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Veröffentlicht am 14.05.2021

Jung, schön, reich, tot

Die Schwestern von Mitford Manor – Dunkle Zeiten
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„Sie trinken viel zu viel und sind leichtsinnig. Sie sind reich und jung und halten sich für unverwundbar.“ (S. 305)
Diana, die dritte Mitford-Schwester, hat es geschafft – sie heiratet 1929 den reichen ...

„Sie trinken viel zu viel und sind leichtsinnig. Sie sind reich und jung und halten sich für unverwundbar.“ (S. 305)
Diana, die dritte Mitford-Schwester, hat es geschafft – sie heiratet 1929 den reichen Brauereierben Bryan Guinness. Fortan besteht ihr Leben aus Shoppingorgien, Partys und Reisen, oft mit einer ganzen Clique illustrer Reicher und Berühmter. Doch bereits auf der Hochzeitreise nach Paris stirbt einer ihrer Freunde an einer Allergie und im Jahr darauf in Venedig eine Freundin an einer Überdosis. Schon der erste Todesfall kam Louisa Canon, Dianas Kammerzofe, die sie überallhin begleitet, merkwürdig vor, doch nach dem zweiten kommt sie ernsthaft ins Grübeln, denn sie entdeckt eine Verbindung zwischen den Toten. Louisa kann ihre Neugier natürlich nicht bremsen und beginnt unauffällig eigene Ermittlungen, bei denen sie selbst ins Visier der Ermittler gerät.

Diana führt von alldem scheinbar unbeeindruckt weiter ihr Jetset-Leben. Immer dabei ist auch der Gesellschaftskolumnist Luke Meyer, den Louisa nicht richtig einordnen kann. Er ist nicht reich und berühmt genug, um wirklich zu Dianas Freundeskreis zu gehören, allerdings lässt er sie in der Presse meist im besten Licht erscheinen und scheint mehr als nur geduldet zu sein. Luke sucht immer wieder Louisas Nähe, ihre Freundschaft, aber sie ist sich nicht sicher, inwieweit sie ihm trauen kann. Und auch mit Diana wird sie nicht richtig warm: „… es lag eher an einer Art Gefühlskälte, die Louisa an ihr spürte und die trotz der freundlichen Fassade immer bestehen blieb.“ (S. 166) Diese Gefühlskälte zeigt Diana auch ihrem Mann gegenüber, der sie abgöttisch liebt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Als Diana dann auch noch mit dem Politiker Sir Oswald Mosley sympathisiert, fürchtet Louisa Schlimmstes.

Zur gleichen Zeit suchen Detectiv Sergant Guy Sullivan und Constaple Mary Moon nach einem verschwundenen Dienstmädchen. Auch deren Spur führt nach Paris, wo sich Louisa und Guy wiederbegegnen.

Seit dem ersten Band der Reihe fiebere ich nicht nur mit den „Schwestern von Mitford Manor“ mit, sondern hoffe insgeheim auch, dass aus Louisa und Guy ein Paar wird, doch vor 2 Jahren haben sie sich aus den Augen verloren. Louisa hatte damals auf eine Karriere bei der Polizei gehofft und ist an ihrer Vergangenheit gescheitert. Vielleicht ergeben sich in Dianas Fahrwasser ja neue Chancen. „Sie hat ein Leben geführt wie im Viktorianischen Zeitalter: als Näherin und Dienstboten, dasselbe Leben wie ihre Großmutter, ohne den geringsten Unterschied. In Paris zu sein, weckte neue Hoffnungen in ihr, endlich doch etwas aus sich zu machen, etwas Besonderes.“ (S. 133)

Ich finde es sehr spannend, wie Jessica Fellowes die Unterschiede von arm und reich, Dienstboten und Dienstherren in zwei scheinbar parallele Welten, die natürlich viele Schnittmengen haben, schildert.
Louisa war früher Dianas Kindermädchen und jetzt tut Diana oft so, als würde die alte Vertrautheit noch zwischen ihnen herrschen, macht Louisa aber gleichzeitig deutlich, dass die ihre Dienerin ist und allen Anweisungen ohne Fragen Folge zu leisten hat. Sie kommt nicht besonders sympathisch rüber, sehr kühl, beherrscht und berechnend.
Louisa hat die Hoffnung auf einen Ehemann fast schon aufgegeben, aber sie will im Gegensatz zu Diana keinen Versorger, sondern selber Geld verdienen, einen Beruf, der ihr gefällt und bis zu einem gewissen Grad unabhängig sein.

Es ist Jessica Fellowes wieder gelungen, die wilden goldenen 20er Jahre lebendig werden zu lassen, wobei sie diesmal auch das Nacht- und Partyleben in Paris auferstehen und den übermäßigen Genuss von Alkohol und Drogen einfließen lässt.
Die Politik kommt ebenfalls nicht zu kurz. Der New Yorker Börsencrash zieht in Europa weite Kreise und die Nationalsozialisten fassen in Großbritannien Fuß. Dianas Bruder Tom, der in Berlin studiert, ist bereits in Deutschland mit ihnen in Berührung gekommen und steckt Diana mit seiner Begeisterung an.

Beim zweiten Band hatte ich ja angemerkt, dass mir die Krimihandlung etwas zu kurz kam, hier hat sie wieder sehr gut gepasst. Es werden relativ schnell Verdächtige präsentiert, aber so richtig sicher ist man sich nie. So kann man bis zum Ende miträtseln, wer es jetzt warum gewesen ist.

Mir hat auch der dritte Band dieser Reihe wieder sehr gut gefallen und ich bin gespannt, was Unity (und sicher auch Louisa) im nächsten Buch erlebt.

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Veröffentlicht am 12.05.2021

Die Angst geht um

Verlorene Engel
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Dresden, Oktober 1956: Vor drei Jahren wollte Kommissar Max Heller mit seiner Frau Karin und seiner Ziehtochter Anni in den Westen fliehen, weil die DDR nicht das Land war, was sie sich erhofft hatten, ...

Dresden, Oktober 1956: Vor drei Jahren wollte Kommissar Max Heller mit seiner Frau Karin und seiner Ziehtochter Anni in den Westen fliehen, weil die DDR nicht das Land war, was sie sich erhofft hatten, aber sie blieben wegen ihrem Sohn Klaus und dessen schwangerer Freundin. Da seine Vorgesetzten inzwischen seine Weigerung akzeptieren, in die SED einzutreten, soll er endlich ausgezeichnet und befördert werden. Doch zuvor gilt es, einen Serienvergewaltiger zu fassen, der schon in fast allen Stadtteilen zugeschlagen hat. Als die erste Frau diesen Übergriff nicht überlebt, scheint ihnen die Zeit davonzurennen – sind beim Täter inzwischen alle Hemmschwellen gefallen? Eine Polizeisekretärin bietet sich als Lockvogel an, nächtelang spaziert sie durch Dresden, immer im Blickfeld der Beamten. Und wirklich geht ihnen bald ein Verdächtiger ins Netz, und noch einer, und noch einer – aber keinem von ihnen kann man die Vergewaltigungen und den Mord nachweisen ...
Da taucht Alexej Saizev bei Heller auf und teilt ihm mit, dass zwei russische Soldaten aus der Kaserne geflohen sind, die nach Ungarn versetzt werden sollten, um den dortigen Volksaufstand niederzuschlagen. Er traut ihnen diese Taten durchaus zu und eines der Opfer behauptet ja auch, ihr Peiniger habe russische gesprochen. Die Emotionen in der Bevölkerung kochen hoch, Rufe nach Selbstjustiz werden laut.
Auch privat hat Heller große Sorgen. Ziehtochter Anni ist still geworden, lässt in der Schule nach, streitet und prügelt sich mit ihren Mitschülern und ihrer besten Freundin. Was ist nur los mit ihr? Außerdem überlegen Karin und er immer wieder, wann der richtige Zeitpunkt ist, Anni von ihrer Herkunft zu erzählen. „Ich frage mich, ob nicht da draußen irgendwo jemand herumläuft, der Annie sucht, der sich fragt, was aus ihr geworden ist. Der sich Vorwürfe macht, sie noch nicht gefunden zu haben.“ (S. 15)

„Verlorene Engel“ ist schon der 6. und leider auch vorletzte Band der Krimireihe von Frank Goldammer und für mich war er genauso gruselig, fesselnd, verwirrend und erschütternd wie der erste Teil „Der Angstmann“. Obwohl wir schon fast sommerliche Temperaturen haben, wurde ich die Gänsehaut beim Lesen einfach nicht los. Zu grausam sind die Vergewaltigungen, zu detailreich werden sie zum Teil geschildert. Man spürt das Entsetzen und die Sprachlosigkeit der Opfer, die Angst in der Bevölkerung und den Druck, der auf den ermittelnden Behörden lastet. Neben der Polizei suchen bald auch das MfS und die Russen fieberhaft nach dem Täter und den flüchtigen Soldaten. Frauen trauen sich im Dunkeln nicht mehr auf die Straße, man braucht schnelle Ermittlungsergebnisse, hat Angst vor weiteren Opfern weiteren Toten.

Geschickt bindet Frank Goldammer die damals aktuellen politischen Ereignisse ein. In Ungarn tobt ein Volksaufstand, der auch Heller und seine Frau kurzzeitig hoffen lassen, dass sich die Lage vielleicht doch noch wendet, die restriktiven Maßnahmen der Russen gelockert werden und sich die DDR als eigenständiges und unabhängiges Land entwickeln kann. Außerdem schildert er die Bedingungen in der russischen Armee. Die Soldaten, oftmals Bauern aus den entlegensten Gebieten der Sowjetunion, waren nicht freiwillig hier und der Situation auch überhaupt nicht gewachsen. Die Zustände in den Kasernen müssen grauenvoll gewesen sein, dazu immer wieder der Drill durch die Vorgesetzten – da nehmen einige lieber billigend den Tod auf der Flucht in Kauf, als zu bleiben. „Arme Schweine sind das. Ich war mal in einer Kaserne. Ein Zuchthaus ist ein besserer Ort, sage ich Ihnen.“ (S. 319)

Ich mag die Art, wie dem Leser Einblicke in die Ermittlungen aber auch das Privatleben der Ermittler gewährt werden. Max Heller ist immer noch sehr unangepasst, kann einfach nicht lockerlassen und wendet jeden Fakt so lange, bis er die Täter stellen und überführen kann. Seine Familie muss dabei leider oft zurückstecken und Karin fühlt sich mit ihren Sorgen oft allein gelassen.

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Veröffentlicht am 08.05.2021

Ist der Rucksack zu klein, sind die Wünsche zu groß.

Achtsam morden am Rande der Welt
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Eigentlich wollte der achtsame Anwalt Björn Demel seinen 45. Geburtstag mit seinen „Mandanten“ in einem Restaurant feiern, ohne dass die etwas von dem Anlass erfahren. Schließlich hat er ein gutes Verhältnis ...

Eigentlich wollte der achtsame Anwalt Björn Demel seinen 45. Geburtstag mit seinen „Mandanten“ in einem Restaurant feiern, ohne dass die etwas von dem Anlass erfahren. Schließlich hat er ein gutes Verhältnis zu ihnen. Dass sie zwei ehemals verfeindeten Mafia-Clans angehören, dessen Chefs er im Zuge der bei seinem Therapeuten Joschka Breitner erlernten Achtsamkeit leider umbringen musste, weiß keiner. Offizielle leiten Sascha einen Kindergarten, Carla einen Escort-Service und Walter ein Security Unternehmen, nur Stanislaws Drogenhandel lässt sich nicht beschönigen. Doch dann läuft die Feier komplett aus dem Ruder und seine Ex-Frau taucht mit ihrem neuen Freund auf – den Björn von früher unter einem anderen Namen kennt. „Ich hörte etwas klicken. Es war die Büchse der Pandora.“
Als er seinem Therapeuten davon erzählt macht der ihm klar, dass er nicht mehr auf seine Bedürfnisse achtet, sondern sich nach anderen richtet und langsam in eine Midlife-Crisis schliddert. Er rät ihm zu einer Auszeit. Björn soll den 800 km langen französischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela gehen und dabei über folgende Fragen meditieren: „Was ist der Sinn des Lebens? Welches Verhältnis habe ich zum Tod? Was brauche ich wirklich für ein erfülltes Leben?“

Leider wird schon am ersten Abend seiner Pilgerschaft auf ihn geschossen und in den folgenden Tagen sterben immer wieder Mitpilger – nur waren leider nie sie, sondern immer Björn gemeint. Sein Attentäter ist also kein Profi. Doch wer ist er und was hat er gegen ihn? Achtsam meditierend und oft intuitiv schafft er nach und nach mehrere Probleme bzw. Gegner aus dem Weg. „Es ging nicht mehr darum, mich selbst zu finden. Es ging vor allem darum, nicht gefunden zu werden.“

Auch der dritte Teil der „Achtsam morden“ Reihe hat mich wieder hervorragend unterhalten. Ich habe mich köstlich amüsiert, wie Autor Karsten Dusse Klischees und Sinnsprüche zum Thema Pilgern einbringt und mich mehr als einmal gefragt, ob er für das Buch wohl selber gepilgert ist. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz, zusammen mit Björn rätselt man bis zuletzt, wer ihm warum ans Leder will.
Wie schon in den Vorgängerbänden geht es für Björn auch beim Pilgern um Selbsterkenntnis und Selbstreflexion, darum, eigene Wünsche und Träume nicht nur zu erkennen, sondern sich auch zu erfüllen – natürlich achtsam und im Einklang mit seiner Umwelt.

Ich habe schon viele Bücher über das Pilgern gelesen und träume davon, irgendwann selbst den Camino zu gehen. Und gerade jetzt, wo man nur noch im Kopf reisen darf, macht so ein Hörbuch besonderen Spaß. Zudem werden denen, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben ganz nebenbei wichtige Informationen und Bräuche zum Pilgern nähergebracht. „Der Weg gibt dir nicht was du willst, sondern was du brauchst.“

Auch dieses Hörbuch wurde wieder vom Autor selbst eingelesen und ich habe seiner ruhigen und entspannten Stimme sehr gern zugehört.

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Veröffentlicht am 05.05.2021

Babygirl

Soul Food
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„Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Köchin werden.“ (S. 41)
Die 17jährige Emoni lebt in einem Problemviertel in Philadelphia, ist die Mutter der zweijährigen Emma und im Abschlussjahr der Highschool. ...

„Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Köchin werden.“ (S. 41)
Die 17jährige Emoni lebt in einem Problemviertel in Philadelphia, ist die Mutter der zweijährigen Emma und im Abschlussjahr der Highschool. Während ihre Mitschüler einen genauen Plan von ihrer Zukunft haben, ist Emoni froh, wenn sie neben der Schule im Burgerladen genug Geld verdient, um ihrer `Buela (Großmutter), bei der sie mit Emma lebt, nicht auf der Tasche zu liegen. Abschalten und runterkommen kann sie nur, wenn sie kocht. Dabei probiert sie immer wieder neue Rezepte aus, entwickelt selbst welche, spielt dabei sehr kreativ und innovativ mit Gewürzen, Aromen und Zutaten. Familie und Freunde sind begeistert, denn ihr Essen löst etwas bei den Menschen aus, berührt sie im Innersten. Als in der Schule Kochkurs angeboten wird, kann sie nicht widerstehen, doch im Unterricht gelten andere Regeln als in ihrer Küche: „Kochen ist eine Wissenschaft, Instinkt reicht nicht aus.“ (S. 95)

Emoni hatte es nie leicht im Leben. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater war überfordert, hat sie bei seiner Mutter „abgeladen“ und ist nach Puerto Rico zurückgegangen. Als sie mit 14 ungeplant schwanger wurde, musste sie sich schief ansehen und oft auch beschimpfen lassen – doch sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Der Vater ihrer Tochter ist nur ein Jahr älter und nimmt seine Tochter nur jedes zweite Wochenende, schließlich hätte sie das Kind ja nicht bekommen müssen.
Emoni scheint nirgendwo richtig dazu zu passen. Ihre Haut ist heller als gewöhnlich, durch die Mutterschaft ist sie erwachsener und verantwortungsvoller als ihre Mitschüler und sie hat auch keine Zeit, um mit ihnen auszugehen oder abzuhängen. Sie liebt ihre Tochter über alles, kümmert sich rührend um sie. Für ihr „Babygirl“ würde sie alles tun. Andererseits ist sie planlos, was ihre Zukunft angeht. Sie hat kein Geld für ein College und überlegt stattdessen sofort ungelernt in einer Küche arbeiten. Außerdem traut sie keinem Jungs mehr, ist im Umgang mit ihnen unsicher und will nie wieder eine Beziehung eingehen. Aber Malachi, der Neue ihrer Klasse, ist ganz anders als ihr Ex – rücksichtsvoll und zielstrebig. Ist er der perfekte Freund oder nur ein guter Schauspieler? „Mir ist zwar auch bewusst, dass die Vergangenheit kein Spiegelbild der Zukunft sein muss, aber sie zeigt doch, wie sie sich entwickeln könnte. Und wenn Deine erste große Liebe dir das Herz bricht, kann es noch sehr lange bluten.“ (S. 336)

„Soul Food“ ist ein sehr berührendes Buch und handelt von der Suche einer jungen Frau nach ihrem Platz im Leben, ihrer Zukunft und ihren Wurzeln. Aber es ist noch so viel mehr. Eine sehr poetische Geschichte über Freundschaft, Homosexualität und Rassismus, über das Erwachsenwerden und die Abnabelung von der Familie – und darüber, endlich wieder seinen Gefühlen und Instinkten zu (ver)trauen.
Es ist natürlich auch ein Buch über die Fusion-Küche, das man dank Elizabeth Acevedos Beschreibungen mit allen Sinnen genießen kann und das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Und nicht zuletzt beinhaltet es drei wunderbar zarte Liebesgeschichten, die zum Hoffen und Träumen einladen.

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Veröffentlicht am 30.04.2021

Neuanfang

Fräulein Gold: Der Himmel über der Stadt
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Hulda liebt die Arbeit als Hebamme in ihrem Viertel und ihre Unabhängigkeit. Doch die Hyperinflation und Währungsreform haben dazu geführt, dass ihre Einkünfte immer weniger werden. Ein Ehemann wäre die ...

Hulda liebt die Arbeit als Hebamme in ihrem Viertel und ihre Unabhängigkeit. Doch die Hyperinflation und Währungsreform haben dazu geführt, dass ihre Einkünfte immer weniger werden. Ein Ehemann wäre die Lösung. Einer, der ihr weiter ihre Freiheiten und ihre Arbeit lässt. Aber Karl, der Kommissar mit dem sie seit fast zwei Jahren zusammen ist, scheint keine ernsthaften weiterführenden Zukunftspläne mit ihr zu haben. Also nimmt sie eine Stelle in Frauen-Universitätsklinik Berlin-Mitte an – endlich feste Arbeitszeiten und ein gutes Gehalt. Doch die Arbeit ist anders als erwartet. Sie ist nur noch Handlangerin, darf die Schwangeren nur vor- und nachbereiten. Die eigentlichen Geburten betreuen die Ärzte, immer mit einer großen Entourage an Hebammenschülerinnen, Praktikanten und Assistenzärzten im Schlepptau. Alles ist so unpersönlich, nur auf den medizinischen Aspekt ausgerichtet. Hulda hadert mit der Situation und überlegt, doch wieder in ihr Viertel zurückzugehen. Dazu kommt, dass die leitenden Ärzte untereinander uneins sind, es gibt Kompetenzgerangel und einen (Wett-)Streit um die Professur an der Friedrich-Wilhelm-Universität. Zudem fällt Hulda auf, dass es unnatürlich viele Todesfälle unter den Gebärenden gibt. Sie weiß zwar, dass die Todesrate bei Hausgeburten noch höher ist, aber die Art und Weise, wie bzw. woran die Frauen sterben gibt ihr zu denken. Natürlich kann sie ihre Neugierde nicht zügeln ...

„Fräulein Gold – Der Himmel über der Stadt“ ist bereits der dritte Teil der Reihe mit der forschen und furchtlosen Hebamme, die sich von kaum jemandem etwas sagen lässt und sich jetzt mit ihren Vorgesetzten anlegt. Doch den Frauen gegenüber sie ist sehr mitfühlend und kann nicht nein sagen, wenn sie um Hilfe bitten. Sei es, weil eine nicht schwanger werden kann oder will oder es nicht sein darf. Dass Hulda sich damit selber in Gefahr bringt, weil Verhütung nicht gern gesehen und Abtreibung verboten ist, ignoriert sie einfach. Sie vertritt die Meinung, dass die Frauen selber über ihren Körper bestimmen sollen. Für diese fortschrittliche Einstellung bewundere ich sie sehr, denn Frauen hatten damals als Ehefrauen und Mütter ihren Platz im Leben zu suchen und zu finden.
Dass Hulda diesem Frauenbild so gar nicht entspricht, fand Karl immer sehr anziehend, doch langsam will sie mehr – vielleicht sogar irgendwann ein eigenes Kind im Arm halten. Aber ist Karl wirklich der richtige dafür? Er flüchtet sich immer mehr in den Alkohol und hat aufgehört, nach seiner Herkunft zu suchen, scheint nichts mehr zu haben, was ihm Halt gibt. Außerdem ist da ein junger Assistenzarzt in der Klinik, der Hulda schon am ersten Tag auffällt. Es knistert zwischen ihnen. Ist er vielleicht der Richtige für eine gemeinsame Zukunft?

Obwohl einige Leser bestimmt wieder einen Krimi erwarten, ist der dritte Band eher ein Spannungsroman, wenn auch ein extrem fesselnder. Karl jagt einen Mörder, der es auf junge, homosexuelle Männer abgesehen hat und Hulda versucht die Todesfälle in der Klinik aufzuklären. Zudem feindet einer der Ärzte sie immer wieder wegen ihrer jüdischen Herkunft an und sie muss sich auch mit der Beziehung ihrer Eltern auseinandersetzen. Doch nicht nur Hulda, auch ihr Freund Bert, der Kioskbesitzer, bekommt die Vorläufer des Nationalsozialismus zu spüren.

Die Autorin Anne Stern hat Huldas Zerrissenheit zwischen Fortschritt und Individualität, Gehen oder Bleiben, Karl oder Assistenzarzt sehr gut herausgearbeitet. Ich bin fasziniert, wie liebevoll sie selbst die kleinsten Nebenfiguren gestaltet und habe neben Bert zwei neue heimliche Lieblinge, den Pförtner der Klinik, ein echtes Faktotum, und seine Tochter.
Sie schildet den Klinikalltag, den medizinischen Fortschritt und die Behandlungsmethoden sehr anschaulich, aber trotzdem steht immer Hulda im Vordergrund, ihr Ringen um das Wohl der Patientinnen und deren Kinder.
Aber auch die goldenen 20er lassen sich schon erahnen. Hulda tanzt nach dem Dienst schon mal in schummrigen Kneipen die Nächte durch, raucht und trinkt, feiert das Leben. Anne Stern versteht es meisterliche, die damalige Zeit lebendig werden zu lassen, die Nöte und Sorgen ihrer Protagonisten eindringlich zu schildern.

Auch der dritte Band mit Hulda Gold ist ein echtes Highlight und ich fiebere jetzt dem vierten entgegen, denn die kleine Romantikerin in mir hofft natürlich auf ein Happy End mit Karl.

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