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Veröffentlicht am 01.09.2022

Roadtrip der Hoffnungen

Lincoln Highway
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Es gibt Bücher, die möchte man eigentlich gar nicht zu Ende lesen, weil sie einfach so gut sind und der Blick auf den immer dünner werdenden Teil bis zur letzten Seite den Abschnitt vom Buch bedeutet. ...

Es gibt Bücher, die möchte man eigentlich gar nicht zu Ende lesen, weil sie einfach so gut sind und der Blick auf den immer dünner werdenden Teil bis zur letzten Seite den Abschnitt vom Buch bedeutet. "Lincoln Highway" von Amor Towles war für mich so ein Buch. Ein Leseerlebnis wie ein Road Trip durch die amerikanische Weite, wenn auch ein wenig anders als ursprüngich erwartet. Zugleich ist es eine Coming of Age-Geschichte und das sensibel gezeichnete Porträt von vier Jungen bzw jungen Männern, die bei all ihren Unterschieden eines eint: Sie sind Söhne ohne Väter, versuchen auf unterschiedliche Weise mit dieser Leerstelle in ihrem Leben umzugehen, während sie ihre Träume verfolgen.

Das Buch startet im Mittleren Westen in Nebraska, als der 18-jährige Emmett nach Verbüßung seiner Zeit in einer Jugendstrafanstalt wegen Totschlags zurück auf die Farm der Familie zurückkehrt. Ein unglücklicher Sturz bei einer Schlägerei hat einen Kontrahenten das Leben gekostet - für Emmett ein Anlass, sich mit seinem Jähzorn auseinanderzusetzen. Wer ihn nun erlebt, traut ihm die Gewalt gar nicht zu, so besonnen, überlegt, reif weit über sein Alter hinaus wirkt er. Denn auch viel Verantwortung lastet auf dem jungen Mann: Für seinen achtjährigen kleinen Bruder Billy,einen aufgeweckten, lebhaften und sehr intelligenten Jungen, muss er nun Vater und Mutter sein. Die Mutter hat die Familie verlassen, als Billy ein Baby war, der Vater ist nach langer Krankheit gestorben und die Farm, so erfahrt Emmett gleich bei seiner Ankunft, gehört der Bank. Alles was den Brüdern geblieben ist, ist Emmetts Studebaker.

Doch bei Emmett läuft nichts ohne Plan: Er will nach Texas, ein baufälliges Haus kaufen, renovieren, wieder verkaufern und in zwei weitere Häuser investieren - und immer so weiter, bis er irgendwann andere für sich arbeiten lassen kann. Doch er hat die Rechnung ohne Billy gemacht, der ihm erklärt, sie müssten nach Kalifornien. Denn in den Unterlagen des Vaters hat der Kleine Postkarten der Mutter getroffen, die offenbar den Lincoln Highway entlang nach Kalifornien gezogen ist - die letzte Postkarte kam aus San Francisco.

Und noch andere Störmanöver gibt es mit dem Auftauchen von Duchess und Woolie, zwei Freunden Emmetts aus der Strafanstalt. Duchess, streetwise und mit allen Wassern gewaschen, Sohn eines fahrenden Schauspielers und Kleinkriminellen, und der ein bißchen langsame Woolie, der aus bester Ostküstenfamilie stammt, gewissermaßen Ostküstenadel, aber psychisch krank ist. Während Duchess als Kind von seinem Vater im Waisenhaus abgegeben wurde, weil er einer Romanze im Weg war, hat Woolie nie den Tod seines Vaters als Offizier im Zweiten Weltkrieg verwunden.

Die Handlung von "Lincoln Highway" spielt in den frühen 60-er Jahrem, es ist ein langsameres, leiseres, monochromeres Amerika, die Trennung der Menschen in Schwarz und Weiß wird noch akzeptiert, das Frauenbild ist sehr traditionell, aber eigentlich wabert dieses gesellschaftliche Umfeld am Rand des Blickfelds, denn Duchess und Woolie torpedieren die Reise in den Westen, weil sie Woolies Erbe aus dem Safe seines Urgroßvaters aus dem Ferienanwesen in Neu England holen wollen. Zu welchen Komplikationen das führt, soll hier gar nicht erörtert werden.

Towles lässt seine Leser den Abenteuern der vier Jungen folgen, immer wieder werden dabei die Perspektiven gewechselt, Wege trennen sich und führen wieder zusammen. Und wenn Emmett und Billy wie die Hobos in Güterzügen unterwegs sind, treffen sie auf Menschen wie Ulysses, in dem Billy mit seiner Begeisterung für Helden und Entdecker einen wiedergeborenen Odysseus zu erkennen bleibt. Lincoln Highway hat seine großen und kleinen Tragödien, steckt voller Träume und Hoffnungen. Die ruhige, bildhafte Erzählweise trägt zum Lesegenuss bei und viel zu schnell endet die Lesereise auch trotz der 575 Buchseiten. Mit Emmett, Billy und ihren Freunden unterwegs zu sein, macht Spaß und nachdenklich gleichermaßen.

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Veröffentlicht am 31.08.2022

Beutekunst und Vergangenheitsbewältigung

Das neunte Gemälde
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ergangenheitsbewältigung in der Kunstszene und in der eigenen Familiengeschichte: Eigentlich hat der Kunstsachverständige, Lennard Lomberg nach seinem Abschied vom traditionsreichen britischen Auktionshaus ...

ergangenheitsbewältigung in der Kunstszene und in der eigenen Familiengeschichte: Eigentlich hat der Kunstsachverständige, Lennard Lomberg nach seinem Abschied vom traditionsreichen britischen Auktionshaus Christie´s Gastprofessor in seiner Geburtsstadt Bonn mit dem Thema NS-Raubkunst längst abgeschlossen. Zwar behandelte seine Doktorarbeit die moralischen, rechtlichen und kunsthistorischen Zusammenhänge, aber das ist mehr als 20 Jahre her. Seitdem hat er längst einen britischen (Doppel-)Pass und keinerlei Absichten, sich dem konfliktbeladenen Thema wieder zuzuwenden.

Bis er erst einen Anruf von einem ihm völlig unbekannten Mann erhält, der ihn zu einem diskreten Treffen im Zusammenhang mit der angestrebten Rückgabe eines Gemäldes mit problematischer Provenient bittet. Als der Anrufer wenig später tot in einem Hotel gefunden wird, gerät Lomberg vorübergehend unter Mordverdacht. Der ist zwar schnell entschärft und der Kontakt zu einer kunstsinnigen BKA-Ermittlerin gestaltet sich sogar recht reizvoll. Doch schnell wird Lomberg zum Ermittler in eigener Sache und stellt fest, dass ein mutmaßlicher Picasso, einst im besetzten Frankreich aus dem Besitz eines jüdischen Kunstsammlers geraubt, mit der eigenen Familiengeschichte zusammenhängen künnte.

Denn nicht nur war Lombergs Vater als Wehrmachtsoffizier in der fraglichen Zeit im besetzten Paris stationiert, der Verwaltungsjurist machte später eine eher ungewöhnliche Karriere und wurde Generalbundesanwalt. Gab es eine Vergangenheit, die er verschwieg? Und warum reagierte er seinerzeit so heftig auf Lombergs Interesse für Kunstgeschichte und das Thema seiner Doktorarbeit?

Während ein Erzählstrang von Andreas Storms Kunst-Krimi "Das neunte Gemälde" Lomberg und seiner an der Familiengeschichte interessierten Tochter Julie bei ihren Ermittlungen folgt, führt ein zweiter in die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Leser wissen so schon vieles, was Lomberg erst noch entschlüsseln muss. Dabei schafft es Storm allerdings, immer noch ein paar Rätsel und Entwicklungen in der Hinterhand zu behalten. Die Eitelkeiten des internationalen Kunstbetriebs spielen ebenso eine Rolle wie transgenerationales Trauma und der RAF-Terror der 70-er Jahre.

Kleiner Abstrich: Für einen Anfang-Fünfziger hat Lomberg doch ziemlich viel von einem alten weißen Mann. Beruflich engagierte und erfolgreiche Frauen sind offenbar egoistisch, wenn sie ihre eigene Karriere verfolgen und nicht regelmäßig zur Verfügung stehen, so wie Lombergs französische Banker-Freundin. Und die moralische Verkommenheit der Mutter seiner Tochter, die sich schon während der Schwangerschaft von ihm trennte, liegt anscheinend darin, dass sie mittlerweile offen bisexuell lebt. Ach, die Leiden des traditionellen Mannes !

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Veröffentlicht am 29.08.2022

Detroit Noir

Princess Margarita Illegal
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Das Warten hat sich gelohnt: Mit Princess Margarita Illegal hat Stephen Mack Jones einen weiteren Roman um den Ex-Marine und Ex-Polizisten August Snow geschrieben, und wieder bildet Mexicantown in Detroit ...

Das Warten hat sich gelohnt: Mit Princess Margarita Illegal hat Stephen Mack Jones einen weiteren Roman um den Ex-Marine und Ex-Polizisten August Snow geschrieben, und wieder bildet Mexicantown in Detroit den Schauplatz eines spannenden Krimis mit Düsternis und Strahlkraft gleichermaßen. Seit er erfolgreich gegen die Stadt Detroit geklagt hat, ist Snow nicht mehr auf Arbeit angewiesen.

Statt sich auf seinen Millionen auszuruhen und ein süßes Leben zu genießen, ist er ein Philantrop der ungewöhnlichen Sorte und stemmt sich dem Verfall seiner Heimatstadt entgegen, die sich seit dem Niedergang der Automobilindustrie in einer Abwärtsspirale bewegt. Snow, Sohn eines schwarzen Vaters und einer mexikanischen Mutter, ist in das Viertel seiner Kindheit zurückgezogen und hat nicht nur sein Elternhaus restauriert, sondern auch Häuser in der Nachbarschaft aufgekauft, hergerichtet und ist als sozialer Vermieter auch ein bißchen Sozialarbeiter.

Doch dann sind seine Ermittlerfähigkeiten wieder gefragt: Zum einen bittet ihn seine mütterliche Freundin Elena um Hilfe. Die Rechtsanwältin kümmert sich um die Menschen der mexikanischen communtiy, auch um jene, die ohne Einwanderungspapiere in der Stadt leben. Seit einiger Zeit gehen die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörden in Mexicotown auf die Jagd nach Illgalen. Möglicherweise ist auch Korruption im Spiel. Familien werden auseinandergerissen, die Menschen leben zunehmend in Angst. Da kann Snow nicht einfach zuschauen.

Und dann ist da noch die junge Latina, die tot aus dem Wasser geborgen wurde - in einem Prinzessinnenkostüm, mit Drogen im Blut und offenbar Opfer schwerer sexueller Gewalt. Sie bleibt nicht das einzige Opfer. Alle der getöteten Frauen waren jung, offenbar illegale Einwanderinnen, die nirgends vermisst wurden. Ein Schleuser- und Sexsklavenring scheint in Detroit aktiv zu sein und die offiziellen Ermittlungen treten auf der Stelle.

Zwar ist Snow in Kontakt zu einer FBI-Agentin, die an dem Fall arbeitet, doch der Ex-Marine war schon immer ein Mann der Tat. Zusammen mit ein paar Kumpeln legt er sich in Rambo-Manier sowohl mit den Behörden als auch mit einer rechtsextremen Rockergang an. Dabei wird der Fall immer komplizierter und gefährlicher.

Einmal mehr hat Jones einen Detroit Noir-Krimi mit vielen Härten und dichter, düsterer Atmosphäre geschrieben, Ausgesprochen spannungsreich, aktionsgeladen und mit manchem Überraschungseffekt kommt beim Lesen reichlich Nervenkitzel, aber niemals Langeweile auf. Ein dramatischer Showdown ist dann noch das I-Tüpfelchen dieses rundum gelungenen Buchs.

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Veröffentlicht am 29.08.2022

Eine Gattin verschwindet

Die Passage nach Maskat
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Wer sich bei Cay Rademachers "Die Passage nach Maskat" an ein Crossover von Babylon Berlin und Tod auf dem Nil erinnert fühlt, liegt nicht völlig falsch, spielt die Handlung doch in den 20-er Jahren und ...

Wer sich bei Cay Rademachers "Die Passage nach Maskat" an ein Crossover von Babylon Berlin und Tod auf dem Nil erinnert fühlt, liegt nicht völlig falsch, spielt die Handlung doch in den 20-er Jahren und auf einem Schiff, dass von Marseille aus in den Nahen Osten und dann weiter nach Yokohama und Schanghai aufbricht. Mit dabei: Der Fotoreporter Theodor Jung, der für eine Berliner Illustrierte den Auftrag ergattert hat, über die Reise der "Champollion" zu berichten. Andernfalls hätte er Probleme gehabt, sich mit Ehefrau Dora der Reise der Schwiegerfamlie nach Maskat anzuschließen.

Der Schwiegervater, ein Hamburger Kaufmann, macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Beruf seines Schwiegersohns nicht einverstanden ist und sich etwas "Besseres" für seine Tochter gewünscht hätte. Etwa seinen Prokuristen Lüttgen, der ebenfalls zur Reisegesellschaft gehört? Die Ehe von Theodor und Dora kriselt schon seit geraumer Zeit, er hofft, dass es auf der Schiffsreise wieder zu mehr Nähe kommt.

Doch dann verschwindet Dora spurlos - und ihre Familie behauptet hartnäckig, sie sei nie an Bord gegangen und weiterhin in Berlin. Da ihr Name auch in der Passagiersliste nicht aufgeführt ist, zweifelt Theodor, der nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg uner einer posttraumatischen Störung leidet, zeitweise an seinem Verstand zweifeln lässt. Immerhin: die französische Kabinenstewardess kann sich nicht nur an Dora erinnern, sie hilft ihm auch bei seinen Nachforschungen.

Denn es gibt so manches, was Fragen aufwirft: Was sind die eigentlichen Pläne der Kaufmannsfamilie im Orient? Was hat ein bekannter Krimineller, der zu einem der berüchtigten Berliner Ringervereine gehört, mit Theodors Schwiegervater zu tun? Und auch sonst gibt es Passagiere, doe Fragen aufwerfen - der italienische Anwalt etwa, der ein bißchen zu intensiv mit Theodors Schwiegermutter flirtet, die wiederum ein Kokainproblem hat und offenbar von Dora beliefert worden ist. Der amerikanische Ingenieur, der erst nach und nach verrät, dass er keineswegs einen Brückenbau in Yokohama plant, sondern tatsächlich ebenfalls in Moskat das Schiff verlassen wird. Und auch die exzentrische Engländerin mit ihrer Gesellschafterin könnte das eine oder andere Geheimnis haben, ist auf jeden Fall aber ausgezeichnet vernetzt.

Rademacher präsentiert einen ganzen Reigen an Verdächtigen, die sich auf die eine oder andere Weise kompromittieren, es gibt merkwürdige Unfälle und ein paar Leichen und auch romantische Schwingungen an Bord bleiben nicht aus. Bis Theodor das Rätsel um die verschwundene Ehefrau gelöst hat, wartet die eine oder andere bittere Erkenntnis auf ihn. Der Zeitkolorit ist gut getroffen und die teils klaustrophibische Stimmung trotz allen Luxus´an Bord der "Champillon" trägt zur Spannung bei.

Hervorzuheben ist auch das Cover, das altmodischen Reiseplakaten nachempfunden ist, die Fernweh wecken und zugleich elegant gestaltet sind.

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Veröffentlicht am 26.08.2022

Putins Krieg und Europa

Zeitenwende
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Viele Experten melden sich seit einem halbe Jahr immer wieder zu Wort, um Putin, den Krieg in der Ukraine und die Folgen für den Rest Europas zu kommentieren. Auch Rüdiger von Fritsch, bis 2019 deutscher ...

Viele Experten melden sich seit einem halbe Jahr immer wieder zu Wort, um Putin, den Krieg in der Ukraine und die Folgen für den Rest Europas zu kommentieren. Auch Rüdiger von Fritsch, bis 2019 deutscher Botschafter in Moskau, wurde immer wieder befragt. Mit seinem Buch "Zeitenwende" stellt er unter Beweis, wie man ruhig, reflektiert und sachlich über einen Konflikt schreiben kann, der auch hierzulande die Gemüter erregt - auch wenn ich momentan den Eindruck habe, dass sich viele Menschen hierzulande momentan mehr über die Heizungspreise in der nächsten Wintersaison ereifern als über das Schicksal der Menschen in der Ukraine.

von Fritsch mag mittlerweile Diplomat im Ruhestand sein, aber mit seinem Text zeigt er, dass er die diplomatischen Töne keineswegs verlernt hat. Besonnen, kritisch und immer auf der Suche nach Lösungsoptionen schildert er Szenarien und Vorgeschichte, teilt seine Einblicke in das Russland Putins, aber auch die Traditionen und imperialen Träume, auf die sich der Herrscher im Kreml bezieht.

Der Botschafterposten in Moskau (den, anders als in manch anderen hochangesehenen Hauptstädten stets nur ausgewiesene Karrierediplomaten erhalten), war für von Fritsch vermutlich nicht nur der Abschluss sondern auch der Höhepunkt seiner Laufbahn. Die Welt jenseits der früheren Eisernen Vorhangs ist ihm nicht neu: Er gehört zur Generation der Diplomaten, die von der Ostpolitik Willi Brandts inspiriert wurden, diese Laufbahn einzuschlagen, erzählte er einmal in einem Gespräch.

In den 80-er Jahren war er als junger Diplomat in Polen, erlebte dort ein Land, das seine europäischen Träume nie aufgegeben hatte - so wie heute die Ukraine. Und er war deutscher Botschafter in Warschau, ehe er nach Moskau weiterzog. Er bereitete nicht nur als Unterhändler die EU-Osterweiterung vor, sondern erlebte auch, wie in Polen auf die Annektion der Krim reagierte: An der Weichsel und auch in den baltischen Staaten wurden damals umgehend Forderungen nach einer deutlichen Truppen-Präsenz aus Nato-Staaten laut. Warum das infolge der Verträge nach 1989 schwer umzusetzen gewesen wäre, wird auch beim Lesen von "Zeitenwende" klar, auch wenn von Fritsch sich ganz auf die Gegenwart fokussiert.

Dabei ordnet er den Konflikt auch in seine geopolitischen Zusammenhänge ein - Russlands Rolle im Nahen Osten seit dem Engagement im syrischen Bürgerkrieg, die Bedeutung Chinas, die Entwicklung in Zentralasien und den Einfluss des Zerfalls der Sowjetunion auf die russische Psyche und Politik.

So eindeutig er den Angriff auf die Ukraine verurteilt, so sehr kritisiert von Fritsch Überreaktionen gegen alles Russische, zollt der russischen Kultur Bewunderung und erinnert sich voll Wärme an seine Begegnungen mit russischen Menschen. Gleichzeitig entwirft er mögliche Szenarieren, wie der Krieg enden könnte und welche politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen er herbeiführen könnte. Und er setzt auf eine Zukunft, die momentan noch weit entfernt scheint:

"Was uns bleibt, ist die Hoffnung auf eine Zeit danach. Wladimir Putin ist zwar Russlands Macht, aber er ist nicht Russland. ... Auch in schwieriger Zeit müssen wir darauf setzen, dass sich in Zukunft Chancen ergeben und Lösungen eröffnen, die sich derzeit höchstens in blassen Konturen abzeichnen. Weder ist ausgemacht, dass Chinas Weg auf Dauer erfolgreich ist, noch dass Russland sich nicht wandelt. Wir müssen an der Zuversicht festhalten, dass die Zukunft besser aussehen könnte, als die sehr begrenzte Einsicht der Gegenwart uns dies vermuten lässt."