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Veröffentlicht am 02.08.2022

Erst Metaware, dann Feinstoff

Freizeit
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Zweimal wollte ich das Buch schon zuklappen, in den Schrank stellen, aufgeben, vergessen. Zu meta, zu anstrengend, zu bemüht. Ein wilder Mix aus Romanelementen und Skriptschnipseln aus längst vergessenen ...

Zweimal wollte ich das Buch schon zuklappen, in den Schrank stellen, aufgeben, vergessen. Zu meta, zu anstrengend, zu bemüht. Ein wilder Mix aus Romanelementen und Skriptschnipseln aus längst vergessenen Word-Dokumenten auf der alten Festplatte, die als Seitenfüller integriert wurden. Aber: Auch immer wieder einzelne Stellen, die Hoffnung machten, dass irgendwo der Turnaround lauert. Und tatsächlich: Am Ende entwirrt sich doch noch eine gute, emotionale Late-20s-Lebensgeschichte.

Franziska ist 27, frisch getrennt zurück aus Paris, schreibt einen Roman und zwischendurch Texte für Rap-Songs und Werbung, was ja manchmal auch relativ ähnlich erscheint. Genau wie die Parallelen zum Lebenslauf der Autorin, was ja manchmal auch relativ okay erscheint, schließlich lässt sich am einfachsten über das schreiben, was man selbst erlebt oder gesehen hat.

Schade nur, dass „Freizeit“ so schwer ins Rollen kommt. Der Titel von Kasparis Debütroman ist auch gleichzeitig der Titel von Franziskas Debütroman und wenn zwischendurch einmal Fragmente die Seiten füllen und die freundlich-mahnenden Worte von Franziskas Lektorin auffüllen, stellt sich im besten Fall die Frage, ob das noch Fiktion ist und im schlimmsten Fall, ob das bloß nötig war, um das Buch auf mehr als 200 Seiten zu strecken.

Irgendwann, recht spät, aber immerhin, konzentriert sich Carla Kaspari aber auf das Leben ihrer Protagonistin: ihre Freunde, ihre Eltern. Anfänge und Enden, Freundschaften, Affären, Beziehungen. Relatable moments, ganz behutsam beschrieben, einfühlsam formuliert, leise statt laut. Das ist wirklich gelungen, das macht „Freizeit“ dann doch noch zu einem ganz guten Generationenportrait, bei dem es sich lohnt, sich durchzubeißen und die anstrengenden Meta-Bezüge auszublenden. Aber die gehören halt auch zum Leben der Mid-20s.

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Veröffentlicht am 06.07.2022

Faszination Weltall

Wieso? Weshalb? Warum? junior. Sonne, Mond und Sterne
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Die erste Doppelseite ist ein Novum für uns. Klappt man einen großen Teil der Seite um, ist da nur Bild. Kein Text mehr, der genau darauf vorbereitet hat. Nur eine schöne Landschaft mit traumhaften Nachthimmel ...

Die erste Doppelseite ist ein Novum für uns. Klappt man einen großen Teil der Seite um, ist da nur Bild. Kein Text mehr, der genau darauf vorbereitet hat. Nur eine schöne Landschaft mit traumhaften Nachthimmel und Sternschnuppe. Ein großes, tolles Wimmelbild, das zeigt, worum es in diesem Buch geht: die Faszination Weltall.

„Sonne, Mond und Sterne“ war hier ein lange erwarteter Band der Wieso-Weshalb-Warum-Reihe von Ravensburger. „Was macht ein Astronaut?“ gibt es bereits, aber hier geht es endlich um die Grundlage für die Weltraumforschung: die zahllosen Himmelskörper.

Von der wärmenden Sonne, vor der sich auch geschützt werden muss, über den Mond und der Landung auf dem Erdtrabanten, und die Planeten in unserem Sonnensystem bis zur ISS, die unsere Erde umkreist, ist alles dabei. Selbst Sternbilder abseits vom Großen Wagen, verpackt in ein kleines Sternzeichenquiz. Hinter vielen kleinen Klappen gibt es viel zu erfahren, zu lernen, schön formuliert für Leser:innen zwischen 2 und 4 Jahren.

Der perfekte Einstieg in das Thema All für die Weltraumforscher:innen und Astronaut:innen von morgen – und ein schönes Vorlese- und Erklärbuch für Eltern, die abends gerne in den Nachthimmel schauen.

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Veröffentlicht am 29.06.2022

Ikarus am Boden

Der Mann, der vom Himmel fiel
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Und dann sitzt er in einer Bar und weint in seinen Gin. Wie menschlich. Wie tragisch. Was für ein Buch.

Thomas Newton hat mit World Enterprises die Welt verändert. Zahllose Patente angemeldet, neue Produkte ...

Und dann sitzt er in einer Bar und weint in seinen Gin. Wie menschlich. Wie tragisch. Was für ein Buch.

Thomas Newton hat mit World Enterprises die Welt verändert. Zahllose Patente angemeldet, neue Produkte entwickelt oder die Rechte daran verkauft. Er hat Geld gescheffelt wie kaum ein anderer. Ein außerirdischer Erfolg. Im wahrsten Sinne. Denn Thomas Newton kommt nicht aus Kentucky. Er stammt von Anthea, einem sterbenden Planeten irgendwo in unserem Sonnensystem. Auf die Erde geschickt, um mit viel Geld ein Raumschiff zu bauen und die letzten 300 Überlebenden seines Volkes auf unseren Planeten zu holen – und dort nach Möglichkeit die Fehler zu verhindern, die sein Volk und die weiteren auf Anthea ausgelöscht haben.

„Der Mann, der vom Himmel fiel“ ist ein faszinierendes Buch mit einer genauso beeindruckenden Geschichte. Es spielt in den späten 1980er-Jahren und dennoch in der Zukunft, denn veröffentlicht wurde es bereits 1963. In den 1970er wurde es verfilmt, mit David Bowie als Thomas Newton und Rip Torn als dessen Mitarbeiter Nathan Bryce. Und nun wurde es neu und sehr gut übersetzt. Denn die Welt hat seinen Autoren wiederentdeckt: Walter Tevis.

Vor zwei Jahren wurde die Verfilmung seines Romans „Das Damengambit“ ein Netflix-Überraschungserfolg, das Buch ein Bestseller und nun soll mit The Man Who Fell to Earth ähnliches geschehen. Eine Neuübersetzung liegt da und eine Fortsetzung der Geschichte läuft gerade als neue Serie im US-Fernsehen. Mit Episodentiteln, die nach Songs von David Bowie benannt wurden.

Aber zurück zum Buch: Trotz kleiner Längen ist „Der Mann, der vom Himmel fiel“ aus gleich zwei Gründen eines der lesenswertesten Bücher des Sommers. Zum einen ist da der Blick in die Zukunft. Technologien, die Tevis in den 1960er-Jahren im Kopf hatte, die es, vielleicht noch nicht in den späten 1980er-Jahren und in der dargestellten Form, aber zumindest bis heute ähnlich durchaus zur Umsetzung geschafft haben.

Zum anderen ist da der zeitlose Blick auf eine Welt, die sich bedroht, bekriegt, statt gemeinsam für die Rettung des Planeten und der Menschheit zu kämpfen. Und hier ist Thomas Newton die entscheidende Figur. Selbst von einem Planeten, dem es nicht gelungen ist, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen, sieht er erschreckende Parallelen im Handeln der Menschen, denen er äußerlich ähnelt und innerlich immer ähnlicher wird. Bis er in einer Bar sitzt und in seinen Gin weint. Scheinbar hoffnungslos. Hilflos. Am Boden, abgestürzt wie Ikarus. Aber: nicht allein.

Vielleicht gibt es also doch noch Hoffnung, 32 Jahre nach Ende der Geschichte, 59 nach der Erstveröffentlichung. Wenn wir uns bemühen. Dieses alte Buch kann dabei helfen. Wenn wir es möchten.

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Veröffentlicht am 23.06.2022

Rotoren an!

Wieso? Weshalb? Warum? junior. Der Hubschrauber
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Der Hubschrauber hebt ab: Einsatz! Ob Autounfall, Waldbrand oder Bergrettung, die Besatzung des wendigen Fluggeräts hilft sofort. Im neuen WWW-Band „Der Hubschrauber“ wird Kindern zwischen 2 und 4 Jahren ...

Der Hubschrauber hebt ab: Einsatz! Ob Autounfall, Waldbrand oder Bergrettung, die Besatzung des wendigen Fluggeräts hilft sofort. Im neuen WWW-Band „Der Hubschrauber“ wird Kindern zwischen 2 und 4 Jahren ganz leicht erklärt, was das ist, das dort hin und wieder am Himmel entlang knattert.

Ganz sympathisch: Der Hubschrauber wird von einer Pilotin gesteuert, eine Notärztin ist an Bord – und somit auch zeitgemäße Geschlechterrollen. Dazu werden auch nur relevante Einsatzarten gezeigt – keine Aussichtsflüge mit Touristen oder Promi-Zubringerflüge zum Privatjet.

Auf den wimmligen Bildern gibt es ganz viel zu entdecken, von fliegenden Mützen bis zu Gaffern auf der Autobahn. Perfekt also, um immer wieder Neues zu sehen und zu erklären, von Dingen, die passieren bis zu Verhaltensweisen, die sich niemand aneignen sollte.

Hinter kleinen Klappen verstecken sich weitere Details und neue Geschichten, so dass hier auch ganz viel rund um den Arbeitsalltag der Hubschrauberpilot:innen erklärt wird, von der Steuerung des Helikopters über seine Wartung bis hin zur Pause der Crew.

Ein Buch, das mit Freude durchblättert wird, alleine oder mit Vorleser:in, das auch beim x-ten Mal noch Spaß macht und neue Kleinigkeiten finden lässt. Und mit einer Lieblingsseite Bergrettung, bei der nicht nur Kühe zu sehen sind, sondern auch der unglückliche Mountainbiker regelmäßig bedauert wird. Und oft der Satz fällt: „Ich möchte auch mal damit fliegen!“

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Veröffentlicht am 08.06.2022

Wir sind Held:innen

Not all heroes wear capes
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Wie werde ich eigentlich ein Held? Maske auf, Cape an – oder auch nicht, siehe Die Unglaublichen – und auf geht’s? Brauche ich Superkräfte wie Spiderman oder nur ein ausreichendes Budget und vielleicht ...

Wie werde ich eigentlich ein Held? Maske auf, Cape an – oder auch nicht, siehe Die Unglaublichen – und auf geht’s? Brauche ich Superkräfte wie Spiderman oder nur ein ausreichendes Budget und vielleicht einen kleinen Kindheitsknacks wie Batman? Keine Sorge, die Antwort beruhigt alle: In jedem von uns steckt Held:innen-Potenzial.

Skeptisch? Dann ist „Not all heroes wear capes“ genau das richtige Motivationsbuch für dich. Er zeigt, was (Alltags-)Held:innen ausmacht, wie einfach jeder von uns die Welt ein kleines bisschen besser machen kann und welche Auswirkungen das auf uns selbst hat.

Und das gar nicht mal so sehr im klassischen Empower-Yourself-Style, den die üblichen Start-up-Flitzpiepen an den Start legen, sondern behutsam, einfühlsam und komplett auf Augenhöhe mit der Zielgruppe – älteren Kindern und jüngeren Jugendlichen. Und ja, auch wir Erwachsenen können viel über uns und auch für uns lernen.

Ben Brooks macht das ganz wunderbar, mixt eigene Erfahrungen mit den Lebensgeschichten von verschiedenen Held:innen der letzten Jahrhunderte. Von ganz bekannten Menschen wie Michael Phelps (Gewinner von 28 olympischen Medaillen) und Captain Tom Moore (sammelte als 99-Jähriger Spenden für Pflegekräfte zu Beginn der Corona-Pandemie) über Leute, die gar nicht mal so sehr im Fokus standen wie Joy Milnes, die irgendwann gemerkt hat, dass sie riechen kann, wenn Menschen an Parkinson erkrankt sind. Klingt verrückt, oder? Ist aber wirklich wahr.

„Not all heroes wear capes“ ist ein buchgewordenes Motivational-Poster, baut dabei aber niemals Druck auf, sondern inspiriert durch schöne Zufälle und bewegende Geschichten, ein bisschen mehr auf die drei wichtigsten Dinge zu achten, die wir haben: uns selbst, unsere Mitmenschen und unseren Planeten. Und vor allem, dass wir alle eines sind, wenn wir es nur wollen: Held:innen.

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