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Veröffentlicht am 30.10.2018

Weggesperrt in den Tiefen seines Wesens

Neujahr
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„Henning will die Familie nicht mit seinen Neurosen belasten. Er will ein Mann sein, den es zu lieben lohnt.“


Inhalt


Der Urlaub über den Jahreswechsel auf der Vulkaninsel Lanzarote wird für den Familienvater ...

„Henning will die Familie nicht mit seinen Neurosen belasten. Er will ein Mann sein, den es zu lieben lohnt.“


Inhalt


Der Urlaub über den Jahreswechsel auf der Vulkaninsel Lanzarote wird für den Familienvater Henning zu einer echten Belastungsprobe. Schon seit längerer Zeit leidet er unter Panikattacken und fühlt sich in seinem Alltag vollkommen überlastet, obwohl er gar keine immensen Anforderungen erfüllen muss. Hin- und hergerissen zwischen seiner Verantwortung als Ehemann und Vater und seiner Verletzlichkeit reibt er sich immer mehr auf und findet selbst bei gemeinsamen Erlebnissen kaum noch etwas Schönes und Erfüllendes für sich selbst.

Am Neujahrstag macht er sich allein daran den Steilaufstieg nach Femés mit dem Rad zu bewältigen, um den Kopf frei zu bekommen und sich seiner Zukunft bewusst zu werden. Als er vollkommen erschöpft ankommt, nimmt ihn Luisa, die Bewohnerin des einzigen Hauses auf dem Berg auf und bewirtet ihn, damit er wieder zu Kräften kommt. Sie hat das Anwesen gekauft und nutzt es als Kunstatelier, doch während Henning durch die Räume geführt wird, holt ihn die eigene Erinnerung ein, denn er kennt die Möbel, die Muster an den Wänden, die Lage der Zimmer bereits, er weiß, was hinter dem Haus lauert und schlagartig rührt sich die Bedrohung aus längst vergangener Zeit …


Meinung


Die deutsche Erfolgsautorin Juli Zeh, die bereits zahlreiche Literaturpreise gewonnen hat, widmet sich in ihrem aktuellen Roman einer sehr alltäglichen und doch besonderen Geschichte. Denn den Hauptprotagonisten Henning könnte man direkt persönlich kennen, greift seine derzeitige Situation doch die vieler Menschen auf, die sich irgendwo in der Rush-Hour ihres Lebens befinden und sich selbst aus dem Blick verlieren, vor denen sich bedrohliche Berge unlösbarer Probleme auftürmen und die seelische Schäden von ständiger Überlastung tragen.

Doch das ist nur die halbe Geschichte. Besonders wird sie vor allem, durch die Erinnerung des Geschädigten, der endlich die Ursache für seine tiefliegenden Probleme gefunden hat, wenn auch durch eine Zufallsbegegnung. Es sind förmlich zwei Geschichten, die hier aus der gleichen Erzählperspektive geschildert werden, jedoch mit einem Zeitsprung von gut 30 Jahren.

Zunächst bekommt der Leser den erwachsenen Henning präsentiert, dann ist er plötzlich in der Rolle des großen Bruders, jedoch selbst noch ein Kind. In dieser Vergangenheitsperspektive macht sich große Beklemmung bemerkbar, schiere Verzweiflung und die immense seelische Verantwortung, die Henning ganz unfreiwillig übernehmen musste und die sich Jahre später immer wieder in seinen Panikattacken manifestiert. Ein kindliches Trauma, unbehandelt, verschüttet in den Tiefen der Seelen, wartet nur darauf wieder an die Oberfläche zu gelangen und mit später Zerstörungskraft zurückzuschlagen.

Sprachlich konnte mich der Roman überzeugen, eine leichtlesbare, erzählerische Nuance, direkt aus dem Leben im Wechsel mit der Stimme der Verzweiflung – dadurch kann man direkt eintauchen in das Geschehen und baut zu den Charakteren eine gewisse innere Nähe auf. Interessant, wie die Autorin Alltagssituationen mit der Gefühlsebene koppelt und dadurch Bilder erzeugt, die sich ins Gehirn einbrennen. Eine Wand voller Spinnen, ein dunkles Brunnenloch, in dem ein Monster wohnen könnte und ein altes, buntes Sofa, auf dem sich eine Untat ereignet – einfach, treffend und dennoch vielschichtig mit einem unverkennbaren Wiedererkennungswert.


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne für diesen eindringlichen, direkt beängstigenden, beklemmenden Roman, der seine Kraft aus der Vergangenheit zieht und immer wieder in kleinen Momenten die Verzweiflung eines kindlichen Individuums fokussiert. Das es der Autorin gelungen ist, die Angst einzufangen, sie direkt zu benennen und damit dem erwachsenen Mann eine Hilfestellung zu geben, sich in seiner gegenwärtigen Situation mit den Dämonen der Vergangenheit auszusöhnen, hat mir besonders imponiert. Und trotz der Tatsache, dass der Roman sehr persönlich erscheint und wenig Aussagekraft für die Allgemeinheit hat, konnte mich die Intensität der Gefühlspalette auf den knapp 200 Seiten überzeugen. Definitiv lesenswert und wer selbst beängstigende Kindheitserinnerungen hat, sieht vielleicht die ein oder andere Parallele.

Veröffentlicht am 28.10.2018

Der böse Geist der Nephilim

Blutmale
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„Ich sage nur, es kann sein, dass du glaubst, einen Menschen zu kennen – bis er dich irgendwann überrascht. Bis er etwas tut, womit du nie gerechnet hättest. Und dann wird dir klar, dass du keinen Menschen ...

„Ich sage nur, es kann sein, dass du glaubst, einen Menschen zu kennen – bis er dich irgendwann überrascht. Bis er etwas tut, womit du nie gerechnet hättest. Und dann wird dir klar, dass du keinen Menschen wirklich kennst. Keinen.“


Inhalt


Der Täter in Jane Rizzolis aktuellem Fall scheint ein Anhänger eines ganz besonderen Satan-Kults zu sein, finden sich doch an den blutbesudelten Schauplätzen grausige Wandmalereien aus umgedrehten Kreuzen, magischen Symbolen und schaurigen Inszenierungen. Die Frauen, die ermordet werden stehen direkt oder indirekt in Verbindung zu einem ominösen Club, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Dämonen der gefallenen Engel auf Erden zu jagen. Diese sogenannten Nephilim sind die höllische Ausgeburt einer Verbindung zwischen Engeln und sterblichen Frauen und verbergen sich hinter ganz normalen Menschen. Ihr böses Treiben kann jedoch tödlich enden, für all jene die sich ihnen in den Weg stellen. Der gutaussehende Vorsitzende des exklusiven Clubs Anthony Sansone kennt sich nicht nur bestens aus in der Historie der gefallenen Wesen, sondern jagt sie über den ganzen Erdball hinweg. Gerne würde er die attraktive Gerichtsmedizinerin Maura Isles mit unter seine Fittiche nehmen, doch die ist ebenso skeptisch wie Jane Rizzoli selbst. Die Frauen jagen lieber einen Mörder aus Fleisch und Blut als eine Reinkarnation des Bösen. Doch als immer mehr Mitglieder des sogenannten „Mephisto-Clubs“ brutal ermordet werden, stellt sich die Frage, woher der Mörder seine Informationen bezieht …


Meinung


Die amerikanische Autorin Tess Gerritsen unternimmt in ihrem 6. Band der Jane-Rizzoli-Reihe einen Ausflug in die Welt des Unerklärlichen, der Magie und der dunklen Mächte. Anders als in den vorherigen Bänden wirkt die Inszenierung deshalb stellenweise sehr verwaschen und weniger glaubwürdig, es sei denn man schenkt dem Übernatürlichem ebenfalls das entsprechende Augenmerk.

Der Fall selbst schwankt zwischen grausamen Ermordungsszenarien, die detailliert geschildert werden, einer etwas aufgesetzten Romanze zwischen der Gerichtsmedizinerin Maura Isles und dem Priester und der Lebensgeschichte einer jungen Frau, die entweder das Böse selbst ist, oder es über alle Maßen gut kennt.

Auch die Randfiguren in diesem Spiel aus Gut und Böse haben alle einen etwas antiquierten Touch und wirken ein bisschen fehl am Platze in einer modernen Mordermittlung. Ihr schriftstellerisches Handwerk versteht die Autorin dennoch, denn der Thriller liest sich hinreichend spannend und kann zwischendurch auch mal kleine Highlights setzten, nur täuscht das nicht über die fehlenden Inhalte hinweg und so bleibt man doch bei einer eher mittelmäßigen Umsetzung hängen.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Fall, der mich weder vom Schauplatz her noch von der Geschichte an sich begeistern konnte, also definitiv einer der schlechteren Bände dieser Reihe. Wer kleine Ausflüge ins Mysteriöse liebt und eine Verbindung zwischen realen Morden und fiktiven Gedanken ansprechend findet, kommt hier bestimmt auf seine Kosten. Insgesamt ist es wohl der Mix, der mich nicht so ganz überzeugen konnte, denn Romane wie zum Beispiel die von Anne Rice und ihren Vampiren haben durchaus ihren Reiz, nur nicht, wenn sie wie hier versuchen, mehrere Verbrechen auf eine logische Erklärung zu reduzieren. Wenn schon dunkle Mächte, dann lieber in einem Fantasy-Roman und nicht in einer Kriminalreihe.

Veröffentlicht am 21.10.2018

Kate Miller im Undercover Einsatz

Böse Seelen
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„Durch Wertschätzung kann man etwas Banales in etwas Schönes verwandeln. Damals war ich zu jung, um die Weisheit hinter ihren Worten zu verstehen.“


Inhalt


In ihrem 8. Fall wird die Polizeikommissarin ...

„Durch Wertschätzung kann man etwas Banales in etwas Schönes verwandeln. Damals war ich zu jung, um die Weisheit hinter ihren Worten zu verstehen.“


Inhalt


In ihrem 8. Fall wird die Polizeikommissarin Kate Burkholder als Undercover-Ermittlerin unter falschem Namen und mit einer erfundenen Identität in die amische Gemeinde Roaring-Springs versetzt, da der Bischoff vor Ort Eli Schrock angeblich Kinder misshandelt, Gemeindemitglieder züchtigt und nach aktueller Lage vielleicht sogar mit dem Tod eines jungen Mädchens in Verbindung gebracht werden kann. Und keine Polizistin kennt die Gepflogenheiten der Amischen besser als Kate, war sie doch selbst einmal Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft. Sie mietet sich einen alten, windschiefen Trailer und verzichtet für die nächsten Wochen auf jeglichen Komfort. Dafür gibt sie sich als Witwe aus, die nach dem Tod ihres Mannes einen Ortswechsel angestrebt hat, um ganz neu anzufangen. Unrechtmäßige Entdeckungen lassen nicht lange auf sich warten und schon bald bekommt Kate Insider-Informationen zugespielt. Doch der Bischoff misstraut ihr und setzt seine Schergen auf ihre Fährte, denn die Kate Miller, die sich in seinem Obrigkeitsgebiet niederlassen will, steckt ihre Nase viel zu tief in Dinge, die sie nichts angehen …


Meinung


Der Titel dieses achten Falls verspricht leise Gruselstimmung und abermals dunkle Geheimnisse im Verborgenen einer abgeschiedenen Glaubensgemeinschaft. Und auch die Idee, Kate Burkholder diesmal auf eine Undercover-Reise zu schicken klingt vielversprechend, kennt man doch als treuer „Stammleser“ bereits die Akteure vor Ort. Trotzdem bleibt das Spannungsniveau nach den ersten 100 Seiten etwas flach und lediglich die Treffen zwischen den amischen Frauen beim Quilten und die Begleitung eines Gottesdienstes haben mich tiefer in die Grundsätze der Amischen hineinblicken lassen, doch leider ist das etwas wenig. Der Fall selbst bleibt lange im Verborgenen und da sich an allen Seiten neue Vergehen auftun, bekommt man für den eigentlichen Mordfall kein richtiges Gespür. Wie immer konnte mich der Schreibstil an das Geschehen binden, denn ich mag die Erzählweise der amerikanischen Bestseller-Autorin Linda Castillo einfach zu gern, auch wenn ihr beim Voranschreiten ihrer Kate-Burkholder-Reihe zunehmend die Ideen auszugehen scheinen, insbesondere was die Verbrechen selbst betrifft.


Das alles hat nur wenig Bestand und über ein paar unterhaltsame Lesestunden bleibt nicht mehr viel übrig. Fraglich war in diesem Band auch die Bedeutung von Kates Lebensgefährten Tomasetti, der hier zu einer ziemlich blassen Randfigur verkommt und längst nicht mehr den Stellenwert einnimmt, den ich erwartet habe. Immer nur die gleichen Sorgen, Ängste und Vorbehalte – die Komponente des interessanten Privatlebens wird also auch nicht wieder aufgegriffen.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen schwächeren Teil der Kriminalreihe. Die Spannung und der Nervenkitzel bleiben hier in den Kinderschuhen stecken, obwohl der Undercover Einsatz durchaus neues Potential bietet. Leider drängt sich mir das Gefühl auf, dass die wirklich guten Bände (1-6) nun abgeschlossen sind und die neueren Geschichten einfach nicht mehr so viel Ideenreichtum und Faszination ausüben, möglicherweise entsteht dieser Eindruck aber auch, da ich alle Bücher mehr oder weniger in kurzer Abfolge lese. Kann sein, dass man besser kommt, wenn man zwischen den Fällen mehr Zeit verstreichen lässt, um die Protagonisten dann wieder neu zu entdecken. Aber da es aktuell nur noch den 9. Band gibt („Ewige Schuld“), werde ich diesen noch folgen lassen, bevor ich mir ein Gesamturteil bilde.

Veröffentlicht am 20.10.2018

Engel im Elend trifft den Typ mit der Idee

Die Hungrigen und die Satten
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„Aber hier gibt es nichts. Hier gab es auch vorher nichts, und deshalb ist hier alles gleich, überall nur eine dicke Zeltschicht auf dem staubigen, verdorrten, versengten Boden. Der Blick geht über die ...

„Aber hier gibt es nichts. Hier gab es auch vorher nichts, und deshalb ist hier alles gleich, überall nur eine dicke Zeltschicht auf dem staubigen, verdorrten, versengten Boden. Der Blick geht über die Zeltdächer in die endlose Weite, ein weißgekräuseltes Planenmeer, zwischen dessen Wellen dunkle Menschen treiben, Hunderte und Hunderte …“


Inhalt


Die omnipräsente Berichterstatterin Nadeche Hackenbusch startet mit einer Live-Story der Extraklasse im deutschen Fernsehen durch. Was anfangs nur eine humanitäre Hilfsaktion über einen begrenzten Zeitraum sein sollte, bekommt durch den motivierten Flüchtling Lionel ein ganz neues, medientaugliches Format. Nadesche und Lionel sind nicht nur ein frisch verliebtes Paar, nein, sie sind wahre Mediengurus und begeistern und erschrecken die Bevölkerung mit ihrer gewagten Aktion gleichermaßen. Mit 150.000 Menschen starten sie einen Feldzug von Afrika nach Deutschland zu Fuß, marschieren mit ihrem Tross durch zahlreiche Länder und bleiben einfach nicht stehen. Was anfangs noch ein imposanter Medienrummel zu sein scheint, verkommt nach und nach zur realistischen Bedrohung. Denn in der Türkei angekommen, sind es mittlerweile 300.000 Flüchtlinge geworden und es sieht nicht so aus, als könnte irgendetwas diese Menschenmassen aufhalten. Der deutsche Innenminister braucht eine unschlagbare Waffe, um seine Landesgrenzen zu schützen, doch wer möchte schon die Verantwortung für eine tödliche Massenexekution tragen?


Meinung


Der deutsche Autor Timur Vermes, der bereits mit seinem Debütroman „Er ist wieder da“ für Furore sorgte, widmet sich in seinem aktuellen Roman einer ebenso politischen, wie aktuellen Debatte um das Problem der immer zahlreicher werdenden Flüchtlingsströme, die mit aller Gewalt nach Europa drängen und jedwede Belastung auf sich nehmen, um ein Leben in Frieden zu führen. Dabei ist dieses Werk vor allem sehr radikal, vielmals überspitzt und doch sehr beklemmend und realistisch umgesetzt. Eine innovative, humorvolle Gesellschaftskritik, bei der ganz klar wird, welche Machtkämpfe zwischen den Gewinnern und Verlierern stattfinden, auch wenn alles in geordneten Bahnen abläuft. Denn nicht nur die Aussichtslosigkeit der Bevölkerung in den Ländern ihrer Heimat wird sichtbar, sondern auch ihre Unerwünschtheit in der Fremde.


Dieses Buch hat mich wirklich begeistert, vor allem weil es so humorvoll und satirisch daherkommt und sowohl die Politik, als auch die Aasgeier der Medienbranche durch den Kakao zieht, ihre Schwächen offenlegt und sie zu den Geächteten deklariert und zum anderen, weil die Idee eines Flüchtlingszuges mit der entsprechenden Logistik und den menschlichen Anstrengungen ausgezeichnet und sehr einprägsam dargestellt wird. Man kann laut lachen, über Nadesches neues Image als Engel im Elend oder sich fasziniert dem Flüchtling Lionel zuwenden, der eigentlich nur allein nach Deutschland wollte und schließlich zum Helden einer Menschenmenge avanciert. Und was mir mindestens genauso gut gefallen hat, ist der Wechsel von einem unterhaltsamen, politischem Roman zu einem bedrückenden, fast schon beängstigendem Szenario, dem eine einzige Entscheidung keinen Einhalt mehr gebieten kann.


Auch die Protagonisten, die hier auf der Bühne stehen, bekommen ein klassisches Profil, so dass man sie bildlich vor Augen hat. Egal ob es die etwas dümmliche, gutaussehende Moderatorin ist, oder der geldgeile, skrupellose Medienboss – jeder steht nicht nur stellvertretend für eine ganze Meute an Personal, sondern gleichermaßen für sein öffentliches Image. Man scheint sie irgendwoher zu kennen, selbst wenn sie andere Namen und Gesichter haben, man fühlt sich als Leser gleichermaßen übergeordnet und eingegliedert.


Dieser Roman bleibt in Erinnerung, nicht nur weil er so anders ist als man erwartet, sondern vor allem, weil sich die Bilder, die er entwirft ins Gedächtnis fressen. Eine Verfilmung stelle ich mir hier auch sehr amüsant und attraktiv vor, sie drängt sich regelrecht auf, stehen doch die Ereignisse, die zwischenmenschlichen Agitationen und die übergeordneten Entscheidungen immer im Mittelpunkt. Beim Lesen braucht man Ruhe und auch Konzentration, weil sich der Lesefluss nicht ganz so flüssig einstellt, wie erhofft. Doch das ist kein nennenswerter Kritikpunkt, gleicht doch die Dichte der Erzählung diesen kleinen Mangel wieder aus.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen innovativen Roman, der die Deutschen und ihr derzeit aktuelles Problem der anrückenden Flüchtlingsmassen gekonnt in Szene setzt. Einprägsam und unterhaltsam, realistisch und bedrückend, aktiv und hilflos – Politiker, Journalisten, und Menschen in Not, die agieren um glaubwürdig zu bleiben, die spekulieren, um Quote zu machen und die nicht anhalten, um zu überleben. Empfehlenswert für alle Leser, die den etwas anderen Blick auf die politische Gesamtsituation werfen möchten und sich auch über das Buch hinaus mit der aufgeworfenen Debatte auseinandersetzen möchten. Den Erstlingsroman des Autors werde ich sicherlich noch lesen, nachdem ich mich hier von seiner Erzählweise überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 13.10.2018

Lass deinen Schmerz zu Wort kommen

Du springst, ich falle
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„Abwesend, lange Zeit habe ich dich abwesend erlebt. Abwesend vom Leben, von der Mutterschaft, von jeglichem Verlangen. Einverständig lächelnd triebst du langsam über dem Leben dahin.“


Inhalt


„Du springst, ...

„Abwesend, lange Zeit habe ich dich abwesend erlebt. Abwesend vom Leben, von der Mutterschaft, von jeglichem Verlangen. Einverständig lächelnd triebst du langsam über dem Leben dahin.“


Inhalt


„Du springst, ich falle“ ist ein autobiografischer Roman der 1980 in Teheran geborenen Maryam Madjidi, die sich mit ihrem Debüt auch ein Stück weit persönliche Lebens- und Leidensgeschichte vom Herzen geschrieben hat. Und das spürt man über alle Seiten hinweg, eine allumfassende, nicht wegzudenkende Auseinandersetzung mit den Wurzeln, die sie so sehr vermisst hat und der Sehnsucht nach der Heimat im Herzen. Die kleine Maryam hatte aber nicht die Möglichkeit, selbst über ihr Leben zu entscheiden, sondern wurde von den Überzeugungen der Eltern förmlich überrollt. Und dann ist da diese schmerzhafte Lücke, die nie zur Ausbildung gekommene Liebe, die Einsamkeit in einem fremden Land, im Haushalt von Menschen, die mit ihrem eigenen Schicksal hadern und kein Verständnis für die Befindlichkeiten ihrer Tochter haben…


Meinung


Die Gegensätze in der Erzählung haben einen gewissen Reiz, denn angefangen über eine dramatische Kindheit, in einem kommunistischen Elternhaus, mit Revolutionären als Erziehungsberechtigten, bis hin zu einem ruhelosen Erwachsenenleben, immer auf der Suche nach dem echten, wirklichen Platz im Leben, fließen alle Gedankengänge in den Handlungsverlauf ein. Dabei sind es kurze Episoden, fast schon Momentaufnahmen, die erst in ihrer Vielzahl ein schlüssiges Bild ergeben – und was der Leser erkennt ist eine verletzte Seele, die sich nach allen Seiten wehrt und jedwede Beeinflussung ablehnt. Aus einer kindlichen Ohnmacht folgt eine latente Unzufriedenheit und ein unterdrückter Groll auf vereitelte Chancen. Die Sprache ist poetisch, klar und formschön zugleich, man könnte auch sagen niveauvoll ohne allzu dominant zu wirken – ein klares Plus bei dieser Erzählung.

Was mir hingegen wahrhaft Bauchschmerzen bereitet hat, ist der Unterton, der Hintergrund, der sich für mich immer mehr in den Vordergrund gespielt hat. Denn die Identitätssuche der Protagonistin ist nicht nur sehr pessimistisch und schmerzhaft auf Grund ihrer fehlenden Heimat, sondern vor allem, weil sie Eltern hat, die ihr keinerlei Halt bieten können, die sie manchmal unterschätzen, dann wieder überfordern und eigentlich zu keiner Zeit das echte Wesen ihres Kindes entdecken. Demnach entwickelt sich die Geschichte weniger zu einer Abhandlung über das Leben in der Fremde mit all den nachempfindbaren Entbehrungen, als vielmehr zu einer Anklageschrift gegen die Eltern und ihre aufgezwungene Lebensweise. Immer wieder habe ich mich gefragt: „Wo ist die Liebe hin, war sie überhaupt jemals da?“ Und ich möchte mich emotional auf die Seite der mir unbekannten Eltern stellen und ihr Handeln irgendwie verteidigen, denn die Undankbarkeit, mit der die Tochter ihnen entgegentritt, bereitet mir Sorgen. Die Eltern wollten Freiheit und nahmen sie mit allen Konsequenzen, die Tochter wollte eine Heimat, hat sie aber nirgends gefunden – traurig, dramatisch und sehr bedrückend.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne, die ich gerne zu 4 Sternen aufrunde, denn sprachlich ist die Lektüre genau nach meinem Geschmack. Nur die alles überlagernde Schwermut, die Anklage, die innere Unzufriedenheit, all das war nicht Teil meiner Erwartungshaltung. Zu sehr ging es mir um einen innerfamiliären Konflikt, der durch die vordergründige Erzählung einer Emigration, nicht an seiner Schärfe verliert. Möglicherweise hätte mir das Geschriebene weniger abverlangt, wenn es fiktionaler und nicht so deutlich autobiografisch angelegt gewesen wäre. So bleibt aber ein bitterer Beigeschmack und die für mich erschütternde Erkenntnis, wie wenig man in den Kopf enger Familienangehöriger schauen kann und wie differenziert die Betrachtung objektiver Dinge erfolgt, wenn man ganz anders tickt. Definitiv kein Buch, mit dem ich mich identifizieren möchte und das finde ich schade, denn bedeutet es doch, dass mich die Emotionen nicht erreichen konnten.