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Veröffentlicht am 08.11.2025

Toxische Wüste

No Way Home
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„No Way Home“, der neue Roman von T. C. Boyle, erschienen 2025 bei Carl Hanser, hat mich leider trotz vieler Gedanken, die ich mir gemacht habe, nicht wirklich abholen können und erzeugt für mich keine ...

„No Way Home“, der neue Roman von T. C. Boyle, erschienen 2025 bei Carl Hanser, hat mich leider trotz vieler Gedanken, die ich mir gemacht habe, nicht wirklich abholen können und erzeugt für mich keine Tiefe. Auch wenn, das bleibt unbenommen, Boyle natürlich seiner grundsätzlichen schriftstellerischen Qualität, die sich insbesondere in den dialogischen Passagen zeigt, treu bleibt.

Der Plot ist schnell umrissen: Terry, work-a-holic-Arzt aus Los Angeles, muss nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter, zu der er kaum Kontakt hatte, ihr Haus und das Erbe in Boulder City inmitten der Wüste Nevadas abwickeln. Ein Ort, an dem nichts los ist – aber in dem Terry auf Bethany trifft, die sich gerade frisch von Jesse getrennt hat, einem Typen, dem man nicht unbedingt im Dunkeln begegnen möchte. Bethany ist eine wandelnde Red Flag – Terry verfällt ihr dennoch und auch sie ist hooked – auch wenn Terry nicht wirklich der Typ Mann ist, den sie sucht. Ehe Terry sich versieht, okkupiert Bethany das Haus seiner Mutter und nistet sich immer tiefer in seinem Leben ein – mit fatalen Folgen...

Die Story war für mich leider durchweg absolut vorhersehbar, ich wurde nicht ein einziges Mal überrascht, die Figuren wirken stereotyp, weil Boyle uns nicht hineinschauen lässt in das „warum“, warum sind sie so geworden, wie sie eben sind? Die Ballung der psychotischen Züge war mir dann doch etwas sehr viel auf einem Platz, auch wenn Unglück oft Unglück anzieht. Schreiben kann Boyle wie gesagt, das las sich alles flüssig, wenn auch teilweise schon etwas geschwätzig. Die Dialoge sind, wie immer bei Boyle, ein Genuss, er schaut den Menschen sehr genau auf den Mund und kann hier absolut realistisch und unterhaltsam schreiben. Doch der Plot? Wir lesen das Musterbeispiel einer mehrfach toxischen Beziehung mit viel Narzismus und Verdrängungsanteilen, durchaus gut herausgearbeitet. Interessant ist dabei, wie alle Charaktere innerhalb ihrer Begrenzungen um ein gutes Leben kämpfen, die gewählten Strategien sind dabei nur per se nie erfolgsversprechend. Gerade Bethany ist da wirklich eine tragische Figur in ihrer Beharrlichkeit, mit der sie darauf hofft, dass das Leben noch ein besseres Stück vom Kuchen für sie parat hält als das, was sie in ihren Händen hält.

Warum heißt das Buch „No Way Home“ statt „Toxic as Hell“? Ich habe das Gefühl, genau das ist der Kern, das Strugglen um ein Zuhause, bei etwas Ankommen, was Sicherheit und ein gutes Gefühl verspricht – und was die Personen alle nie erreichen können, trotz der immer krasseren Mittel, die gewählt werden, weil sie nie an den Kern rangehen, den, den Boyle uns auch verweigert: Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin? Was muss ich innerlich bewältigen und auflösen, damit ich zu dem werden kann, der ich gerne wäre? Dabei ist interessant, dass die Menschen qua Milieu eigentlich alle grundsätzlich Zugang hätten zu Veränderungen, selbst Bethany ist mit ihrer Arbeit im Krankenhaus im Hierarchieranking der Gesellschaft zwar am weitesten unten, aber eben nicht komplett ungebildet oder schon abgestürzt. Sehr eindrücklich und bedrückend der hohe Konsum weicher bis harter Drogen, der sich durch den Roman zieht – ich sehe da ja auch ein großes gesellschaftliches Problem, auch hier in Deutschland. Aber die Figuren des Romans setzen sich einfach aus, schwimmen im Matsch der Perspektivlosigkeit, sind nicht bereit, sich oder etwas zu verändern: sie kämpfen, aber am falschen Ende, sie verweigern Erkenntnis und scheitern so immer wieder. Es ist eine noch nicht einmal kleinbürgerliche Welt ohne Therapie – nun könnte man mutmaßen, dass Boyle, eigentlich ein politischer Autor uns damit America in a Nutshell demonstrieren möchte, jedoch das Buch fühlt sich für mich gar nicht so an und das wäre auch sehr oberflächlich. Vielleicht wollte Boyle auch einfach nur genau diese Geschichte schreiben – und da spräche nichts dagegen, wenn sie neu wäre und einzigartig. Aber mich hat die Stagnation im Festhalten der Charaktere leider nicht berührt, und mir fehlt Tiefendimension.

Formal arbeitet Boyle mit eigentlich spannenden Perspektivwechseln – aber sogar die bieten kaum neuen Erkenntnisgewinn. Was bleibt ist ein Psychogramm narzisstischer Menschen in toxischen Beziehungen – mit all der Widerlichkeit und Larmoyanz, die damit einhergeht. Das funktioniert – und ist vorhersehbar, zumindest für mich. T. C. Boyle war schon deutlich stärker unterwegs.

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Gehen auf Glasscherben

Der brennende Garten
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„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan, 2025 erschienen bei Tropen, ist gegen Ende des Jahres noch einmal eine wundervolle Highlight-Überraschung, die viele Lesende in einen komplett neuen Kosmos ...

„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan, 2025 erschienen bei Tropen, ist gegen Ende des Jahres noch einmal eine wundervolle Highlight-Überraschung, die viele Lesende in einen komplett neuen Kosmos mitnehmen dürfte.

Wir tauchen ein in die Welt der Tamilen und in die Zeit des Bürgerkrieges, der von 1983-2009 dauerte und an den meisten Menschen in Europa wahrscheinlich zumindest in den Details vorbeigezogen ist. Die junge Sashi hat wie ihre Brüder das große Ziel, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden. Nicht einfach für eine junge Tamilin in dieser Zeit. Schon früh lernt sie K kennen, der das gleiche Ziel verfolgt – mit ungleich besseren Voraussetzungen. Sashi hat drei Brüder, sie ist umgeben von einer Männerwelt, in der sie nur spät immerhin endlich eine Freundin findet, die ähnlich wie sie selbst auch ausgegrenzt wird, in ihrem Fall hat die Ausgrenzung mit ihrem Glauben zu tun. Doch Sashi gibt nicht auf, sie verfolgt ihre Träume – und hat immer ein Auge auf K, zu dem sie sich von Tag eins an hingezogen fühlt.
Als quasi über Nacht in Sri Lanka der Bürgerkrieg ausbricht, bricht auch Sashis Leben auseinander und die sowieso immer fragile Sicherheit liegt in Scherben. Zwei ihrer drei Brüder und vor allem auch K werden Teil der Tamil Tigers, die um die Unabhängigkeit der Tamilen vom Staat Sri Lanka kämpfen – und bereit sind, dafür zu sterben. Sashi taucht ein in eine Welt, die sich immer weniger vom Terrorismus abgrenzen lässt und irgendwann muss auch sie Entscheidungen treffen, Entscheidungen, die kosten.

Ganeshananthan schreibt einfach gigantisch gut, das Buch strotzt nur so von Informationen und Gehalt, doch all das ist so gut eingebettet in Sashis Erleben und ihre Geschichte, dass nichts davon aufträgt. Im Gegenteil, wir sind jederzeit drin in Sashis Emotionen und ihrer Zerrissenheit, im Kampf zwischen Loyalität und Lebenshunger, im Opfern von Träumen für die Sache oder von Menschen für die Träume. Atmosphärisch dicht und durchweg packend, zerstörerisch und aufwühlend habe ich hier einen Teil Geschichte kennenlernen dürfen, der bei mir ganz klar einen blinden Fleck darstellt. Ich konnte so viel mitnehmen und habe dabei aber vor allem: Einen richtig guten Roman gelesen. Ganeshananthan macht mehr als deutlich, wie absurd Diskriminierung ist und wie unerträglich. Vor allem aber zeigt sie, wie sehr auch im Terror als Mittel letztlich Menschen stecken und wie weich die Grenze ist zwischen Einsatz für das Richtige und Überschreiten eben dieser Grenze. Sich damit auseinanderzusetzen, ist durchaus verstörend und kann das Weltbild verändern. Für Sashi gleicht ihr ganzes Leben einem Tanz auf dieser Grenze und die Ruhe ist auf Sri Lanka letztlich nicht zu finden. Sich einzugestehen, dass sie dort keine Heimat finden kann, ist ein Prozess, den die Autorin unglaublich sensibel begreifbar macht.

Eine ganz große Leseempfehlung also für dieses Buch, dessen Cover leider etwas irreführend wie der Hinweis auf eine Bollywood-Lovestory daherkommt. Dieser wundervolle Roman ist alles andere als das. Er ist eine literarische und horizonterweiternde Entdeckung. Lesen! Verschenken! Weitersagen!

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Warum wir helfen müssen

In deinem Schlaf
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„In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze, erschienen 2025 im Septime Verlag, hat eine große Sogwirkung auf mich ausgeübt, ein Buch, das mich emotional wirklich berührt hat. Das Buch beschäftigt sich ...

„In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze, erschienen 2025 im Septime Verlag, hat eine große Sogwirkung auf mich ausgeübt, ein Buch, das mich emotional wirklich berührt hat. Das Buch beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Georgien-Abchasien-Konfliktes – vor allem aber zeigt es auf, wie sehr Sicherheit ein Grundbedürfnis aller Menschen ist und macht somit den Zynismus deutlich, den die Welt der Privilegierten ausstrahlt, wenn wir jeden Tag entscheiden, wer ein Recht auf diese Sicherheit hat – und wer nicht.

Gabi, die Tochter von Nia und Demna, liegt in einem tiefen Schlaf, aus dem sie einfach nicht erwachen will, seit sie nur knapp einem Erdbeben entkam – weil ihr Vater, mit dem sie Zuhause war, zunächst einfach davonlief, während ihre Mutter arbeiten war. Demna ist als Kind aus Abchasien geflohen, wo die georgische Minderheit verfolgt wurde, und traumatisiert, Nia ist Schauspielerin in Georgien und hat sich mit diesem Konflikt und Krieg nie wirklich beschäftigt. Gabi leidet nun am Resignationssyndrom, einem Phänomen, das viele Kinder insbesondere von Menschen mit Fluchterfahrung betrifft, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in einem fremden Land leben müssen. Die Kinder schlafen einfach ein und wachen nicht mehr auf, ein Aufwachen geschieht meistens erst, wenn Sicherheit gegeben ist, der Status geklärt ist, ein Heim entstehen kann. Die Psyche ist ein erstaunliches Ding – denn dieses Syndrom ist, wie die historischen Hintergründe des Romans, keine Fiktion.
Mit dem Erdbeben kam auch ein Riss in Nias Haus ,und es wurde unbewohnbar. Der Riss setzt sich fort in ihrer Beziehung, denn Nia kann Demna nicht verzeihen, gibt ihm die Schuld an Gabis Zustand und setzt ihn vor die Tür, lässt ihn nicht mehr zu seiner Tochter und kümmert sich nun komplett allein um Gabi – eine Vollzeitaufgabe, an der sie nur scheitern kann. An Arbeit in ihrem Beruf als Schauspielerin, an Karriere ist nicht mehr zu denken. Bis sie unverhofft die Hauptrolle in einem Film abräumt, der sich genau mit dem Georgien-Abchasien-Konflikt und der Flucht beschäftigt und ihr Leben sich komplett wendet, mit weitreichenden Folgen auch für Gabi und Demna.

Togonidze findet formal eine geniale Ebene, indem sie den Bewusstseinsstrom von Nias Gedankenwelt zunehmend immer mehr mit den Dreharbeiten und der Ebene des Filmes verknüpft und so die Flucht Demnas gewissermaßen re-enacted und uns das erzeugte Trauma miterleben lässt. Zeitgleich hat der Film auf Nia eine kathartische Wirkung. Gekoppelt mit einer zusätzlichen rein erzählerischen Handlungsebene, in der wir immer wieder auch in die Vergangenheit springen, entsteht hier ein sehr komplexes, durchaus herausforderndes, aber in jedem Augenblick sinnstiftendes und oft sehr poetisches Konstrukt, das ich in dieser Form noch nicht gelesen habe. Als Westeuropäerin ist der Georgien-Abchasien-Konflikt definitiv ein blinder Fleck bei mir, auch das Resignationssyndrom war mir vollkommen unbekannt. Ich bin der Autorin mehr als dankbar, dass ich dieses Wissen in einer so erstaunlichen literarischen Form auffüllen durfte. Über die Filmebene kommt Nia in die Reflektion und wir Lesenden mit ihr – und die Reflektion erzeugt Öffnung und Veränderung. In Schichten erklärt sich immer mehr, was eigentlich geschehen ist und wir blicken auf ein transgenerationales Trauma, auch so ein spannendes Thema, das nur sehr vorsichtig angefasst und aufgelöst werden kann.

Für mich sind zentrale Themen des Romans zum einen, wie viele Parallelwelten doch existieren neben der Welt, die wir jeden Tag zu Gesicht bekommen, Dinge, die wir nicht sehen, weil wir sie nicht kennen, nicht miterleben, die aber für andere Menschen so lebensbedeutend sind. Das Thema Trauma und Schuld, das niederdrückend durch den Roman weht, das Thema Sprachlosigkeit, wie viele Dinge haben sich Demna und Nia auch schon nicht erzählt, während sie „glücklich“ waren? Das Thema des Nebeneinanders von Trauer und Leben, wie wichtig ist es, auch in der Trauer das Leben aktiv zu halten, wie wenig Hilfe gibt es, wenn wir das vernachlässigen. Ganz groß auch das Thema Hoffnung und Beharrlichkeit, sich durchbeißen, dranbleiben. Mutterschaft und Selbstaufgabe, das hat mich auch sehr beschäftigt. Ein sehr reiches Buch, das immer wieder auch deutlich macht, dass es nicht Rechtens sein kann, wenn Menschen, die in Sicherheit leben, anderen eben diese Sicherheit verwehren.

Einziger Makel für mich: das Ende, das mir zu sehr versucht, Heilung zu bringen, während der Prozess doch eigentlich gerade erst beginnt. Das ist vielleicht Geschmackssache, war mir persönlich aber deutlich zu viel Kitsch, was gar nicht zu diesem fragilen Buch passt. Das werden aber viele Menschen ganz anders sehen und in jedem Fall: Unbedingt lesen, blinde Flecken tilgen, sich berühren lassen und vor allem: Diesen literarischen Genius hemmungslos bewundern. Und übrigens noch viel mehr Bücher aus dem Septime Verlag lesen, der ganz grundsätzlich eine herausragende Arbeit macht!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Nicht für immer so unglücklich sein

Das Leuchten des Himmels an dunklen Tagen
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Der neue Roman von Elli Kolb mit dem wunderschönen Titel „Das Leuchten des Himmels an dunklen Tagen“ schließt emotional an den Vorgänger „9 Grad“ an und beweist erneut, dass Kolb die Generation der 20-30jährigen ...

Der neue Roman von Elli Kolb mit dem wunderschönen Titel „Das Leuchten des Himmels an dunklen Tagen“ schließt emotional an den Vorgänger „9 Grad“ an und beweist erneut, dass Kolb die Generation der 20-30jährigen von innen kennt und beschreibt wie keine zweite Autorin.

Vorn beginnend: Endlich mal eine ideale Triggerwarnung, sprich, vorn darauf hinweisen, dass hinten eine (naturgemäß spoilernde) Triggerwarnung zu finden ist, so dass Lesende, die sich sicher sind, mich triggert nichts, sie nicht wahrnehmen müssen, aber alle anderen sie wahrnehmen können, danke an die Autorin dafür – so geht’s!
Dann ein vorangestelltes Zitat – ich bin ja grundsätzlich nicht so Fan davon, aber hier hat es mich auch endlich mal befriedet, denn erstens: Nur eins! Nicht fünf, wie es neuerdings Trend ist. Und zweitens direkt themenbezogen und verbunden mit dem Buch, noch bevor ich starte, wie ein kleiner innerer Auftakt. Inhaltlich auch einfach wirklich schön, so viel dran, ich habe das Buch direkt noch einmal kurz weggelegt, um das Zitat einfach nur so mitzunehmen.

Dann geht es hinein in die Welt von Romy – und die ist keine einfache, klar, sonst würde sich ja auch ein Roman nicht lohnen. Romy ist aufgewachsen bei ihrem Opa Egon, nicht bei ihrer Mutter, obwohl diese lebt und auch Kontakt zu Romy hat. Als Egon stirbt, stürzt das Romy in einen emotionalen Strudel. Alles um sie herum scheint dunkel zu sein und auch ihre Freundinnen finden keinen wirklichen Kanal zu ihr - bis Jakob auftaucht, den sie bei einer Party kennengelernt hat. Jakob hat bringt die gute Fähigkeit mit, Romy genau im Moment zu nehmen, sie sein zu lassen, wer sie ist. Jakob bleibt, wo andere gehen. Dumm nur, dass Jakobs Tage an Romys Seite von Anfang an begrenzt sind. Über all dem fliegen und torkeln die Stadttauben, zum einen Zausel, die Lieblingstaube von Opa Egon, die jeden Tag an sein Fenster kam, zum anderen eine Fundtaube, die bei Romy einzieht und deren Gesundungsprozess ein Spiegel von Romys Seele ist.

Romy geht mir als Charakter direkt ins Herz. So viel Liebe in ihr, die wartet, gegeben zu werden, die enge Bindung zu Egon, der Kampf um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter, die große Unsicherheit in ihr, die Suche nach einem Platz im Leben, die Angst vor Bindung und Emotion und zeitgleich dieser brennende Hunger genau danach, die Eifersucht in den Freundschaftsbeziehungen, immer wieder zwischendurch verblüffende Klarsicht, dann wieder heftiger Emotionsstau und fehlende Impulskontrolle, das Thema Dissoziation, das in dieser Generation leider auch ein sehr großes ist, warum eigentlich? Ist das Außen wirklich so sehr zu viel geworden? Die zögerliche, leicht angstgeprägte Beziehung zu den Tauben, ererbt von Egon, so eingängig, weil Romy selbst eine absolute Taube ist, Fluchttier, aber neugierig, freiheitsbezogen, aber Nähe suchend, schreckhaft, aber immer wieder auch dreist und mutig, nichts wird gekaut, alles wird direkt geschluckt – und dann arbeitet es innen weiter.

Viele Themen, die gut integriert sind, wie die weichen Drogen als Ausweichen, die Präsenz in sozialen Medien, das kaschierte Leben und der Druck, der daraus entsteht, das dauernde temporäre Jobben, die Notwendigkeit, global zu sein, flexibel, bereit für Ortswechsel, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und, wie auch schon in 9 Grad, wenn auch etwas anders: Der Fluss als Thema, da steckt ja auch so viel drin, Strömung, Leben gebend, die Lethe auch Leben nehmend, das Vergessen, das Treibenlassen, die Entscheidung, doch anzurudern, Leichtigkeit und Schwere zugleich, einfach so passend. Und über allem schwebt die Trauer und man weiß gar nicht: Ist es die Trauer über Egon? Oder über das eigene Leben, die verpasste Kindheitsbeziehung zu Eltern? Was bricht sich da Bahn?
Und dann die Tauben! Wie die kranke Taube immer auf die Seite kippt, rückwärts fliegt, das Leben komplett neu lernen muss – so ein schöner Spiegel für Romy, die noch gar nichts davon bemerkt. Wundervoll auch, wie viele Infos über Tauben eingebunden werden, z. B. das Fakt, dass Tauben vom Menschen gezielt als krasse Vermehrer gezüchtet wurden - um jetzt genau dafür gehasst zu werden. Manchmal geht die Autorin mit den Themen auch durch, ob nun wirklich Klimawandel, Krieg etc. auch noch in den Roman mussten, kann man hinterfragen. Ja, natürlich ist das Teil des Denkens und Empfindens der Millenials und der Gen Z – aber hier hätte mir wirklich gar nichts gefehlt, wenn es nicht beschrieben worden wäre. Es wird nicht weiterverfolgt, macht aber so einen großen Raum auf, dem ich dann gern auch mehr Bedeutung gegeben hätte.

Auch nicht sicher bin ich mir über das Ende, ohne spoilern zu wollen, war es mir alles ein bisschen viel und nicht wirklich realistisch. Kolbs Qualität ist es eigentlich, sich dem Leben unromantisch zu stellen, das hätte für mich dem Ende des Romans auch gut getan.
Was aber unbenommen bleibt ist die besondere Fähigkeit von Elli Kolb, der Generation Millenials und Gen Z und deren Innenleben eine Stimme zu geben. Besonders Menschen im Alter von 20-35 dürften sich in diesem Buch ungemein gesehen fühlen. Aber auch auf alle anderen wartet hier eine dichte Lesereise, ein Buch, das ich verschlungen habe und das mich sehr berührt hat an vielen Punkten.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Ein Leben im Stakkato der brutalen Aussichtslosigkeit

Herz in der Faust
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„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten ...

„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten in den 30er Jahren zeigt. Der in Frankreich sehr erfolgreiche Roman trifft den Nerv einer Zeit, in der Ausgrenzung und unerbittliche Verfolgung wieder zunimmt, die Armen immer ärmer werden und der Faschismus, der im Roman als Randthema auftaucht, um sich greift. Wie lange kann Konformismus Regelzustand sein, wann muss er abgelöst werden durch Rebellion?

Jules Bonneau, mit Kampfnamen „Die Kröte“ genannt, wird früh in seinem Leben von seinen Eltern sich selbst überlassen und gerät auf die schiefe Bahn – nicht zuletzt, weil Zeit seines Lebens in ihm eine überdimensional große Wut tobt, die er nicht in den Griff bekommt. Eingesperrt in die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der Insel Belle-Île, erlebt Jules Machtwillkür und gezielte Demütigung tagein tagaus. Es ist ein fragiles System, in dem es kaum zu Freundschaften kommen kann unter den jungen Menschen und in dem der verliert, der Gefühle zulässt. Dennoch kommt es, eher ungeplant, zum Aufstand, bei dem insgesamt 56 Zöglinge fliehen – auch Jules, der in seine Flucht eher hineingerät. Eine Flucht, die von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen ist, denn die Insel liegt zu weit vom Festland entfernt und die Einwohner:innen: sind den jungen Insassen gegenüber nicht freundlich gesinnt. Eine Kopfprämie von 20 Franc für jeden der Ausbrecher macht die erfolgreiche Flucht endgültig zu einem Hiobskommando. Jules trifft auf seiner Flucht auf den Fischer Ronan Kardarn – ein Mann, der sich mit Vergangenheit und Geheimnissen auskennt. Die Beziehung, die sich zwischen beiden entspinnt, ist geprägt von Vorsichtigkeit und Hoffnung, zögerlicher Nähe und notwendiger Distanz.

Chalandon schreibt brachial und bringt das karge Leben auf der Insel in gedrängte, kurze Sätze, die auf die Phantasie einhacken. Hier wird nicht geschont; explizit und ohne Filter wirft er uns in die unglaubliche Brutalität und Kälte von Haute-Boulogne. Hier gibt es keine Helden, hier gibt es nur Verlierer, und der Autor scheut nicht davor zurück uns zuzumuten, dass auch Sympathiefiguren in dieser Geschichte nicht sicher sind. Die irrige Idee der 30er, Menschen durch Brechen zu besseren Menschen zu machen, wird eindrücklich erlebbar. Ein dauerhaftes Fiebern wabert durch die Sätze, die im Stakkatotakt auf die Lesenden einhämmern und durchweg wehtun. Dazwischen immer wieder wilde Traumsequenzen, die schwer von der Wirklichkeit zu trennen sind.

Die Insel und die Erziehungsanstalt werden plastisch beschrieben ohne zu große Ausführlichkeit, Die Charaktere sind klar gegriffen, es ist durchweg kalt in diesem Buch bis zur Flucht. Mit dieser und mit der Begegnung mit Kardarn und seiner Frau wechselt ganz langsam der Ton, der Dialoganteil steigt, im Bilde gesprochen wird das Meer etwas ruhiger – auch wenn der bellende Grundton bleibt. Die Beziehung und Annäherung zwischen Jules, Ronan Kardarn und der Fischermannschaft wird grandios beschrieben, es ist ein Tasten und Wagen, das sich immer mehr ausbreitet, bedroht durch Intrige und Verrat.

Besonders gut gelungen finde ich, dass durch die Tätigkeit von Kardarns Frau Sophie auch die Welt der Frauen in dieser Zeit gezeigt wird inmitten dieses „Männerromans“, in dem männliche Charaktere durchweg der Zeit und dem Ort geschuldet die Handlung dominieren. Hier gibt es niemanden, der ein leichtes Leben hat. Und auch die Polarität von Faschismus versus Kommunismus, die im Untergrund durch das Buch wabert, ist sehr gut herausgearbeitet.

Mich hat das Buch beeindruckt und mitgenommen, vor allem auch, weil Jules nie eine Chance hatte, ein anderer zu sein. Die Prägung durch Kindheit und Biographie ist offensichtlich – und im Umkehrschluss wird auch klar, wie dankbar wir für das Wunder der Psychotherapie sein dürfen. Man würde das all den Kindern wünschen, die in diesen Zeiten so brutal von sadistischen Machtmenschen gebrochen wurden.

Insgesamt zog sich für mich die Lektüre aber leider etwas. Das mag an der Häufung von Brutalität liegen, die sich mit der Zeit einfach abnutzte, oder an dem durchgehenden Stakkato, dass bei mir auf Dauer etwas Anstrengung und Unlust erzeugte. Vielleicht hätte ich mir auch nur etwas mehr Kompaktheit gewünscht, die knapp 400 Seiten hätte ich so nicht gebraucht für die Geschichte. Insofern reicht es nicht ganz für 5 Sterne, aber das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert und beachtlich.

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