das klingt nach einer wunderbaren Aromenkombination mit crunch.

Doch es gibt nicht nur Zarella-Familienküche, denn mit Johann Lafer hat auch ein gestandener Profi sen Know-how beigesteuert - im Rezeptteil mit Geling-Tipps, im "theoretischen Überbau" mit "Küchenhelden" die nicht fehlen dürften, Gewürze etwa, Butter und Olivenöl, frische Beeren oder Zitrone. Er plaudert aus dem Nähkästchen oder vielmehr aus der Vorratskammer, wie sich blitzschnell aus dem Vorhandenen etwas zubereiten lässt das allen schmeckt. Auch auf das Thema Zeitmanagement in der Küche wird eingegangen.

Mein Fazit: Übersichtlich, anschaulich mit Profi-Tipps und Rezepten, die nicht nur für Familienhaushalte taugen.

Veröffentlicht am 07.09.2022

Schmuggel, Clans und ein toter Ex

Das letzte Grab
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Der one night stand der noch ziemlich verkaterten Frankfurter Anwältin Carla Winter kommt zu einem jähen Abschluss, als ihre Sekretärin sie aus dem Schlaf reißt: Sie soll sofort zur Kanzlei kommen. Ein ...

Der one night stand der noch ziemlich verkaterten Frankfurter Anwältin Carla Winter kommt zu einem jähen Abschluss, als ihre Sekretärin sie aus dem Schlaf reißt: Sie soll sofort zur Kanzlei kommen. Ein Herr vom türkischen Generalkonsulat wolle sie dringend sprechen. Immerhin: Der Mannn sähe aus wie Doktor Schiwago. Doch alle Ähnichkeit mit Omar Sharif verblasst angesichts der unschönen Nachricht, Winters Ex-Mann sei bei einem Autounfall in der Türkei ums Leben gekommen. Ob Winter sich mangels anderer Angehöriger um Überführung und Begräbnis kümmern würde. Und da hatte die Anwältin schon gedacht, es ginge um einen ihrer Klienten aus dem Ruhrgebiet, Oberhaupt eines kriminellen Clans!

Kaum hat Carla Winter in Lukas Erlers Kriminalroman "Das leere Grab" den ersten Schock überwunden, wartet zu Hause der nächste. Denn ihr Haus wurde gründlich auf den Kopf gestellt und der Lover der vergangnen Nacht, den sie zunächst des Vandalismus verdächtigt hatte, ist tot im Kleiderschrank. Der Genickbruch und die Auffindesituation schließen eine natürliche Todesursache aus. Und Clara Winter kann sich nicht einmal an den Namen des Mannes erinnern!

Die volle Tragweite der Vorfälle und die Verbindung zu ihrem Ex Felix erschließt sich erst nach und nach. Abgesehen von Narzissmus und Bindungsunfähigkeit hatte der Mann noch einen Geschäftszweig beim Schmuggel und Verkauf von Raubkunst, den er ihr tunlichst verschwiegen hatte. Der Mann, der Carla Winter darüber aufklärte, ist kurz darauf ebenfalls tot und schon bald ahnt sie, dass auch sie ziemlich weit oben auf der Liste der Menschen ist, die nicht vor Mord zurückschrecken, um in den Besitz einer geschmuggelten Statuette zu kommen. Dummerweise hat die Anwältin keine Ahnung, wo das Kunstwerk sein könnte.

Hilfe in der Not sind die kriminellen Mandanten aus Duisburg mit ihrem verzweigten Netzwerk im türkisch-syrischen Grenzgebiet und ein grummeliger alter Professor. Der Titel des Romans ist ein ziemlicher Spoiler: Es ist wenig überraschend, dass die einsame Beerdigung nicht das letzte ist, was Winter von ihrem Ex zu sehen bekommt.

Enttäuschte Liebe und Loyalität, Druck und Gegendruck, Psycho-Spielchen und brutale Gewalt spielen gleichermaßen eine Rolle. Die Anwältin geht ein hohes persönliches Risiko ein, um die Hintergründe und Hintermänner ihres wohl persönlichsten Falls zu ergründen. Hier ist kein Aktenstudium gefragt, sondern Entschlossenheit. Auch wenn manche Entwicklung nicht völlig überraschend kommt für routinierte Krimileser, bietet "Das leere Grab" spannende Unterhaltung zwischen Orient und Okzident.

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