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Veröffentlicht am 13.06.2024

Ein denkwürdiger Abend

So ist das nie passiert
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Vor 22 Jahren ist Willas jüngere Schwester Laika verschwunden und trotz sofortiger großangelegter Suche der Polizei nie gefunden worden. Zuerst ging man von einer Entführung aus, dann von einem Verbrechen, ...

Vor 22 Jahren ist Willas jüngere Schwester Laika verschwunden und trotz sofortiger großangelegter Suche der Polizei nie gefunden worden. Zuerst ging man von einer Entführung aus, dann von einem Verbrechen, obwohl es keine Hinweise darauf gab. Seit 22 Jahren dreht sich Willas Leben um die Suche nach ihr, schon unzählige Male hat sie sich eingebildet, Laika zu sehen, doch sie war es nie. Während ihr Vater erschreckend kühl und rational damit umgeht, ist ihre Mutter daran zerbrochen.
Als ihre Freundin Robyn sie jetzt zu einem Abendessen einlädt lernt sie dort zwei Frauen kennen, die vom Aussehen und Alter her beide Laika sein könnten. Eine von ihnen, Liv, ist Psychologin und macht ihr mit einer Übung klar, wie sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern: „Es ist tatsächlich erstaunlich, wie leicht das menschliche Gehirn getäuscht und dazu gebracht werden kann, sich an etwas zu erinnern, dass nie passiert ist.“ (S. 38)

„So ist das nie passiert“ erinnert an ein Sternfahrt, alle Handlungsstränge und Geschichten beginnen und enden mit dem Essen der Freunde und wird überwiegend aus Robyns und Willas Sicht erzählt.
Robyn hat Willa direkt nach Laikas Verschwinden kennengelernt, weil Willa „danach“ auf eine andere Schule geschickt wurde, um Abstand zu gewinnen und von der Presse ferngehaltem zu werden. Sie teilten sich ein Zimmer, wurden Freundinnen und Partnerinnen, aber mit dem Schulabschluss hat Willa die Beziehung beendet – sie stehe eigentlich gar nicht auf Frauen. Trotzdem sind sie Freundinnen geblieben. Robyn erinnert sich u.a. an den Sommer, den sie zusammen bei ihren Eltern verbracht haben und indem ihr Vater, ein berühmter Tonkünstler, ihnen Kintsugi näher gebracht hat. „Man kann alles heil machen, so lange man das richtige Werkzeug hat.“ (S. 19) Aber Willa kann auch er nicht heilen, denn obwohl sie viel aus der Zeit vor Laikas Verschwinden erzählt, hält sie noch mehr – oder hat es verdrängt.
Wenn sich Willa an die Zeit vor Laikas Verschwinden erinnert, dann sieht sie eine glückliche Familie, in der es an nichts mangelte. Aber Livs Worte über Erinnerungen geben ihr zu denken. Sie gesteht sich immer mehr ein, wie es wirklich war und warum sie sich auch so viele Jahre nach Laikas Verschwinden noch die Schuld daran gibt: „… ich war so damit beschäftigt, sie vor sich selbst zu schützen, dass ich vergaß, sie vor der Außenwelt zu warnen. Ich hätte ihr sagen sollen, dass es da draußen Menschen gab, Männer, sogar Frauen, die ihr etwas antun konnten.“ (S. 73)

Sarah Easter Collins Roman ist eine psychologisch komplexe, extrem spannende Familiengeschichte. Sie dreht sich um Willas und Laikas Kindheit und Jugend, um Willas verdrängte oder beschönigte Erinnerungen und hat mich sehr berührt. Willa scheint nämlich zu vergessen, dass sie damals beide noch Kinder bzw. Teenager waren und sie gar nicht so viel hätten machen können. Eine aufwühlende Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 09.06.2024

Einfach mal raus

Das Glück liegt am Strand
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Liv ist gern Intensivkrankenschwester, aber langsam wird ihr alles zu viel. Sie muss oft Überstunden machen und für Kollegen einspringen, eine ältere Lieblingspatientin stirbt, eine ehemalige Mitschülerin ...

Liv ist gern Intensivkrankenschwester, aber langsam wird ihr alles zu viel. Sie muss oft Überstunden machen und für Kollegen einspringen, eine ältere Lieblingspatientin stirbt, eine ehemalige Mitschülerin landet auf ihrer Station und überlebt nur knapp. Dann quartiert sich auch noch ihre Mutter bei ihr ein, weil sie ihren Partner verlässt und von Teneriffa zurück nach Deutschland zieht. Liv muss einfach mal raus. Also lässt sie die geplante Weiterbildung sausen und besucht stattdessen ihre Schwester Jo(hanna) auf Norderney.

„Es ist nie zu spät, wiederzukommen.“ (S. 52)
Liv und Jo haben früher ihre Herbstferien mit Oma und Opa auf der Insel verbracht und viele schöne Erinnerungen daran, darum hat sich Jo dort auch mit einem kleinen Inselcafé selbstständig gemacht. Leider sind die Schwestern sehr verschieden und es kommt schnell zum Streit. Liv fühlt sich übergangen, weil Jo nur von ihren Problemen erzählt und nach ihrer Mutter fragt, sich aber nicht für Liv zu interessieren scheint. Außerdem nutzt sie das seltene, handbemalte Porzellan ihrer Oma, das immer nur in der Vitrine stand, im Café. Doch als Jo Liv gesteht, dass sie geschäftliche Probleme hat, raufen sie sich zusammen und nehmen an einer geheimnisvollen Schatzsuche teil, um das Café zu retten. Und dann lernt Liv auch noch Keno kennen, der längst vergessen geglaubte Gefühle in ihr weckt …

Liv steht kurz vor einem Burnout und will auf der Insel zur Ruhe kommen, aber sie steht sich wie oft selbst im Weg. Sie grübelt und kann nicht loslassen, will (schon von Berufs wegen) keine Fehler machen und nimmt sich viel zu wenig Zeit für sich.
Jo ist viel offener und mutiger, dafür verdrängt sie Probleme gern und hofft, dass die sich von alleine lösen. Sie hat viele Freunde, die ihr gern helfen, traut sich aber nicht, ihre Familie um (monetäre) Hilfe zu bitten, weil es wie ein Eingeständnis des Scheiterns klingen könnte.

Ich liebe die Bücher von Christin-Marie Below, weil ich in ihnen sofort ankomme und mich wohlfühle und sie ohne die typischen, vorhersehbaren Wendungen und Happy Ends auskommt.

„Das Glück liegt am Strand“ ist eine wunderschöne Geschichte über zwei Schwestern, die sich (wieder) zusammenraufen, mit zarten Liebesgefühlen, dem Hauch von Neuanfang in der Luft und ganz viel Norderney-Feeling. Dazu liegt über allem das Rauschen des Meeres und der Duft von Salz (und Kuchen).

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Veröffentlicht am 07.06.2024

eMail für Dich meets Sex in the City

It's a match – Ein Update für die Liebe
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„Fling ist völlig anonym und damit absolut diskret. Keine Fotos vom Gesicht, keine echten Namen, keine persönlichen E-Mail-Adressen, nichts, was auf die Person zurückgeführt werden kann. Unser Algorithmus ...

„Fling ist völlig anonym und damit absolut diskret. Keine Fotos vom Gesicht, keine echten Namen, keine persönlichen E-Mail-Adressen, nichts, was auf die Person zurückgeführt werden kann. Unser Algorithmus findet ein passendes Match, nicht basierend auf Aussehen, sondern darauf, wonach die Personen suchen.“ (S. 34)
Nachdem auch die dritte künstliche Befruchtung nicht geklappt hat, kann und will Tara nicht mehr. Dann soll es eben (noch) nicht sein, aber ihr Mann Colin drängt sie, es weiter zu probieren. Sie streiten immer öfter, früher war das ihre Art des Vorspiels, jetzt ersetzt es den Sex. Dann erfahren sie unabhängig voneinander von einer neuen Seitensprung-App für Verheiratete, melden sich heimlich an und haben jeweils ein hundertprozentiges Match. Jack und Claire sind genauso, wie Tara und Colin sich ihre Traumpartner vorstellen, so, wie sie früher füreinander waren. Die Chats werden immer heißer und expliziter und bald überlegen sie, sich wirklich zu treffen – aber eigentlich hängen beide noch an ihrer Ehe ...

Tara ist eine echte Powerfrau, Senior-PR-Beraterin einer Werbeagentur, bekommt allerdings immer nur die „Frauenthemen“ und damit auch die kleineren Budgets. Als sich der Erfinder von Fling an die Agentur wendet, sieht sie ihre Chance gekommen. Außerdem glaubt sie an Synchronität und Vorherbestimmtheit – ein Kind soll jetzt wahrscheinlich einfach noch nicht sein, sie müssen warten, bis das Universum den Zeitpunkt für perfekt hält.
Colin ist Analytiker in einer Wirtschaftsprüfungsfirma, die seinem besten Kumpel gehört. Er glaubt nicht an Astrologie o.ä. und will ein Kind, weil er ihm das Gefühl von Geborgenheit geben will, dass er selber nie hatte. Und er will es um fast jeden Preis.
Vielleicht würde Tara sich nicht so quer stellen, wenn er im Haushalt helfen würde, denn sie verdient nicht nur deutlich mehr als er, er erwartet auch noch jeden Abend ein mit Liebe selbstgekochtes Essen von ihr. Dass sie keine Lust mehr hatte, diesem antiquierten Rollenbild zu entsprechen, konnte ich gut verstehen. Überhaupt konnte ich mich gut in beide Charaktere einfühlen, da ich selber schon sehr lange in einer Beziehung bin und da natürlich nicht immer alles eitel Sonnenschein ist und auch die Schmetterlinge nicht ständig fliegen.

Die Idee hinter „It´s a match“ fand ich super: Ein Paar, dessen Ehe kurz vorm Scheitern steht, versucht diese mittels Seitensprüngen wiederzubeleben. Allerdings war mir letztendlich vieles zu vorhersehbar und das Ende etwas zu drüber. Darum nur 3,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 06.06.2024

Einmal Sunset Hall, immer Sunset Hall

Tod in Mistletoe Manor
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„Something old, something red, something stolen, something dead. Ich werde da sein, um deinen Ehrentag gebührend zu begehen. X.“
In Sunset Hall dreht sich alles um die bevorstehende Hochzeit von Bernadette ...

„Something old, something red, something stolen, something dead. Ich werde da sein, um deinen Ehrentag gebührend zu begehen. X.“
In Sunset Hall dreht sich alles um die bevorstehende Hochzeit von Bernadette und Jack, als plötzlich dieser Drohbrief aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben auf ihrem Beistelltisch liegt. Wie ist der dahin gekommen? Und wer hat was gegen Bernadette? Dabei ist die Lage sowieso schon angespannt. Sie können in DER In-Location „Mistletoe Manor“ heiraten, weil eine andere Hochzeit geplatzt ist, dafür müssen sie aber 20 Gäste zusammenbekommen. Keine leichte Aufgabe, wenn die Braut beim Geheimdienst und der Bräutigam beim organisierten Verbrechen war, gemeinsame Freunde haben sie da außer den WG-Bewohnern nämlich nicht.
Außerdem ermittelt Agnes immer noch wegen des toten des Küsters, kommt aber nicht weiter.

„Tod in Mistletoe Manor“ ist leider der Abschluss der Sunset-Hall-Reihe. Ich habe das Hörbuch mit einem weinenden und einem lachenden Auge geschlossen, denn Leonie Swann hat sich eine klitzekleine Hintertür für weitere Abenteuer gelassen, über die ich mich sehr freuen würde, weil mir die eigenwilligen Senioren und ihre Haustiere ans Herz gewachsen sind, auch wenn sich Oberon hier ein bisschen zu sehr auf Hettie fixiert.

„Die moderne Frau wirft nicht einfach mit 70 das Handtuch, die moderne Frau steht mitten im Leben und dazu gehört eben online Dating.“ Charlie versucht das Gästeproblem zu lösen, indem sie online auf einer Partnerbörse nach Begleitern für sich und Agnes sucht, dabei ist die heimlich verlobt. Und auch sonst haben die Bewohner von Sunset Hall das eine oder andere Geheimnis voreinander. So erfahren sie z.B. von einer alten Bekannten von Bernadette, wie die vor ihrer neuen Identität hieß. Dumm nur, dass die Bekannte kurz darauf tot an einer Bushaltestelle sitzt. Und leider bleibt es nicht bei der einen Toten. Aber sie haben ja Jack, der genau weiß, wie man Leichen für immer los wird.

Auch der letzte Teil hat mich wieder sehr gut unterhalten. Leonie Swann schafft es, die Spannung durch immer neue Hinweise und Verdächtige zu halten. Dazu kommen die schrulligen Rentner mit ihren Spleens, wie Edwina, deren ganzes Leben sich nur um ihre Tiere dreht, oder Charlie, die sich zu Agnes Leidwesen von einer neuen Liebe zu sehr ablenken lässt. Agnes selbst geht völlig in ihren Nachforschungen zu den diversen Todesfällen und Drohungen auf.
Natürlich kommt auch der Humor nicht zu kurz. Verfolgungsjagden via Treppenlift machen sich einfach nicht besonders gut, dafür eignen sich Schildkröten (keine echten natürlich) hervorragend als Wurfgeschosse und Schlagen … ach hört (oder lest) am besten selbst.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Ein kurzes Gefühl von Glück

Bevor du gehst
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„Meine Mutter hat mich immer gut versorgt (oder dafür gesorgt, dass mich jemand anderes versorgt). Nahe gefühlt habe ich mich ihr nie.“ (S. 53)
Ihre Mutter Christine und Julia waren sich nie besonders ...

„Meine Mutter hat mich immer gut versorgt (oder dafür gesorgt, dass mich jemand anderes versorgt). Nahe gefühlt habe ich mich ihr nie.“ (S. 53)
Ihre Mutter Christine und Julia waren sich nie besonders nah, weil diese sich nicht gegen Julias despotischen Vater aufgelehnt hat. Seit seinem Tod vor einem Jahr hat sich das Verhältnis der beiden Frauen kaum geändert. Aber als der Anruft kommt, dass Christine mit Herzproblemen im Krankenhaus liegt, fährt Julia sofort zu ihr.
Weil die Ärzte nach Christines Medikamenten und ihrer Patientenverfügung fragen, durchsucht Julia deren Unterlagen und findet eine Mappe mit allen Gutscheinen, die sie ihr seit ihrer Kindheit geschenkt hat. Dabei fällt ihr auf, dass Christine vor allem die eingelöst hat, wo Julia etwas allein erledigen musste (Gartenarbeit etc.), aber kaum einen, der eine gemeinsame Interaktion erforderte. Sie stellt sich die Frage, ob ihre Mutter sie überhaupt liebt. „So viele verpasste Gelegenheiten, Erlebnisse oder Momente, die unsere Beziehung hätten stärken können.“ (S. 54)
Außerdem erfährt sie, dass es in Christines Vergangenheit ein Geheimnis gibt, von dem diese gerade erst erfahren hat – hat das ihre Mutter so aus dem Takt gebracht? Um das zu ergründen, fahren sie zusammen nach Amrum, denn Christine kann sich plötzlich an friesische Kinderlieder und Sagen erinnern.

„Bevor du gehst“ ist eine sehr berührende Mutter-Tochter-Geschichte über zwei Frauen, die sich erst im Erwachsenenalter annähern. Julia hat nie verstanden, dass ihre Mutter bei ihrem Vater geblieben ist, der geizig war und sie schlecht behandelt hat. Auch von ihr hat sie sich nie wirklich geliebt gefühlt, obwohl Christine ihr alles Wichtige beigebracht hat. Trotzdem ist das Gefühl des Nach-Hause-Kommens groß, als sie in die Stadt und das Haus ihrer Kindheit kommt.
Julia ist da viel rigoroser, hat sich früh vom Vater ihrer Tochter getrennt und überlegt gerade, ihren Mann zu verlassen, weil sie ihm seinen Seitensprung von vor einem Jahr nicht verzeihen kann. Zudem hat sie ein extrem herzliches Verhältnis zu ihrer Tochter, sie sind beste Freundinnen – so, wie sie es sich immer von ihrer Mutter gewünscht hat.
Erst durch das Einlösen der Gutscheine und vor allem die gemeinsame Reise nach Amrum versteht Julia sie besser. Christine macht ihr bewusst, dass nur das Hier und Jetzt zählt und man im Moment leben muss, denn sie hatte auch schöne Zeiten mit ihrem Mann, und dass schon Zufriedenheit ein kleines Glück bedeuten kann.

Ein sehr poetischer Roman voller großer und kleiner Geheimnisse.

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