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Veröffentlicht am 01.08.2018

Wenn das Leben eine zweite Chance bereithält

Babydoll
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Doch sie wusste, dass sie fürs Erste in Sicherheit war und das sie geliebt wurde. Es war nicht das Leben, das sie sich vorgestellt hatte, als Lily zurückgekommen war, doch sie ging jeden Abend mit reinem ...

Doch sie wusste, dass sie fürs Erste in Sicherheit war und das sie geliebt wurde. Es war nicht das Leben, das sie sich vorgestellt hatte, als Lily zurückgekommen war, doch sie ging jeden Abend mit reinem Gewissen zu Bett.“


Inhalt


Lily Riser hat es geschafft: nach 8 Jahren Gefangenschaft an der Seite eines gewalttätigen Soziopathen ist es ihr gelungen, ihrem Peiniger zu entkommen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Sky flüchtet sie sich in ihr Zuhause und alarmiert die Polizei. Es dauert nicht lange, bis der Schuldige zur Rechenschaft gezogen wird und nun hinter Gittern auf sein gerechtes Urteil wartet. Doch für Lily gestaltet sich der Neuanfang schwierig. Nicht nur, dass sie selbst und ihre Tochter dringend auf therapeutische Hilfe angewiesen sind, sondern vor allem die Tatsache, dass ihre Zwillingsschwester Abby nun ein Kind von Lilys Jugendliebe Wes erwartet. Mühevoll arbeitet sie an der Normalität, die sich einfach nicht einstellen möchte und verfällt dabei in eine leidvolle Lethargie. Abby möchte ihrer über alles geliebten Schwester helfen, doch solange ihr Entführer sich in jeden Gedanken schleicht, gibt es kein Morgen – es sei denn, sie nimmt das Glück selbst in die Hand …


Meinung


Der Debütroman der amerikanischen Autorin Hollie Overton greift einen ungewöhnlichen Ansatz für einen Thriller auf, zielt er doch genau auf jenen Zeitpunkt ab, bei dem die Opfer nicht getötet werden, sondern dank glücklicher Umstände tatsächlich entkommen sind. Und so wirkte das Buch auf mich in erster Linie als Spannungsroman und weniger als nervenaufreibender Thriller.


Die Autorin legt Wert auf menschliche Verhaltensweisen und versetzt sich in die Köpfe der Geschädigten nach einem äußerst dramatischen Schicksalsschlag. Geschickt verflicht sie die Leben ihrer Protagonisten miteinander, die nicht nur eine Familie waren, sondern auch immer noch eine sind. Obwohl klar ersichtlich wird, dass ein unbeschwerter Umgang miteinander längst nicht mehr die Realität ist. Inhaltlich konzentriert sie sich dabei auf eine ehemals intakte Beziehung zwischen den Zwillingsschwestern Lily und Abby, die nun auf dem Prüfstand steht und ununterbrochen durch Vertrauensbrüche belastet wird. Verzeihen, Verstehen und Mitleid kommen immer wieder zur Sprache und lassen den Leser das brüchige Verhaltenskostüm der Charaktere authentisch nachvollziehen. Im Verlauf der Geschichte gibt es dann aber doch einige aus meiner Sicht überspitzte Dramas, deren Ausarbeitung in dieser Form etwas aufgesetzt und übermotiviert wirken. Hinzu kommt ein klein wenig „Heile-Welt-Anstrich“, den es nicht gebraucht hätte. Doch generell packt einen die Überlebensgeschichte der jungen Frau schon, weil sie glaubwürdig geschildert wird.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen Spannungsroman, der kein richtiger Thriller ist und das Grauen eines gefolterten Entführungsopfers dennoch vortrefflich einfängt. Lobenswert erscheint mir die menschliche Vielfalt, die Komplexität der Erzählung, die betrüblichen Aussichten auf eine Zeit jenseits der Normalität, gefangen in einem Leben, welches mit schrecklichen Erinnerungen durchwirkt ist. Abwechslungsreich und innovativ – hat man doch die geschilderte Szenerie nicht allzu oft in der Literatur vor Augen. Über das familiäre Drama, welches sich anschließt kann man hinwegsehen. Ich habe es gern gelesen auch wenn es teilweise zu viel des Guten war.

Veröffentlicht am 01.08.2018

Freundschaft voller dunkler Geheimnisse

Dunkelgrün fast schwarz
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„Es war nur ein Zufall, ein Unglück, dass er Raf begegnet ist. Das Schlimmste vielleicht, was ihm je geschehen ist. Und Jo. Für Jo gilt das ebenfalls. Und gleichzeitig, ein bisschen auch das Beste.“


Inhalt


Für ...

„Es war nur ein Zufall, ein Unglück, dass er Raf begegnet ist. Das Schlimmste vielleicht, was ihm je geschehen ist. Und Jo. Für Jo gilt das ebenfalls. Und gleichzeitig, ein bisschen auch das Beste.“


Inhalt


Für Moritz ändert sich förmlich von einem Moment auf den anderen sein Leben, als vollkommen unerwartet sein bester Freund aus Kindertagen vor der Haustür steht. Raffael, genannt Raf, den er seit fast 15 Jahren nicht mehr gesehen hat, bittet um ein Nachtquartier und Moritz gewährt es ihm, wie jeden seiner Wünsche seit eh und je. Eigentlich hat Moritz mit dieser alten Freundschaft längst abgeschlossen, denn Raffael ist damals einfach verschwunden, ohne ein Wort des Abschieds, ohne sich für irgendetwas zu interessieren. Die Beziehung der beiden zueinander ein Phänomen – war es doch immer der charismatische, einprägsame Raf, dessen Skrupellosigkeit und Entschlossenheit ebenso wie seine Geheimniskrämerei einen deutlichen Gegenpol zu Moritz Offenheit und Schüchternheit darstellten. Erst als Kristin, die Lebensgefährtin von Moritz kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes auszieht, weil sie es nicht länger mit Raffael unter einem Dach aushält und dieser keine Anstalten macht, die Unterkunft zu verlassen, sieht sich Moritz gezwungen, die unschöne Vergangenheit aufzuarbeiten und den Dämonen von damals Zutritt zu gewähren.


Doch von was lebt Raffael eigentlich? Warum bleibt er so lange und wo will er hin? Und warum klingelt er nach so vielen Jahren gerade bei Moritz an der Tür? Fragen, die einer dringenden Klärung bedürfen und die umso elementarer werden, als plötzlich Jo, die Jugendlieber beider Männer auftaucht und sich dazugesellt. Moritz ist sich sicher – das ist ein abgekartetes Spiel und sein Seelenheil der bittere Preis für die absichtlichen Fehltritte anderer.


Meinung


Die österreichische Autorin Mareike Fallwickl widmet sich in ihrem Debütroman den vielen unterschiedlichen Facetten einer unausgeglichenen Männerfreundschaft, die in ihrer Tiefe und Intensität schnell den Weg der Normalität verlässt. Sie schafft ein psychologisches Porträt über menschliche Motive, Beziehungen einzugehen, sie zu führen auch entgegen der inneren Überzeugung und sie mit bitterem Nachgeschmack zu beenden. In erster Linie steht dabei der Wille und die Charakterstärke Einzelner im Zentrum der Erzählung und ihre Macht oder besser der Missbrauch selbiger, um das eigene Selbst zu erhöhen und andere damit zu erniedrigen.


„Dunkelgrün fast Schwarz“ bezeichnet die Farbe, die der künstlerisch begabte Moritz an seinem vermeintlich besten Freund wahrnimmt. Denn Moritz verfügt über die ungewöhnliche Begabung rund um eine fremde Person eine sich verändernde, doch dominante Farbe wahrzunehmen. Und dieses Gefüge manifestiert sich in klaren, hellen Farben und damit freundlichen Charakteren und dunklen, gefährlichen Tönen, die dennoch enorm reizvoll sind. Doch was Moritz nicht kann, ist es Grenzen zu ziehen und sich gegen das Bedrohliche in Raffael abzugrenzen. Er wird zum emotional abhängigen Mitläufer, dem durchaus mit erschreckender Einsicht bewusst wird, dass sein Ego immer durchscheinender im Glanz des Anderen wird.


Die Autorin vermag es intensiv und spannend eine Geschichte über viele Jahre hinweg aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und doch immer im entscheidenden Moment, den Leser im Unklaren zu lassen und eine seltsame Schwebe aufrechtzuerhalten, die fesselt aber auch anstrengt, denn nie erfährt man, was Raffael eigentlich ist und was er mit seinem Verhalten bezweckt.


Fazit


Ich vergebe empfehlenswerte 4 Lesesterne für einen gut durchdachten, auf Emotionen und Geheimnissen basierenden Roman, der tief in menschliche Abgründe hineinschaut. Wer sich für Psychologie interessiert oder hinter die gutbürgerliche Fassade schauen möchte, ist hier genau richtig. Zum Lieblingsbuch fehlt mir aber einiges, auch wenn viele Leser so schwärmen. Vor allem die Tatsache, dass die Spannungskurve so sehr ausgereizt wird, hat mir missfallen. Denn irgendwann habe ich aufgehört, den Menschen hinter dem Protagonisten zu suchen und habe das Geschehen nur noch hingenommen, ohne mir genauere Gedanken darüber zu machen.

Veröffentlicht am 01.08.2018

Die Toten, nicht die Lebenden

Todsünde
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Die Gestalt kam mit merkwürdig ungelenken Bewegungen auf Redfield zu und blieb wenige Schritte vor ihm stehen. Die Kamera fiel ihm aus den Händen. Er wich entsetzt zurück, den Blick auf die Gestalt geheftet. ...

Die Gestalt kam mit merkwürdig ungelenken Bewegungen auf Redfield zu und blieb wenige Schritte vor ihm stehen. Die Kamera fiel ihm aus den Händen. Er wich entsetzt zurück, den Blick auf die Gestalt geheftet. Es war eine Frau. Und sie hatte kein Gesicht.“


Inhalt


Maura Isles, Gerichtsmedizinerin wird zu einem schauerlichen Mord in ein gottesfürchtiges Kloster gerufen. Zwei der Nonnen wurden mitten in der Nacht aus ihren Zimmern gelockt und brutal erschlagen. Die eine bedauernswert jung, die andere hat schwerverletzt überlebt, liegt aber nun im Koma. Maura stützt sich auf die Obduktion der Leiche und stellt dabei fest, dass die junge Nonne kurz vor ihrer Ermordung entbunden haben muss. Als die Polizeichefin Jane Rizzoli durch Zeugenbefragungen den Leichnam des Babys entdeckt, rückt der potentielle Vater ins Visier der Ermittler. Doch bald erweist sich der Ansatz als vollkommen falsch, denn es war die ältere der beiden Nonnen, die den Feind anscheinend ins Kloster gelockt hat und das nur, weil sie ein Geheimnis kannte, was niemand kennen sollte. Mühsam setzen Jane und Maura die kleinen Ungereimtheiten zusammen und stellen viel zu spät fest, dass sie den Falschen vertraut haben …


Meinung


Die amerikanische Thrillerautorin Tess Gerritsen, die sich mit ihrer Rizzoli-Isles-Reihe in die Herzen der Liebhaber guter Spannungsromane geschrieben hat, entwirft hier im dritten Band der Reihe ein gut durchdachtes, schauriges Intermezzo, bei dem man als Leser nicht nur Interesse für das Tagwerk einer Ermittlerin und einer Gerichtsmedizinerin bekommt, sondern neben dem Fall auch noch eine stark ausgeprägte persönliche Komponente geliefert bekommt. Die Spannungskurve verläuft zunächst eher flach und gemächlich, weil man nicht ohne Weiteres die Zusammenhänge durchschaut, dafür steigert sich das Potential immer mehr und bald ist es ein ganzes Knäuel an Verflechtungen, die man voller Interesse verfolgt. Die Autorin greift dabei zu ganz klassischen Methoden gutbewährter Art: ein geheimnisvolles Intro, einen nicht zu dominanten Mörder, ein starkes Ermittlerteam und viele verschlungene Wege, die immer wieder Abzweigungen nehmen.


Wer nur ein blutiges Schauspiel oder extremen Nervenkitzel erwartet, ist hier nicht richtig am Platze, denn auch der familiäre Kontext der beiden Hauptprotagonistinnen nimmt einen großen Stellenwert ein. Kleine Nebenerzählungen führen aber dazu, dass der Fall selbst in den Hintergrund tritt. Für Abwechslung ist allemal gesorgt, zumal bald klar wird, dass auch die Bekanntschaften von Isles und Rizzoli nicht ganz unbeteiligt sind am Verlauf der Gesamthandlung.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen klassischen Thriller mit spannendem Handlungsaufbau, der mich sehr gut unterhalten hat und tatsächlich durch eine gut eingebaute Rahmenhandlung nicht nur den bloßen Unterhaltungswert bietet, sondern auch Sympathien weckt. Für Fans der Reihe ein lesenswertes Buch, wenn auch nicht so herausragend, wie andere. Es lässt sich auch isoliert lesen und weckt selbst nach längerer Pause, wie bei mir, das Interesse daran, die Reihe fortzusetzen.

Veröffentlicht am 01.08.2018

Mein Vater, der Überlebenskünstler

Fliegenpilze aus Kork
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„Ich schweige meine größte Wut ins Telefon. Irgendwann unterbreche ich ihn: „Papa. Stopp. Ich will das nicht hören. Ich lege jetzt auf!“ Mein Herz klopft. Ich möchte weinen.“


Inhalt


Die Ich-Erzählerin, ...

„Ich schweige meine größte Wut ins Telefon. Irgendwann unterbreche ich ihn: „Papa. Stopp. Ich will das nicht hören. Ich lege jetzt auf!“ Mein Herz klopft. Ich möchte weinen.“


Inhalt


Die Ich-Erzählerin, die ohne Namen bleibt, lässt den Leser an ihrer Kindheit teilhaben, insbesondere an ihren Eindrücken im väterlichen Elternhaus, denn ihre Eltern haben sich schon getrennt, als sie noch ein Baby war. Der Vater, die eigentliche Hauptfigur der Erzählung ist schon sehr speziell. Für seine Tochter nimmt er sich Zeit, doch nur um sie mit hinein in sein unstetes Leben zu nehmen. Eines, in dem er nur hin und wieder arbeitet und Geld verdient, dort wo Freunde bei ihm nächtigen, die eigentlich Kiffer sind, begleitet von Ladendiebstählen, Schwarzarbeit und Essen aus der Mülltonne. Für die Tochter ist klar, ihr Papa kann eine ganze Menge und dafür liebt sie ihn auch, eben weil er so anders ist und sie in ihrer kindlichen Naivität unterstützt. Doch je älter sie wird, desto zwiegespaltener gestaltet sich die Beziehung, weil ersichtlich wird, das eigentlich der Vater ein Kind ist und die heranwachsende Tochter in die Rolle der vernünftigen Erwachsenen gedrängt wird …


Meinung


In ihrem Debütroman thematisiert die junge österreichische Autorin Marie Luise Lehner eine Kindheit fernab von der Normalität, geprägt von einem zweigeteilten Elternhaus, in dem der Vater, trotz seiner alternativen Lebensweise einen großen Stellenwert einnimmt. Dabei geht sie sehr geschickt auf die Desillusionierung einer Kinderseele ein, die mit zunehmendem Alter die Schichten der väterlichen Unzulänglichkeiten aufdeckt und dennoch ganz intuitiv erkennt, dass diese naive Zuwendung, dass einzige ist, was ihr Vater zu geben vermag. Nebenbei verdichten sich beim Leser immer wieder die mannigfaltigen Eindrücke bezüglich elterlicher Verantwortung und dem Umgang mit dem kindlichen Vertrauen.


Dennoch stimmt mich die Geschichte eher traurig, nicht nur weil sie so befremdlich ist, sondern weil man als Leser förmlich zusehen kann, wie die Entwicklung der Kinder Risse trägt, eben darum weil sich zeigt, dass hochfliegende, unrealistische Träume und obskure Ansichten spätestens in der Pubertät eine derart klaffende Lücke zwischen Vater und Tochter entstehen lassen, die sich nicht mehr schließen lässt, selbst wenn die Beteiligten immer noch aneinander hängen.


Erwähnenswert ist auch noch der abgehackte, fragmentarische Erzählstil, der eher Momentaufnahmen abbildet, als eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Er macht dieses Buch speziell und bleibt auch in Erinnerung, obgleich das nicht meine literarische Wohlfühlzone ist. Zu vieles bleibt im Raum hängen, steht ungeschrieben zwischen den Zeilen und alternativ im Lebensplan der Protagonistin. Letztlich ruft der Text bei mir eine Mischung auf Unverständnis, Mitleid und Bewunderung hervor, die ich zum Glück in der realen Welt nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann. Vielleicht wirkt das radikale, bestimmende Vaterbild intensiver, wenn man es selbst erlebt hat, möglicherweise kommt man dann auch der Erzählerin nahe – so jedoch finde ich keine Berührungspunkte und schaue mir alles durch das Auge eines unbeteiligten Dritten an. Diesen Umstand empfinde ich nicht optimal für einen emotionalen Roman, den man hier lesen darf.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Roman über eine ungewöhnlich starke Vater-Tochter-Beziehung, die so manchen Sturm erlebt hat. Wer als Leser gerne in fremde Lebensgeschichten hineinschauen möchte, ohne das Anderssein tatsächlich ergründen zu können, wer es aushält, nur Zuschauer ohne Einspruchsrecht zu sein und sich dennoch vieles detailliert vorstellen möchte, ist mit dem Roman ganz gut beraten. Eine Einheit zwischen Erzählung, Inhalt und Wirkung bekommt man aber nicht geboten, irgendwie ist man hinterher genauso schlau wie davor, mit dem Unterschied, dass man die Bequemlichkeit, die mit Sicherheit einhergeht, wieder mehr zu schätzen weiß.

Veröffentlicht am 31.07.2018

Das wird mein Jahrhundert!

Ida
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„Niemand würde ihr jetzt mehr etwas einreden, nicht der Papa oder der Herr Doktor oder sonst irgendeine Macht. Am 1.1.1901 würde mit einem Jahr Verspätung ein neues Jahrhundert für sie beginnen. 1.1.1901, ...

„Niemand würde ihr jetzt mehr etwas einreden, nicht der Papa oder der Herr Doktor oder sonst irgendeine Macht. Am 1.1.1901 würde mit einem Jahr Verspätung ein neues Jahrhundert für sie beginnen. 1.1.1901, wiederholte sie feierlich, Berggasse 19.“


Inhalt


Ida hat keine ganz leichte Kindheit, denn immer überschatten diverse größere und kleinere Unpässlichkeiten ihren Alltag. Entweder ist sie selbst krank und wird von einem schlimmen Husten geplagt, oder die Mutter liegt nieder, oder der Vater braucht Pflege. Dadurch, dass Ida gut betucht aufwächst lässt sich das durchaus hinnehmen, denn irgendwann, so hofft sie, wird der Tag kommen, an dem das Leid ein Ende hat. Ihr großes Vorbild und gleichzeitig der innigste Freund ist ihr großer Bruder Otto, der einzige, den sie tatsächlich bewundert. Nicht nur, weil er so klare Vorstellungen von seiner Zukunft in der sozialdemokratischen Partei hat, sondern auch, weil es ihm gelingt jeden Stein, der ihn in den Weg gelegt wird, beiseite zu räumen. Und so erträgt Ida die sinnlosen, an Frechheit grenzenden Stunden bei Doktor Freud, die außereheliche Liebschaft zwischen dem Vater und der befreundeten Pepina Zellenka und die unsittsamen Annäherungsversuche des Hans, denn sie schwört sich, dass der Tag kommen wird, an dem sie ihren wahren, starken Charakter offenbart und über diejenigen triumphiert, die ihr so gar nichts zutrauen wollen. Als sie den schmucken Ernst Adler kennenlernt, beschließt sie ihn zu heiraten und damit den Zwängen des elterlichen Zuhauses zu entkommen …


Meinung


Die Autorin Katharina Adler ist selbst die Urenkelin der Hauptprotagonistin Ida Adler-Bauer des vorliegenden Romans. Für dieses Buch, ihren Debütroman ist sie bereits für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wurden und hat ihrer Urgroßmutter ein Denkmal gesetzt jenseits ihres Stempels, den diese als Patientin „Dora“ des berühmten Sigmund Freuds aufgedrückt bekommen hat. Der Roman beschäftigt sich intensiv mit der Persönlichkeit Ida, mit der Vielfalt ihrer Versionen, mit einer nicht ganz einfachen aber sehr bestimmten Frau, die sich im Rahmen eines bewegten halben Jahrhunderts beweisen musste und diese Herausforderung durchaus angenommen hat.


Weite Teile der Erzählung erstrecken sich auf die Jugend der Protagonistin, führen dann aber hinein ins Erwachsenenalter, einer Zeit, in der sie selbst Mutter wurde, ihre Ansprüche an den Sohn sehr hoch schraubte und ihn förderte, damit er etwas aus seinem Leben machen würde. In Anbetracht der geschichtlichen Epoche, die sich zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg abspielt und der euphorischen Zeit dazwischen, entfaltet sich der zweite Schwerpunkt des Romans. Krieg und Demut, Aufschwung und Hoffnung, Selbstüberschätzung und Vernichtung. Ida durchlebt ihr Jahrhundert als genau das, was es ist, ein ständiges Auf und Ab, ein Überlebenskampf für alle Gesellschaftsschichten, so dass sogar eine Ida Adler-Bauer, die immer wohlhabend und gut situiert dastand, im zweiten Weltkrieg die dramatischen Auswirkungen einer Flucht aus Hitlerlanden erleben muss, um sich in ihrer neuen Heimat Amerika niederzulassen. Der zweite Teil des Buches hat mich deutlich mehr inspiriert und unterhalten, als es die ersten 300 Seiten vermochten.


Tatsächlich hat mir die Entwicklungsgeschichte von Otto Bauer und sein Wirken in der Sozialdemokratie in den Zeiten der Weimarer Republik wesentlich besser gefallen, birgt sie doch über den rein menschlichen Aspekt auch noch ein politisches Zeitzeugnis mit interessanten Informationen und dramatischen Entwicklungen. Die Protagonistin selbst bleibt leider etwas blass, allein durch die vielen Querelen, die sie mit verschiedenen Personen pflegt, andere die sie immer wieder vor den Kopf stößt und dann jene, die ihr trotz allem immer tief verbunden bleiben. Von Sympathiewerten sind wir weit entfernt, wenn auch eine entsprechende Vielfalt aufgebaut wird, so hat mich der Text doch nicht wirklich gefesselt und ich musste mich motivieren, die doch langatmige Geschichte wieder aufzunehmen.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (abgerundet zu 3) für einen sehr persönlichen Familienroman, der sich sicherlich an die Wahrheit hält und viele biografische Züge aufweist, mich aber nicht restlos überzeugen konnte. Zu sperrig die Charaktere, zu antiquiert manche Ansicht, zu wenig emotional und dennoch viel Raum einnehmend. Positiv beurteile ich die Verflechtung der historischen Hintergründe in die Familiengeschichte, in denen auch die wesentlichen Entwicklungen liegen, die Möglichkeiten, die sich für Ida nach der Machtergreifung Hitlers noch ergeben. Nicht immer fesselt die Lektüre, manchmal plätschert es nur dahin und die Distanz bleibt bestehen, der Blick von außen, der nur kurz den Blick von innen gewährt und den Leser dann wieder ausschließt. Anteilnahme baut sich niemals auf. Ich hätte mir noch mehr Herzblut und weniger Dekadenz gewünscht.