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Veröffentlicht am 25.08.2022

Africa light

Freundin bleibst du immer
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Die unscheinbare Enitan, die selbstbewusste Funmi und die schöne, aber zurückhaltende Zainab sind seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an einer Univerität im Norden Nigerias in den 70-er Jahren befreundet. ...

Die unscheinbare Enitan, die selbstbewusste Funmi und die schöne, aber zurückhaltende Zainab sind seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an einer Univerität im Norden Nigerias in den 70-er Jahren befreundet. Dreißig Jahre später kommen sie in Lagos zusammen, um diei Hochzeit von Funmis Tochter Destiny zu feiern. Mit dabei: Enitans Tochter Remi, die äußerlich ganz nach ihrem weißen amerikanischen Vater kommt und zum ersten Mal in das Geburtsland ihrer Mutter reist. Mit ihren Fragen und ihrer Neugier, mit der sie all die neuen Eindrücke in der pulsierenden westafrikanischen Metropole bestaunt, ist sie gewissermaßen die Brücke zwischen der Handlung und nicht-afrikanischen Leser:innen.

Tomi Obaros Roman "Freundin bleibst du immer" wechselt die Zeitebenen: Geht es zunächst um das Wiedersehen der drei Frauen und die Hochzeitsvorbereitungen, widmet sich der mittlere Buchteil den Jahren des Studiums und zeigt, wie es zu der Freundschaft zwischen den drei von Temperament, ethnischer und sozialer Herkunft sehr unterschiedlichen Frauen kam. Danach geht es wieder in die Gegenwart des Jahres 2005.

Mit gerade mal 312 Romanseiten bleibt allerdings relativ wenig Platz, die Lebenswege der drei Frauen und der ebenfalls vorgestellten Familien darzustellen. So gerät vieles recht oberflächlich, die Beziehungsgeflechte werden nur angekratzt und auch wenn deutlich wird, was die Freundschaft der Protagonistinnen zementiert hat, wird nicht klar, wieso sie bei ganz unterschiedlichen Entwicklungen noch immer eng miteinander sind und Kontakt gehalten haben.

Obaro zeigt Szenen so schrill wie aus einem Nollywood-Film, das Chaos der schwülheißen Metropole Lagos, die sozialen und religiösen Kontraste des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas, die allgegenwärtige Kriminalität, die Angst der Wohlhabenden vor Entführungen aus ihrer abgeschotteten, privilegierten Welt. Für Remi, die gender studies studiert und darunter leidet, als weiß wahrgenommen zu werden, ist es eine schockierende Erkenntnis, das das wirkliche afrikanische Leben so gar nichts von der automatischen Solidarität hat, die in BIPoC-Kreisen progressiver Studenten vermutet wird. Die Welt ist eben nicht so schwarz-weiß (pun intended) wie manche glauben.

Ob Essen, Redewendungen (die in einem Glossar erläutert werden, ebenso wie Haussa und Yoruba-Ausdrücke) und Familienfeste - manche Beschreibungen Obaros wirken eher folkloristisch, bleiben an der Oberfläche. Schade eigentlich. Aber ich vermute, die Autorin weiß es einfach nicht besser und ist nicht wirklich tief in der nigerianischen Kultur und Gesellschaft verwurzelt, die sie nur von Urlaubsreisen kennt: Geboren als Kind nigerianischer Eltern in England und mittlerweile in den USA lebend, hat sie dort keine eigene Lebenserfahrung sammeln können. Für Leserinnen, die sich mit Nigeria auseinandersetzen wollen, ist das gewissermaßen "Africa light".

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Veröffentlicht am 15.08.2022

Gift, Musik und Oligarchen

Die Cellistin
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Es gibt schon so viele Bücher um den kunstsinnigen israelischen Agenten und Mossad-Chef Gabriel Allon - da könnte man davon ausgehen, dass Autor Daniel Silva irgendwann die Ideen ausgehen. Doch weit gefehlt ...

Es gibt schon so viele Bücher um den kunstsinnigen israelischen Agenten und Mossad-Chef Gabriel Allon - da könnte man davon ausgehen, dass Autor Daniel Silva irgendwann die Ideen ausgehen. Doch weit gefehlt - "Die Cellistin" weckt angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage Erinnerungen an reale Ereignisse, wenn es etwa um Giftmorde an Ex-Agenten oder sonstigen dem Kreml missliebigen Menschen geht.

Die Verwicklungen russischer Oligarchen in die Politik, die Sicherheitsdienste und ins Organisierte Verbrechen - darüber gibt es non-Fiction-Bücher voll beunruhigender Schilderungen. Das Szenario von "Die Cellistin" wirkt daher ziemlich lebensnah. Und auch die Entwicklung in den USA mit dem Auftrieb der extremen Rechten während der Trump-Präsidentschaft ist leider kein Fantasieprodukt Silvas.

Dabei will sich Gabriel Allon, nicht mehr der Jüngste und nach langer Geheimdienstlaufbahn doch eigentlich vor allem der Kunst und der Familie widmen, die in seinem Agentenleben oftmals zu kurz kamen. Und keinesfalls strebt er eine weitere Amtszeit als Mossad-Chef an. Doch als ein Kremlkritiker vergiftet wird und ausgerechnet eine investigative Journalistin unter Verdacht gerät, kann Allon dies nicht ignorieren, er kannte den Toten.

Internationale Finanzspekulationen, Geldwäsche, Machtspiele und Oligarchen, das ganze passenderweise zwischen London und Zürich - das Setting passt, und Allon kann sich auf Mitstreitet verlassen, die auch aus früheren Bänden vertraut sind. So hat die Arbeit an dem neuen Fall ein bißchen etwas von einem Familientreffen an sich.

Allerdings gibt es hier statt Kaffeetafel und Erinnerungen doppeltes Spiel, digitales und analoges Ausspähen, eine Falle für den obersten Geldwäscher des Kreml und wer weiß, vielleicht sogar für den Mann an der Spitze Ruslands selbst? Ein Trumpf in Allons Kartenset ist eine junge deutsche Finanzexpertin und begabte Cellistin, der der Roman den Titel verdankt. Wie so viele der Frauenfiguren, mit denen Allon zu tun hat, ist sie natürlich wieder unverschämt gut aussehend, aber na ja, wir wissen ja seit James Bond, dass unscheinbare Frauen in Spionagefilmen und -romanen nur als Leiche in den ersten Minuten/Buchseiten taugen, soviel Klischee muss wohl sein.

Bei aller Routine des Autors kommt keine Langweile auf. Der Plot ist spannend, die Umsetzung ebenso. Der Showdown ist diesmal sogar ganz besonders dramatisch. Bleibt nur die Frage, hält Daniel Silva Allon die Treue oder bahnt sich hier gerade eine neue Reihe an?

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Veröffentlicht am 05.08.2022

Eleganter Krimi in der Verlagswelt

Eine verdächtig wahre Geschichte
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Ein Bestseller, mehrere Morde und ein rätselhafter Autor - mit "eine verdächtig wahre Geschichte" führt Antoine Laurain die Leser*innen in die Welt des Pariser Literaturbetriebs. Sie ist womöglich noch ...

Ein Bestseller, mehrere Morde und ein rätselhafter Autor - mit "eine verdächtig wahre Geschichte" führt Antoine Laurain die Leser*innen in die Welt des Pariser Literaturbetriebs. Sie ist womöglich noch eine Spur eleganter, kapriziöser, großbürgerlicher als anderswo, jedenfalls wenn die Beschreibung der Figuren des Buchs ein Indiz ist. Violaine Lepage hat es aus bescheidenen Anfängen an die Spitze eines Literaturverlags geschafft, ist zugleich die Chefin der Manuskriptabteilung. Die Lektoren, die hier arbeiten, sind mit Trüffelschweinen der Literatur vergleichbar - shließlich müssen sie in dem Wust unverlangt eingesandte Manuskripte das Gespür für den Text haben, der auf dem Buchmarkt den Durchbruch schafft.

"Die Zuckerblumen" von Camille Desencres ist so ein Buch, mausert sich zur Sensation, wird für den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs nominiert. Und plötzlich hat der Verlag ein Problem. Denn sobald der Preisträger oder die Preosträgerin bekannt ist, folgt eine Pressekonferenz mit Live-Übertragung, Fernsehauftritte und der Autor oder die Autorin wird zum öffentlichen Star. Leider weiß niemand, wer Camille Desencres ist, nicht einmal, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt - Das Manuskript wurde ohne Adresse eingesandt, alle Kontakte liefen über eine Email, Camille schwieg sich über sämtliche persönliche Informationen aus. Niemand hat ihn oder sie je zu Gesicht bekommen.

Und plötzlich interessiert sich auch die Polizei für das Buch. Denn sie ermittelt in zwei Mordfällen, die sich vor Erscheinen des Buchs ereignet haben und die in dem Text so genau beschrieben sind, dass es nach einer verdächtig wahren Geschichte aussieht, nach Täter- oder zumindest Zeugenwissen. Ist Camille Desencres ein Mörder? Dass Violaine nach einem Unfall im Koma lag und nun unter Gedächtnislücken und Visionen toter Autoren leidet, macht es nicht einfacher.

Doppelbödiges Versteckspiel mit Seitenhieben auf literarische Abgründe, Spannung und ein bißchen Liebe, viele Geheimnisse und ein fulminanter Abschluss - Laurain weiß, wie er seine Leser fesselt und unterhält. Das war mein erstes Buch des Autoren, den ich mir nun merken werde. Esprit und Überraschungen, elegante Literaturwelt und dunkle Vergangenheit machen die gerade mal gut 200 Seiten zum Lesegenuss und Rätselvergnügen gleichermaßen. Buchfans kommen da eigentlich nicht dran vorbei.

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Veröffentlicht am 05.08.2022

Mittelprächtig

Rupert undercover - Ostfriesisches Finale
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Mit dem ostfriesischen Finale endete die Triologie um die Undercover-Mission des ostfriesischen Kleinstadtpolizisten Rupert als Drogenboss Federico, samt "Mietehefrau", die sowohl Bodyguard- als auch Callgirl-Qualitäten ...

Mit dem ostfriesischen Finale endete die Triologie um die Undercover-Mission des ostfriesischen Kleinstadtpolizisten Rupert als Drogenboss Federico, samt "Mietehefrau", die sowohl Bodyguard- als auch Callgirl-Qualitäten hat. Für Rupert, den Möchtegern-Frauenhelden, eine rundum erfreuliche Sache, jedenfalls, nachdem er den vegetarischen Weinexperten Federico vorsichtig zum currywurstfutternden Biertrinker umstylen konnte, ohne dass dessen Kumpane sich darüber wunderten. Das war bereits Thema der ersten beiden Bände, nun geht es im Ostfriesen-Spin Off von Klaus Peter Wolf darum, verschiedene Erzählstränge zusammenzuführen - der totgeglaubte Federico taucht ebenso wieder auf wie der psychopathische Serienkiller "Geier" und der eher ethisch veranlagte Serienmörder Doktor Sommerfeld. Das kann schon mal konfus werden.

Schon bei den beiden vorangegangen Bänden hatte ich gemischte Gefühle - der Eindruck bleibt auch am Ende des Finales. Denn einerseits ist es eine witzige Idee: Der Möchtegern-Superbulle, Kleinstadtcasanova und nicht gerade intellektuell brillierende Rupert, der immer von höheren Dingen wie einer Karierre beim BKA geträumt hat und im Schatten seiner Kollegin Ann-Kathrin Klaaasen stand (niemand fasste so viele Serienmörder wie sie), kann sich endlich mal beweisen. Kann in die Rolle eines Mannes schlüpfen, der ihm ähnelt wie ein eineigier Zwilling, aber unterschiedlicher nicht sein könnte: kunstsinnig, über Rotwein philosophierend und heimlich schwul. Das darf unter den Machos seines Gangsterimperiums natürlich nicht bekannt werden.

Alles sehr überzogen und stellenweise sehr witzig - jedenfalls da, wo der Autor mit ironischer Distanz und einem Augenzwinkern das Geschehen seinen Lauf nehmen lässt.Das sind dann die bei weitem gelungensten Szenen des Buches, die mir gut gefallen haben.

Die ebenfalls überzeichneten Psychopathen sind dann nicht wirklich witzig und so manche Bluttat scheint eher eine Sache des Effekts zu sein. Da fehlt mir dann ein bißchen die Stringenz der Geschichte. Entweder Ironie oder härterer Krimi, die Kombination funktioniert vielleicht bei Tarrantino, aber nicht bei Wolf.

Und leider, leider verschenkt der Autor das Potenzial des Buches, eine Nebenfigur der Hauptserie in den Mittelpunkt zu stellen, ein neues Setting zu erarbeiten und etwas weitgehend Neues zu schaffen. Doch weit gefehlt - das Finale wird einmal mehr zur Ann Kathrin Klaasen-Show. Der Schwerpunkt verrutscht immer stärker zu Ruperts ostfriesischen Kollegen, die bereits in einer eigenen Reihe den Ton angeben und auch jetzt wieder die entscheidende Rolle spielen können.

Ja, es ist schon klar, der Autor hat eine Schwäche für seine Kommissarin. Aber so perfekt, so brillant, so entscheidend für jeden Fall nervt sie mich einfach. Superhelden und Superheldinnen sind, gerade weil so super, für mich eher langweilig. Es ist ja eh klar - am Ende retten sie die Welt, lösen den Fall etc etc

Insofern - hübsche Idee, aber leider nur mittelprächtig ausgeführt.

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Veröffentlicht am 03.08.2022

Betrug, bunt wie Bollywood

Bekenntnisse eines Betrügers
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Bunt und wirbelig wie ein Bollywood-Film, absurd-komisch, liebenswürdig und mit zahlreichen verrückten Wendungen kommen die "Bekenntnisse eines Betrügers" vo Rahul Raina daher. In seinem Debütroman zeichnet ...

Bunt und wirbelig wie ein Bollywood-Film, absurd-komisch, liebenswürdig und mit zahlreichen verrückten Wendungen kommen die "Bekenntnisse eines Betrügers" vo Rahul Raina daher. In seinem Debütroman zeichnet er ein aberwitziges, pralles Porträt seiner Heimatstadt Neu Delhi, auch wenn er wie so viele der von ihm beschriebenen ehrgeizigen Mittelschichtsinder längst kosmopolitisch zwischen dem Subkontinent und westlichen Ländern unterwegs sind, in Rainas Fall Großbritannien.

Ich-Erzähler Ramesh kommt aus einem Teil Delhi, in dem dieser Traum unerfüllbar scheint. Die Mutter starb bei der Geburt, aufgezogen wird er von seinem prügelnden, lieblosen Vater, kann als Kind kaum zur Schule gehen, da er für den Teestand des Vaters Gewürze mahlen muss. Dass er zum Betrüger, Entführungsopfer und Möchtegern-Kidnapper wurde, hat er letzlich dem Traum vom Bildungsaufstieg zu verdankem und einer Nonne, die ihm den Schulbesuch ermöglichte.

Ein gerader Weg zum Erfolg wird Ramesh allerdings nicht zuteil - statt dessen schlägt er sich zu Beginn des Romans als "Prüfungsberater" durch - sprich, er absolviert gehen entsprechende Entlohnung die Abschlussprüfung für reiche, aber faule oder unbegabte Söhne der indischen Mittelschicht und ebnet ihne so den Weg an amerikanische, englische oder australische Universitäten. Die größte Angst wann wird er zu alt sein, um als Abiturient durchzugehen?

Die große Wende kommt, als Ramesh so erfolgreich wie nie zuvor ist: Rudraksh (oder Rudi), der pummelige, unglückliche und emotional vernachlässigte Sohn eines Mittelschichtpaares, wird Zweiplatzierter bei den All-Indian Exams. Das der Beste aller Schüler einen muslimischen Namen hat, konzentriert sich die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf Rudi, der zum Social-Media und Fernsehstar mit eigener Rateshow wird. Plötzlich führt der 17-jährige das Leben eines Rock-Stars, Sex und Drugs inbegriffen und Ramesh ist als sein Manager Fixer, Berater, Diener und Kindermädchen in einer Person.

Als Rudi der Erfolg zu Kopf steigt und er in der Show einen Teenager grausam demütigt, hat das ungeahnte Folgen. Plötzlich müssen Ramesh und Rudi um Gefahr für Leib und Leben fürchten. Korruption, Materialismus, Social Media-Ruhm, kriminelle Energie und ein bißchen Liebe werden in die turbulente Handlung eingebracht. Ein Highlight sind die sarkastischen Reflektionen Rameshs über das moderne Indien, über die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West, über die Härten des Lebens und die verbleibenen Träume. Dabei wird auch der Yoga- und Ayurveda-verklärte Blick westlicher Wohlstandsmenschen auf den Subkontinent auf die Schippe genommen. Die "Bekenntnisse eines Betrügers" sind unterhaltsam, spannend, lebendig und farbenfroh erzählt.Ein gelungenes Debüt!

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