Zugegeben, wenn Promis Bücher schreiben, bin ich immer erst mal verhalten - egal, ob es nun um Fitness, Ernährung oder whatever geht. Ein bekannter Name mag ein Zugpferd sein, und der Inhalt ist dann ...
Zugegeben, wenn Promis Bücher schreiben, bin ich immer erst mal verhalten - egal, ob es nun um Fitness, Ernährung oder whatever geht. Ein bekannter Name mag ein Zugpferd sein, und der Inhalt ist dann nicht in allen Fälle so berauschend. Allerdings liebe ich die Küche des Nahen Ostens, und mit türkischen Rezepten bin ich noch nicht so gut bestückt.
Sympathisch ist auf jeden Fall, wie die Autorin von ihrem eigenen deutsch-türkischen (kulinarischen) Aufwachsen erzählt. Auch die Tatsache, dass die Rezepte so zusammengestellt sind, dass Frauen mit wenig Zeit nicht stundenlang in der Küche stehen müssen, fand ich gut. Angenehm überrascht haben mich auch die Gemüse-Variationen einiger nun doch sehr fleischreicher türkischer Gerichte wie Gemüse Köfte und Veggie Döner.
Auch sonst fand ich einige Fusionsrezepte, die ich nicht unbedingt in einem türkischen Rezeptbuch erwartet hätte und teilweise schon ausprobiert habe, etwa die scharfe Möhren-Orangensuppe und den Ofenkürbis mit Schafskäsecreme. Variationen wie Baklava Style pancakes (die klassische Baklava ist mir persönlich einfach viel zu süß) klingen auch total lecker. Mit Möhren-Cacic und dem Bauernsalat mit Avocado gibt es ebenfalls ein paar lecker klingende leichte Gerichte, die jetzt bei mir auf Umsetzung warten. Dass es auch noch ein "love dinner" mit eigenem Rezeptteil gibt, ist ein nettes Extra nicht nur zum Valentinstag. Die meisten Rezepte klingen leicht umsetzbar, die Zutatenliste dürfte ebenfalls kein Problem sein - eine gelungene Sammlung jenseits des klassischen Döner und Lahmacun.
Es liegt nicht nur am Namen des Ich-Erzählers, dass in Ilja Trojanows neuem Roman "Doppelte Spur" Fiktion und - mögliche - Realität zu verschwimmen scheinen. Denn mit dem Journalisten Ilja Trojanow hat ...
Es liegt nicht nur am Namen des Ich-Erzählers, dass in Ilja Trojanows neuem Roman "Doppelte Spur" Fiktion und - mögliche - Realität zu verschwimmen scheinen. Denn mit dem Journalisten Ilja Trojanow hat der Schriftsteller seinen Zwilling auf Buchseiten geschaffen und auch die Vorgänge, die der investigative Reporter recherchiert, haben so manche Entsprechung in der Wirklichkeit. Und wer vielleicht Luke Hardings Buch über die Arbeit mit Whistleblower Edward Snowden gelesen hat (falls nicht, sehr empfehlenswerte Lektüre!) wird beim Lesen einen gewissen Wiedererkennungseffekt zu lesen, auch wenn es hier nicht um die NSA geht, sondern um einen russischen Staatschef, einen amerikanischen Präsidenten und den Sexskandal um einen pädophilen Finanzier mit besten politischen und wirtschaftlichen Verbindungen.
Der Titel "Doppelte Spur" bezieht sich auf die Tatsache, dass die Romanfigur Trojanow per Email gleich von zwei Whistleblowern kontaktiert. Eine Frau aus den USA mit dem Pseudonym "DeepFBI" und eine anonyme Quelle wohl aus Russland, die ihm per Mini-USB-Stick brisante Dokumente zukommen lassen. Es geht um die Kontakte des US-Präsidenten, eines früheren Immobilienmoguls zu russischen Geschäftsleuten, die aber teils Verbindungen zu Geheimdienstkreisen haben, teils zum organisierten Verbrechen. Hat "Schiefer Turm" wissentlich, aus Dummheit, als Erpressungsopfer Geld gewaschen für die eine oder andere "Bratva". Zieht der russische Langzeitpräsident Michail Iwanowitsch auch in den USA an den Strippen?
Die Fülle des Materials zu sichten, aber auch zu checken auf Plausibilität und die Interessen der Leaker, das schafft Trojanow nicht allein. Mit Boris, einem weiteren investigativen Journalisten, dessen Familie aus Russland eingewandert ist, bildet er ein Team - und zu diesem Duo stößt Dokumentarfilmerin Emi, die schon seit Jahren mit den Opfern des Finanzexperten Geoffrey Wasserstein arbeitet. Als Emi und Ilja ein Paar werden, ändert sich die Arbeitsdynamik, doch viele Fragen bleiben: Können die Journalisten ihren Quellen trauen, oder werden sie womöglich manipuliert? Wer hat ein Interesse an der Veröffentlichung der Dokumente?
Angesichts des Materialwusts zerfasert die Recherche mitunter, was dem Lesefluss von "Doppelte Spur" nicht unbedingt zugute kommt. Überhaupt ähnelt das Buch eher einem dokumentarisch geprägten Enthüllungsbuch als einem Thriller im Reich der Schattenkrieger. Doch der Teil der Fakten, die hier mit Fiktion verwoben sind, reicht schon aus für ein zunehmendes Unbehagen. Denn viele Vorgänge zu Donald Trump tauchen in den Dokumenten zu "Schiefer Turm" auf. Auch wenn (literarische) Spekulation hineinspielt, bleibt doch ein großer Teil, der aus völlig unliterarischen Enthüllungsbüchern oder investigativen Artikeln nur zu vertraut klingt. Was ist Wahrheit? Das Ringen seines Alter Ego um Wahrheitssuche hat dem Autor Trojanow einen Platz auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises eingebracht. Beim Lesen muss man sich zwar manchmal besser Notizen machen, um den Überblick über die möglichen Verstrickungen zu behalten, doch nicht nur für Verschwörungstheoretiker eine spannend-beklemmende Lektüre.
Kalmann Odinsson, der Titelheld des Romans von Joachim B.Schmidt, ist eine Art isländischer Cousin von Forrest Gump. Intellektuell eher unterbelichtet, ein Tor reinen Herzens, von anderen ein wenig als ...
Kalmann Odinsson, der Titelheld des Romans von Joachim B.Schmidt, ist eine Art isländischer Cousin von Forrest Gump. Intellektuell eher unterbelichtet, ein Tor reinen Herzens, von anderen ein wenig als Sonderling angesehen. Ein Mensch, dem Doppelbödigkeit und Ironie fremd sind und der Fragen wortwörtlich nimmt.
Würde Kalmann in einer Großstadt leben, wäre er womöglich in einer integrativen Wohngemeinschaft mit einer Arbeit, die mehr Beschäftigungstherapie ist. Aber er lebt in dem Dorf Raufarhövn am Polarkreis und sein Großvater meinte immer, Kalmann sei ganz normal -auch wenn die Räder in seinem Kopf manchmal verkehrt liefen. Also ging Kalmann nicht auf eine Sonderschule, sondern aud die Dorfschule, lernte von seinem Großvater jagen und angeln. Jetzt ist er der selbsternannte Sheriff von Raufarhövn und Experte für Gammelhai. Da Kalmanns Mutter als Krankenschwester in der nächstgrößeren Stadt arbeitet und der mittlerweile demente Großvater im Pflegeheim lebt, lebt Kalmann alleine und zieht sich, wenn er nicht gerade jagt oder Gammelhai einlegt, mit Vorliebe Fast-Food und Fernsehserien ein.
So weit, so gut - doch dann stößt Kalmann während der Jagd auf einen Polarfuchs auf eine grße Blutlache und findet sich plötzlich im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit wieder. Denn der Hotelbesitzer Robert McKenzie, der im Besitz der Fischereilizenzen ist, ein Hotel und einen Golfplatz hat - also ein wichtiger Mann am Ort - ist verschwunden. Kalmann bringt immer wieder mögliche Eisbären ins Spiel, doch die Polizistin, die in dem Vermisstenfall ermittelt, schließt ein Gewaltdelikt nicht aus. Dann wird auch noch eine Tonne aus dem Meer gefischt und im Magen eines von Kalmann gefischten Hais eine menschliche Hand entdeckt...
Die Ereignisse überstürzen sich und Kalmann ahnt langsam, dass er irgendwas gesehen hat oder weiß, dass sein mitunter eher wattiges Gedächtnis erfolgreich beiseite gelegt hat. Gut ist nur, dass er in Krisen gut funktioniert: "Es gibt Momente im Leben, in denen man nicht überlegt, Man handelt einfach. Der Körper übernimmt die Führung, das Gehirn darf dann eine Pause machen, denn man hat keine Zeit für Denkereien. In solchen Momenten bin ich irgendwie normal."
Geschildert aus der Sicht des Ich-Erzählers Kalmann, entwickelt sich der Vermisstenfall in einem ganz eigenen, entschleunigten Rhythmus. Kalmann ist zwar einerseits ständig im Zentrum des Geschehens, braucht aber ein bißchen länger, um die Zusammenhänge zu durchschauen oder sich an etwas Wesentliches zu erinnern . Dieser einsame Sonderling ist ein Highlight des Romans, den man ähnlich wie Forrest Gump einfach gern haben muss. Zum anderen ist da Schmidts Schilderung des Dorfes, der einsamen winterlichen Landschaft hoch im Norden von Island, die den Leser in den Bann zieht.
Ein klassischer Krimi ist "Kalmann" weniger, spannend ist es trotzdem.
Mit seinem Roman "Das schwarze Königreich" schließt Szczepan Twardoch an seinen Erfolgsroman "der Boxer" an. Auch hier geht es wieder um Jakub Szapiro, den ehemaligen Boxer und Gangster, der sich in den ...
Mit seinem Roman "Das schwarze Königreich" schließt Szczepan Twardoch an seinen Erfolgsroman "der Boxer" an. Auch hier geht es wieder um Jakub Szapiro, den ehemaligen Boxer und Gangster, der sich in den 20-er und 30-er Jahren als "König von Warschau" fühlen dürfte. Doch in dem Roman, der während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg spielt, ist die Situation eine völlig andere. Und auch sprachlich unterscheidet sich dieses Buch von seinem Vorgänger. Bildhaft-brachial geht es auch hier zu, doch gleichzeitig lässt Twardoch eine Reihe von Manierismen einfließen, die für mich teilweise schon ein bißchen "too much" sind - leider, denn abgesehen davon handelt es sich um ein ziemlich atemberaubendes Buch.
Der Szapiro des "schwarzen Königreichs" ist nur noch ein Schatten des alten Alphamannes, der sein Leben im guten wie im schlechten aus dem vollen lebte. Der selbstbewusste Gangster ist nur noch in der Erinnerung groß. Der Mann, der Herr über Leben und Tod war, ist nun hilflos, schwachm völlig abhängig von anderen - seien es die deutschen Besatzer, die ihn als Mitglied der Ordnungspolizei noch am Leben lassen, sei es nach dem Ghetto-Aufstand Ryfka, die einstige Bordellbesitzerin und langjährige Geliebte Szapiros. Selbst Ehefrau Emilia, die jahrelang alle Affären und Gaunereien ertragen und verziehen hat, zieht den Schlussstrich und hat Jakub aus der gemeinsamen Wohnung im Ghetto geworfen, als er sich mit seiner Arbeit für die Ordnungspolizei gewissermaßen zum Kollaboranten machte.
Ryfka ist auch eine der Ich-Erzählerinnen des Romans, zusammen mit David, einem der Zwillingssöhne Szapiros, dessen beschützte und privilegierte Kindheit ein jähes Ende findet, als die Familie ins Ghetto umziehen muss. Während Ryfka, die als früh verwaistes Mädchen auf den Straßen von Lodz schon seit jeher eine Überlebende war, muss David erst lernen, was es heißt, um jeden Preis zu überleben, als Schmuggler die Versorgung seiner Mutter und seines Bruders zu sichern. In einer Szene des Buches sollen sie sich in der apokalyptischen Trümmerwüste Warschaus nach der Niederschlagung des Aufstands begegnen. Da sind die Szapiros als Familie nur noch eine Erinnerung.
Es ist anzunehmen, dass Twardoch bei den derzeitigen polnischen Kulturpolitikern eher keine begeisterten Leser findet. Denn "Das schwarze Königreich" widerspricht dem Narrativ des uneigennützig und tapfer kämpfenden Polen, das sich den deutschen Besatzern entschlossen entgegenstellte, von einem Widerstand, der verfolgten Juden auf breiter Basis half. Für Ryfka oder David sind die christlichen Polen in den meisten Fällen eine Bedrohung, bestenfalls ein unbekanntes Risiko. Beim Überleben müssen sie sich auf ihre eigene Schlauheit, auf ihre Instinkte, auf die Planung von Schutz und der Suche nach dem nächsten Versteck konzentrieren.
Der Antisemitismus, der in der Vorkriegsgesellschaft weit verbreitet war, hörte nach dem 1. September 1939 nicht einfach auf - das wird in Twardochs Buch immer wieder thematisiert. Ebenso ist das Alleinsein, die Isolation, die nicht nur materielle Verarmung der Warschauer Juden ein Thema. Sie, die einst ein Drittel der Einwohner der polnischen Hauptstadt stellten, in der ein reiches jüdisches kulturelles und religiöses Leben herrschte, sind plötzlich jenseits aller Unterschiede zwischen Säkularen und Religiösen, Zionisten und Bundisten, Jiddisch sprechenden Vertretern einer Minderheitenkultur und assimilierten Juden, die sich in erster Linie als Polen begriffen haben nur noch elende Ghettobewohner, die nicht wissen, ob sie den nächsten Tag erleben.
"Das Böse ist die Existenz der Welt", heißt es in einem Satz von Ryfka, und diese Erfahrung des Bösen zieht sich als Grundzug durch den Roman. Lange lässt Twardoch den Leser rätseln, wie die Perspektive der Erzählenden zu verstehen ist. So ist immer wieder vom "hiermals" die Rede, werden Vergangenheit und Gegenwart in einem Satz verwoben mit Formulierungen wie "Ich sah, sehe..." Sie befinde sich "im Grau" präzisiert Ryfka später einen Zustand jenseits von Körperlichkeit und Empfinden, von Leben, wo nur noch Gedanke und Erinnerung existieren: "Das Hiermals ist ein ewiges Wachen, aus dem es kein Entkommen gibt."
Für Leser, die sich nicht mit der polnischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg auskennen, ist "Das schwarze Königreich" womöglich eine Herausforderung. Viele Anspielungen könnten deutschen Lesern verschlossen bleiben. Doch die in eindrucksvollen Bildern erzählte dramatische Handlung dürfte auch sie in den Bann ziehen.
Maschinenbau und Schriftstellerei - das ist eine eher ungewöhnliche Kombination. Mercedes Spannagel kombiniert beides: Die Österreicherin studiert in Wien Maschinenbau und hat mit "Das Palais muss brennen" ...
Maschinenbau und Schriftstellerei - das ist eine eher ungewöhnliche Kombination. Mercedes Spannagel kombiniert beides: Die Österreicherin studiert in Wien Maschinenbau und hat mit "Das Palais muss brennen" jetzt ihren Debütroman vorgelegt. "Abgründig, rasant und mit bitterbösem Sprachwitz" heißt es im Klappentext über das Buch vom Generationskonflikt zwischen einer korrupten rechten Elite und ihrer rebellischen Brut, das es auf die Shortlist Debüt des Österreichischen Buchpreis geschafft hat.
Ich-Erzählerin ist Luise, die Tochter der österreichischen Bundespräsidentin, einer rechtskonservativen Politikerin, die ihre Liebe eher an ihre neun Windhunde verteilt als an Luise und ihre Schwester Yara, die das Kunststudium ohne Wissen der Mutter geschmissen hat, jetzt in einem Tätowierstudio arbeitet und ansonsten ziemlich depressiv ist. Luise wiederum legt sich aus Protest gegen die Windhunde einen Mops zu, den sie Marx nennt, schwingt gerne revolutionäre Reden, hat aber in der Regel zu wenig Energie, sie umzusetzen. Eher unentschieden ist auch ihr Liebesleben. Sie verliebt sich zwar in die sportliche Jurastudentin Sef, lässt aber auch ihre On-Off-Beziehung Jo nicht fallen, der sich bisher nicht binden wollte.
Der Sprachwitz des Buches entfaltet sich eher in der Länge von Twitter-Nachrichten als in einem kontinuierlichen Fluss. Etwa wenn Luise einem Burschenschaftler "Mensur ist Menstruationsneid" entgegenschleudert. Oder wenn Spannagel Sprachbilder zeichnet wie: "Unsere Herzen waren dicke Kinder, die auf dünnem Boden sprangen. Alles bebte." Das klingt originell, geradezu poetisch. Aber über weite Strecken hinweg besteht die Rebellion der Kinder der rechten Eliten aus Sex, Drogen und Phrasen, nichts davon besonders originell.
Luise, die ihr Jurastudium eher nachlässig betreibt und auch sonst eher apathisch durchs Leben schlendert, mag sich für eine Rebellin halten, die gegen das Establishment kämpft, aber letztlich ist sie eine privilegierte Tochter und hat es aufgrund dieses Status nicht nötig, zu kämpfen oder sich anzustrengen. Ihr fehlt schlichtweg der Elan, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, lieber lässt sie sich von der Köchin im Präsidentenpalais mit Trüffelpommes versorgen.
Nach dem Klappentext hätte ich einen deutlich dynamischeren Roman erwartet mit mehr Biss. Die reizvolle Ausgangsidee fällt in der Umsetzung leider eher durchschnittlich aus. So ist eben auch Luise letztlich gefangen in ihrer eigenen Welt und muss nur dank eines Korruptionsskandals, an dessen Aufdeckung sie nicht ganz unbeteiligt war, lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Denn ihre Mutter, die der Skandal das Amt kostet, macht den Neuanfang nur mit den neun Windhunden. Der ist dann doch ein bissiger Seitenhieb auf die zweite Laufbahn von Politikern nach dem öffentlichen Amt: Sie geht als Beraterin nach Russland, "Öl oder Krieg", es sei ja eh fast dasselbe.