Profilbild von herrfabel

herrfabel

Lesejury Star
offline

herrfabel ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit herrfabel über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.07.2023

Alle Augen sind auf dich gerichtet... wo versteckst du dich? "Go Zero"!

Going Zero
0

Was heißt es in der heutigen Zeit abzutauchen? Geht das überhaupt noch? Schließlich ist heutzutage fast alles miteinander vernetzt und ein jeder hinterlässt ständig Spuren - digitale, wie reale. Und wenn ...

Was heißt es in der heutigen Zeit abzutauchen? Geht das überhaupt noch? Schließlich ist heutzutage fast alles miteinander vernetzt und ein jeder hinterlässt ständig Spuren - digitale, wie reale. Und wenn nicht das, so sind es doch unsere typischen und immer gleichen Verhaltensmuster, die uns früher oder später in die Quere kommen. In Anthony McCartens Roman "Going Zero" werden zehn vorab ausgewählte Menschen mit der Aufgabe konfrontiert zu verschwinden, sich innerhalb von zwei Stunden spurlos in Luft aufzulösen und das für ganze 30 Tage, während das Team von Fusion nach ihnen sucht. In einem groß angelegten Betatest, einem Projekt der US-Geheimdienste und dem Team um Cy Baxter, der mit WorldShare bereits Unmengen an Daten über seine Nutzer sammelte, möchte man beweisen wie schnell, einfach und sicher es möglich ist gesuchte Menschen/Täter/Verdächtige aus dem Verkehr zu ziehen. So zumindest das ursprüngliche Ziel von Fusion, die Welt und das Leben der Menschen sicherer zu machen und die Freiheit zu überwachen und gleichzeitig zu schützen.



"herzlichen Glückwunsch! Sie wurden als potenzielle Teilnehmerin am >Going Zero<-Betatest der Fusion-Initiative ausgewählt, eines Gemeinschaftsprojekts von WorldShare und der Bundesregierung. Der >Going Zero<-Betatest beginnt offiziell am 1.Mai um 12 Uhr mittags. Dann erhalten Sie und die neun anderen per Losverfahren ermittelten Kandidat:innen unter der von Ihnen bei Ihrer Bewerbung hinterlegten Nummer eine Textnachricht mit der Anweisung >Go Zero!<.

Um 2 Uhr nachmittags desselben Tages werden Ihr Name, Ihr Foto und Ihre Adresse der Taskforce der Fusion-Initiative in er Fusion-Zentrale in Washington D.C. übermittelt."



Und damit beginnt für die zehn sogenannten Zeros das Katz-und-Maus-Spiel, bei dem für die Sieger drei Millionen Dollar Preisgeld winken bzw. ein sehr lukrativer Deal zwischen Fusion und der CIA bei dem es um viel mehr als um Sicherheit und Daten geht. Kaitlyn Day, eine fast 33 Jahre alte Bibliothekarin aus Boston ist eine von ihnen und fällt im Vergleich mit den anderen Teilnehmer
innen, die viel mehr Ahnung von Technik, Sicherheitsmechanismen und Co haben, aus dem Rahmen und in Cys Visier. Doch sie stellt sich geschickter an als erwartet, legt gezielt Hinweise, verstellt sich und ihren Gang um ja nicht von Überwachungskameras entlarvt zu werden. Und während die neun anderen 'Experten' einer nach dem anderen gefunden werden, ist es am Ende nur noch Kaitlyn, die sie alle an der Nase herumführt und zielgerichtet durchs Land irrt.



“Fast in Kanada angekommen, wird sie sich vorstellen, dass sie das Preisgeld schon in der Tasche hat, eine reiche Frau ist. Und das trotz ihrer gesundheitlichen Probleme. Die Kandidatin, die theoretisch als erste hätte geschnappt werden müssen. Da sieht man es wieder mal. Wie der erste Eindruck täuschen kann!”



Vielleicht sogar noch der zweite oder dritte Eindruck, denn was die Detektive bis dahin noch nicht wissen, es geht Kaitlyn um viel mehr als um das Preisgeld. Sie braucht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.



Was für eine aufregende Geschichte und Verfolgungsjagd. Und das so ganz ohne einen rätselhaften Mordfall mit grausig verstümmelter Leiche im Keller. Anthony McCarten hat mit "Going Zero" einen topaktuellen und unheimlich klugen Roman erschaffen, der nicht nur zeigt, wie leichtfertig wir häufig mit unseren Daten umgehen und wie gläsern wir werden, sobald wir uns sicher fühlen oder unser Umfeld regelmäßig technische Geräte nutzt, sondern auch wie verrückt und aufwändig es ist, sich in einer hochtechnologischen Welt der Überwachung zu entziehen, während auf der anderen Seite des Bildschirms Menschen sitzen, die immer mehr Daten gewinnen wollen um damit Macht auszuüben. Und so bin ich dann durch die Seiten geflogen, habe mit Kaitlyn Day bis zum bitteren Ende gefiebert, war häufig überrascht über die plötzlichen Wendungen, ihr Entkommen bei den unzähligen Beinahzugriffen und ihr großes Ziel.

McCarten spielt hier sehr eindrucksvoll mit dem "uralten Dilemma von Recht und Unrecht, dem Gemeinwohl, Freiheit des Einzelnen kontra Sicherheit des Ganzen" und natürlich auch der Macht der Überwachung, die teilweise in einigen Ländern schon heute so möglich ist, wenn nicht sogar ausgeübt wird. Und das fand ich, obwohl ich schon recht vorsichtig bin, was meine Daten angeht, teilweise doch sehr erschreckend. Vielleicht ist dieses Buch daher auch so ein bisschen Augen öffnend und sensibilisierend im Umgang mit den eigenen Daten und lässt natürlich sehr lange darüber nachdenken, wie man wohl selbst dieses Versteckspiel angehen würde. Ohne nun mehr über den Handlungshergang zu verraten, für mich war es ein sehr tolles Leseerlebnis, die letzten Wendungen am Ende waren ein wenig drüber, aber das sei im ganzen Rausch von Spannung, Aufatmen und Mitfiebern voll und ganz verziehen. Ein überraschender Lesetipp für alle technikaffinen Menschen und Spannungsliebhaber*innen, die auch mal ohne Gemetzel auskommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.07.2023

en typischer Seethaler

Das Café ohne Namen
0

Robert Seethaler ist für mich sowas wie eine sichere Bank. Seit dem ich vor einigen Jahren „Ein ganzes Leben“ geschenkt bekam, freue ich mich eigentlich auf jedes neue Buch von ihm. Nicht immer kann er ...

Robert Seethaler ist für mich sowas wie eine sichere Bank. Seit dem ich vor einigen Jahren „Ein ganzes Leben“ geschenkt bekam, freue ich mich eigentlich auf jedes neue Buch von ihm. Nicht immer kann er meine Erwartungen voll und ganz erfüllen, liegt aber auch nie so ganz daneben. Seine Romane, eher ruhig, auf das menschlich Eigensinnige fokussiert, mal historisch interessant, mal eher neugierig philosophierend. Und so wanderte auch „Das Café ohne Namen“ auf meinen Lesestapel.

Es ist Spätsommer 1966 in Wien. Zeit des Umbruchs. „Überall knatterten, hämmerten und kreischten die Maschinen, und der Dampf über den frisch geteerten Straßen vermischte sich mit dem Duft der Praterwiesen und der herben, feuchten Luft, die der Wind von den Donauauen hertrieb.“ Simon, der nun schon seit geraumer Zeit als Gelegenheitsarbeiter auf dem Markt arbeitet, sah mit der Schließung des Marktcafés seine Chance gekommen. Ein eigenes Café, ein Ort der zufälligen Begegnungen und Geselligkeit, in dem die Menschen nach getaner Arbeit einkehren, Geschichten mitbringen, sich unterhalten, eine Auszeit von ihrem Leben mit sämtlichen Aufs und Abs nehmen oder gar die Liebe finden?.

Ich muss gestehen, es ist kein sonderlich aufregender oder spannender Roman, ich breche da auch nicht in Jubelschreie aus, fehlte mir doch hier und da etwas Nähe und Tiefgang und doch ist ist es so eine gewohnt ruhige Erzählart, die Bilder im Kopf entstehen lässt und von den stets verändernden Herausforderungen und Träumen der voranschreitenden Zeit berichtet. Der Zerfall und Aufbau. Das Ankommen und Loslassen. Das Zusammenkommen und Auseinanderdriften… alles zieht vorüber und verändert sich. In der Erinnerung erkenne ich dann selbst in den schattenartigen Figuren einen Sinn. Alles ist vergänglich und verblasst mit der Zeit, so wie auch das Café, das am Ende des Romans wieder schließen wird. Aber für die Zeit war es mehr als nur ein einfacher Ort. Es war ein Teil vom Leben. Und irgendwie mag ich gerade dies daran sehr gern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.07.2023

Ein nettes Buch, nicht mehr, nicht weniger

22 Bahnen
0

Irgendwie finde ich es immer spannend, wenn Bücher von vielen Menschen sehr gefeiert werden. Gerade „22 Bahnen“ von Caroline Wahl tauchte in der letzten Zeit recht häufig hier und da auf und sorgte für ...

Irgendwie finde ich es immer spannend, wenn Bücher von vielen Menschen sehr gefeiert werden. Gerade „22 Bahnen“ von Caroline Wahl tauchte in der letzten Zeit recht häufig hier und da auf und sorgte für regelrechte Lobeshymnen. Ich wünschte, ich könnte nun an dieser Stelle mit einsteigen, hat mich die Ausgangslage des Romans doch sehr neugierig gemacht… aber am Ende fragte ich mich dann eher andere Dinge. Bin ich dafür zu alt? Zu jung? Habe ich irgendwas überlesen? Nicht wahrgenommen? Liegt es an meinen Erfahrungen und Hintergründen? An vorherigen Lektüren? Was ist es, dass dieser Roman bei mir nun so gar nicht zünden wollte?
Eine überschaubare Kleinstadt, eine sowas von überhaupt nicht perfekte Familie. Tilda, die sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern, für sie da sein, tagtäglich die Ausschreitungen der alkoholkranken Mutter aushalten und das Familiäre irgendwie lenken muss. Zeitgleich Tildas Traum von einem unbeschwerten Leben; ihr einziger Ort zum Abschalten… das Freibad… das klingt als Ausgangspunkt für einen Roman wirklich toll, aber die Geschichte zog sich schon sehr. Gefühlt wartete ich ewig darauf, dass irgendwas passiert und das Unglück an die Tür klopft, schließlich kann man bereits nach den ersten Seiten erahnen, dass es einen Kipppunkt mit der Mutter geben wird. Und auch der auftauchende Viktor, die Beziehungen zu den Freunden von damals… da mal ein interessanter Gedanke, etwas, das es zu verfolgen gilt… aber hmm, so wirklich vom Hocker gerissen hat es mich nicht. Im Buch selbst heißt es "Das sollte hier nie eine Liebesgeschichte werden. Das sollte wenn, dann Idas und meine, vor allem Idas Heldinnengeschichte werden, in der sich Ida von Mama befreit." Aber braucht es für Held*innen nicht auch ein mitreißendes Drama?
Oft musste ich beim Lesen an „Shuggie Bain“ von Douglas Stuart denken, ein Roman der mich in Hinblick auf das geschilderte Familiengefüge, den Absturz der Mutter und das damit verbundene Schicksal des Jungen Shuggie wirklich tief emotional getroffen hat und wo ich wirklich erstaunt war, wie er aus der ganzen Situation hervorging. Und dann blicke ich wieder auf diese Bahnen und finde es am Ende einfach nur nett. Nett, weil die enthaltende Liebesgeschichte nicht so schnulzig ist, die beiden Töchter sich irgendwie weiterentwickeln und… nein, kein und, ich glaube, das war’s schon.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.06.2023

Ein großer, weißer Fels, eine kleine, große Enttöuschung

Der weiße Fels
0

Fast schon ein heiliger Pilgerort ist der weiße Fels vor der mexikanischen Küste im Laufe der Zeit geworden, einige Geschichten und Überlieferungen ranken sich um ihn und machen ihn zu einem bedeutsamen ...

Fast schon ein heiliger Pilgerort ist der weiße Fels vor der mexikanischen Küste im Laufe der Zeit geworden, einige Geschichten und Überlieferungen ranken sich um ihn und machen ihn zu einem bedeutsamen Zufluchtsort, einer Opferstätte und einen Punkt für den Neuanfang. Auch in Anna Hopes Roman "Der weiße Fels" bekommt eben jener riesige Stein eine zentrale Funktion. Er ist nicht nur ein "Ort an dem die Welt geboren wurde", er steht auch für den Aufbruch und als Symbol, bringt Menschen zum Umdenken, lenkt ihr Schicksal noch einmal in ganz andere Richtungen und vereint mehrere Schicksale miteinander...

"Du hast gesagt, du willst weg von hier, und da fiel mir ein Ort ein. Es gibt da einen weißen Felsen im Meer. Die Indios behaupten, dass dort die Welt geboren wurde. Sie machen Pilgerreisen dorthin. Der Ort ist wunderschön und wild. Ich glaube, er würde dir gefallen. Dies ist ein Geschenk. Durchtrenne deine Fesseln."

Ich persönlich weiß gar nicht, ob ich dieses Buch wirklich als Roman betiteln würde, macht die Geschichte aufgrund der Aufteilung und Unterteilung in einzelne Abschnitte, die in jeweils ganz anderen Zeiten spielen und bis auf den Felsen kaum miteinander zutun haben, aus ihm eher eine lose Sammlung von Erzählungen. Hope nähert sich dabei schrittweise dem Auftauchen des Felsens, reist mit ihren Figuren in der Zeit zurück um sich anschließend wieder langsam der Gegenwart zu nähern. Die Anwesenheit des Felsens, manchmal zufällig, manchmal als Zufluchtsort, immer präsent und irgendwie auch nicht. Die erste Schilderung einer Schriftstellerin, ihrem Mann und der dreijährigen Tochter, die sich mit ein paar anderen in einem Van langsam durchs zentrale und nordwestliche Mexiko bewegen und den Fels schlussendlich als Ziel ansteuern, hat mir durchaus noch sehr gefallen. Das Ausbrechen der Corona-Pandemie, die die Welt auf den Kopf stellt, gar zusammenbrechen lässt, während eine kleine Reisegruppe, abseits von allem sich langsam diesem heiligen Pilgerort nähert, dort Opfer erbringt, sowie einen Teil ihres Lebens mit all den Sorgen und Problemen zurücklassen möchte und zeitgleich sich dem Neuen zuwenden will, fand ich gedanklich sehr spannend, hatte es doch irgendwie so etwas greif- und nachfühlbares im Kontrast zur überfordernden Welt. Die Bedeutung des Felsens und die Mythen werden hier bereits herausgearbeitet und das macht wirklich Lust auf mehr. So erzählt die Schriftstellerin z.B. von ihren Recherche, die sie kurz vor der Reise noch erledigte. "Der Ort war nicht nur ein Heiligtum der Wixárika, sondern hatte den spanischen Kolonialmächten im achtzehnten Jahrhundert als wichtiger Außenposten gedient; von seinem Hafen liefen ihre Schiffe aus, um Kalifornien und den nördlichen Pazifik zu erobern. Das Schiff, das im Jahr 1775 die ersten Europäer in die Bucht von San Francisco gebracht hatte, war hier gestartet." "Sie erzählte den Männern auch, dass der Hafen das unfreiwillige Ziel Tausender Yoemem gewesen war, die Porfirio Díaz Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus Sonora deportieren ließ.[...] In Guaymas wurden Tausende Männer und Frauen, Kinder und alte Menschen auf Bote gepfercht und ins drei Tage südlich gelegene Nayarit gebracht, wo sie in Sichtweite des weißen Felsens an Land gingen." "Im Jahr 1969 hatte ein fünfundzwanzigjähriger Sänger ein Wochenende dort verbracht. Zwei Jahre später, 1971, würde man ihn tot in einer Badewanne in Paris auffinden, geflohen vor sich selbst, vor dem Gesetz und vor einem Amerika, das durch den Vietnamkrieg immer finstere und verstörender wurde..."

In den weiteren Kapiteln erzählt Hope von genau diesen Menschen, ihrem Leid und ihren Geschichten und da, muss ich leider sagen, hat sie mich dann auch langsam verloren. Die Geschichten um den Sänger, der seinen Kummer und die Gedanken in Alkohol ertränkt und dann Bekanntschaft mit einem Jungen macht, der ihn unbedingt ins nächste Dorf führen will, die zwei Mädchen des indigenen Yoeme-Stamms, die dorthin verschleppt werden und der Leutnant, der hier mit seinem Schiff in See stechen möchte, sie alle haben mich emotional kaum noch berührt oder mitgerissen. Die zusätzliche Teilung der jeweiligen Erzählung in zwei Abschnitte machte es für mich dann auch nicht gerade interessanter, eher verstärkte sie das schwindende Interesse, sodass ich mich am Ende dann fast schon fragen musste, warum ich dieses Buch eigentlich lesen wollte. Eigentlich mag ich bei diesem Buch auch gar nicht so nörgelig sein, war es vielleicht für mich einfach nicht das mitreißende Thema, das ich mir anfangs noch ausmalte, aber mir fällt leider auch nur wenig Positives ein. The Guardian sprach von einem "Lesevergnügen" und, ich glaube, wenn man sehr geschichtsträchtige Orte liebt, sich auch gerne mal durch trockener Texte kämpft und sich den Erlebnissen drum herum nähern mag oder ein Fan von Jim Morisson ist/war, ist dies wirklich ein interessanter Blick, aber für mich hat da zum großen Vergnügen doch so einiges gefehlt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.06.2023

Über das Schreiben, das Leben, die Veränderung...

Wir hätten uns alles gesagt
0

An dieser Stelle könnte ich mich kurz fassen, denn seit dem ich Judith Hermann bei einer Lesung zu ihrem Roman "Daheim" erlebt habe, bin ich ein großer Fan. Einige Gedanken über das Schreiben und sie als ...

An dieser Stelle könnte ich mich kurz fassen, denn seit dem ich Judith Hermann bei einer Lesung zu ihrem Roman "Daheim" erlebt habe, bin ich ein großer Fan. Einige Gedanken über das Schreiben und sie als Person begleiten mich seit dem und haben mir einen anderen Blick auf Literatur gegeben. Und so ist "Wir hätten uns alles gesagt" für mich mal wieder ein ganz besonderes Buch. In ihm habe ich sehr viel von dem, was sie damals schon berichtete, wiedergefunden. Hermann erzählt teilweise sehr persönlich von ihrem Schreiben, Leben und ihren Romanen. Ich würde gar sagen, dass dieses Buch eine Art Klammer um ihre literarische Arbeit bildet und uns Leser*innen mit durch die Zeit nimmt, animiert noch einmal "Lettipark", "Sommerhaus, später", "Aller Liebe Anfang", "Alice", "Nichts als Gespenster", sowie "Daheim" aus dem Regal zu ziehen, darin zu blättern und teilweise einzelne Passagen mit einem ganz anderen Blick zu entdecken. "Ich kann leichter über dieses und jenes schreiben, wenn es zu Ende gegangen ist, wenn ich weiß, dass es zu Ende gehen wird. [...] In >Sommerhaus, später< habe ich geschrieben, Glück sei immer der Moment davor. Heute würde ich schreiben, Glück ist immer der Moment danach - der Moment, in dem du das vermeintliche Glück überstanden hast [...]Glück als solches erkannt und wieder verloren, losgelassen und verworfen hast. Das [...] ist es, wohin ich schreibend gelangt bin, und sicher meint das, ob davor oder danach, letztlich schlicht ein und dasselbe." Mit der Zeit ändert sich vieles, nicht nur der Umgang mit dem Leben, auch die Gedanken werden größer und tiefer, so entwickeln sich auch Hermanns Ansichten über Freundschaft, Freiheit, den Möglichkeiten des Schreibens und vielleicht sogar der Selbstverwirklichung. Ihre Beziehung zu ihrer Familie, einer früheren Freundin Ada und Dr. Dreehüs, dem Analytiker, spielen hier eine große Rolle, ähnlich weitere Begegnungen und Situationen, in denen sie gewachsen und vorangekommen ist, die vielleicht. sogar ihr Leben geprägt haben. Es ist ein sehr ehrliches Buch und doch hält sie nach wie vor eine gewisse Magie das Ungewissen aufrecht, ein Zauber, der mich mal wieder sehr fasziniert und neugierig machte und ich hoffe, dass dieses Buch nicht das letzte ist, das aus ihrer Feder stammt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere