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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.03.2021

Ein perfekt komponierter Historienschmöker

Die Kannenbäckerin
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Eigentlich lese ich historische Romane gar nicht so gerne. Aber „Die Kannenbäckerin“ hatte mich von der ersten Seite an eingefangen, und zwar so sehr, dass ich den Roman fast in einem Zug durchlesen musste.

Annette ...


Eigentlich lese ich historische Romane gar nicht so gerne. Aber „Die Kannenbäckerin“ hatte mich von der ersten Seite an eingefangen, und zwar so sehr, dass ich den Roman fast in einem Zug durchlesen musste.

Annette Spratte ist es mit ihrer bildlich-plastischen Erzählweise gelungen, mein Kopfkino mit einer wahren Bilderflut zu füllen. Oft waren es grausame Bilder, aber es gab auch die ruhigeren, die schönen Momente. Kurzum, Annette Spratte erzählt das Leben der jungen Johanna während des 30-jährigen Krieges im Westerwald in seiner ganzen Bandbreite so intensiv, dass man als Leser mitten dabei ist. Wie die Pest tobt und die gesamte Familie von Johanna ausrottet, wie sie als Junge verkleidet sich ganz alleine durchschlägt zu ihrem einzigen noch lebenden Verwandten, einem Onkel, der sie schließlich das Töpferhandwerk lehrt, wie Johanna ganz ungewöhnlich große, geradezu künstlerische Fertigkeiten in diesem den Männern vorbehaltenen Handwerk entwickelt, immer mit der Angst, als Mädchen entdeckt zu werden, ist als Gesamtkomposition ganz großes Kino. Die Autorin schildert detailgenau und sehr lebendig. Man spürt die sorgfältige Recherche, insbesondere was das alte Töpferhandwerk betrifft. Und man spürt ihre Liebe zu starken Charakteren wie Johanna, die mit Können „ihren Mann steht“. Und obendrein ist der Roman sehr fesselnd und durchweg spannend zu lesen, weil er perfekt komponiert ist im Zusammenspiel zwischen historischen und allgemein menschlichen Themen, sodass man das Buch bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit: Ein leicht lesbarer, fesselnder Historienschmöker. Sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 24.02.2021

Mein erster und mein letzter Krimi mit Commissario Grauner

Das dunkle Dorf
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Mein erster Krimi aus der Feder von Lenz Koppelstätter war das. Und es wird wohl auch mein letzter sein. Leider.

Im 6. Fall für Commissario Grauner geht es um die Mafia. Wir befinden uns Mitte Januar ...


Mein erster Krimi aus der Feder von Lenz Koppelstätter war das. Und es wird wohl auch mein letzter sein. Leider.

Im 6. Fall für Commissario Grauner geht es um die Mafia. Wir befinden uns Mitte Januar im Grödnertal, immer wieder gehen Lawinen ab. Doch Commissario Grauner interessiert die Natur nicht. Ihn interessiert irgendwie auch nicht, dass ein Toter in einer schäbigen Villa gefunden wird. Ihn interessiert nur noch seine Tochter Sara, die seit Tagen verschwunden ist. Sein neapolitanischer Kollege Saltapepe befindet sich ebenfalls im Grödnertal und muss überraschend untertauchen, weil er glaubt, den legendären Mafiaboss gesehen zu haben, den er einst ins Gefängnis gebracht hatte. Grauner ahnt, dass die Vorfälle zusammenhängen und beginnt den Kampf gegen Italiens gefährlichste Verbrecher.

Das klingt eigentlich nach einem spannenden Plot. Aber nach der Spannung habe ich weitgehend vergeblich gesucht. Gemächlich muss man sich umschauen in der grandiosen Landschaft und muss sich mit viel Geduld einlesen in den ausschweifenden Schreibstil, der lange Zeit irgendwie nicht von der Stelle kommt. Zudem muss man sich mit vielen Namen vertraut machen. Befremdlich empfand ich dabei, dass die Personen hauptsächlich nur per Nachnamen auftreten. Warum so unpersönlich? Und ich gestehe, mich nerven grundsätzlich Kommissare, die sich mit vielen eigenen Problemen herumschlagen müssen. Die sprunghaften Wechsel der Perspektiven machen das Lesen verwirrend, es zerhackt das Geschehen und damit den Lesefluss. Dass so ziemlich alle Mafiaklischees bedient werden, die ich kenne, hat für mich die Lektüre auch nicht erfreulicher gemacht. Und Cliffhänger, die am Ende des Buches zum Kauf des Folgebandes animieren wollen, finde ich absolut ärgerlich. Der gelegentlich durchblitzende Humor und die Kürze der Kapitel waren dagegen positive Aspekte. Insgesamt gesehen werde ich mich jedoch mit Commissario Grauner nicht mehr befassen wollen.

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Veröffentlicht am 22.02.2021

Für mich das beste Jugendbuch seit langem

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)
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Habe ich je ein bewegenderes Jugendbuch gelesen, das mich mit so leisen, sensiblen Schritten in eine Welt gehen lässt, die mir bislang fremd war, und zwar mitten hinein, so tief hinein, dass ich tatsächlich ...


Habe ich je ein bewegenderes Jugendbuch gelesen, das mich mit so leisen, sensiblen Schritten in eine Welt gehen lässt, die mir bislang fremd war, und zwar mitten hinein, so tief hinein, dass ich tatsächlich lernte zu verstehen?

Mason Buttle ist groß, sehr groß. Er schwitzt übermäßig. Er kann so gut wie gar nicht lesen oder schreiben. Und er kann nur die Wahrheit sagen - wenn er gefragt wird. Von seinen Mitschülern wird er entsetzlich gequält und aufs Übelste gehänselt und gedemütigt. Vor Jahren hatte Mason einen besten Freund, Ben. Doch dieser lag eines Tages tot auf der Obstwiese der Buttles unterhalb des Baumhauses. Seither wird Mason von den Erwachsenen mit diesen besonderen Augen angeschaut. Doch Mason findet einen neuen Freund, Calvin, diesen schlauen und ungewöhnlich kleinen und dünnen Jungen. Sie bauen zusammen mit viel Mühe ein Geheimversteck, eine unterirdische Höhle, um den Angriffen der anderen Kinder entfliehen zu können. Als Calvin plötzlich verschwindet, richten sich die besonderen Augen der Erwachsenen erneut auf Mason….

Die Autorin schreibt im Präsens, das heißt hautnah, und zwar mit den Worten von Mason. Sie ist in seine Sicht der Dinge so tief hineingeschlüpft, dass man als Leser zu verstehen beginnt, wie es ist, wenn die Welt um einen herum eindimensional ist und welch grenzenlose Verwirrung jegliche Überforderung stiftet. Ganz selten streut Leslie Connor Fachbegriffe ein, zum Beispiel für das „Sehen“ von Gefühlen in Farben, oder für das extreme Schwitzen. So weiß der Leser, dass Mason keine erdachte Fantasiefigur ist. Dass es Menschen wie Mason wirklich gibt, liebenswert, von Herzen gut, schlicht und gerade im Denken, aber dennoch intuitiv die Wahrheiten unter den Menschen erfassend. Und dass sie wie alle Menschen Familie und Freundschaft und Zugehörigkeit brauchen, um aufzublühen. Der Autorin ist etwas ganz Großartiges gelungen mit diesem Buch, zutiefst menschlich nah und sehr, sehr berührend und bewegend, kraftvoll und intensiv.

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Veröffentlicht am 16.02.2021

Herzerfrischend komisch und klug

Mein geniales Leben
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Ein Jugendbuch von ganz besonderer Qualität, wie ich finde. Mit herzerfrischend komischen Szenen, herzerfrischend liebevoll geschilderten Familienmitgliedern und herzerfrischend klugem Umgang mit einigen ...


Ein Jugendbuch von ganz besonderer Qualität, wie ich finde. Mit herzerfrischend komischen Szenen, herzerfrischend liebevoll geschilderten Familienmitgliedern und herzerfrischend klugem Umgang mit einigen schwierigen Themen. Einzig das Cover finde ich persönlich außerordentlich hässlich und irreleitend. Dieses tolle Jugendbuch hätte ein kreativeres und passenderes Cover verdient!

59 Ferientage liegen vor Sigge, eine schier grenzenlose freie Zeit, in der es Sigge gelingen muss, nein gelingen wird, sich völlig neu zu erfinden. Denn Sigge möchte nicht mehr gehänselt und gemobbt werden, er möchte beliebt sein, Freunde haben, einfach ungezwungen plaudern können mit anderen, ohne sich qualvoll jedes Wort überlegen zu müssen. Gar nicht so einfach, dieses Vorhaben! Sigge, 12, ist mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern von Stockholm in den kleinen Ort Skärblacka ins Hotel seiner Großmutter gezogen. In 59 Tagen muss er in eine neue Schule, in eine neue Klasse, und bis dahin muss die Mission „ich bin beliebt“ gelungen sein.

Was die Leser in diesen 59 Tagen mit Sigge und seiner ziemlich schrägen Familie erleben, ist so berührend und komisch zugleich, dass man beim Lesen ständig wechselt zwischen Lachen und mitfühlenden Gedanken. Der so überaus liebenswerte leicht schielende Außenseiter Sigge rührt an in seinem nicht endenden Bemühen zu gefallen. Cool will er sein und sozial und Witze machen und nicht zu viel mit den Händen herumfuchteln. Er beobachtet sich selbst, er überfordert sich ständig und scheitert immer wieder, bis etwas geschieht, was seine Blickrichtung völlig verändert. Sigge stellt fest, dass es richtig wichtig ist, Freunde zu haben, auf die man sich verlassen kann. Diese Entwicklungsgeschichte ist wunderbar ideenreich erzählt, mit urkomischen Dialogen versehen und mit originell-schrägen Menschen und Tieren ausgeschmückt, wobei das ausgestopfte Zebra im Flur nicht das Seltsamste in Sigges Leben ist. Eine großartige Mischung von Spaß und Ernst, die Jenny Jägerfeld hier gelungen ist.

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Veröffentlicht am 15.02.2021

Eine vermutlich unfaire Rezension

Das achte Kind
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Was mache ich mit einem Buch, das mich als Leser so sehr bedrückt, dass ich es eigentlich gar nicht weiter lesen mag? Das mich herunterzieht? Das meine depressiven Gefühle schürt? Und weil ich mit der ...



Was mache ich mit einem Buch, das mich als Leser so sehr bedrückt, dass ich es eigentlich gar nicht weiter lesen mag? Das mich herunterzieht? Das meine depressiven Gefühle schürt? Und weil ich mit der Rezension nicht bis zum Frühling warten darf, fällt sie vielleicht schlechter aus als es das Buch eigentlich verdient hätte. Wobei durchaus erstaunlich ist, dass der Roman diese Wirkung auf mich hatte, denn geschrieben ist er so, als wollte er auf keinen Fall berühren.

Der Autor schildert sein Leben als Gastarbeiterkind. Da gibt es viel Entsetzlichkeit. Entsetzliche Armut zum Beispiel. Und entsetzliche Gewalt. Und entsetzliche emotionale Kälte. Ein Nazi in der Pflegefamilie. Ein brutaler Säufer der Stiefvater. Dass aus dem Kind trotz all der Entsetzlichkeiten ein Autor wurde, ist bewundernswert. Was jedoch auffällt, ist die Schreibweise des Autors. Sie ist nüchtern, so nüchtern wie ein Sachbericht, wie eine nüchterne Auflistung von Fakten, von Geschehnissen, von Erfahrungen, schlicht und gradlinig. Es fehlen jegliche Empfindungen. Es fehlen Reflexionen. Es fehlt Tiefgang. Es fehlen Wertungen. Nichts, woran sich der Leser festhalten könnte, um Verbindung aufzunehmen.

Nein, dieses Buch habe ich nicht gern gelesen. Ich habe mich durch die Seiten gequält. Ob tatsächlich der Roman daran schuld ist oder meine eigene Winterbefindlichkeit? Ich weiß es nicht.

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